Der Wolf und die sieben Faxe

Ja, und wenn Sie dann noch so freundlich sind, und mir so bald wie möglich die Unterlagen rüberzufaxen, dann geht das alles ruckzuck.“

Das sagte ich zu Herrn Plamatscheck. Der hatte für seine im Heim wohnende demente Tante eine Vorsorge abgeschlossen und war extra dafür vom Bodensee angereist. Einige Unterlagen hatte er nicht dabei gehabt, deshalb meine Bitte.
Er freute sich, daß alles so problemlos und schnell gegangen war, verabschiedete sich und ich widmete mich an diesem und den folgenden Tagen dem Bestatteralltag.

Nach einigen Tagen hatte ich Herrn Plamatscheck und seine Tante schon wieder vergessen, da kam Frau Büser mit diesen typisch vorwurfsvoll gespitzten Lippen in mein Büro: „Chef, so geht das nicht! Wenn ich die Vorsorge hier einbuchen soll, dann benötige ich die Unterlagen.“

Ich schaute mir Frau Büser an, wie sie da stand, so resolut und wie sie mit dem hinteren Ende eines perfekt gespitzten Bleistiftes auf dem Vorsorgehefter einen flotten Takt klopfte.
56 Jahre alt, deutlich ergraut, stand sie da und strömte einfach nur Kompetenz und Fleiß aus.
Was würde ich nur ohne sie machen? Nicht nur, daß sie mein personifizierter Terminkalender war, sondern sie nahm mir auch viel bei der Ausbildung unserer Lehrlinge ab. Und sowieso war sie für die Einhaltung der Vorschriften und der Pünktlichkeit zuständig, sodaß ich mir wenig Sorgen machen mußte, daß da etwas in die Hose ging.
Ja, sogar heute noch sind manche Betriebsabläufe für mich ein Buch mit sieben Siegeln, während Frau Büser mal eben ganz nebenbei mit Krankenkassen, Steuerberatern und Berufsgenossenschaften verhandelte.
Mit anderen Worten, sie war einfach unentbehrlich.

Und wenn man so unentbehrlich ist, dann darf man auch schon mal seinen Chef rügen und mit dem Bleistift klopfen.

„Gut“, sagte ich, „ich rufe den Mann mal an, der muß ja nur zwei Zettel rüberfaxen.“

Herr Plamatscheck meldete sich auch sofort und wußte auch sogleich, um was es ging. „Ich habe die zwei Unterlagen hier liegen und das Faxgerät ist bereit.“

„Und warum senden Sie mir die Unterlagen nicht?“

„Ich bin noch nicht in die Stadt gekommen. Erst muß ich in die Stadt, sonst kann ich nicht faxen.“

„Ach, ist die Faxpapierrolle leer? Das kenne ich!“

„Nein, nein, mit dem Faxgerät ist alles in Ordnung, daran soll es nicht scheitern.“

„Ja, dann faxen Sie doch!“

„Kann ich nicht, ich muß erst in der Stadt zum Copyshop.“

„Ach was? – Und wieso?“

„Ich will die Unterlagen erst für mich kopieren. Denn wenn ich Ihnen die Originale zufaxe, habe ich ja nichts mehr in den Händen.“

„Aber wieso das denn? Sie stecken das auf der einen Seite rein, das Blatt läuft dann durch und kommt sofort auf der anderen Seite wieder raus.“

„Bei mir nicht. Ich stecks rein und dann isses weg.“

„Das gibt’s doch nicht!“

„Doch, wenn ich es Ihnen sage.“

„Äh, sagen Sie mal, wie sieht denn Ihr Faxgerät aus?“

„Hm, das ist so ein Kasten, der auf dem Boden steht und beim Faxen macht der so ein mahlendes Geräusch und es kommen unten dann lauter kleine Schnipsel heraus.“

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  • Veröffentlicht am: 4. Februar 2016
  • 13 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

13 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. …aber sonst funktioniert es wunderbar. Nur die Empfänger, die lügen immer rum, sie hätten kein Fax bekommen…

    Salat

  2. Hoffentlich hat dieser Mensch nicht zu viele wichtige Unterlagen schon gefaxt! Bei den Papierschnipseln wäre ich an seiner Stelle aber mal misstrauisch geworden, und hätte beim Verkäufer des Gerätes nachgefragt! Ob ich mit dem Reißwolf faxen muss, oder mit dem anderen komischen Ding! ;)

  3. Ja, ich kenne den Bestatterberuf aus erster Hand. Kunden können schon ulkig sein. Das traurige dabei: Man darf nicht in dieser Situation lachen. Gerade die unterschiedlichen Menschen machen diesen Beruf so interessant und abwechslungsreich.

  4. Solche Faxe gibt es tatsächlich, aber die stehen in China in Hotelzimmern und schicken die Kopien nicht wohin du willst :D

    • @One:

      Solche Faxe gibt es überall auf der Welt. Beim Empfänger kommt dann ein etwas anderer Text an … (wirklich durchaus so passiert, allerdings nicht in China).

  5. Das erinnert mich an den ersten Aktenschredder, der bei uns in der Firma aufgestellt wurde (ist schon etwas länger her …)

    Ich hielt das für eine Art Kopierer, aber irgendwas kam mir komisch vor. Ich habe das dann erst mal mit einem leeren Blatt Papier ausprobiert und dann gemerkt, daß das kein Kopierer war. Eher das Gegenteil.

  6. Nicht, dass der Herr die Kopie für sich behält und das Original zerschreddert. Das wäre dann eher kontraproduktiv. Dafür sind solche Unterlagen einfach zu wichtig. :-) Vor allem wenn’s um eine Sterbevorsorge geht.
    Und weil ich gelesen habe, dass man schon öfter solche Kunden hatte, die einem den Tag versüßen, ich glaube, die haben wir fast über all oder? ;-)

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