Schneewittchensarg, was ist das?

Leser Manfred interessiert sich für die Herkunft des Begriffs Schneewittchensarg:

Ich interessiere mich für deutsche Sprache, das ist der Grund für meine (kurze) Frage.
In einer Diskussion kam die Rede auf das Wort „Schneewittchensarg“. Das ist ein Ausdruck, den ich für ein bestimmtes Auto von Volvo kenne (Volvo P1800 ES), manche Leute nennen auch den Messerschmitt Kabinenroller (ein Kleinstauto der 50er so), auch eine Phono-Kombination der Firma Braun wird so genannt.

In einem Spiegel-Artikel von 1968 (schon eine Weile her) hieß es:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46094019.html

> Fünfzig verschiedene Sargmodelle halten die großen Bestattungsfirmen feil … auch solche mit Plexiglas-Oberteil (Branchen-Jargon: „Schneewittchensarg“).

Stimmt das (oder stimmte das), daß man Särge mit (Plexi-)Glas-Oberteil in der Branche „Schneewittchensärge“ nennt? Könnte beispielsweise sein, daß das damals üblich war, heute (im Zeitalter der allgemeinen Feuerbestattung) nicht mehr.

Danke im voraus für die Antwort.
(Und ich komme immer mal wieder gern ins Blog und lese und schmunzle.)
Offensichtlich ist nichts ist so belebend wie der Tod fremder Leute.

Nach dem Märchen der Gebrüder Grimm lag Schneewittchen in einem gläsernen Sarg.

Erzählt wird, daß Schneewittchen zu Tode kam und „weil es so schön ist, legen die Zwerge es in einen gläsernen, mit Schneewittchens Namen und Titel beschrifteten Sarg, in dem es aussieht, als schliefe es nur. Sie stellen den Sarg auf einen Berg. Schneewittchen liegt sehr lange Zeit in dem Sarg und bleibt schön wie eh und je. Eines Tages reitet ein Königssohn vorüber und verliebt sich in die scheinbar tote Prinzessin. Er bittet die Zwerge, ihm den Sarg mit der schönen Königstochter zu überlassen, da er nicht mehr ohne ihren Anblick leben könne. Aus Mitleid geben die Zwerge ihm schweren Herzens Schneewittchen. Doch als der Sarg auf sein Schloss getragen wird, stolpert einer der Diener, und der Sarg fällt zu Boden. Durch den Aufprall rutscht das giftige Apfelstück aus Schneewittchens Hals. Sie erwacht, und der Prinz und Schneewittchen halten Hochzeit.“ (Zitat Wikipedia, „Schneewittchen“)

schneewittchen2big

Originär steht also der Ausdruck „Schneewittchensarg“ für einen Sarg, der den Blick auf den Verstorbenen ermöglicht.
Es werden aber in Deutschland keine solchen Särge angeboten. Särge sind immer blickdicht.

Was es gibt, sind Aufbahrungsgeräte mit transparentem Oberteil. Dies sind große Kästen, die einen geöffneten Sarg oder eine Bahre mit einem Verstorbenen aufnehmen können. Der Kasten besteht aus Holz oder Metall. Das Oberteil ist eine Plexiglashaube.
Im Inneren wird dieser „Schneewittchensarg“ durch ein Aggregat gekühlt.
So ist es möglich, daß Angehörige auch bei längerer Lagerung des Verstorbenen und bei großer Hitze von ihm am offenen Sarg Abschied nehmen können.

Logischerweise haben Angehörige sehr schnell für diese Art der Aufbahrung das Wort Schneewittchensarg geprägt. Der Begriff ist nicht nur bei Bestattern, sondern auch bei Friedhofs- und Beerdigungsbesuchern geläufig, die diese Art der Aufbahrung kennen.

Viele andere Gegenstände, so auch diese hier:

Volvo P1800 ES, ein Sport-Kombi mit gläserner Heckklappe
Braun SK 4, Radio-Phono-Kombination mit Plexiglas-Abdeckung
Messerschmitt Kabinenroller KR175 mit zur Seite abklappbarer Plexiglas-Kuppel
Porsche 924 und dessen Nachfolger 944 und 968 (wegen Form und Größe der Heckscheibe)
Wartburg 311/5, ein Kombi mit Panoramascheiben
wurden von den Käufern, aber niemals von den Herstellern ebenfalls mit diesem Namen belegt.

Es sind immer Geräte bzw. Gegenstände, die besonders verglast sind oder eine Plexiglashaube haben, was einen Blick auf Gerät oder Innenraum ermöglicht.

Insofern ist die Behauptung im Spiegel falsch.
Hier haben wir es mit typischem journalistischem Übereifer oder Nichtverstehen zu tun.
Bei der Recherche ist der Journalist bei der Aufzählung der Sargmodelle gedanklich beim Aufbahrungsgerät „Schneewittchensarg“ hängen geblieben.
Es gibt auch Plexiglasoberteile für normale Särge, die wiederum nur bei der Aufbahrung eingesetzt werden. Eine Kühlung des Verstorbenen erfolgt dann durch dünne Kühlmatten unter dem Körper. Beides wird vor der Beisetzung aber entfernt und es wird ein herkömmlicher Deckel aufgesetzt.

Es gibt also bei Bestattern den „Schneewittchensarg“ als Aufbahrungshilfe, jedoch kann niemand einen Schneewittchensarg für seinen Verstorbenen kaufen und ihn darin bestatten lassen.

Reliquienschrein Papst Johannes XXIII.

Reliquienschrein Papst Johannes XXIII.

Es ist also so richtig:

  • die Brüder Grimm erzählten das Märchen vom gläsernen Sarg
  • der Ausdruck Schneewittchensarg wurde dafür geprägt
  • die Kunden benannten verschiedene Produkte mit Verglasung auch so
  • parallel dazu wurden Särge mit Schauhaube ebenfalls so genannt

Es sei noch darauf hingewiesen, daß es natürlich für besondere Einzelfälle auch mal eine Bestattung in einem gläsernen Sarg gibt. Siehe das Bild des Reliquienschreins von Papst Johannes XXIII. auf dieser Seite.

http://bestatterweblog.de/schneewittchensarg/
http://bestatterweblog.de/schneewittchen/

Unbedingt nochmal lesen:

http://bestatterweblog.de/schneewittchen-einst-im-sarge-lag/

Bilder:
Johannes XXIII.: Von Dnalor 01 – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32418885
Schneewittchen: Von Alexander Zick, upload by Adrian Michael – Märchen, Grot’scher Verlag, Berlin 1975, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6330197

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  • Veröffentlicht am: 18. September 2016
  • 3 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Frag den Bestatter

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

3 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Für den Kabinenroller kannte ich bisher nur den Begriff Blätterteig-Porsche. Aber Schnewittchensarg is auch gut.

  2. Ich kannte bisher nur den Begriff für den Messerschmitt-Kabinenroller KR175, weil dieser einen Rundumblick (in beiden Richtungen) gewährleistet.
    Allerdings meine ich, auch bei Dir schon mal (als Sarg) davon gelesen zu haben.
    Viele Grüsse und eine schöne Woche
    Hajo

  3. Der Volvo – das einzige mir bekannte, als Schneewittchensarg bezeichnete Auto – hatte nicht nur eine gläserne Heckklappe, sondern war auch an den Seiten seeeehr großzügig verglast, die Säulen waren ausgesprochen filigran.
    Bei einem Überrollen vermutlich nicht so sicher wie die heutigen Citypanzer, dafür konnte man anders als bei diesen auch nach schräg hinten etwas sehen. Nicht nur beim Einparken ganz praktisch.

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