Abschiednahme

Mein Vater ist vor 14 Tagen verstorben. Dank Deiner Hilfe konnten wir einen guten Bestatter finden. Herzlichen Dank dafür. Wir haben lange von meinem Vater Abschied genommen. Vielleicht klingt es merkwürdig, aber ich hätte nie gedacht, dass so ein trauriger Anlass so schön sein kann. Als meine Mutter vor drei Jahren starb, hat der Bestatter damals lakonisch gesagt, dass ein Abschiednehmen unüblich sei. Wie kommt es zu so Unterschieden?

Damit so eine Abschiednahme stattfinden kann, müssen alle drei beteiligten Parteien mitspielen: Die Angehörigen, der Bestatter und der Verstorbene.

Wenn die Angehörigen nicht wollen, dann versuchen wir die Gründe dafür herauszufinden und beraten entsprechend. Manchmal ist es so, daß sie den Verstorbenen lange gepflegt und ihn im Sterben begleitet haben. Sie haben bereits alles erledigt und Abschied genommen.
In anderen Fällen können sich die Menschen beim besten Willen nicht überwinden, einen Toten anzuschauen.

Oft ist es aber auch so, daß die Leute völlig falsche Vorstellungen davon haben, was sie da erwartet. Sie sind dann sehr dankbar, wenn man sie durch diesen Prozess begleitet und hinterher sagen sie in nahezu allen Fällen, daß es gut und richtig war, noch einmal ‚Auf Wiedersehen‘ zu sagen.

Aber auch der Bestatter muß bereit sein, eine Aufbahrung zu ermöglichen. Manche können das eben einfach nicht gut und scheuen vor allem bei entstellten Verstorbenen oder bei solchen, bei denen viel kosmetische und wiederherstellende Arbeit notwendig wäre, vor der Aufgabe zurück. Sie sagen dann lieber, man solle auf eine Abschiednahme verzichten.

Vergessen darf man aber auch nicht, daß es Verstorbene gibt, bei denen sich eine Abschiednahme am offenen Sarg verbietet.
Zwar schreiben mir manche Kollegen auf einen solchen Satz hin immer wieder wütende Mails, man könne jeden Verstorbenen herrichten und aufbahren, aber ich bin da anderer Meinung.
Rein technisch und kosmetisch mag das gehen, aber in manchen Fällen ist das nicht zu verantworten. Man darf auch nicht vergessen, daß viele Familien gar nicht über die Mittel verfügen, um eine wiederherstellende Leichenkosmetik bezahlen zu können.
Man denke hier vor allem an Fälle, in denen der Verstorbene durch Unfall, Suizid usw. große Teile des Gesichtes oder Kopfes eingebüßt hat.

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  • Veröffentlicht am: 13. August 2008
  • 7 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

7 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Was kostet eigentlich so eine wiederherstellende Leichenkosmetik?

    Also angenommen, der halbe Kopf wäre durch Unfall zermatscht oder fehlte, was würde da eine Herrichtung kosten, so grob über den Daumen der Kostenrahmen – mehrere hundert oder mehrere tausend Euro?

  2. Also ich kann einer Abschiedsnahme nichts so recht abgewinnen.
    Als meine Mutter starb waren mein Vater und ich uns einig das wie keine wollen.
    Wir wollten sie so in Erinnerung halten wie sie vor ihrer Krankheit war.

    Schön war als wir einige Wochen später beim Aufräumen alte Fotoalben fanden und zusammen ansahen. Das war für uns eine Art Abschiedsnahme.

  3. Mein Bruder und ich haben nach dem Tod unserer Mutter darüber gesprochen, ob wir sie noch einmal sehen wollten. Er wollte, ich nicht. Ich hab ihm dann vorgeschlagen, dass ich mitkommen würde, damit er nicht alleine sein muss. Unser Vater war zu dem Zeitpunkt im Krankenhaus und hatte gar keine Möglichkeit, sie noch einmal zu sehen. Uns hat der Bestatter auch davon abgeraten, weil es kein schöner Anblick wäre. Unsere Mutter hat sich selbst das Leben mit Tabletten genommen, und ist obduziert worden. Es sei wohl auch der Kopf geöffnet worden. Ich hab das damals einfach so hingenommen, war im Grunde auch ganz froh darüber, dass mir das erspart blieb, aber je länger ich hier im Weblog lese, um so mehr frage ich mich, ob das nicht auch für den Bestatter der einfachere Weg gewesen ist…

    Gruss
    S.

  4. Also eine Obduktion des Kopfes (die im Normalfall zu jeder Obduktion dazugehört) ist kein Grund, eine Abschiednahme zu verhindern. Es ist ja nicht so, dass der Kopf rundherum aufgesägt und dann nach Frankenstein-Manier wieder zusammengenäht wird. Sondern es wird ein Schnitt gesetzt, der am Hinterkopf von einem Ohr zum anderen läuft und dann die Kopfhaut über das Schädeldach gezogen und erst dann wird der Schädel geöffnet. Das hört sich brutal an, ist aber nach Ende der Obduktion und vielleicht mit ein wenig Kosmetik kaum mehr zu erkennen. Da war der Bestatter wohl etwas zu bequem…

  5. Vielen Dank, Markus. Du hast mir eine Frage beantwortet, die mich schon seit 10 Jahren beschäftigt. Obwohl ich immer noch sage, dass ich ganz erleichtert bin, dass mir das erspart blieb. Ich wäre wohl gefühlsmässig nicht in der richtigen Verfassung gewesen, meinen Bruder zu unterstützen.

    Gruss
    S.

  6. Ich arbeite im Rettungsdienst und wir hatten einmal einen Selbstmord, bei dem sich das Opfer den halben Schädel weggeschossen hatte, im Zimmer war kein Fleck mehr, der nicht blutdurchtränkt war. Die Frau wollte aber trotzdem abschiednehmen, was von unserer KIT Mitarbeiterin so ermöglicht wurde, das sie das gesammte Zimmer und das Opfer mit Leintüchern verdeckte, nurmehr eine Hand war sichtbar und die Form des Körpers. Selbst da war die Angehörige dankbar. Wenn man will, kann man immer etwas möglich machen.

  7. Wie, oder ob eine Abschiednahme stattfindet, wechselt in wirklich jedem Einzelfall. Manchmal müssen Angehörige ganz, manchmal vorübergehend zurückgehalten werden, im anderen Fall bietet man es an, stößt auf Ablehnung, aber weil der Eine geht, geht die Andere mit entsprechender Vorbereitung dann doch mit. Und danach ist sie doch zufrieden mit sich. bei den sogenannten „schönen“ Verstorbenen gab es auch nie ein Problem mit Kindern. Die waren meißt am Unbefangensten.
    Schlecht ist es meißt an Unfallorten, wenn hier Angehörige (über Handykette alarmiert)auftauchen, muß die neue Situation erst mal mit Einsatzleitungen abgesprochen werden. Hier können z.B. KIT-Teams eine gute Unterstützung sein.

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