Antonia und das Auge

Die Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens sind das Gold des Betriebes.

Gute Mitarbeiter sind schwer zu finden und wenn man diese gefunden hat, muss man sie an sich binden.
In Frau Büser hatte ich eine Mitarbeiterin in gesetzterem Alter, was ja auch seine Vorteile hat. Frauen mussten nicht zum Bund, Damen im Alter von Frau Büser menstruieren sich nicht von Krankschreibung zu Krankschreibung und werden auch nicht schwanger. So formulierte es zumindest mal ein Sarghändler.

Aber das waren nicht die Gründe, weshalb ich Frau Büser so schätzte.
Nein, sie hatte den Betrieb zu ihrem Territorium erklärt. Ich hatte schnell bemerkt, wie arg sie sich für ihren Beruf einsetzte und mit welchem Elan sie an die Arbeit ging.
Sie war der Hauptfeldwebel im Betrieb, der die Marschrichtung vorgab, was die täglichen Abläufe anbetraf.
Sie teilte die Arbeiten im Büro ein, überwachte die Termine und hatte bei jedem Sterbefall im Kopf, was noch zu erledigen war.

Manni hingegen war etwas anders. Er musste immer einen Zettel haben. Wenn er seinen Zettel hatte, auf dem die Adresse, die Bestellung oder der Tagesablauf standen, dann hat er funktioniert wie ein Uhrwerk. Aber ohne Zettel fehlte ihm der Überblick, was ihn zu einem Zähler und Aufschreiber machte. Ich kann gar nicht sagen, wie oft er die Bestände im Lager überprüfte, nur damit es nie an irgendetwas fehlte.
Besonders geschätzt habe ich, dass er zu jeder Uhrzeit, bei Wind und Wetter stets zuverlässig und pünktlich da war.

Diese Einstellung, die Frau Büser und Manni hatten, hat sich auch auf die anderen Mitarbeiter übertragen.
Wenn jemand in leitender Position nämlich schon alles Scheiße findet, dann transportiert er diese Meinung auch in die Köpfe seiner Untergeben. Unzufriedenheit ist die Folge.

Die vielen jungen Menschen, die bei uns arbeiteten, Sandy, Antonia, der Rolli und all die anderen Praktikanten und Auszubildenden, die brauchen Anleitung, Vorbilder und klare Ansagen. Ihre Köpfe sind oft mit vielen anderen, oft nebensächlichen Dingen angefüllt und wenn dann jemand, der die Wichtigkeit unserer Arbeit herausstellt, positiv auf sie einwirkt, dann arbeiten diese jungen Leute super gut!

Für mich war es immer wichtig, daß die Mitarbeiter so richtig gerne für mich gearbeitet haben.
Eine gute Bezahlung, Unterstützung in persönlichen und finanziellen Notsituationen und ein freundschaftlicher Umgang sowie Bonuszahlungen waren für mich immer von großer Bedeutung.
Dabei reichte der kumpelhafte Umgang so weit, daß man auch mal zusammen den größten Blödsinn machte. Dennoch aber schaffte ich es irgendwie, doch Chef sein zu können, dem man Respekt entgegenbrachte. Da habe ich auch viel Glück gehabt.

Eine wichtige Maßnahme war das tägliche gemeinsame Essen.
Entweder wir haben bei uns in der Kaffeeküche was Leckeres zusammengezimmert oder jemand hat vom Imbiss was geholt, oder wir sind zusammen essen gegangen.
Da das immer auf Unternehmenskosten ging, hatte es sich so entwickelt, dass wir immer zu Lokalen gingen, die einen günstigen Mittagstisch anboten.

Aber besonders beliebt waren die Tage, an denen einer der Mitarbeiter etwas zu Essen mitbrachte oder zubereitete.
Sandy zum Beispiel konnte ganz besondere leckere Sachen aus Amerika. Denn erstaunlicherweise können auch die Amis gut kochen.
Mannis Wurzeln liegen in Polen. Er trug bei seiner Geburt einen nahezu unaussprechlichen Konsonantensteinbruch als Nachnamen, hatte dann aber den Namen seiner Frau angenommen.
Übrigens besaß Manni gar keinen deutschen Pass, sondern hatte damals einen solchen blauen Ausweis, der ihn als Staatenlosen auswies. Warum das so war, das ist eine andere Geschichte.

Antonia, wie könnte es anders sein, war die Kochtante unter uns. Erst konnte sie nur essen, dann irgendwann hatte sie Spaß am Kochen und am Ausprobieren von Rezepten gefunden und schließlich war aus ihr eine richtig gute Köchin und vor allem Bäckerin geworden.

Und nicht nur wenn jemand Geburtstag hatte, brachte er hin und wieder etwas mit.

Eines Tages, und damit komme ich zu dem kurzen Plot, der für den Titel dieser Geschichte ausschlaggebend ist, war es wieder so weit.
Antonia hatte Plunderteilchen mit Puddingcreme und Aprikosen gebacken.

Diese servierte sie uns am frühen Nachmittag. Und als wir alle schon um den Tisch saßen und sie mit dem Tablett hereinkam, sagte sie die Worte:

„Ich hab noch einmal frisch Puderzucker drüber gemacht, denn schließlich ißt man das Auge ja mit.“

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  • Veröffentlicht am: 19. März 2016
  • 7 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

7 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Ich finde es gut, dass Du nicht immer erst lange um den heißen Brei herumredest, sondern schnell und klar zum Punkt kommst. ;-)

    • @Medienfreak: Ich drück mal den imaginären „gefällt mir“-Knopf. Das war auch mein Gedanke :-) Aber die Umwege sind sehr, sehr spannend.

  2. „Denn erstaunlicherweise können auch die (!) Amis gut (!) kochen.“
    ;-)

    • @hajo:
      Nein, nein und nein.
      Und selbst wenn es die Figur „Sandy“ so oder ähnlich wirklich gegeben haben sollte –
      also DIE hätte sich mit solchem „Hausfrauenkram“ wie kochen nicht beschäftigt! *g*

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