Feb
09
Abzocke, Abzocke, Abzocke
Ein klein wenig stört es mich, daß bei jeder Diskussion rund um die Kosten eines Todesfalles immer sofort der Begriff Abzocke fällt.
Gerade in den letzten Tagen wird recht aufgeregt diskutiert, daß Kliniken die Gebühren für die Benutzung ihrer Kühlanlagen zum Teil drastisch erhöht haben.
Da heißt es dann: "Auch hier wird noch einmal kräftig Kasse gemacht, bevor ein Leben nur noch Geschichte ist."
Und ich muss lesen: "Zahlen müssen das natürlich die Hinterbliebenen, der Bestatter nimmt sich davon nichts an."
Ich habe gestern bereits mit dem Verwaltungsleiter eines hiesigen Krankenhauses deswegen telefoniert.
Er kann darüber nur lachen. "Wir verdienen an den Kühlanlagen keinen müden Cent. Im Gegenteil, wollten wir die Anlagen wirklich kostendeckend betreiben, müßten wir noch einmal die Hälfte mehr verlangen."
Der diplomierte Kaufmann rechnet mir dann am Telefon vor, was die Anschaffung, die Betriebskosten und die Wartung und Reparaturen über das Jahr hinweg kosten, ein erschreckender Betrag. "Vor allem aber die gestiegenen Energiekosten machen uns, wie jedem anderen auch, sehr zu schaffen."
Die Kosten für die Aufbewahrung der Verstorbenen übernimmt die Krankenkasse nicht. Für sie endet die Zahlungsverpflichtung mit dem Tod des Versicherten, alles was danach kommt, müßte die Klinik auf eigene Kosten übernehmen. "Und genau das können wir nicht. Für jeden Handgriff sind exakte Vorgaben eingeplant und die Kassen feilschen mit uns um jeden Euro. Ich frage Sie, wer soll denn die Kühlung bezahlen, wir können das nicht."
Ja und der Bestatter kann es auch nicht. Natürlich nimmt der sich nichts davon an, warum sollte er auch? Alle im Zusammenhang mit einem Sterbefall dem Bestatter berechneten Kosten gibt dieser natürlich über seine Rechnung an die Angehörigen weiter.
Natürlich ärgern sich die Bestatter, wenn Nebenkosten immer weiter ansteigen, sie machen inzwischen in der Summe den größeren Teil der Bestattungsrechnung aus und der Kunde differenziert oft später nicht und glaubt, der Bestatter sei besonders teuer.
Was jetzt zu einem kleinen Skandal hochthematisiert wird, ist jedoch überhaupt nichts Ungewöhnliches. Viele Kliniken und nahezu alle Stadtverwaltungen berechnen schon seit Ewigkeiten Gebühren für die Benutzung ihrer Kühlräume und -anlagen. Was jetzt aktuell für Aufregung sorgt ist u.a. die Mitteilung des Klinikums Stuttgart, daß jeder Kühltag 50 Euro kosten soll und ab dem 6. Tag gar 70 Euro berechnet werden.
Warum macht man das? Nun, die Antwort ist ganz einfach. Besonders in Großstädten, in denen es eine Ballung von großen Kliniken gibt, versterben auch sehr viele Menschen von weit außerhalb, die extra für die Behandlung dorthin gekommen waren. Die Bestatter aus den kleineren Gemeinden machen es sich oft sehr einfach und lassen die Verstorbenen manchmal bis zum Tag der Beisetzung(!) in der Klinikkühlung liegen. Das kann unter ungünstigen Umständen auch schon einmal eine Woche oder gar zwei sein.
Der Bestatter und die Angehörigen sparen sich zusätzliche Überführungen und natürlich die Kühlung beim Bestatter und bei der Friedhofsverwaltung.
Leidtragender und Kostentragender ist das jeweilige Krankenhaus, das hier Leichenzwischenlager spielen muß.
Nochmal zur Verdeutlichung:
Ein Mann aus Schwäbisch-Hall verstirbt im Stuttgarter Klinikum.
Normalerweise müßte der Bestatter nun sehr zügig nach Stuttgart fahren, um die Beurkundung beim dortigen Standesamt zu erledigen und den Verstorbenen mit nach Schwäbisch-Hall nehmen. Dann müsste er ihn bei sich bis zum Tag der Beisetzung, die eine Woche später stattfinden soll, kühl einlagern oder in die Kühlung des Friedhofes verbringen.
Ganz dumm wird es, wenn der Sterbefall an einem Freitag eintritt und das Standesamt geschlossen hat. Dann wird das mit der Beurkundung vor Montag nichts und der Bestatter müßte evtl. sogar zweimal fahren, einmal um die Leiche zu holen und einmal um zu beurkunden.
Bequemer und für ihn günstiger ist es, erst nach einigen Tagen nach Stuttgart zu fahren, wenn er alle erforderlichen Papiere in Ruhe zusammen hat. Dann nimmt er gleich den Sarg mit nach Stuttgart, bettet den Verstorbenen direkt in der Klinik ein, beurkundet und fährt direkt nach Schwäbisch-Hall auf den Friedhof.
Gespart: Ein- und Ausladen, eine Fahrt, Kühlkosten.
Und in der Zwischenzeit tickt im Klinkum die Kostenuhr, die Kühlkammer ist belegt, andere Verstorbene finden evtl. keinen Platz und keiner will dafür aufkommen. Klar, daß da die Krankenhäuser einen Riegel vorschieben.
Ich sehe natürlich, daß immer weiter steigende Kosten die Angehörigen auch immer mehr belasten. Aber man muß auch einfach mal die andere Seite sehen und das dumme Geschwätz einstellen: "Macht bei einer durchschnittlichen Durchschnittsgröße einer Kühlbox (ca. 1,8 Quadratmeter) einen Quadratmeter-Preis von rund 25 Euro. Das ist teurer als ein Quadratmeter im Luxushotel."
Hier werden Birnen mit Äpfeln verglichen, vor allem wenn man bedenkt was ein Panzer kostet.
“Zahlen müssen das natürlich die Hinterbliebenen, der Bestatter nimmt sich davon nichts an.”
*augenroll*
Warum sollte sich der Bestatter was davon annehmen, ist doch nicht "seine Leiche"?
Nee, aber im Ernst. Dass alle anfallenden Kosten von den Hinterbliebenen übernommen werden müssen, sollte eigentlich klar sein.
Wäre ja auch sehr praktisch: Ich heure einen Bestatter an, damit der dann alle möglichen Kosten für mich trägt...
Und bei den derzeitigen Problemen im Gesundheitssystem sehe ich auch irgendwie nicht ein, die Leichenkühlung über meine Beiträge* zu bezahlen...
Es mag ja durchaus (ökologisch) sinnvoll sein, wegen einer Leiche, die ja eh schon tot ist nicht mehrmals durch die Gegend zu fahren, aber wenn auch der Bestatter/Friedhof/Metztger nicht umsonst das Kühlhaus betreibt, warum sollte es dann das Krankenhaus tun?
*Beiträge meint hier nicht unbedingt Beiträge, sondern auch Leistungskürzungen, Wartezeiten, veraltete Geräte und IGeL
Ich finde den Begriff generell widerlich. Ich habe ihn das allererste Mal im Rahmen einer Reportage auf einem Regenbogen-Fernsehkanal Mitte der 90er gehört; damals als Gossenwort für Diebstahl.
Seitdem wird er in einschlägigen Kreisen synonym für Betrug, Raub, Übervorteilung, Rechnungsstellung, Strafmandate und Lohnsteuerjahresausgleich verwendet.
Es ist beinahe schon eine Grundregel heutiger Konversation, daß ein sinnvolles Gespräch beendet ist, wenn jemand "Abzocke" ins Spiel bringt.
Wieder ein Grund, die Bild Zeitung zu boykottieren. (Außer natürlich um Fisch darin einzuwickeln.)
Nur mal so als Beispiel,
wenn aber das Krankenhaus am Montag noch eine Obduktion machen möchte, weil der Stationsarzt gerne mehr gewußt hätte, dann sehe ich nicht ein, für Freitag, Samstag, Sonntag, Montag 200€ zu zahlen. Jeder angefangene Tag zählt ja. Entweder sie berechnen das nicht, oder ich verweigere die Zustimmung zur Obduktion. Oder ich lasse ihn Freitagabend abholen. Sollte niemand da sein, der den Totenschein herausrückt, und deswegen eine Kühlkammer blockiert werden, so ist es doch ein Problem der Klinik und nicht des Bestatters, der am Freitagabend noch abholen will.
So könnte man sagen - doch selbst wenn er nur 20 Minuten drinnen war ist das ja schon ein Tag. Was ist, wenn der Staatsanwalt am Freitag eine Beschlagnahme verfügt hat, und erst am Dienstag die Freigabe erfolgt? Zahlt der Staat dann das Kühlhaus? Das Beurkunden wäre kein Problem, da fahr ich am Montag mit der S-Bahn aufs Standesamt. Hab ja Zeit.
Ein Bestatter sagte einmal zu einem Kunden:" Wir nehmen ihn mit zu uns in unsere Räumlichkeiten. Bei uns kostet die Kühlung nichts."
Dass beim Bestatter die Kühlung für den Kunden nichts kostet, ist sicher ein Entgegenkommen des Bestatters - laufende Kosten hat der auch, und die wird er sicher irgendwo anders auch wieder in die Rechnung einfließen lassen - jeder Kaufmann muss seine laufenden Kosten aus den Einnahmen wieder decken, sonst ist er irgendwann pleite.
Ansonsten: Die liebe Presse und ihre tollen Vergleiche und anderer Unsinn, der dort so verzapft wird. Leider ist seriöser Journalismus selten geworden, lieber wird irgendein Unsinn geschrieben, der sich auf eine tolle Schlagzeile verkürzen lässt. Derzeit beliebt wegen der heftigen Budgetkürzungen der öffentlichen Hand sind Vergleiche wie "Kleinkleckersdorf baut lieber Straßen für 2 Millionen statt die Schule für 500000 zu sanieren - Straßen sind wichtiger als Schulen." Wenn man es mal ganz hart sieht: Straßen braucht jeder, Schulen werden nur von im Verhältnis wenigen Menschen besucht. Und das Geschrei, wenn Straßen kaputt sind, ist auch jedesmal groß - ganz zu schweigen vom Geschrei, wenn eine Straße wegen Sanierung für ein halbes Jahr gesperrt werden muss. Und die meist erbärmlich Lokalpresse marschiert mit Fanfaren vorneweg.
Also sooo teuer sind Panzer nun auch nicht.
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Kommentare
Tsss! Typisch Mann! Erst mal.
1:10 Uhr und noch keine Fort.
Genau, wenn die jetzt noch'n.
Genau, immer der Leiche mit .
Habe jetzt gerade alle Teile.
@rudibee: nein. weils unhygi.
Super, das es mit einer so s.
Hey, was soll das, mich zu w.