Besuch aus Amerika

Mrs Johnson kommt aus Walla-Walla, einem kleinen Kaff nahe dem westamerikanischen Seattle. Trudy Johnson hieß früher mal Gertud Struwe und hat sich irgendwann gen Amerika verheiratet. Sie und ihr Mann sind auf Europa-Reise und wollen einige der wenigen noch lebenden Verwandten besuchen, das Haus anschauen, in dem Frau Johnson geboren wurde, und auf diverse Friedhöfe gehen, um den Ahnen die Ehre zu erweisen.
Zu diesem Zweck möchten sich die Johnsons mit einem ganzen Dutzend hölzerner Grabkreuze bewaffnen, auf die wir „in memoriam 2008“ schreiben sollen und die sie dann auf die jeweiligen Ahnengräber stecken möchten.

Aufgesetzte amerikanische Servicefreundlichkeit gewöhnt, kommt sich Mrs Johnson bei diesem „Großauftrag“ vor, wie dereinst Krösus bei der Bestellung von 3.000 goldlackierten und kastrierten Bratochsen.
Mr Johnson grinst derweil beständig, versteht kein Wort und man sieht ihm an, daß er sehr viel Liebe braucht um seine etwas hyperaktive Gattin mit einer ausreichenden Portion Langmut zu ertragen. Schon knapp 3.000 Kilometer hat er im Leihwagen auf deutschen Straßen abgerissen, um auch noch das letzte Kuhdorf aus Gertrud Struwes Erinnerungen aufzusuchen, nur um oft genug feststellen zu müssen, daß ein bestimmtes Gebäude gar nicht mehr steht oder ein gesuchter Platz inzwischen längst unter einem Kultur- und Freizeitzentrum verschwunden ist.

Mr Henry D. Johnson ist schon der zweite Mr Johnson, und darüber lacht Mrs Johnson laut und langanhaltend. Der erste Johnson habe, wie der aktuelle auch, bei Boeing gearbeitet, beide waren „Technical Maintenance Supervisor“, konnten also vermutlich einen Schraubenschlüssel halten oder waren bessere Hausmeister, wer weiß? Amerikanische Berufsbezeichnungen geben oft nicht viel her und böse Zungen behaupten, daß der Job umso kleiner ist, je länger der Titel an der Tür. Nein, nein, das sei eine Führungsposition gewesen, berichtet Mrs Johnson stolz. Ihr Mann habe die Leute unter sich gehabt, die mit farbigem Klebeband Positionen und Laufwege auf dem Werksboden markiert haben.
Der erste Mr Johnson ist bereits vor elf Jahren verstorben und Mrs Johnson erzählt ausgiebig, wie schön der amerikanische Bestatter die Trauerzeremonie gestaltet habe.

Die Asche hat sie damals mit nach Hause genommen und einige Jahre in einer hübschen Schmuckurne auf dem Kaminsims aufgestellt. Als dann der neue Mr Johnson ihr Herz eroberte und sich bald darauf herausstellte, daß sich eine neue Ehe anbahnte, wurde beschlossen, die Urne aus dem Haus zu schaffen. Platz für zwei Männer habe sie nicht gehabt.
Also suchte man sehr schöne Plätze, an denen der Verstorbene sich zu Lebzeiten besonders wohl gefühlt hatte, teilte die Asche in Portionen auf und vergrub sie dort.

Frau Johnson zählt die Plätze einzeln auf, doch dann gerät sie ins Stocken. Mr Johnson will ihr zur Hilfe eilen, berichtigt sie und dann beginnen die beiden heftig zu streiten, weil offenbar Uneinigkeit über den Verbleib von immerhin drei Portionen der erstehelichen Asche herrscht.
Er meint „near the fence“ und sie ist von „behind the wall“ überzeugt. Schließlich einigt man sich auf „beside the shack“ und beide sind wieder glücklich. Aber man sieht, daß er nur nachgegeben hat, er ist eben langmütig, der „Technical Maintenance Supervisor“ aus Walla-Walla bei Seattle.

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  • Veröffentlicht am: 25. Juni 2008
  • 7 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

7 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. naja…NAH an seattle isses aber nicht wirklich :D oder sind 440km nah?^^ Nungut…aber wer kennt sich schon in Washington State aus,wenn man dort noch nich war,nech ;-)

  2. 250 Meilen sind doch für einen Amerikaner keiner Entfernung. Entweder kommt der typische Ami nie aus seinem Kaff heraus oder er findet erst mehrere tausend Meilen weit.

  3. „… hat Leute unter sich gehabt“ Ja, ja, das kennen wir. Frau Puvogel: „Mein Mann ist bei Blohm &Voss, hat 400 Mann unter sich!“ – „Na sagen Sie bloß, was ist er denn?“ – „Kranführer!“

  4. Der Unterschied zwischen einem Amerikaner und einem Engländer?
    Der Amerikaner denkt 100 Jahre ist eine lange zeit und der Engländer denkt 100km sind eine weite Strecke*g.

    So gesehen ist walla-walla nah an seattle*g*

  5. Wohl dem, der die Zeit und das Geld hat so auf alten Spuren zu wandeln. Ich gebs zu: Im kleineren Rahmen mach ich das auch gerade, und ich muß sagen, es ist interessant. Ein paar weiter entfernte Verwandte wissen und ahnen noch garnicht, dass ich sie bald heimsuchen werde. Teilweise hab ich sie seit 45 Jahren nicht mehr gesehen.

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