Bitte geh mit Deinen Kindern auf den Friedhof!

Ich gehe sehr gerne auf Friedhöfe, schaue mir die alten Grabsteine an und lausche dem Vogelgezwitscher.
Das habe ich jetzt seit vier Jahren nicht mehr gemacht, denn ich bin Mutter geworden.
Die dort geltenden Regeln sind es, die mich zurückhalten, mit meinen Zwillingen über den Friedhof zu spazieren. Ich weiss nicht, ob ich für Ruhe garantieren kann.
Wie ist das, darf man mit Kindern auf den Friedhof? Würden Kinder von Trauernden / Grabpflegenden eher toleriert?

Ich bin ein Nachkömmling. Das heißt ich bin recht spät geboren. Das führte dazu, daß Onkel und Tanten alle schon mit dem Sterben beschäftigt waren, als ich noch klein war.
Die Großeltern habe ich gar nicht erlebt, sondern nur ihre Gräber gekannt.

Der Friedhof war oft mein Spielplatz. Vater oder Mutter kümmerten sich um die Grabpflege. Sie pflegten noch Gräber anderer Verwandter mit, weil deren Hinterbliebene schon zu alt dafür waren.
Ich habe immer Wasser geschleppt und mir ansonsten die Zeit anderweitig auf dem Friedhof vertrieben. Ich war aber nicht der Einzige. Da war die Bank mit den „Invaliden“. Da gab es Ecken, wo sich Liebespaare trafen und es gab Stellen, an denen alte Frauen saßen und strickten. Und die waren nicht gerade leise. Ja, es wurde gelacht und geplappert.

Gegen Kinderlachen und -stimmen kann man doch gar nichts einwenden. Wann, wenn nicht als Kind, kann man den so unbeschwert sein?
Wer, wenn nicht Kinder, dürfen ihrer Lebensfreude so Ausdruck verleihen?

Ich wette, jede tote Oma, die da unter der Erde modert, freut sich auf irgendeine Weise über kleine Kinder.

Was anderes sind die Hubschraubermütter, die gerne unter meinem Bürofenster mit ihrem Zwergengeschleim Station machen und diskutieren.
Ich kann dieses „Jonas bitte!“ nach dem 321sten Mal nicht mehr hören und auch nicht dieses durch die verrotzte Nase abgesonderte „Nö ich will nisch!“

Was den Friedhof anbetrifft, so finde ich es durchaus eine gute Idee, Kinder früh mit der Normalität des Lebens zu konfrontieren. So begreifen sie mit dem Größerwerden, was das Sterben ist und wo es hinführt.

Download PDF PDF erzeugen
  • Veröffentlicht am: 20. Juli 2016
  • 12 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Frag den Bestatter

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

12 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Mir ging es ähnlich wie Ihnen: Nachzügler, von drei noch verbliebenen Großeltern starb der letzte, als ich 10 Jahre alt war. Zu den Beerdigungen wurde ich nicht mitgenommen, das war zumindest zu meiner Zeit (70er) und in meinem Umfeld unüblich. Jedoch bestanden unsere Sonntagsspaziergänge in Friedhofsbsuchen. Ich mochte die Atmosphäre dort schon als Kind sehr und bin bis heute Friedhofsflaneur geblieben.

    Eins erinnere ich jedoch deutlich mit leichtem Gruseln: Meine Eltern hatten mal für ein paar Wochen die Tochter eines Kollegen aufgenommen, ein Säugling. Ich war damals ungefähr 5 und freute mich zunächst über ein noch kleineres Kind in unserer Familie. Als sich dann schnell herausstellte, dass ich keine kleine Spielgefährtin zu Besuch hatte, sondern ein nur auf dem Rücken liegendes Wesen, mit dem ich nicht spielen durfte und das alle Aufmerksamkeit auf sich zog, schlug meine Begeisterung schnell in Enttäuschung & Eifersucht um. Ich war froh, als das Kind dann wieder bei seiner Familie war und ich habe ihm sicher in meiner kindlichen Wut auch den Tod an den Hals gewünscht, wenn mir mal wieder vor Augen geführt wurde, wie lieb die Kleine doch sei im Vergleich zu mir Satansbraten.

    Monate später starb das kleine Mädchen am plötzlichen Kindtod. Unsere Sonntagsspaziergänge führten ab da auch zu den Kindergräbern. Ich erinnere noch, wie ich mit SEHR mulmigen Gefühl vor dem kleinen Grabstein stand…

  2. Ich erinnere mich nicht daran, den ich war jünger als drei, aber meine Eltern haben erzählt, der Weg von der Uni nach Hause (ich war so ein Studentenbaby) führte über zwei Friedhöfe. Den katholischen mochte ich lieber als den evangelischen, weil es da die Weihwasserbehälter auf den Gräbern gab.
    So viel zu Kindern auf dem Friedhof.

  3. Wir hatten sogar Biologieunterricht auf dem Friedhof
    .. und Schulklassen können ganz schön laut sein :-D

  4. Die Anwohner werden sich bestimmt nicht über Kindergelächter beschweren und wenn die damit kein Problem haben, warum dann irgendwer sonst?

  5. Die Anwohner werden sich bestimmt nicht über Kindergelächter beschweren und wenn die damit kein Problem haben, warum dann irgendwer sonst?.

  6. Stimme zu allerdings bei einer Beerdigung würde ich wohl doch einen großen Respektabstand lassen.

  7. Ich bin Erzieherin in einer Ev.Kita.
    Schon die ganz Kleinen finden im Kita -Garten ,tote Käfer etc.Rührend ist es dann,wenn sie selber ein kleines Grab schaufeln und ihn liebevoll mit „ihrer“kleinen Andacht beerdigen.
    Auch planen wir ganz feste Friedhofsbesuche ein und besuchen auch die Kindergräber.Den Kindern zu vermitteln, dass der Tod auch zum Leben gehört ,ist für uns sehr wichtig.Natürlich begleiten wir das liebevoll und pädagogisch durchdacht! Es gibt sehr schöne Kinderbücher zum Thema Tod.
    Aber auch tolle religionspädagogische Einheiten von unserer Pastorin.

  8. Spazieren gehen unter Aufsicht ist doch gar kein Problem. Wir haben im Heimatort meiner väterlichen Verwandtschaft oft auf dem Friedhof gespielt. Sogar alleine. Wo auch sonst, es gab dort nur die Hauptstraße, Kuhweiden, Weizenäcker und den Friedhof.
    Es gab wohl die eine oder andere Nachbarschaft die sich darüber aufregte, dass die „Blagen wieder zwischen den Ruhestätten ‚rumkrakeelen“, aber ich kann nicht behaupten, dass wir es übertrieben hätten.

    Wir bekamen nur ein paar „Regeln“ mit auf den Weg:
    – Nicht hinter den Steinen verstecken, ein paar davon stehen (standen damals) etwas locker
    – Wenn ihr eine größere Menge Leute (Beerdigung) seht, seid ruhig und haltet euch fern
    – Nichts aufheben und mitnehmen. Keine Blumen, keine Kerzen und schon gar keine Knochen (es hatte an einer steileren Stelle einen kleinen Erdrutsch gegeben, das war natürlich interessant für uns :D )

    Und ab gings.

  9. Bei „Daily Pia“ ging es in den letzten Tagen auch darum, mit Kindern auf Friedhöfe zu gehen. Und darum, was für wertvolle Gespräche auch mit kleinen Kindern auf einem Friedhof entstehen können.

    http://www.daily-pia.de/2016/07/17/friedhoefe-spielplaetze-und-der-rhein/

    Liebe Grüße,
    Stjama

  10. Ich war als Kind immer gern auf dem Friedhof und mag es noch heute.
    Das Grundstück meiner Großeltern grenzt direkt an einen Friedhof und wenn man aus dem Garten geht, dann steht man direkt darauf.
    Früher habe ich oft bei der Grabpflege und beim Wasserschleppen geholfen und ich weiß noch wie beeindruckt ich von den frischen Gräbern und den vielen Blumen war. Friedhof war für mich ganz normal und gehörte dazu. Genau wie heute für mein eigenes Kind!

  11. Meinem Sohn wurde sogar erlaubt, mit dem Friedhofsbagger zu arbeiten. Da ich ja damals bekannt war wie ein bunter Hund, ließen es sich die Arbeiter vom Friedhof nicht nehmen ihn, damals war er so sechs Jahre alt, nach einer Einweisung alleine mit dem Bagger hantieren zu lassen. Einer stand natürlich daneben, um im Notfall ein zu greifen. Dieses Zeichen meiner Beliebtheit zur damaligen aktiven Zeit hat mich schon angerührt. Neulich kam mir ein Leichenwagen entgegen, ich habe ihn schon von weitem erkannt, an der stark aufsteigenden Dachlinie. Ja, das sitzt so drin. Und jetzt höre ich aber auf, bin ein alter sentimentaler Esel!
    MFG Josef

  12. Der Friedhof ist für mich immer schon ein Platz der Ruhe und des Friedens gewesen. Das liegt daran, dass die kürzeste Strecke zwischen Oma und Urgroßmutter über den Friedhof führte :-). Beide waren immer einigermassen entsetzt, wenn ich erzählte, dass ich bei Einbruch der Dunkelheit mal wieder die Abkürzung genommen habe. Aber warum habe ich die Abkürzung genommen? Weil mir schon frühzeitig beigebracht worden ist, dass man vor den Toten keine Angst haben muss, aber aus Respekt vor den Toten nicht laut ist und nicht rennt, wenn man auf dem Friedhof ist. Leise lachen oder leise lustig sein ist erlaubt, spielen nicht.

    Wie die beiden mir das beigebracht haben, weiß ich nicht mehr. Und leider kann ich sie nicht mehr fragen, weil sie bereits selbst dort „wohnen“.

    Der Mutter kann ich leider nicht raten, wie sie ihre Kinder zu respektvollem Benehmen auf dem Friedhof erzieht. Aber vermutlich muss sie bei dem ersten Besuch auf dem Friedhof damit rechnen, dass ihre Zwillinge sich eben nicht „regelkonform“ verhalten werden und dass es einige blamable Minuten für sie gibt. Vielleicht gibt es auch beim zweiten Besuch noch schwierige Momente, aber mit der Zeit werden die Zwillinge schon lernen, dass der Friedhof kein Spielplatz ist, sondern ein Platz des Friedens und der Ruhe.

    Besucher, die sich über kleine Kinder aufregen, die das „korrekte Benehmen“ noch nicht kennen oder noch nicht praktizieren können, sollte sie gelassen hinnehmen. Es lohnt sich nicht, die Beweggründe zu hinterfragen. Meistens kommt nichts Gescheites dabei raus.

Schreibe einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Bitte beachte die Nutzungsbedingungen des Bestatterweblogs!

Du bist ein Troll? Fein! Dir kann geholfen werden. Klicke hier!

Dein Kommentar ist nicht erschienen? Dann klicke bitte hier für weitere Informationen!

Diese Smileys kannst Du nutzen, und das bedeuten die Zeichen oben in der Textbox.