Bitte helfen Sie mir!

Neulich saß ich vor einem Eiscafé und schlürfte einen Espresso, da überquerte ein Mann in einem Rollstuhl die Straße. Und wie er so geschickt den einen Bordstein hinunter und den anderen wieder hinauf fuhr, kam mir Herr Dörrer in den Sinn.
Herrn Dörrer hatte ich vor vielen Jahren in seinem Haus im Odenwald aufgesucht. Unser Bestattungsinstitut war ihm von einer Bekannten empfohlen worden und so hatte er uns gezielt angerufen und auch direkt nach mir gefragt.
Den fast 50 Kilometer langen Weg nahm ich gerne in Kauf, es war an diesem Tag wunderbares Wetter und auf der Hinfahrt, ich lag gut im Zeitplan, gönnte ich mir noch eines der legendär großen Tortenstücke in einer Gaststätte.

Zwar hatte Herr Dörrer von „seinem“ Haus gesprochen, aber an der angegeben Adresse fand ich ein Zweifamilienhaus, das unten von einer Familie mit zwei Kindern bewohnt wurde und in dessen Obergeschoß Herr Dörrer wohnte.

„Mein Haus? Ja, das sage ich immer noch, weil’s ja eigentlich so ist. Aber um ehrlich zu sein, habe ich es vor zwei Jahren verkaufen müssen und mir ein lebenslanges Wohn- und Nutzungsrecht für die Wohnung hier oben eintragen lassen.“

Irgendwann würde das Haus mal der Familie Sommer vom Parterre ganz gehören. Bei dem Wort „irgendwann“ irritierte mich irgendetwas, ich kann aber nicht sagen, ob es die Betonung war, jedenfalls störte mich da etwas an der Art wie er das sagte.
Schnell kam er zum vorgeblichen Grund meines Besuchs. Er habe eine seltene Gefäßerkrankung, weshalb man ihm beide Beine habe amputieren müssen und außerdem schwinde seine Muskelkraft. Deshalb müsse er sich nun doch endlich auch mal Gedanken machen, was dereinst mit ihm geschehen würde.

„Wissen Sie, ich hab ja niemandem mehr, was soll ich also ein großes Theater wegen meines Todes machen? Wenn ich tot bin, holen Sie mich ab, lassen mich verbrennen und dann ab irgendwo auf einen Komposthaufen. Ja ja, ich weiß, daß das nicht geht, aber auf keinen Fall in so ein Grab, wo irgendwer noch Blümchen gießen muß. Keine Trauerfeier, nichts. Nur eine Anzeige ins Darmstädter Echo, da habe ich gearbeitet und die sollen ruhig wissen, daß der alte Dörrer tot ist.“

Gut, ich notierte das und überlegte schon, daß ich dann eines Tages einen bestimmten Kollegen aus dem Odenwald darum bitten würde, das alles abzuwickeln. Es gab keinen zwingenden Grund, das von meiner Stadt aus zu machen und den Verstorbenen und die Urne um die 100 Kilometer durch die Gegend zu fahren.
Dann aber zuckte Herr Dörrer auf einmal zusammen, krümmte sich und stöhnte, offenbar hatte er plötzlich große Schmerzen.
Man ist dann natürlich im ersten Moment hilflos und eine bessere bzw. dümmere Frage als „Tut Ihnen was weh?“ fiel mir in diesem Augenblick nicht ein.

„Nur ein Glas Wasser aus der Küche bitte“, stöhnte Herr Dörrer, „dann geht’s gleich wieder besser.“

Nachdem er getrunken hatte, saß er in seinem Rollstuhl und ich sah seinen Augen an, daß es ihm nicht besser ging. Augenscheinlich spülte der Schmerz in Wellen durch seinen Körper und immer wieder wieder schloß der Mann kurz die Augen und atmete tief durch.

„Soll ich einen Arzt rufen?“ fragte ich, doch er winkte ab.

Und dann kam er zu dem eigentlichen Punkt, warum er ausgerechnet mich gerufen hatte.

„Wissen Sie, ich habe Sie ja nicht umsonst ausgesucht. Ich weiß, daß sie ein sehr mitfühlender Mensch sind und ein großes Herz haben. Empfohlen worden sind Sie mir von der Tochter von Frau Stüber.“

Ich zermarterte mein Gehirn, doch zu dem Namen Stüber fiel mir nichts ein. „Helfen Sie mir auf die Sprünge! Was war denn mit Frau Stüber.“

„Na, die Oberstudienrätin, die mit dem Gesichtskrebs!“

Bei diesen Worten erinnerte ich mich sofort an die alte Dame, die immer einen Hut mit Schleier getragen hatte, um ihr durch den Krebs verunstaltetes Gesicht zu verbergen. Man hatte ihr zwar eine Gesichtsprothese angefertigt, aber die verhüllte den fortschreitenden Krebs nur unzureichend.
Natürlich fiel mir diese Frau jetzt wieder ein! Sie hatte bei mir eine Vorsorge abgeschlossen und war dann einige Wochen später auch verstorben. Es war eine schöne Beerdigung und ihre Tochter war extra noch einmal bei uns im Bestattungshaus vorbei gekommen, um Manni und seine Kollegen mit einem schönen Trinkgeld zu belohnen. Die Männer hatten die Frau, trotz ihrer Erkrankung so hergerichtet, daß mit einem fast undurchsichtigen Schleier doch eine Aufbahrung möglich war.

„Ja, jetzt erinnere ich mich an die Dame“, sagte ich und Herr Dörrer knipste schnell ein Auge auf und zu.

Ich verstand nicht, was er damit meinte. Um die Zeit zu überbrücken kritzelte ich hinter der Schreibmappe etwas auf einen Zettel und gab mich beschäftigt.
Dann unterbrach Herr Dörrer das Schweigen und sagte: „Meine Krankheit ist sehr schmerzhaft, wissen Sie?“

„Das tut mir sehr leid“, sagte ich, „Bekommen Sie Medikamente gegen die Schmerzen?“

„Ja sicher und irgendwann hänge ich an der Morphiumflasche und bin nur noch ein seelenloser Zombie, das ist genau das was mir blüht. Gegen die Schmerzen haben die immer was, aber man verreckt trotzdem elendlich. Und glauben Sie mir, ich habe mir das alles sehr gut überlegt. Ich bin sozusagen fest entschlossen.“

Ich muß den Mann in diesem Moment angeglotzt haben wie ein Kalb, denn er beugte sich unter Schmerzen etwas vor, sah sich um, so als ob er sicherstellen wollte, daß niemand zuhörte und meinte dann flüsternd: „Sie können ruhig offen zu mir sein! Was kostet das? Ich habe genug beiseite geschafft, ich kann Sie bezahlen.“

Man ist ja manchmal begriffsstutzig und ich hatte immer noch nicht kapiert, was er von mir wollte. Deshalb schaute ich auf meine Unterlagen und nannte ihm nochmals die Summe der Kosten seiner Beerdigung.

„Nee, das meine ich nicht, das zahlt ja meine Sterbegeldversicherung, die Police haben Sie doch schon. Ich meine das andere.“

„Was anderes?“

„Das was Sie Frau Stüber auch angeboten haben. Mir können Sie auch so helfen!“

„Ich habe Frau Stüber bei nichts geholfen.“

„Doch! Die Tochter meinte das zu mir.“

„Was meinte die?“

„Die meinte, ihrer Mutter habe jemand beim Sterben geholfen. Da sei jemand da gewesen, der es auf ihren Wunsch zu Ende gebracht hat, wegen der Schmerzen.“

In dem Moment fiel es mir wirklich wie Schuppen von den Augen. Der Mann glaubte tatsächlich, ich hätte nebenbei noch einen ambulanten Sterbehilfedienst …

„Nein, um Himmels Willen, da habe ich nichts mit zu tun! Ich habe Frau Stüber nur zweimal gesehen, einmal als sie die Vorsorge abschloss und einmal als sie tot im Sarg lag. Wie sie gestorben ist, das weiß ich nicht, aber meines Wissens war es ein natürlicher Tod.“

„Natürlicher Tod! Daß ich nicht lache! Am Ende kriegst Du soviel Morphium, da fällt das überhaupt nicht auf, wenn Du mal einen Schuß extra kriegst, der Dich ins Jenseits befördert.“

„Ja aber, ich habe kein Morphium und ich kann Ihnen wirklich nicht helfen!“

Herr Dörrer wurde wütend, er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dann fluchte er und schließlich übermannte ihn wieder der Schmerz. Als er sich wieder aus der gekrümmten Haltung erhob, weinte er: „Wirklich? Haben Sie wirklich nichts für mich?“

„Nein, bei mir sind Sie an der falschen Adresse.“

Er versuchte noch etwas anderes: „Und sie kennen keinen, der sowas macht?“ Bei diesen Worten griff er hinter sich und hielt plötzlich mehrere Hunderteuroscheine in der Hand. „Überlegen Sie doch mal. Fällt Ihnen jetzt jemand ein?“

Ich kannte wirklich niemanden, der ihm in der gewünschten Weise behilflich sein konnte und er tat mir auch aufrichtig leid.
Was sagt man in so einem Moment? Daß das Leben doch noch so viel Schönes für einen hat und daß man doch nicht aus dem Leben scheiden sollte?
Der Mann würde vermutlich entweder unter elendigen Schmerzen krepieren oder im Dämmerzustand nichts mehr mitbekommen und dahingehen …

„Nein, ich kenne niemanden, der Ihnen dabei helfen kann, aber ich kenne jemanden, mit dem Sie reden können“, sagte ich und zückte mein Mobiltelefon.

„Wie jetzt, reden?“

„Ja, jemand, der sich Ihre Geschichte anhört und der Ihnen auch das Passende sagen kann.“

„Der mir aber nicht bei meinem Vorhaben hilft…?“

„Genau.“

„Ach, geh’n se weg! So ein Sozialfuzzi?“

„Nein, Herr Vöckelrath.“

„Wer oder was bitteschön ist ein Herr Vöckelrath?“

„Das ist eben der Herr Vöckelrath.“

Ich sagte dem Mann nicht, daß Herr Vöckelrath ein pensionierter evangelischer Pastor war, sondern ich ließ das einfach so im Raum stehen.

„Nee, will ich nicht. Ich will, daß Sie mir dabei helfen, schnell Schluß zu machen.“

„Kann ich nicht, mach ich auch nicht. Aber vor meinem Besuch war ihre Bestattung nicht geregelt und dafür bin ich gekommen und das haben wir gut auf die Reihe gekriegt. Sie wollen aber mehr, Sie wollen von mir etwas Unerfüllbares. Ich hingegen biete Ihnen ein Gespräch mit Herrn Vöckelrath. Es liegt ganz an Ihnen, was Sie von meinem Besuch übrig behalten, wenn ich nachher gegangen bin. Das kann nur ein Bestattungsvertrag sein, das kann aber auch zusätzlich noch Herr Vöckelrath sein. Eine Hilfe beim Umbringen, nein, die bekommen sie weder von mir, noch von dem. Aber wenn Sie ablehnen, haben sie nicht einmal das Gespräch mit ihm. Überlegen Sie es sich!“

Er seufzte, dann nickte er und meinte: „Dann rufen Sie den halt an. Schaden kann es ja nix.“

Zwei Monate später war Herr Dörrer tot. Gestorben auf der Palliativstation eines Krankenhauses. Pastor Vöckelrath war bis zuletzt an seinem Bett. „Natürlich hat der Schmerzen gehabt. Aber ich glaube, man hat es ihm so erträglich wie möglich gemacht und bis auf die letzten drei, vier Stunden war er die ganze Zeit ansprechbar und keineswegs weggedämmert.“

Geht doch! Auch ohne die spezielle Hilfe, die Herr Dörrer gerne gehabt hätte und die ich ihm nicht geben konnte.

Ich habe noch einmal mit der Tochter von Frau Stüber telefoniert. „Um Gottes Willen! Das habe ich so dem Herrn Dörrer nie gesagt! Ich habe gesagt, daß ich nur meine, daß jemand ihr irgendwie geholfen hat. Und auf die Frage nach einem guten Bestatter habe ich Sie weiterempfohlen. Irgendwie muß er das in einen Zusammenhang gebracht haben, den ich so nicht hergestellt habe.“

Egal.

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  • Veröffentlicht am: 8. Juli 2014
  • 9 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten, Menschen

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

9 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. schön, dass es noch eine andere Lösung gab

    und ein großes Kompliment an Herr Vöckelrath (bitte weiterleiten, er kennt den Blog ja wahrscheinlich nicht)

  2. oh Tom, das sind Momente, die sich niemand wünscht. Du hast das jedoch m.E. so gut „gelöst“, wie es Deine bescheidene Macht zulässt.
    Palliativstationen und Hospize sind Einichtungen, die viel zu wenig gewürdigt, geschweige denn gefördert, werden.
    Danke!
    Liebe Grüsse
    Hajo

  3. Manchmal finde ich das schweizer Modell auch nicht verkehrt…

  4. Also ich finde auch, es sollte einem selbst überlassen werden wie man und vor allem wann man gehen möchte…sowas finde ich einfach schrecklich, mir persönlich macht die Vorstellung evtl. an Krebs oder dergleichen dahin zu siechen unfassbare Angst… und das ist doch auch net das wahre.

    Aber du hast gut reagiert..mit sowas rechnet man ja eher nicht…

    Lg

  5. Die Medizin hat wahnsinnige Fortschritte gemacht, die Ethik hinkt noch ordentlich nach und es scheint auch kein Interesse zu bestehen, dies zu ändern. Wo früher jemand gestorben wäre, wird er heute fast zwangsmäßig und egal wie, am Leben gehalten.

    • Das kommt auf verschiedene Faktoren an. Sehr hilfreichist es, eine Patientenverfügung und/oder eine Vorsorgevollmacht verfasst zu haben.
      Wenn ohne so etwas Angehöriger A möchte, dass alles Lebenserhaltende eingesetzt wird, und Angehöriger B möchte, dass nur noch Schmerzen gelindert werden… als Arzt würde ich aus juristischen Überlegungen heraus dem Angehörigen A folgen.

      Mein Vater hatte eine Patientenverfügung. So lange er bei klarem Verstand war (bis ca. 1-2 Tage vor seinem Tod), konnte er noch selber sagen, was er möchte. Aber wir wussten wenigstens, was er sich wünscht oder nicht wünscht.

      • Blöd halt, wenn eine Patientenverfügung nicht auffindbar ist oder es sich nicht dran gehalten wird, weil ein Arzt es z. B. mit seinem Gewissen (oder anderen Gründen z. B. in meiner Schicht stirbt niemand) nicht vereinbaren kann, einem Patienten „nur“ noch die Schmerzen zu lindern bzw. mit bestimmten Behandlungsarten aufzuhören. Das ist leider Realität.

  6. Solche Ansinnen werden an mich als Krankenschwester recht häufig herangetragen. Sie sind Zeugnisse von Angst, Verzweiflung aber ganz primär weisen sie darauf hin, dass da ein Mensch von seinem Arzt alleine gelassen wird. Es gibt heute Methoden, die ein würdiges Sterben gut ermöglichen. Leider werden diese den Menschen einfach nicht angeboten. Beispielsweise wissen viel zu wenige Patienten dass es möglich ist, eine Periduralanästhesie (PDA) zur Schmerztherapie zu legen, so dass die Schmerzausschaltung fast komplett ist. (Die PDA dient auch zur Schmerzausschaltung bei Operationen, wenn keine Vollnarkose gewünscht ist oder, erfreulicher, um Babys schmerzarm zur Welt zu bringen). Möglich ist es auch, gezielt einzelne Spinalnerven auszuschalten.
    Übrigens ist es auch hier und heute erlaubt zur effektiven Schmerzbekämpfung so hohe Morphindosen zu verabreichen, dass eine Verkürzung des Lebens quasi als Nebenwirkung in Kauf genommen wird. Natürlich gibt es dazu einige „Spielregeln“ an die sich der behandelnde Arzt in solchen Fällen halten muss, aber möglich ist das durchaus.
    Ich wünsche euch noch einen schönen Tag.

    P.S.: Schade dass ich diese Seite erst vor wenigen Wochen entdeckt habe…

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