Bücher

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So, die letzten Bücher, die ich mit Widmung (oder ohne) zu versenden hatte, sind nun endlich raus.
Das hat sich verzögert; und zwar genau deshalb:

Ich habe meine Tochter mit einem Stapel zur Post geschickt. Das liebe, brave und stets zu elterlichen Besorgungen bereite Maderl quittierte die lieb vorgetragene Bitte mit einer Art gutturalem Grunzen und merkelgleich herabgezogenen Mundwinkeln. Ich glaube, das soll bedeuten: „Ja, liebes Väterlein, ich will das wohl gerne für Dich tun. Du kleidest, nährst und behütest mich, so will ich Dir eine gute Tochter sein und Deinen Wunsch mit Freude erfüllen.“

Nur scheitert die sofortige Umsetzung dieser Wunscherfüllung daran, daß das Mädchen zu faul zum Laufen war (woraus ich ihr als Laufverweigerer keinen Vorwurf konstruiere). Deshalb hat sie sich von ihrem Bruder mit dem Auto fahren lassen.
Da aber unser Post“amt“ nur vierzig Meter von hier weg ist, lohnt sich natürlich die Fahrt mit dem Auto dorthin nicht. Also nimmt man sich vor, auf dem Weg gleich noch beim amerikanischen Frikadellenbräter irgendwelche MacDingsbums zu kaufen und vergißt ob der leckeren Käsewanzen die liebevoll eingepackten Bücher auf dem Rücksitz.
(Korrektur: Das ist ein Smart, die Bücher wurden da vergessen, wo sich bei richtigen Autos der Rücksitz befände.)

Erst als Hänsel und Gretel wieder Hand in Hand vor der elterlichen Haustüre stehen, fällt ihnen der eigentliche Zweck ihres Aufbruchs in die große weite Welt ein. Da war doch noch was?

Ja, nee, jetzt eben die dreißig Meter zum nahe gelegenen Post“amt“ zu gehen, wäre ja doof, man ist müde, faul und übermäßig gesättigt, es stellt sich schon die durch Hamburger verursachte Freßnarkose ein.
So setzt man sich wieder ins autoähnliche Winz-Gefährt und fährt in den Nachbarort, dort gibt es eine Post und einen ALDI, da kann man dann auf der Post die Büchersendungen aufgeben und bei ALDI noch Süßigkeiten kaufen.
Brave Kinder! Sie haben die Bücher also nicht vergessen.

Nur ist halt leider der Etat von pubertären Abkömmlingen der Mittelschicht begrenzt, sodaß irgendwann während der Süßigkeitentransaktion das väterliche Bücherversandgeld quasi als ungefragtes Darlehen herhalten mußte.

Erschrocken ob der galoppierenden Inflation sahen sie das Geld in ihren Händen schrumpfen und mit einem unisono ausgestoßenen Fluch auf die Weltbank und die Großkonzerne begaben sich die Halbwüchsigen erst einmal wieder auf den Heimweg.
„Oh liebes Mütterlein! Nur Du kannst uns aus dieser schrecklichen Lage befreien. Gäbest Du uns nicht noch einmal etwas von dem hier bei Euch Eltern doch im unendlichen Überfluss vorhandenen Mammon, so müßten wir dem Vater unsere Schande eingestehen, daß wir seinen uns anvertrauten monetären Schatz leichtfertig in Leckereien umgesetzt haben. Oh, lieb‘ Mütterlein, so helfe uns doch aus der Schmach!“

Sie fügten noch hinzu: „Sag‘ aber dem Papa nix!“ und schon begaben sie sich wieder auf den Weg, um den Auftrag ihres Ernährers und Beschützers zu erfüllen.

Nun endlich hatte die Vernunft obsiegt und müde der langen Wege zu irgendwelchen Poststationen begaben sich die rundum gesättigten Kinder nun doch auf den fußläufig zu bewältigenden Weg zum nahe gelegenen Post“amt“.
Doch siehe da, die nur auf ihren eigenen Vorteil und den schnellen Feierabend bedachte Postfrau hatte ihren, um eine Posttheke erweiterten, Krämerladen schon zugesperrt. O weh! O Graus!

„Des Vaters Zorn wird uns sicher sein! Sein Geld verprasst, seinen Auftrag nicht erfüllt! Werden wir wieder nach Hause zurückkehren können; und was wird uns dort erwarten? Sollen wir nicht gleich in den Wald gehen und ein Lebkuchenhaus anknabbern?“ dachten die beiden.

Aber nein! Es gibt ja noch die Postfiliale in einem anderen Nachbarort und die hat eine halbe Stunde länger auf. Also auf, hin zu dieser letzten Lösung des Problems.
Wieder nahmen die Kinder das autoähnliche Wägelchen, fuhren die ganzen drei Kilometer und tatsächlich, sie trafen dort auf eine freundliche Dicke, die bereit war, die Umschläge noch anzunehmen.

Mit der Quittung in der Hand kamen die Kinder dann freudestrahlend zu mir: „Papa, Auftrag sogleich erledigt. Siehste, auf uns kannste Dich verlassen!“

Brave Geschöpfe das!

Es verging ein Tag und in meinem Briefkasten fand ich einen Umschlag, der eine Kurznachricht enthielt. „Lieber Herr Wilhelm, bei den von Ihnen eingelieferten Postsendungen befanden sich zwei Umschläge, die ins europäische Ausland gingen. Das Mehrporto von 4 Euro haben wir verauslagt und bitten Sie, das Geld demnächst mal vorbei zu bringen. Mit freundlichen Grüßen“

Das ist aber nett, befand ich und rief die nette Postfrau im Nachbarort gleich voll des Dankes an. Ich käme ja nun nicht unbedingt so oft des Weges, ob es auch reiche, wenn ich sagen wir in 14 Tagen käme, da hätte ich ganz in der Nähe zu tun. Ja sicher, das sei doch kein Problem.

So, diese 14 Tage waren am Samstag vorüber, ich erledigte, was ich zu erledigen hatte und ging dann mit den ausstehenden 4 Euro in der Hand zu der netten Postfrau.
Und was sehe ich?
In der Ecke, auf einer Theke im Hintergrund liegen alle meine Umschläge schön gestapelt und schon leicht angestaubt.

Ja, jetzt wo das restliche Geld da sei, könne man den Postverwaltungsakt endlich abschließen und die Sachen in den Versand geben…

Ist doch nett, wie sich alle so fürsorglich um die rasche Erledigung meiner Aufträge kümmern, oder?

Bild: unter Verw. eines Bildes von: Claudia Heck / pix elio.de

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 10. Dezember 2013
  • 11 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

11 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Wie heißt es so schön: Wenn man will das etwas sofort und gründlich erledigt wird, muss man es selbst machen :-)

  2. Das darf ich leider nicht. Die gemeine Krämersfrau bietet in ihrem Laden elektronisches Gerät wohlfeil. Kleine, schöne Apparate, in die man Batterien hineintun kann, die Knöpfchen haben und schöne leuchtende Lämpchen. Singende Taschenrechner, Armbanduhren mit echtem Kuckuck, Klobrillen mit MP3-Player und dieserlei überaus nützlichem Zeug.
    Meine Allerliebste hat mir unter Androhung der Todesstrafe verboten, diesen Laden zu betreten.

    • Klobrille mit MP3-Player??? HABEN WILL!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

      „Meine Allerliebste hat mir unter Androhung der Todesstrafe verboten, diesen Laden zu betreten.“

      Dank Gleichberechtigung darf sie dann halt unter Androhung der gleichen Strafe kein Schuhgeschäft mehr betreten :)

  3. Danke für die perfekte Darstellung von Teenagerverhalten. Da fühlt man sich doch gleich nicht mehr so alleine in seinem „Frust“ :)
    Ansonsten schließe ich mich meinem Vorschreiber an… am besten selbst erledigen!

  4. Coole Geschichte. Andere Onlineversender machen oft nichteinmal den Versuch, Lieferverzug schönzureden.

  5. ??? Irgendwie verstehe ich das Problem nicht, geht es denn auch anders als so schön beschrieben??? ;-)
    Solch‘ schnöde Bande kann sogar mindestens ein Dutzend mal über den fertig verschnürten, gelben Sack stolpern, kommt aber nicht einmal auf die Idee das Säckchen zu seinen Kollegen in den Container zu stellen. Auch wenn der Weg ohnehin an diesem vorbei führt. :-(
    Gibt es hier Glückliche wo das anders ist???

  6. Ihr bringt Euch doch um dem Spaß, wenn ihr es selber macht. ;-)

    Zugegeben, ich liebe diese Schnuten, dieses genervte Seufzen, das Augenrollen und was sie sonst noch an nonverbale „kein Bock, nerv nicht“ Signalen senden können. Die Pubertiere nehmen ja auch gleich ein großes Bündel davon und man kriegt es in einem ruck vorgeknallt. Und manchmal wirkt es, ich mache manche Dinge auch, weil man einfach zu schwach ist.

    Diese Diskussionen nerven mich ja mehr, es fängt an mit der Frage:
    „Warum soll ich das machen?!“ Da kriege ich ja schon das Grausen wie Fufu….

  7. Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein und solch wichtige Unterfangen zukünftig selber erledigen.

    Bad Bellingen ist wirklich schön geschmückt zur Weihnachtszeit (Bild) :-)

  8. Zur Adoption freigeben wäre in diesem Fall doch wohl auch eine denkbare Alternative zur kurz bevorstehenden Enterbung, oder?!

    • Militärakademie währe auch eine Möglichkeit die Bälger zu maßregeln.

  9. Zur Adoption freigeben wäre in Peters Fall gleichbedeutend mit „ans Rüsselschwein ausliefern“. Das liesse sein Vaterherz dann wohl doch nicht zu…

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