Mai
12
Die Fee der Nacht -23-
Kommissar Klaus Petermann saß in der Hocke am Teich im Garten der Villa Brockhagen. Es hatte ihn an den Schauplatz des Verbrechens zurück getrieben. Angeblich soll das ja so mit dem Täter sein, so behaupten es zumindest die Krimiautoren immer wieder. Petermann wußte es besser. Abgesehen von Pyromanen, die eine Freude daran haben, das von ihnen angesteckte brennende Objekt niederbrennen zu sehen oder die sogar sexuelle Erfüllung erfahren, wenn sie der Feuerwehr dann bei der Arbeit zuschauen können, laufen die meisten Täter einfach weg und tun alles andere, aber kehren nicht an den Tatort zurück.
Nur Ermittler, die müssen da immer wieder hin. Petermann war an diesen Ort zurück gekehrt, weil er die Atmosphäre der Villa auf sich wirken lassen wollte. Unten an der Straße saßen zwei Kollegen im Dienstwagen und warteten auf ihn. Er brauchte Ruhe um seine Gedanken sortieren zu können.
Mai
12
Die Fee der Nacht -22-
Eine halbe Stunde nachdem Petermann telefonisch erfahren hatte, daß Natalie Brockhagen die Schwester des Getöteten war, stand der Kriminalhauptkommissar im Büro des leitenden Oberstaatsanwaltes.
Eine ganze Weile war Petermann aufgeregt vor dem Oberstaatsanwalt hin und her gelaufen und hatte sich bemühen müssen, nicht laut zu werden. Jetzt saß der Leitende, wie Petermann ihn nannte, da und studierte die Unterlagen, die Petermann ihm vorgelegt hatte.
Petermann stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen am Fenster und schaute hinaus. Unbewegt und die Ruhe selbst, hätte man meinen können, doch seine Finger tanzten hinter seinem Rücken einen nervösen, ungeduldigen Tanz.
Mai
12
Die Fee der Nacht -21-
Innerhalb von Minuten wimmelte der gesamte Flur der Villa Brockhagen von Polizisten.
Die sich heftig wehrende Frau von der Tratow hatte noch drei weitere, fertig aufgezogene Spritzen in der Jackentasche, verweigerte aber jede Aussage darüber, um was für ein Präparat es sich handelte.
Die Plastikkappen über den Kanülen waren nur leicht aufgesteckt, so genügte ein geschickter Druck mit dem Daumen, um sie wegspringen zu lassen.
Natalie lag weiter regungslos da, keiner der Anwesenden konnte sagen, ob sie noch lebte oder nicht. Ein Puls war nicht mehr zu tasten und Petermann wurde fast verrückt, weil es ihm so lange vorkam, bis der Notarzt eintraf.
Während Frau von der Tratow Handschellen angelegt bekam, wozu drei kräftige Beamte nötig waren, kam endlich der Notarzt in seiner rotweißen Leuchtuniform, begleitet von zwei ebenso gekleideten Rettungsassistenten.
Mai
12
Die Fee der Nacht -20-
Petermann wurde die Luft im Keller zu dick, allmählich kroch seine Klaustrophobie in ihm hoch und begann seinen Hals zu zu schnüren.
"Ich geh mal an die frische Luft", sagte er zu seinen Kollegen, die inzwischen die Phase des Staunens überwunden hatten und damit begonnen hatten, etliche silberne Koffer aufzuklappen und jedes Detail im Keller ausführlich zu untersuchen.
Das letzte Stück im engeren Gang war für Petermann das schlimmste Stück, weil hinter ihm zwei Kollegen drängten und ihm von vorn weitere inzwischen eingetroffene Spurensicherer entgegenkamen.
Plötzlich fühlte er sich eingesperrt und schlagartig blieb ihm die Luft weg.
Ziemlich rabiat bahnte er sich seinen Weg und es ging ihm erst wieder besser, als er aus dem Keller raus und durch die Halle ins Freie gelaufen war.
Kurzzeitig wurde es ihm schwarz vor Augen und sein Atem ging stoßweise. An die Hauswand gelehnt, saugte er die kühle Vormittagsluft in seine Lungen und merkte, wie es ihm langsam wieder besser ging und sein Kreislauf sich wieder beruhigte.
Mai
12
Die Fee der Nacht -19-
Hinter dem Regal befand sich kein kleiner Raum, wie Petermann und seine Kollegen es ursprünglich erwartet hatten, sondern nur ein betonierter Gang. Man konnte etwa 90 cm tief in den etwa 1,80 Meter hohen Gang hinein blicken, dann bog er scharf nach rechts ab.
"Ach, du Scheiße", sagte Petermann zum wiederholten Male und seine Kollegen glaubten, er sagte dies, weil er eine so unglaubliche Entdeckung gemacht hatte. In Wirklichkeit litt Klaus Petermann unter Platzangst. Solche Gänge verursachten in ihm Beklemmungsgefühle, seine Atmung wurde stoßartig und ihm trat Schweiß auf die Stirn.
Petermann schluckte, griff die Lampe etwas fester und gab sich selbst einen Ruck: "Los, Jungs, wir gehen da jetzt rein, aber haltet mal ordentlich Abstand. oder noch besser, ihr wartet und ich rufe Euch dann!"
Die Kollegen nickten und das beruhigte den Kommissar. Wenn keiner hinter ihm war, dann versperrte ihm auch keiner den Rückweg zum Ausgang, falls er doch zu starke Beklemmungen bekommen würde.
Mai
12
Die Fee der Nacht -18-
Würdevoll geleitete Minister a.D. Brockhagen seine Gattin durch die Trauerhalle zu den reservierten Plätzen in der ersten Reihe. Sandy hatte sich bei der Dekoration von Sarg und Trauerhalle selbst übertroffen und man kann sicher sagen, daß die etwa 90 Personen, die gekommen waren, eine wirklich schöne und ergreifende Trauerfeier erlebten.
Während ein Onkel des Verstorbenen mit feierlichem Schritt ans Rednerpult trat, ging es in der Villa Brockhagen zur Sache.
Mai
12
Die Fee der Nacht -17-
Die Idee gefiel mir gar nicht und ich erwischte Petermanns Jackenärmel und hielt ihn fest.
"Find ich scheiße", sagte ich und er drehte sich mit offenstehendem Mund um. So etwas war ihm wohl noch nicht untergekommen, daß sich ein Bürger und Zeuge in dieser Art einmischte.
"Das ist ganz normale Polizeiarbeit. Wenn wir vor Ort durch normale Befragungen nicht weiter kommen, dann holen wir gerne mal jemanden zu uns ins Präsidium. Das erhöht doch gleich den Druck und dieser unbekannte Polizeiapparat mit seiner ungeheuren Geschäftigkeit sorgt schon dafür, daß der eine oder andere Vogel singt."
Ich zog Petermann wieder herein und sagte: "Das ist mir schon alles klar. Ich will mich ja auch nicht einmischen, aber Sie haben mich jetzt schon ein paar Mal ins Vertrauen gezogen und wir haben so ausführlich über Natalie gesprochen, daß ich finde, ich dürfe auch meine Meinung dazu sagen."
Mai
12
Die Fee der Nacht -16-
Im Bestattungshaus ging alles seinen ganz normalen Weg. Nachdem wir die Freigabe von der Staatsanwaltschaft bekommen hatten, konnten wir Roland Brockhagen ganz normal behandeln, so wie jeden anderen Verstorbenen auch.
Okay, an eine offene Aufbahrung war nicht zu denken, hier wäre eine Rekonstruktion des Gesichtes nur mit unglaublichem Aufwand möglich gewesen, aber das stand auch gar nicht zur Diskussion.
Von Seiten der Eltern war nicht der Wunsch geäußert worden, noch einmal am offenen Sarg Abschied zu nehmen und das war auch gut so.
Ich muß gestehen, daß das alltägliche Einerlei und einige weitere Sterbefälle, in denen mich die Angehörigen sehr beanspruchten, dafür sorgten, daß Natalie allmählich aus meinen Gedanken verschwand.
Manni und ich sind ganz normale Leute, die nur am Rande etwas von der Polizeiarbeit und den Dramen rund um die Sterbefälle mitbekommen und für uns war diese Geschichte in der Villa Brockhagen etwas Besonderes und Aufregendes gewesen.
Mai
12
Die Fee der Nacht -15-
Inzwischen hatte es zu dämmern begonnen und Petermann fand die Villa Brockhagen völlig dunkel vor. Nur hinter einem Fenster im Obergeschoss schien Licht zu brennen und das gab ihm die Hoffnung, daß sich dort vielleicht Natalie Brockhagen alleine aufhielt.
Er klingelte und es dauerte eine ganze Weile, bis er sah, daß in der Villa mehr Licht aufflammte und es in der Sprechanlage knackte. Es meldete sich aber niemand. Petermann sagte nur: "Kriminalpolizei."
Es knackte wieder in der Sprechanlage, dann war es für bestimmt zwei Minuten totenstill. Gerade wollte er wieder auf den Klingelknopf drücken, da machte es am Tor ein klackendes Geräusch und es öffnete sich surrend.
Oben an der Treppe der Villa stand Natalie Brockhagen.
Mai
12
Die Fee der Nacht -14-
Klaus Petermann fuhr zu Connys Currybude und holte sich eine doppelte Portion der seiner Meinung nach besten Currywurst der Welt und eine Flasche Bier.
Er trank sonst nur selten Bier, aber an diesem Tag war ihm es ihm danach, die Kombination Currywurst mit Bier an einem von Connys Stehtischen einzunehmen.
Ein Pennbruder quatschte ihn wegen etwas Kleingeld für 'ne kleine Mahlzeit an und Petermann kramte einen Fünfeuroschein aus der Jackentasche. Dadurch fühlte der Wohnsitzlose sich dazu verpflichtet den Kriminalhauptkommissar zu bespaßen und stellte sich mit der Flasche Bier, die er sofort von dem Geld gekauft hatte, neben Petermann und stank dem Polizisten die Nase voll.
Doch Petermann ließ den alten Mann gewähren und hörte sich sein Geplapper über Lottogewinne, Fußballergebnisse und die neuesten Schlagzeilen aus der BILD-Zeitung geduldig an.
Er war kein Menschenfreund und hielt sich im Großen und Ganzen lieber von allen anderen fern. Aber manchmal suchte er ganz bewußt den Kontakt zu anderen Menschen, um sich selbst wieder auf den Boden herunter zu holen.
Mai
12
Die Fee der Nacht -13-
Auch ich hatte an diesem Tag mit den Brockhagens zu tun, allerdings eher mit dem toten Teil der Familie.
Wir hatten den Verstorbenen Roland Brockhagen inzwischen aus der Rechtsmedizin wieder abgeholt und Sandy hatte bei der Staatsanwaltschaft die Freigabe zur Bestattung geholt.
Durch die Obduktion war Roland Brockhagen nicht gerade schöner geworden, aber in diesem Fall spielte das überhaupt keine Rolle.
Mai
12
Die Fee der Nacht -12-
Aus dem Handschuhfach kramte der Kriminalhauptkommissar eine verdrückte Packung hervor und musste sie ganz aufreißen, alles darin war lange schon zu Krümeln zerdrückt worden. Einen dieser Krümel nahm er heraus und hob ihn hinter der Windschutzscheibe hoch: "Siehste Ignaz, ich habe Kekse! Also Prost, alter Knabe!"
Dann schob er sich das Gebäckfragment in den Mund, startete den Wagen und fuhr los.
Die alten Brockhagens wohnten 30 Kilometer entfernt und genau zu denen wollte er. Während der Fahrt mußte Petermann über die Szene in der Villa Brockmann nachdenken und schmunzelte. "Kekse?" sagte er zu sich selbst, lachte und schüttelte über den eigenen Blödsinn den Kopf.
Doch in all den Jahren hatte er die Erfahrung gemacht, daß sich die Tatbeteiligten meistens ganz genau ihre Geschichten zurecht gelegt haben und es immer eine gute Idee war, sie durch absoluten Nonsens aus der Bahn zu werfen. Sie hatten sich alle möglichen Fragen überlegt und zu jeder Frage eine für sie perfekte Antwort ausgedacht. Wenn man dann fragte, ob sie einen Ameisenbären haben oder nachts nackt auf Friedhöfen tanzen, gerieten viele so aus dem Konzept, daß man dann gut nachhaken konnte.
Mai
12
Die Fee der Nacht -11-
Das Wetter an diesem Tag sollte schön werden und das ganze Radio-Pompadur-Land habe gute Laune...
Weiter kam der übertrieben fröhliche Sprecher nicht, da hatte Klaus Petermann das Radio in seinem Dienstwagen schon wieder abgeschaltet. Wenn er etwas haßte, dann waren es die Gute-Laune-Typen, die ihm erklärtermaßen seinen Morgen verschönern wollten.
Petermann war kein Morgenmuffel, im Gegenteil, er war eher ein Frühaufsteher, aber er startete eigentlich jeden Morgen etwas missmutig in den Tag, was sich erst legte, wenn er mindestens eine halbe Kanne Kaffee und so wenigstens vier Zigaretten konsumiert hatte.
Mai
12
Die Fee der Nacht -10-
Dieser Kommissar, das muß ich sagen, war mir sympathisch. Wir hatten an dem Abend noch eine Weile zusammengesessen, geraucht und Kaffee getrunken. Viel geredet haben wir nicht mehr, der Mann ging in seinen Gedanken offenbar den Fall noch einmal durch und auch mich ließ der Gedanke nicht mehr los, daß diese schöne Fee der Nacht eine Mörderin sein sollte.
Aber immerhin hatte sie mich fast schon angefleht, ich solle ihre Version von der Sache mit dem Gewehr bestätigen.
Petermann, das hatte ich im Gefühl, würde nicht am anderen Morgen mit gezückten Handschellen bei der Frau klingeln und dann den Fall anhand von Indizien abwickeln und zur Anklage bringen.
Natalie wohnte in einem der schönsten Häuser, das ich je gesehen hatte und es war ja ganz eindeutig, daß es ihr auch finanziell nicht schlecht ging. So etwas wirft man ja nicht einfach so weg, um es dann gegen eine Zelle in einem Gefängnis einzutauschen.
Und wenn es so war, wie der Kommissar gesagt hatte, eine ungeplante Tat im Affekt?
Wenn man einen Menschen nur lange genug reizt... Zu was ist man dann alles fähig?
Mai
12
Die Fee der Nacht -9-
Jetzt saß Kommissar Klaus Petermann beim Bestatter und starrte in die Kaffeetasse die der ihm gebracht hatte und musterte den Mann.
Der Bestatter war etwas größer als er und deutlich schwerer. Er strahlte Gemütlichkeit aus und seine wachen Augen sprühten vor Neugier, Witz und Intelligenz. Das erkannte der altgediente Kriminalist mit nur einem Blick.
"Was halten Sie denn von der ganzen Sache?" fragte er den Bestatter und der legte die Stirn in Falten und zuckte langsam mit den Achseln und sagte: "Keine Ahnung."
"Wie? Keine Ahnung? Sie waren doch gerade bei Frau Brockhagen und haben eine Stunde mit ihr gesprochen. Um was ging es da?"
"Um die Bestattung. Die Eltern des Verstorbenen haben uns den Auftrag erteilt, ihren Sohn zu bestatten und ich war heute Nachmittag schon mal bei Natal... äh, bei Frau Brockhagen aber da ging es ihr nicht gut. Sie hat mich dann gegen 21 Uhr angerufen und zu einem Gespräch in die Villa gebeten. Dort haben wir dann wegen der Bestattung alles besprochen."
©2012 Bestatter-Weblog
Layout © von Michael Kaiser u. Tom, Undertaker-Image © by Mike Worley.
Administration Tiggerswelt auf Servern von MANITU
Powered by Europa-Host.
Anmelden
Template Version: Emperor 2.0 -9/11-Release


ältere Beiträge

Kommentare
Ich warte übrigens noch auf.
Oh, es wird immer spannender.
@Lowlander: Linda Hunt? Wä.
TOM: es ist 17:46 und ich ha.
@Helmut (29): Google Transl.
@tante pffffft, ich wills a.
@Tom: Seriously? Für Roland.
Aber nicht dass dann der Kof.