Mär.
10
Die Kuckucksuhr -VI-
Es ist wirklich kaum auszuhalten. Man wundert sich ja manchmal, wie schnell Gerüchte sich verbreiten.
Wie eine metastasierende Krebsgeschwulst bilden sie eigenständige Absiedlungen, kleine lokale Tochtergerüchte, die weitergesponnen werden, zu denen etwas hinzugedichtet wird und die auf ganz eigentümliche Art ein sonderbares Eigenleben führen.
Am südlichen Ende der Hauptstraße, dort wo die Gemüsefrau ihren Laden hat, hält sich noch hartnäckig die Schuhgeschichte. "Man stelle sich vor, aber das sage ich nur unter dem Schwiegel der Versiegenheit, da hat doch der Bestatter die Schuhe für sich behalten wollen, statt sie dem Toten anzuziehen."
So ungefähr 800 bis 805 Meter weiter, also ziemlich in der Mitte der Hauptstraße, heißt es, wir hätten ein paar Schuhe aus dem Schuhsammelcontainer einer Wohlfahrtsorganisation herausgefischt und dem Toten gegen seinen Willen appliziert.
Mär.
10
Die Kuckucksuhr -V-
Nein, Frau Mandel fühlt sich kein bißchen ausgenommen. Sie ist ja sowas von begeistert von Frau Birnbaumer-Nüsselschweif. Die habe ihr sogar beim Aufräumen ihres Medizinschränkchens geholfen und ihr eine neue Wachstuchtischdecke aus der Stadt mitgebracht. "Was diese Frau alles für mich tut, die hat auch immer ein Viertelstündchen Zeit für mich, so etwas tut uns alten Leuten ganz gut."
Wir sitzen gemeinsam über Kontoauszügen, um aus den Abbuchungen der vergangenen Monate herauszulesen, was sonst noch so alles abgebucht wird und was wir noch abmelden können, weil Frau Mandel das jetzt nach dem Tode ihres Gatten nicht mehr braucht.
Es ist bei ihr wie bei vielen alten Leuten, sie läßt mich mein Programm nicht durchziehen, sondern zerlegt es gekonnt in kleine Teileinheiten, nur damit ich oft wiederkommen muß und sie wieder jemanden zum Quatschen hat.
Ursprünglich wollte ich an diesem Tag das mit den Kontoauszügen erledigen und die Sache mit dem Grabstein erledigen, doch die Grabsteinangelegenheit hat Frau Mandel gleich auf einen nächsten Besuch vertagt, da sei sie heute nicht dazu in der Lage.
Mär.
10
Die Kuckucksuhr -IV-
Am nächsten Tag wußte es sogar und ausgerechnet auch schon die Gemüsefrau. Die ist ja bekanntlich nicht besonders gut auf die Birnbaumer-Nüsselschweif zu sprechen, denn während ihrer vegetarischen Phase war die Birnbaumer täglicher Besucher im Gemüsegeschäft und hatte sich vor allem dadurch ausgezeichnet, daß sie alle Waren anfingern und dann doch nicht kaufen wollte.
"Ich brauche zwei halbe Zwiebeln und 50 Gramm Petersilie", hatte sie einmal bestellt und die Gemüsefrau legte ihr eine Zwiebel hin: "Darf's auch 'ne ganze Zwiebel sein?"
"Nein, im Rezept steht, ich soll zwei halbe nehmen - und 50 Gramm Petersilie."
"Da!" sagte die Gemüsefrau und ihr allgegenwärtig, griffbereites Pittermesser sauste surrend durch die Luft und zerteilte quasi in einem Harakiri-Schnitt sowohl die Zwiebel in der Mitte als auch einen Bund Petersilie zu einem Viertel. "Da ham'se."
"Was kost' das jetzt?"
"Nix und wenn'se nochmal fragen dann kost' datt Siebenundvierzig-Dreichachtel Cent!"
Mär.
10
Die Kuckucksuhr -III-
Die Birnbaumer-Nüsselschweif war gründlich. Sie hat nicht nur die Kleidung des Verstorbenen bei dessen Witwe abgeholt, sondern sie hat der alten Dame auch noch die Kuckucksuhr abgeschwatzt. Ein heller Fleck an der Wand des Flurs kündet davon, daß der Kuckuck mitsamt Uhr ausgeflogen ist. Ich nehme ja mal an, daß die Uhr jetzt das nüsselschweifige Wohnzimmer ziert.
"Die ist ja sooo nett, die Frau Birnschweifer, sooo nett und lieb, was die alles für mich tun will, das glaubt man ja gar nicht", schwärmt die Witwe und ich erkundige mich vorsichtig, was denn genau die Birnbaumer-Nüsselschweif zu tun gedenkt.
Man weiß ja, daß der Bestatter sich um die Erledigung der Formalitäten kümmert. Dazu gehört die Meldung an die Rentenstelle, das Beantragen von Versicherungen und das Ab- oder Ummelden von Verträgen und Mitgliedschaften.
Manche älteren Leute nutzen das weidlich aus und finden immer wieder irgendeine Unterlage, die es erforderlich macht, zum wiederholten Mal beim Bestatter aufzutauchen oder ihn zu sich zu bestellen.
Das bringt etwas Abwechslung und jemanden zum Reden.
Mär.
10
Die Kuckucksuhr -II-
Die meisten Leser des Bestatterweblogs kennen ja Frau Birnbaumer-Nüsselschweif bereits, wer sie noch nicht kennt, der wird sie schon noch kennenlernen. Es genügt zunächst, Folgendes zu wissen: Die kinderlose, etwas dralle und omnipräsente Frau Birnbaumer-Nüsselschweif ist Mitglied des kirchlichen Mütterkreises, Vorsitzende der Afrika-Gruppe und Mitglied in weiteren wenigstens 20 Vereinen. Unter dem Deckmäntelchen, für jeden Hilfsbedürftigen nur das Beste zu wollen, hat die Birnbaumer allerdings nur im Auge, sich selbst als lebendig gewordener Schleimauswurf von Mutter Theresa und nachgerade als deutsche Multiinkarnation des Dalai Lama darzustellen.
Wenn irgendwo Geld für ein Jugendhaus gesammelt wird, dann helfen da ganz viele mit, in der Zeitung sieht man später nur die Birnbaumer-Nüsselschweif. Sie ist es, die morgens vor der Schule patrouilliert, um durch ihre viertelstündige Präsenz sowohl Kinderschänder, Drogendealer, als auch potentielle Amokläufer einzuschüchtern. Und sie ist es auch, die dem "Sicherheitskomitee zur Verbietung offener Flammen beim Martinsumzug" vorsteht und die gerne auch mal mit einem umgehängten Plakat vor der einzigen Raucherkneipe gegen den Nikotinmißbrauch protestiert.
Mär.
10
Kuckucksuhr - in eigener Sache-
Da kommen noch einige Teile von der Kuckucksuhren-Geschichte. So jeden Tag ein Teil, hatte ich mir vorgestellt.
Nun ist mir aber beim Abspeichern der dritte Teil schon heute rausgeflutscht und wohl auch per Feed schon rausgegangen.
Im Weblog konnte ich den wieder rausnehmen und brav für den 13.03. auf Halde legen.
Wer sich also den Spaß nicht verderben will, der ignoriere den vielleicht schon vorliegenden dritten Teil und warte erst den zweiten ab.
Mär.
10
Die Kuckucksuhr
Emma und Georg Mandel, genannt Emmel und Schorsch, waren schon seit über 50 Jahren verheiratet. Manchmal kann es passieren, daß man sich während einer so langen gemeinsamen Zeit schon alles erzählt hat und sich somit im Alter nicht mehr viel Neues zu sagen hat. Das was sie sich zu sagen hatten, das trugen sie sich gegenseitig in einer Art Kleinkindersprache vor.
"Hat denn der Schorschi fein Bubu gemacht?" fragte Frau Mandel, als ihr Mann vom täglichen Mittagsschlaf auferstanden und zu uns in die Küche gekommen war. Er antwortete: "Hattu lecker Käffchen für den Schorschi?"
Jaja, ich sag ja Maus zu meiner Alten und das ist allemal besser als würde ich die Begriffe andersherum verwenden, aber ansonsten bemühen wir uns doch um eine halbwegs vernünftige Sprache. Aber diese beiden alten Leute, deren Ehe kinderlos geblieben war, liebten es offenbar, auf ihre Weise zu kommunizieren und als Dritter im Bunde, nur zu Gast, um eine Bestattungsvorsorge niederzuschreiben, kommt man sich da schon ein bißchen komisch vor. "Hattu noch Essi-Essi oder willtu noch Stückele Kuchen?" fragt Frau Mandel ihren Mann und an mich gewandt: "Und Sie, möchten Sie auch noch ein Stück?"
Mär.
10
Zurück aus Amerika -II-
Ich war ja nicht dabei, aber ich stelle es mir vor meinem geistigen Auge so vor: Herr Avenroid tappert mit der Urne seines Vaters in einem Samsonite-Kosmetikkoffer durch die Oberurseler Taunuspampa und sucht einen "Lake", also einen See.
Es ist nicht genau bekannt, wie es an den Orten aussieht, an denen die Avenroids in Amerika gelebt haben, aber so für gewöhnlich stellt sich der Amerikaner unter einem Lake ein Gewässer von mindestens der Größe des Mittelmeeres vor. Tatsächlich ist ein Lake ein See und so ein See, das kann nach deutschem Empfinden auch schon mal ein besserer Tümpel sein.
Mehrere Tage hat Dietmar P. Avenroid im "Gasthof zum Fass" genächtigt und sich tagsüber in der Gegend auf die Suche nach dem See oder Weiher gemacht, an dessen Gestaden die berühmten Bäume stehen sollen, von denen einer ins seiner Rinde ein Herz mit Initialen eingeritzt haben soll.
Mär.
10
Zurück aus Amerika
Herrn Avenroid heißt eigentlich Avenarius. Aber eigentlich müßte ich schreiben, daß er eigentlich so hieß, denn einerseits ist Herr A. tot und andererseits hat er seinen Namen vor über vierzig Jahren ändern lassen.
In seinen Taschen trug er Papiere auf den Namen Avenroid und zu Hause in der Kommode lagen immer Papiere mit dem Namen Avenarius.
Nebenbei bemerkt finde ich ja lateinische oder lateinisierte Namen sehr schön. Irgendwie haben die für mich einen ganz besonderes Klang. Aber Herr A. fand seinen eigentlichen Namen unpassend und entschied sich für einen ähnlichen Namen, der besser auszusprechen ist. Er lebte in USA und Kanada, da geht so was.
Mär.
10
Einliegerwohnung
Das hatte sich Herr Gratewohl dann doch irgendwie ganz anders vorgestellt und weil alles so ganz anders gekommen ist, als er es erwartet hatte und weil die Umstände immer schlimmer geworden waren, ja genau deshalb schlägt er heute drei Kreuze, wie man so sagt, weil Frau Kranz gestorben ist.
Doch ich erzähle das am Besten mal von Anfang an.
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Kommentare
@5 (Bianca): Oh doch, meine.
@"2. Kürzlich hab ich im TV.
ich finds einfach nur geil. .
zu einer zünftigen Truckerb.
Tote im Theater - so was kom.
@TanteJay: Bei uns gibt es d.
ganz nett aber ich möchts n.
was hat die gesucht?