Dez
11
Das Arschloch
Als Herrn Warneckes Frau vor etwa 12 Jahren gestorben ist, habe ich ihn das letzte Mal gesprochen. Seitdem habe ich ihn nur hin und wieder mal von weitem gesehen und wenn ich ganz ehrlich bin, dann bin ich darüber auch ganz froh.
Schon als Kunde unseres Bestattungshauses hatte sich Ferdinand Warnecke eher als schwieriger Kunde gezeigt, der an allem etwas herumzumäkeln hatte und hinterher auch immer an den Rechnungen etwas auszusetzen hatte und uns monatelang auf die Bezahlung warten ließ.
Immer? Ja, immer. Denn mit dem Tod seiner Frau hatte Herr Warnecke innerhalb von zwei Jahren den fünften Sterbefall über uns abgewickelt. Das ist sehr viel, wenn man bedenkt, daß im Durchschnitt normalerweise immer etwa zehn Jahre vergehen, bis man wieder einen Angehörigen zu Grabe tragen muss.
Erst waren es seine Eltern gewesen, die in recht hohem Alter beide an Krebs gestorben waren und diese Sterbefälle hatten wir routiniert und unprätentiös erledigt. Dann war er schon zwei Monate später wieder bei uns, dieses Mal in Begleitung seiner Frau, und musste seine 23-jährige älteste Tochter zu Grabe tragen, die mit einem Motorroller verunglückt war.
Dez
11
Das Schwein -XII-
Dreist, dumm und dazu noch frech ist das was hier bei uns zu der Geschichte mit der Familie Hartmann im Umlauf ist.
Jemand hat es in den Kommentaren "stille Post" genannt, doch das ist nicht das was hier passiert.
Bei "Stille Post" geht es ja darum, daß man eine Nachricht mehrfach leise mündlich von Person zu Person weitergibt, bis man nach etlichen Übermittlungen laut Ursprungs- und Endgeschichte zum Besten gibt, um sich darüber zu amüsieren, wie sich das Weitererzählte im Zuge der Übermittlungen ins Groteske verändert hat.
Ich kenne das aus meinem Büro, da reicht es schon, wenn ich Sandy etwas sage und mir dann anhöre, was dabei herausgekommen ist, wenn sie es Frau Büser weitergegeben hat und die einen Aushang daraus gemacht hat.
Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die unter den Tisch fallen, die aber doch einiges ausmachen.
Ein Beispiel aus früheren Zeiten:
In den späten 70er Jahren habe ich auch mal eine richtige kaufmännische Ausbildung gemacht und zwar in einem Schreinereibetrieb, der auch Bestattungen abwickelte. Wer noch die "Firma Hesselbach" kennt, kann sich ungefähr die Zustände vorstellen, die in diesem antiquierten Betrieb herrschten.
Dez
11
Das Schwein -XI-
Tja, was soll ich davon halten?
Ich habe bisher keine Position eingenommen, meine ich. Sandy meint hingegen, ich hätte immer für die Hartmanns gesprochen und wenn das so war, dann liegt das daran, daß mir Isolde mit ihren Anschuldigungen sehr unsympathisch ist.
Aber jetzt hat man die Hartmanns eingesperrt und das tun Polizei und Staatsanwaltschaft normalerweise ja nicht, wenn nicht ein dringender Tatverdacht vorliegen würde.
Manni sieht das anders: "Hier in Deutschland steht jeder sowieso immer mit einem Fuß im Gefängnis. Wenn ein böser Nachbar das will, kommen die Kanzlerknechte morgen schon und holen dich ab."
Dez
11
Das Schwein -X-
"Ihr müsste die da sofort wegholen, datt is' eure Beerdigung, sonst ruf ich die Polizei und dann habt ihr den ganzen Ärger!" schnauft der dicke Friedhofswärter, den alle nur "die Qualle" nennen, ins Telefon und man hört seiner Stimme an, daß er wirklich sehr aufgebracht ist.
Herr Röttger hat offenbar alle anderen Ereignisse fertigdemonstriert und steht vor dem Friedhof mit seinem Pappschild "Gott, wo warst Du? Kinderschänder hinter Gitter!" und unterstützt wird er von einer der Nüsselschweif-Damen mit einem Schild am Besenstiel "Das Schwein muss weg!".
Also, damit haben wir als Bestatter wirklich nichts mehr zu tun. Ich bin im ersten Moment eigentlich nur froh, dass die woanders stehen und nicht vor unserem Haus und fühle mich eher entspannt. Das ist so eine Sache, die völlig neben uns her passiert und die Trauerfeier ist ja nun auch vorbei, wir werden jetzt die Rechnung schreiben und die Urnenbeisetzung abwarten und dann ist die Sache erledigt.
Wenn dann noch irgendwas herauskommt oder sich irgendetwas ergibt, dann werde ich das mit Interesse in der Zeitung verfolgen, aber wie gesagt, das betrifft uns nicht direkt.
Dez
11
Das Schwein -IX-
Die Schwägerin Isolde kommt zwei Tage nach der Beerdigung zu uns und möchte den von ihr bestellten Kranz bar bezahlen. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß es günstiger und schöner ist, wenn möglichst viele Angehörige ihre Blumen über eine Gärtnerei bestellen. Dann ist sichergestellt, daß es farblich passt, daß sich Schleifentexte nicht viermal wiederholen und dass alles auch rechtzeitig am richtigen Platz ist.
Der Vorteil für die Kunden liegt unter anderem darin, daß alle auch von der Provision profitieren, die die Gärtnerei uns einräumt.
So hat auch Isolde, die Schwester von Melanies Mutter, einen kleinen Kranz mit Schleife direkt bei uns bestellt.
Sie zählt mir das Geld auf den Cent genau aus einem erschreckend winzigen Portemonnaie auf den Tisch und macht die ganze Zeit einen spitzen Mund, sodass sich oberhalb der Oberlippe viele kleine Fältchen abzeichnen. Auch sonst ist sie sehr einsilbig und schließlich frage ich sie, ob sie etwas habe, ob ich mich falsch verhalten hätte.
Dez
11
Das Schwein -VIII-
Drei Frauen haben sich am Samstag, dem Tag der Trauerfeier für Melanie, vor dem Friedhof die Beine in den Bauch gestanden. Die Birnbaumer-Nüsselschweif war nicht dabei, sie hatte drei andere Mütter geschickt, um auf "Melanie aufzupassen".
Die eine hatte einen Besenstiel mit einer bemalten Pappe mit der Aufschrift: "Gegen Kindesmissbrauch" und die andere hielt ein in Plastikfolie laminiertes Bild von Melanie vor ihre Brust. Die dritte Frau war wohl die stumme Mahnerin der Woche.
Klaus und Monika Hartmann sind bei der Variante mit der Feuerbestattung geblieben und ich hatte den Eindruck, daß nun auch beide diese Lösung bevorzugten. Zwar war von vornherein angekündigt worden, die Trauerfeier solle in ganz kleinem Rahmen stattfinden, jedoch hatte die Familie dann doch erst die Ausnahme gemacht, dann noch die und noch die und am Ende hatten wir vom Bestattungshaus alle Hände voll zu tun, um die falschen Besucher abzuhalten, eine sehr undankbare Aufgabe.
Dez
11
Das Schwein -VII-
Das Haus der Hartmanns ist verwaist. Die Rolläden sind heruntergelassen, der Briefkasten ist mit Klebeband zugeklebt. Vor dem Haus haben die stellvertretendbetroffenen Mitbürger ein hastig und pixelig aus einem Klassenfoto heraus vergrößertes Bild von Melanie aufgestellt und kleine Teddys, Blumen und Briefe von Kindern niedergelegt. Es brennen einige Kerzen, die richtigen Friedhofskerzen mit Regenschutz bleiben an, alle anderen sind, wie der ganze Rest vom seit heute herrschenden Dauerregen niedergepitscht worden.
Auch Herrn Röttger, den ich fälschlicherweise auch mal Röttgers genannte hatte, ist vom Regen vertrieben worden, wahrscheinlich demonstriert er jetzt in Mannheim gegen den Schienenverkehr, dort ist gestern ein 18-jähriges Mädchen von der Straßenbahn überfahren worden.
Das Ehepaar Hartmann ist zu Mutter Hartmann in die Vorstadt gezogen, wo sie das Wohnzimmer mit der Schlafcouch zu ihrem vorübergehenden Domizil gemacht haben.
Die lokale Presse übt sich in Zurückhaltung und hat nur den offiziellen Pressetext der Polizei gebracht, ja man hat sogar die dummerweise darin vorkommende Formulierung "Aufgefunden wurde die nackte Leiche der 14-jährigen von ihrem Vater" weggelassen.
Dez
11
Das Schwein -VI-
Herr Röttger ist da.
Bislang kannte ich Herrn Röttger nicht und er gehört vermutlich auch zu den Leuten, die ich nicht kennenlernen wollte. Meine Tochter ist die Erste, die Herrn Röttger gesehen hat. Sie kommt von der Schule nach Hause und sagt: "Papa, da drüben steht eine Lutzfaß-Säule mit Beinen."
"Litfaßsäule", berichtige ich und gehe zum Fenster.
Tatsächlich, auf der anderen Straßenseite steht ein mittelgroßer, etwas dicklicher Mann, der sich ein großes Plakat aus Pappe um den halben Leib geschlungen hat. Von vorne sieht es wirklich so aus, als stecke er in einer Pappröhre.
Von oben kann ich nicht sehen, was da mit blutroter Farbe auf der Pappe steht, also schicke ich meinen Sohn runter, um nachzusehen, ich selbst bin ja bekanntlich nicht neugierig.
Dez
11
Das Schwein -V-
Es ist ein Tag vergangen. Die Hartmanns sind nach dem "Knall" sofort nach Hause gegangen und haben uns ziemlich ratlos zurück gelassen.
Wir wissen ja auch nicht, was wir von der Sache halten sollen. Antonia neigt dazu, der Mann habe ein paar Mal "so komisch geguckt" und Männern traue sie ja sowieso alles zu. Sandy, Frau Büser und Nadine können die ganze Geschichte gar nicht glauben und regen sich über die Boulevardpresse auf, wobei Frau Büser sich ein Hintertürchen offen lässt und sagt: "Man weiß ja nie, am Ende ist manchmal ja was dran."
Sandy hingegen ist der Auffassung, egal wie es wirklich gewesen sei, der Mann stehe jetzt Zeit seines Lebens als Kinderschänder da.
Gegen 10 Uhr kommen die Hartmanns in Begleitung seiner Mutter und ihrer Schwester. Sie wollen gemeinsam in einem unserer Aufbahrungsräume am offenen Sarg Abschied von Melanie nehmen.
Vorher habe ich Gelegenheit, mit den Leuten zu sprechen.
Das Ehepaar Hartmann ist fassungslos. Klaus Hartmann will Gott und die Welt verklagen, Frau Hartmann weint und jammert und es ist eine Mischung aus Wut, Verzweiflung und Scham, die ihr immer wieder auch die Zornesröte ins Gesicht treibt.
Anders sieht das bei der Mutter und der Schwester aus.
Dez
11
Das Schwein -IV-
Der nächste Tag beginnt mit einem Knall.
Nein, er beginnt zunächst scheinbar normal. Ich begleite Manni zum Bestattungsinstitut des Kollegen, der das 14-jährige Mädchen zum Rechtsmedizinischen Institut gebracht und nach der Obduktion mit der Freigabe von dort auch wieder abgeholt hatte.
Ich kann nichts Negatives über diesen Kollegen sagen, er arbeitet ordentlich, aber ich vermisse immer ein wenig die Herzlichkeit und so gestaltet sich die Herausgabe des Mädchens wie das Übergeben eines Versandpackstücks am Verladebahnhof.
Sie ist in ein weißes Tuch gehüllt, wir heben sie mit dem Tuch in unseren Transportsarg und fahren sie zu uns. Während ich nach dem Ausladen den Bestattungswagen in der Tiefgarage noch für den nächsten Einsatz fertig mache, bringt Manni das Mädchen in unseren Behandlungsraum.
Dez
11
Das Schwein -III-
Gott sei Dank ist es nicht so, wie Frau Büser gemeint hatte. Frau Hartmann hat "nur" einen Nervenzusammenbruch erlitten und ist ohnmächtig.
Gleich drei Sachen in einem Satz...
Ich sage nie "Gott sei Dank", zumindest versuche ich es, Gott nicht in Alltagsfloskeln zu bemühen, wenngleich ich die Formulierung "Grüß Gott" als sehr tauglich finde, vor allem für Bestatter, denn damit kann man den "Guten Tag" recht gut umschiffen. Nebenbei bemerkt: Wer heute noch auf den Gruß "Grüß Gott" mit "Wenn ich ihn seh'" antwortet, der ist nicht nur doof, sondern ultraplusdoof.
Zweite Sache: Ich weiß gar nicht so genau, was jeweils unter einem Nervenzusammenbruch zu verstehen sein soll. Manche bekommen einen Weinkrampf und sprechen dann davon einen Nervenzusammenbruch erlitten zu haben, andere fallen fast ins Koma.
Und "ohnmächtig"..., ich hatte mal eine Freundin, deren Mutter wurde bei jedem dritten Wort "ohnmächtig", vor allem wenn es derbe Worte waren. Zuerst war ich ziemlich erschrocken und beeindruckt, wenn sie sich mit verdrehten Augen in ihren Sessel fallen ließ und mit geschlossenen Augen schwer atmete und "ohnmächtig" war. Jeder, vor allem aber ihr Mann, rannte dann und tat irgendetwas, um die Frau wieder auf die Beine zu bringen, ein Glas Wasser, ein leichtes Tätscheln...
Dez
11
Das Schwein -II-
Hartmann heißen die Leute, Klaus und Monika Hartmann. Beide sind, wie ich ihren Ausweisen entnehme, doch schon Ende Dreißig. Er ist Ingenieur, sie betreibt im Keller ihres Einfamilienhauses ein Kosmetikstudio.
Die gemeinsame Tochter Melanie ist in der Badewanne ertrunken. Da die Todesursache ungeklärt ist, haben sich Polizei und Staatsanwaltschaft eingeschaltet und die Leiche des Mädchens zur Obduktion beschlagnahmt.
"Sie muss ausgerutscht sein, da war ja Blut, sie hat sich den Kopf angeschlagen, ist bewußtlos geworden und ertrunken", sagt Klaus Hartmann mit tonloser Stimme und drückt seine schluchzende Frau an sich. "Wir waren nur eine halbe Stunde weg. Ich bin von der Arbeit gekommen, meine Frau wartete schon auf mich, weil ihr das mit den Getränkekisten immer zu schwer ist, und dann sind wir gleich zum Supermarkt gefahren. Mit zwei Autos, weil ich anschließend noch in den Baumarkt wollte. Ich habe meiner Frau dann erst bei den Getränken geholfen und dann ist sie in den Supermarkt gegangen und ich bin zum Baumarkt.
Melanie war alleine zu Hause und wollte sich fertig machen, weil sie später noch mit einer Freundin auf einen Geburtstag wollte.
Als ich wieder nach Hause kam..."
Die Stimme des Mannes stockt, er schluckt die Tränen stumm in sich hinein.
Dez
11
Das Schwein
Es ist mal wieder so ein Tag, von dem man es sich wünschen würde, er wäre im Kalender einfach übersprungen worden. Meine Frau ist grummelig und motzig, findet mal wieder alles Mist und ich bin natürlich Schuld an allem, am Vietnamkrieg, an der Ermordung John F. Kennedys und selbstverständlich auch an dem was immer ihr jetzt auch über die Leber gelaust sein mag.
Da fällt das Kaffeetrinken eben nur sehr kurz aus und ich flüchte mich viel früher als sonst ins Büro.
Alle Lichter einschalten, Kaffee für alle vorbereiten, die ganzen Rechner hochfahren und die Kopierer und Drucker bereit machen; ich hätte auch die Klos geputzt, Hauptsache dem nörgelnden Weibe geflohen...
Ach ja, die Zeitung noch reinholen und draußen kotzt mich wabbernder Nebel an, man kann fast nicht bis zur anderen Straßenseite sehen.
Und obwohl es noch so früh und bis auf die lächerlichen Funzeln, die man heute so als Straßenlaterne verwendet, stockfinster ist, sehe ich auf der anderen Straßenseite Leute stehen.
Als ich zu ihnen rübersehe, setzen sie sich in Bewegung und kommen auf mich zu. Ich grüße, sie grüßen zurück und fragen: "Haben Sie jetzt auf?"
Okt
11
Allerwertester
Der Nachbar von hinten, Herr Oberstudienrat Nasweis-Lästig, hat Besuch aus Holland. Der Mann heißt van Draaten oder so. Vorhin komme ich auf den Hof gefahren, steige aus dem Wagen und sehe im Augenwinkel, daß bei Nasweis-Lästig jemand am Zaun steht, es ist eben jener Holländer.
Der lupft ganz höflich seinen Hut, nickt mir freundlich zu und will mir auf Deutsch ein paar nette Worte sagen.
Er sagt: "Ihrem Allerwertesten ein gutes Befinden, mein Herr!"
Okt
11
Der mit dem Bademantel
Am Wochenende wollte ich eine Videoaufnahme an einem öffentlichen Platz machen.
Es ist frühmorgens, ich baue gerade das Stativ auf, da kommt von halblinkssüdsüdwest ein Mann in Pantoffeln und Bademantel hergelaufen. So zwei, drei Meter entfernt bleibt er stehen, schlägt sich frierend die Arme um den Oberkörper und hüpft dabei von einem Bein aufs andere, um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen.
"Sie da! Dürfen Sie das überhaupt?"
"Was?"
"Ja, so'n Ding da aufbauen. Sind Sie von Google, dann sind Sie sowieso verboten. Sie sind doch bestimmt vom Internet... ist sowieso alles verbotener Schweinkram."
"Nee, wir sind nicht vom Internet und wir dürfen das."
©2012 Bestatter-Weblog
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Kommentare
zum Thema Sterbehilfe was lu.
Vielen Dank für die Buchtip.
"Auch stellt sich mir die Fr.
Weder Bestatter noch Pastore.
Das ist schockierend. Obwohl.
...."ich wußte es, sie war .
@bestattungsunternehmen... .
@undertaker-mike warum sagst.