Mai
12
Die Fee der Nacht -6-
Sagte ich schon, daß mir durchgemachte Nächte tagelang in den Knochen hängen?
Ich trank zu Hause noch einen Espresso, steckte mir knurrig eine Zigarette zwischen die Zähne und setzte mich ans Steuer meines Wagens. Die Straßen spiegelten, es hatte kurz zuvor geregnet, ach, was sage ich, es hatte geschüttet.
Um diese Zeit war in unserer Stadt kein Verkehr mehr. Die Leute saßen zu Hause und schauten fern und ich fuhr zum wiederholten Mal durch die Nacht zur Villa der Brockhagens. Es war nicht die Lust auf das Geschäft, die mich antieb, es war die Neugierde, vielleicht endlich zu erfahren, was da eigentlich gespielt wird.
Ich war eigentlich gar nicht als Bestatter unterwegs, sondern wünschte mir, ich hätte mehr etwas von einem Detektiv.
Mai
12
Die Fee der Nacht -5-
Mimi Brockhagen, die Mutter des Getöteten, war eine optische Täuschung.
Eine kleine, zierliche Frau mit einem mütterlichen Gesicht und Hängebäckchen. Ihre leise, sanfte Stimme stand in krassem Widerspruch zu dem etwas jovial, lauten Tonfall ihres Gatten.
Aber das täuschte. Sehr schnell merkte ich, wer da die Hosen anhatte und Mimi Brockhagen hatte so eine Art, einen Satz nur halb zu beenden, dann eine Pause zu machen, die Lippen zu einem spitzen Mund zu formen und dann: "Nicht wahr, Dieter?" zu sagen, woraufhin der eben noch bestimmende und fordernde Herr Minister a.D. sofort drei Gänge zurückschaltete, jedes Mal seine Hand auf ihre legte und wie ein folgsamer Schüler: "Aber sicher doch, Mimi, Du hast Recht" sagte.
Ich habe da ein sehr gutes Gespür für solche Situationen und kenne das recht gut. Da hat er zwar eigentlich das Sagen, aber es ist mal etwas vorgefallen und sie hat ihm die Pistole auf die Brust gesetzt und klar gestellt, daß er es künftig entweder so macht, wie sie es will, oder es passiert...
Tja, was dann passiert und womit Frauen manchmal ihre Männer so im Griff haben, das kann höchst unterschiedlich sein. Aber bei den Brockhagens war das eindeutig so.
Mai
12
Die Fee der Nacht -4-
Die Leiche des Verstorbenen, oder sollte ich besser sagen des Ermordeten, lag einen halben Tag bei uns in der Kühlung, unverplombt, ein ganz normaler Polizeifall. Wir haben dafür extra eine Abteilung in der Kühlkammer und ganz genau genommen müßte der Staatsanwalt diese Kammer verplomben, damit auch ja keine Manipulationen an der Leiche vorgenommen werden können, bis wir sie dann ins rechtsmedizinische Institut fahren können.
Aber jetzt haben wir schon so viele Leichen im Auftrag der Polizei abgeholt und sind auch nur ein Glied in der Kette der Polizeiarbeit, da schert man sich nicht so um die Vorschriften, was sollten wir auch an den Leichen machen.
Irgendwann am nächsten Morgen kommt dann immer der Anruf, in dem uns mitgeteilt wird, in welches Institut der Verstorbene gebracht werden soll, wir erledigen das dann und der offizielle, staatlich bezahlte Teil ist damit für uns erledigt.
Mai
12
Die Fee der Nacht -3-
Manni und ich halte es erstaunlich lange aus, die Geschichte immer wieder zu erzählen. Natürlich bleibt es nicht aus, daß wir das Ganze noch etwas dramatischer erzählen und die ohnehin etwas unheimliche Stimmung in der Villa noch etwas spannender schildern.
Sandy will es alles ganz genau wissen und Antonia besteht natürlich darauf, daß wir die ganze Geschichte auch ihr noch einmal exklusiv erzählen.
Wir sind aufgekratzt, bei der Müdigkeit längst über den toten Punkt hinweg und der viele Kaffee macht uns hibbelig und geschwätzig.
Aber eins tun wir nicht, wir erfinden nichts dazu und könnten eigentlich die ganze Geschichte in nur einem einzigen Satz wiedergeben:
"Wir wurden nachts zu einem Sterbefall gerufen, dort von der dünn bekleideten Dame des Hauses eingelassen und fanden dann im Wohnzimmer eine blutige Leiche vor." Punkt.
Mai
12
Die Fee der Nacht -2-
Manni gibt mir einen Stumper und obwohl ich mir eben noch vorkam, als würde ich immer noch von tanzenden Karotten, Nachtfeen und weißen Zimmern träumen, bin ich in der nächsten Sekunde hellwach und bekomme schlagartig eine Gänsehaut.
Manni will unwillkürlich einen Schritt in Richtung des Toten gehen, doch ich halte ihn zurück.
Natalie, wie sich die Frau am Telefon genannt hatte, steht an den Türrahmen gelehnt und reibt mit ihrem nackten linken Fuß an ihrem rechten Schienbein.
Sie hat einen Finger an die roten Lippen gelegt und dann deutet sie mit diesem Finger auf den Toten: "Da liegt er."
"Wie, da liegt er? Und jetzt? Äh, wie jetzt?..."
Ich kann nicht anders als stammeln und bekomme meine Gedanken nicht sortiert.
Manni zieht das Handy aus der Jackentasche und will eine Nummer eintippen, ich nehme an, daß er die Polizei rufen will.
"Nicht!" haucht Natalie: "Bitte nicht!"
Mai
12
Die Fee der Nacht -1-
Es ist mitten in der Nacht und es war ein sehr anstrengender Tag. Stundenlang hatte ich mit dem Steuerberater über den Unterlagen gesessen und als es Mittag war, blieb keine Zeit zum Essen, denn eine Familie rief an und wollte umgehend bei sich zu Hause beraten werden.
Zweieinhalb Stunden später klingelte während der Fahrt das Handy, wieder ein Sterbefall, am ganz anderen Ende des Bezirks.
Gegen Abend war ich dann noch auf dem Südfriedhof und begleitete eine Familie bei der Abschiednahme.
Kaum wieder in der Firma rief mich Manni runter in die Technikräume, er kam nicht zu Potte und brauchte Unterstützung.
Todmüde bin ich um 23.30 Uhr ins Bett gefallen. Müde aber zufrieden.
Anderthalb Stunden später klingelt das Telefon.
Apr
12
Nur ein Pfund Äpfel wollte er holen
Der Rechtsanwalt Schröpfke, der Architekt Schmidt und der Straßenbahnfahrer Möbius haben ganz was Tolles vor und kommen ausgerechnet zu mir, um mich zu fragen, ob ich da mit mache.
Der Rechtsanwalt ist Mitglied irgendeiner Kirche, dabei spielt es keine Rolle, ob es die Mormonen, Jehovas Zeugen oder die Neuapostolischen sind. Wichtig ist nur, daß die Gemeinde, zu der er gehört, gute Beziehungen zu einem afrikanischen Dorf haben, das sie seit Jahrzehnten mit Geld und Hilfsgütern unterstützen.
Jetzt haben sie die Idee, hier ein paar Autos gebraucht zu kaufen, damit nach Afrika zu fahren, selbstverständlich ordentlich was zu erleben, aber in erster Linie, die Autos dann in Afrika zu versteigern und den Erlös wiederum diesem Dorf zu Gute kommen zu lassen.
Apr
12
Muckele
Frau Klopprath war schon an die 90 als ich sie das erste Mal besuchte. Sie hatte bei uns angerufen und um einen Besuch gebeten.
Bei ihr angekommen, erzählte sie mir, mit nun knapp 90 sei es wohl an der Zeit, das Erforderliche zu regeln und alles einmal mit dem "Totengräber" durchzusprechen.
Warum ich denn kein Maßband dabei hätte, wollte sie wissen, ich müsse doch wohl maßnehmen, damit der Sarg später auch passt.
Die Frau war kaum Einssechzig groß und weniger als 50 Kilo schwer, da würde jeder Sarg passen, wahrscheinlich hätte man sie auch in einer Urne untergekriegt...
Mär
12
Gekommen um zu bleiben -4-
"Und wie ist es weitergegangen?" will ich wissen.
"Wie es weitergegangen ist? Es ist immer schlimmer geworden. Vor zwei Jahren hat der sich in einen Rollstuhl gesetzt und nichts mehr gemacht. Nur noch mit einer Hupe gehupt, wenn er was wollte.
So ein Messinghorn mit so einem schwarzen Ball zum Drücken, damit hat er immer gehupt. Immer. Ich konnte es nicht mehr hören!" Bärbel Hierig fängt an zu weinen und Jens legt seinen Arm um sie.
Sie putzt sich die Nase und erzählt weiter:
"Tag und Nacht 'hup, hup' und ich musste rennen. Wenn ich mal gedacht hab, es könne nicht so wichtig sein, dann hat er mir den Rollstuhl vollgeschissen. Ständig musste ich ihm zu Diensten sein.
Bärbelchen hier, Bärbelchen da! 'Bärbelchen, kannste mir mal die Fußnägel schneiden? Bärbelchen, hilf Deinem Onkel mal auf die Toilette!' Hup, hup! 'Hintern abwischen! Essen bringen, Trinken bringen, was vorlesen, bitte, Lottoschein ausfüllen und wegbringen, Bärbelchen komm mach dies, mach das!'
Mär
12
Gekommen um zu bleiben -3-
"Was ist denn los, Kinder? Freut Ihr Euch denn gar nicht? Das ist doch die beste Lösung für uns alle. Ich habe das Haus in Katernberg jetzt in die Versteigerung gegeben und da kommt sicher einiges bei raus. Das viele Geld, denkt doch mal daran. Eines Tages gehört das alles mal Euch. Was soll ich denn mit zwei Häusern? Jetzt mal ehrlich?
So'n alter Knochen wie ich, und dann zwei Häuser... Das ist doch Quatsch."
"Wobei eines der Häuser uns gehört", hab ich zum Onkel gesagt und mich quer in die Haustür gestellt, sagt Jens.
"'Was?' hat der Onkel mit so 'nem höhnischen Unterton gesagt. 'Euch? Macht mal die Augen zu! Das was Ihr dann seht, das gehört Euch! Das Haus hier ist immer noch mein Haus. Wenn ich mal tot bin, dann könnt Ihr meinetwegen damit machen, was Ihr wollt, so lange ich aber lebe, ist und bleibt das meins. Oder waren wir etwa schon beim Notar? Nee, nicht wahr?
Also so ein bißchen mehr Dankbarkeit hätte ich ja schon erwartet. So, und jetzt machst Du Platz, damit ich in mein Haus kann!'
Wir sind bald zusammengebrochen", sagt Jens und Bärbel nickt.
Mär
12
Gekommen um zu bleiben -2-
Bärbel Hierig antwortet: "Und dann? Ja dann sind wir wieder vom Onkel nach Hause gefahren und der allererste Weg hat uns zu dem Häuschen geführt. Es liegt in der Nähe des Stadtgartens, aber ganz ruhig an einer breiten Allee, etwas von der Straße weg mit einer hohen Hecke drum herum.
Als wir das Tor aufgeschlossen haben, da konnten wir vor lauter Staunen nicht mehr und haben beide geheult.
Untenrum mit Ziegelsteinen gemauert, grüne Fensterläden aus Holz, obenrum viele Erker und sogar ein kleines Türmchen, alles aus Fachwerk. So an die 160 Quadratmeter und fünf Zimmer. Ein großer Garten vorne und ein noch größerer hinten und im Garten dann noch das Gartenhaus mit fast 40 Quadratmetern, unsere Sozialwohnung hatte nur 60.
Mein Mann hat mich dann über die Schwelle getragen..."
Sie legt ihre Hand auf die seine und die beiden haben wieder Tränen in den Augen, als sie sich an diesen Moment erinnern.
Mär
12
Gekommen um zu bleiben -1-
"'Wißt Ihr was, ich schenke Euch mein Häuschen!' das hatte der Onkel vor zwölf Jahren zu mir gesagt und wir bekamen ja damals unser zweites Kind, da passte das alles wunderbar", erzählt mir Herr Hierig.
Jetzt sitzen Herr Hierig und seine Frau im Bestattungshaus beim Beratungsgespräch und wissen nicht was sie tun sollen. Ob der Onkel eine Erdbestattung wollte oder ob er lieber verbrannt werden wollte, sie haben keine Ahnung.
Ich betrachte das Ehepaar, während es überlegt und sehe vor allem bei der Frau, daß sie tiefe Ränder unter den Augen hat. Eigentlich ist sie gar nicht unhübsch, aber man sieht ihr an, daß sie sehr abgearbeitet ist. Na ja, mit zwei Kindern...
Als ob sie meine Gedanken lesen kann, sagt sie auf einmal in die nachdenkliche Stille hinein:
Mär
12
Der Wärter kommt!
Ich muss mich manchmal ducken, wenn ich höre, was Menschen so von sich geben.
Die Opas und Omas, die morgens am Friedhofseingang schon mit dem Schüppchen und der Faltgießkanne in der Hand warten, bis der Friedhofsverwalter aufschließt, sind da des Volkes dummer Mund in Reinstkultur.
Opa 1: "Der Wulff, der bekäme von mir nichts, gar nichts, das sag ich Euch."
Oma: "Der will ja jetzt auch noch ein Büro und ein Auto mit Fahrer."
Opa 2: "Uns haben 'se die Pflegestufe abgelehnt."
Opa 1: "Die ganzen alten Präsidenten sollte man auf eine einsame Insel bringen, bei Wasser und Brot."
Oma: Ja, warum das denn, der Weizsäcker, der war doch so nett."
Opa 2: "In der Apotheke wird auch alles teurer."
Feb
12
Vom Heiligtum zum Ramsch
Ich habe schon mal über dieses Thema geschrieben, aber es beschäftigt mich...
Da sitze ich bei Frau Röschen Hugler und unterhalte mich bei zu starkem Kaffee und nach Parfüm schmeckendem Spritzgebäck über Frau Huglers Vorstellungen bezüglich ihrer dereinstigen Bestattung.
Sie will zu ihrem Kurt ins Grab, das wird aber nicht gehen, denn Kurt liegt in einem Reihengrab, das in zwei Jahren ablaufen wird und verlängern kann man es nicht. Die Oma nimmt das aber gelassen auf, entscheidet sich dann für eine Feuerbestattung und ein anonymes Grab, sie hat niemanden, der danach schauen wird, ihre Kinder leben beide weiter weg.
"Ach, schauen Sie mal", sagt sie und kramt aus der unteren Schublade des eichenen Altdeutschen ein Fotoalbum heraus. Bilder von einem jungen Mann in Wehrmachtsuniform, ein verliebtes Paar in Schwarzweiß am Hermannsdenkmal, gelblich gewordene Kodak-Abzüge von einem Holland-Urlaub.
Dez
11
Das Arschloch
Als Herrn Warneckes Frau vor etwa 12 Jahren gestorben ist, habe ich ihn das letzte Mal gesprochen. Seitdem habe ich ihn nur hin und wieder mal von weitem gesehen und wenn ich ganz ehrlich bin, dann bin ich darüber auch ganz froh.
Schon als Kunde unseres Bestattungshauses hatte sich Ferdinand Warnecke eher als schwieriger Kunde gezeigt, der an allem etwas herumzumäkeln hatte und hinterher auch immer an den Rechnungen etwas auszusetzen hatte und uns monatelang auf die Bezahlung warten ließ.
Immer? Ja, immer. Denn mit dem Tod seiner Frau hatte Herr Warnecke innerhalb von zwei Jahren den fünften Sterbefall über uns abgewickelt. Das ist sehr viel, wenn man bedenkt, daß im Durchschnitt normalerweise immer etwa zehn Jahre vergehen, bis man wieder einen Angehörigen zu Grabe tragen muss.
Erst waren es seine Eltern gewesen, die in recht hohem Alter beide an Krebs gestorben waren und diese Sterbefälle hatten wir routiniert und unprätentiös erledigt. Dann war er schon zwei Monate später wieder bei uns, dieses Mal in Begleitung seiner Frau, und musste seine 23-jährige älteste Tochter zu Grabe tragen, die mit einem Motorroller verunglückt war.
©2012 Bestatter-Weblog
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Kommentare
Die Erholung sei dir von Her.
Zwei Wochen Norwegen gönne .
Boah, immer wenn man denkt, .
Kabäääääääämmm nee.
schön geschrieben, dieses: .
Von "intravenös" ist in der.
Hihi, der war gut... und Nor.
Ja, und ??? Dann hat der alt.