Darf man alte Grabsteine einfach säubern?

Ein Freund von mir und ich haben letztens einen kleinen Friedhof entdeckt. Er ist seit 1926 lahmgelegt und nun eben öffentliche Grünanlage. Die Grabsteine sind teilweise total zugewuchert mit Moos und Unkraut und wir würden sie gern wieder leserlich machen; Etwas abschrubben, das ganze Gewächs rauskratzen usw. Dürfen wir das oder muss man da auf Irgendetwas achten wie Denkmalschutz? Oder ist das Ganze eine blöde Idee, weil dieses Verfallene, Urige auch irgendwie den Charme solcher Friedhöfe ausmacht? Würde mich über Ihre Antwort und Meinung sehr freuen!

Ich finde die Idee gar nicht schlecht. Jahr für Jahr fahren ja auch deutsche Jugendliche zu den Soldatenfriedhöfen im Ausland, auf denen deutsche Soldaten beerdigt sind. Sie reinigen und pflegen die Grabstätten dort.
Warum sollten Sie nicht einen Friedhof hier etwas auf Vordermann bringen, um den sich keiner mehr kümmert?

Um nun keinen Ärger zu bekommen, sollten Sie die zuständige Friedhofsverwaltung fragen.
Der Friedhof gehört ja irgendwem. Entweder ist das eine Stadt/Gemeinde oder eine Kirchengemeinde.

Ist es ein jüdischer Friedhof, so sieht die Sache etwas anders aus. Da kann es gewollt sein, daß der Friedhof exakt so aussieht.
Es kann auch sein, wie Sie ja selbst schon mutmaßten, daß der Friedhof, so wie er ist, unter Denkmalschutz steht. Klären Sie das!

Ohne die Genehmigung des Friedhofsbetreibers/-besitzers sollten Sie nicht ans Werk gehen.

Warum sind jüdische Friedhöfe oft so wildromatisch verfallen?

Juden legen ihre Gräber für die Ewigkeit an. Die Gräber bleiben für immer. Sie laufen nicht ab und sie werden auch nicht neu belegt.
Das gibt es auch auf unseren Friedhöfen, denn auch dort kann man Wahl- oder Familiengräber theoretisch immer und immer wieder verlängern und so über Generationen hinweg behalten.

Auf jüdischen Friedhöfen ist aber die Grabstätte einmal angekauft worden und muß nicht mehr verlängert werden.
Irgendwann gibt es dann keinen mehr, der sich um das Grab gekümmert hat.
Früher taten das auch weit entfernte Verwandte und Nachbarn.
Durch die Vorgänge im Dritten Reich sind aber so viele Menschen ums Leben gekommen, daß quasi drei Generationen ausgelöscht worden sind.
Viele Juden sind auch ins Ausland gegangen.

Für ganz viele Gräber bedeutet das eben, daß es niemanden mehr gibt, der sie pflegen oder besuchen könnte.
Es gehört aber zur jüdischen Tradition, daß man beim Besuch des Grabes einen kleinen Stein auf den Grabstein legt.

Grab Oskar Schindler mit Steinchen

Das Grab von Oskar Schindler. Der Katholik fand auf eigenen Wunsch seine letzte Ruhe auf dem römisch-katholischen Franziskanerfriedhof am Berg Zion in Jerusalem. Das Grab wird in jüdischer Tradition mit Besuchssteinen versehen.

Bestattungen in verschiedenen Religionen und Kulturkreisen

Foto: Von Yoninah – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10793345

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  • Veröffentlicht am: 25. Juli 2016
  • 0 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Frag den Bestatter

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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