Darf man einen Verstorbenen fotografieren?

In letzter Zeit erreichten mich einige Fragen zu diesem Thema.
Einer fragte, ob es statthaft sei, von einer aufgebahrten guten Freundin ein Erinnerungsfoto zu schießen.
Ein anderer wollte wissen, ob er für seinen Account bei einem sozialen Netzwerk Bilder von Unfallopfern anfertigen darf.
Und eine dritte Person hatte die Frage:

„Ich bin auf Beerdigung von ein Freund eingeladen. Sein Freundin ist gestorben. Sie war Türkin. Ist es erlaubt die zu fotografieren? Will ein Selfie machen. Nur so zum erinnerung!“

Grundsätzlich ist es eine sehr alte Tradition, Verstorbene zu fotografieren.
Mit einem solchen Foto möchte man die Zeit festhalten, die Erinnerung auf Fotopapier bannen und sich ein Andenken schaffen.
Das Vergängliche soll für alle Zeit konserviert werden.

Auch die Idee, ein „Selfie“ mit einem Verstorbenen zu machen, ist überhaupt nichts Neues. Wer etwas sucht, wird im Netz unter dem Stichwort „Postmortem Fotografie“ zahlreiche Beispiele dafür finden, daß sich Lebende mit einem Verstorbenen in Positur setzten und ablichten ließen.

Das alles bedeutet aber keinesfalls, daß nun heutzutage jedermann jeden Verstorbenen einfach fotografieren kann.

Bei Unfallopfern ist es ganz klar. Hier gibt es strenge Verbote für Gaffer und Sensationslustige, ein Foto anzufertigen.
Doch wie ist es, wenn man zu einer Abschiednahme am offenen Sarg eingeladen ist und ein Erinnerungsfoto machen möchte?

Sagen wir es mal so: Wenn jemand aus tiefer innerer Verbundenheit mit einer verstorbenen Person ein Foto für sehr persönliche Zwecke anfertigt, wird es kaum etwas dagegen zu sagen geben. In Zeiten allzeit verfügbarer Handykameras sind solche Aufnahmen auch schwierig zu kontrollieren und zu unterbinden. Eine Weitergabe eines solchen Bildes, eine Veröffentlichung oder ein Herumzeigen ist aber nicht statthaft.

Grundsätzlich haben die Angehörigen das Recht, solche Fotos zu untersagen. Streng genommen würde ich es auch für richtig halten, die Anfertigung von Fotos von der Zustimmung der Angehörigen abhängig zu machen.

Des weiteren sind der kulturelle und religiöse Hintergrund zu beachten. In vielen Kulturen und Religionen sind mit dem Anfertigen von Fotos besondere Vorstellungen verbunden. Man könnte also leicht die Gefühle der Angehörigen in gröbster Weise verletzen.

Der beste Weg wird also immer sein, die Angehörigen vorher um Erlaubnis zu fragen.

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Peter Wilhelm21. Juni 2017

13 Kommentare von 138966.

  1. Mein Vater ist vor knapp 8 Wochen im Krankenhaus gestorben.Als sich die Familie nach dem Verabschieden von ihm auf den Nachhauseweg machten,blieb ich noch etwas bei ihm.Da kam mir der Gedanke,ob ich wohl ein Bild von ihm machen sollte,als Erinnerung.Anfangs hatte ich Hemmungen aber dann entschied ich mich doch dafür…und schon am nächsten Tag wurde von anderen Verwandten danach gefragt.Es war auch entschieden worden,dass der Sarg nicht mehr geöffnet wird.Somit war es auf jeden Fall die richtige Entscheidung.Selfies finde ich allerdings grenzwertig,weil es stark an den Trend ,alles überall mit Selfies festzuhalten und herumzuzeigen,erinnert,finde ich.

  2. Was soll das denn mit dem „Anna schaufelte sich das eigene Grab und sagte “ über meinem Kommentar…gehts noch ???

      • @Rudi: Ok,das wusste ich nicht,bin erst etwas erschrocken aber jetzt ,nachdem ich das weiss,ist alles ok.Danke für die Info :)

  3. BTW: Das ist Kommentar Nummer 138.000.
    Krieg ich jetzt was? :-)

  4. Ich habe das mit dem „das eigene Grab schaufeln“ auch im 1.Moment etwas eigenartig,fast daneben gefunden. Aber der Tod, Thema Bestattung ist schon traurig genug, ein wenig schwarzer Humor (ich denke,nichts anderes soll es sein?) ist nicht fehl am Platze.
    Leider habe ich von meinen toten Eltern kein Erinnerungsfoto, von meiner lieben älteren Freundin auch nicht. Bei ihr bewusst unterlassen.Mittlerweile komme ich damit gut zurecht, es würde mich wsl. nur belasten, Anblick von Toten (man weiß ja, dass sie tot sind, da ist die Art des Zurechtmachens mir egal..) könnte albtraumhaft wirken. So bleiben sie lebend in Erinnerung, was so schlecht auch nicht ist.
    Traurig, dass mit den Selfies auf Friedhöfen. Schöne Grabsteine fotografieren, da dürfte kaum einer was gegen haben, aber Fotos unter dem Motto:“wo ich eines Tages auch hin komme!“ albern bis daneben! Für mich…

    Schon 10 Jahre unter diesem Blog…, dann auf die folgenden 10 Jahre und hoffentlich mehr Jahre!

  5. Ich denke, es muss jeder selbst entscheiden was für ihn wichtig ist und wenn jemand ein oder auch mehrere Fotos macht, dann ist das okay.
    Ich habe Bilder von meiner Mutti gemacht und sie erschrecken mich nicht, sondern sie liegt ganz friedlich da, als würde sie schlafen. Ich war bei ihr als sie eingesargt wurde und ich habe auch bei Kleinigkeiten beim Ankleiden geholfen. Hätte es auch komplett selbst machen können. Aber so, wie ich es gewählt habe, war es gut für mich und auch meinen Sohn.
    Selfies sind sicher auch nur eine Modeerscheinung.

  6. Vielleicht werden wir eines Tages 3D/holografische Aufnahmen von Menschen haben und uns dann auch Verstorbene nicht nur als Bild, sondern als lebengroße Projektion anschauen können – die Technik gibt es ja im Grunde schon.

    Man hat von Verstorbenen ja auch schon vor der Fotografie Abbilder gemacht – Totenmasken waren früher ja durchaus bekannt, wenn auch nur von bedeutenden Persönlichkeiten. Ich denke, das heutige Unbehagen mit dem Fotografieren von Toten hat auch viel mit unserem Umgang mit dem Tod zu tun, den wir heute ja weitgehend aus unserem Alltag verdrängt haben und verdrängen können.

  7. Ich habe vorhin (ohne Vorwarnung) ein Foto per WhatsApp von meiner noch mehr oder weniger lebenden Schwester bekommen. Das ist schlimmer als ein Foto von Toten, insbesondere, wenn man sich die Realität (noch) nicht so vorgestellt hat. Erschreckend wie schnell ein Mensch verfällt, wenn man das so sagen kann/darf.
    Da habe ich mich gefragt, ob das sein muss. Gut, jetzt weiß ich wie es wirklich um sie steht. Aber zuerst kam ich gehörig ins Grübeln.

  8. Als ich mich von meinem Opa verabschiedete, machte ich von ihm mit schwarzer Tinte eine Zeichnung. Fotokopien davon habe ich einigen Verwandten zukommen lassen.

    Ich hätte es mir gar nicht getraut, ein Foto zu machen – denn ich erinnere mich gut und sehr gerne daran, wie er zu Lebzeiten gewirkt hatte, gelächelt hatte.

    Auch kann es deplaciert sein, in einer Todesanzeige oder während einer Trauerfeier ein Foto der noch lebenden Person zu zeigen. Es gibt immer Leute, die wollen sich einfach erinnern, und vorerst ihre mentalen Bilder wertschätzen. Fotos kann man nach ein paar Monaten zeigen, oder auch nur auf Nachfrage. Oder man kann für Todesanzeigen, Danksagungen etc. bewusst ein Bild wählen, das die verstorbene Person vor fünf oder zehn Jahren zeigt, um Distanz zu schaffen.

    Unfallopfer?

    Ach ja. Ich betreue mit anderen Leuten ein Forum, wo Leute Fotos von Rettungshubschrauber-Einsätzen zeigen können. Unsere klare Linie ist, dass die Fotografen weder die Einsätze behindern (da ohnehin strafbar), noch dass sie die Patienten erkennbar zeigen. Ebenfalls kann es problematisch sein, wenn die Einsatzkräfte erkkenbar sind. Stirbt der Patient schliesslich, machen immer wieder Angehörige den Rettern Vorwürfe – und suchen sie zu diesem Zweck sogar auf.

    Patient auf Tragbahre, Gesicht nicht erkennbar? Kann problemlos sein.

    Ein Bild von (abgedeckten) Leichen kann aber hilfreich sein. Man kann etwa in einem Blogposting sagen, dass man an einem Ort vorbeigekommen ist, wo Menschen starben. Und auf in diesem Kontext auf Verkehrssicherheit hinweisen. Der Ton macht die Musik, genauso wie bei den Trauerkarten, wie oben erwähnt.

  9. Ich kenne jemanden, „Robert“, der seine Mutter und seinen Vater photographiert hat, beide als sie schon auf dem Totenbett gelegen sind. Also nicht gleichzeitig. „Robert“’s Vater ist vor 10 Jahren gestorben, „Robert’s“ Mutter vor 1 Jahr.
    „Robert“ meint, er brauche, das Photographieren, um Abschied nehmen zu können.

    Ich selbst habe zwar Photos von verstorbenen Angehörigen, allerdings nicht auf dem Totenbett, sondern noch zu Lebzeiten, wie ich die Menschen in Erinnerung behalten möchte.

    Herzliche Grüße

    Andrea

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