Das geheimnisvolle Geräusch

Urnentrauerfeier bei uns im Haus. Um 16 Uhr wollen die Angehörigen kommen, um in würdigem Rahmen von ihrem bereits eingeäscherten Opa Abschied zu nehmen. Man hat sich sehr viel Mühe mit der Auswahl der Musikstücke gegeben und legt Wert darauf, daß Pfarrer Laber-Tasch die Trauerrede hält. Ich kenne ihn ja noch als Vikar Laber, aber es ist ein Vorzug, den die evangelischen Pfarrer haben, daß sie heiraten dürfen.

Pfarrer Laber-Tasch ist ein ganz Netter, er kommt gerne ein Dreiviertelstündchen früher, trinkt mit uns Kaffee und hält ein kleines bis mittleres Schwätzchen. Nomen est omen.

Er hat es sich überdies zur Angewohnheit gemacht, die Trauerfeier einmal in Gedanken und Gesten komplett durchzuspielen. Zu diesem Zweck geht er lange vor Beginn der Feier in unsere Abschiedskapelle, schreitet alle seine Wege ab, imitiert kurz seine Rede indem er mit den geistreichen Worten: „Blabla, eins, zwei, drei“ eine Sprechprobe durchs Mikrophon macht und gestikuliert ein wenig. Es sieht ein bißchen bescheuert aus, aber ihm gibt das Sicherheit.

Auch dieses Mal schreitet er vom Seiteneingang bis zur Urne, die schon eine Weile da steht, verneigt sich kurz und geht dann zum Rednerpult, macht sein erstes „Blabla, eins, zwei, drei“ und man hört nichts durch die Lautsprecher.

„Hallo“, ruft er, „kann mal bitte jemand das Mikro einschalten?“

Ich bin noch vorne beschäftigt, zupfe die Vorhänge gerade und richte den Blumenschmuck, Sandy ist hinten und guckt dem Pfarrer zu. Die beiden mögen sich, weil Pfarrer Laber-Tasch ziemlich lange in Amerika war und die beiden so ein gemeinsames Thema haben.

„Klar doch“, sagt Sandy, macht kippt den passenden Schalter um und ein kleines rotes Lämpchen am Schaltpult in der Wand kündet davon, daß jetzt die Lautsprecheranlage scharf geschaltet ist. Pfarrer Laber-Tasch nickt dankbar, lächelt zu Sandy herüber und schreitet, elegant wie ein Storch, seinen Weg zurück zur Urne ab. Ich kenne das, er wird sie jetzt hochheben und mit zum Rednerpult nehmen. Dort pflegt er dann etwas zum Thema ‚Asche zu Asche‘ erzählen.
So macht er es auch, hebt die Urne hoch und zuckt ein bißchen zusammen: „Die ist aber leicht.“

„Ja, das ist eine Ökourne aus Pappe“, sage ich.
„Sie aber aus wie Stein“, sagt er und ich nicke. „Ja, so soll es ja auch sein. Aber keine Angst, eine Aschenkapsel ist auch noch drin.“

Pfarrer Laber-Tasch nickt, schreitet den Weg zum Pult ab und sagt: „Blabla, eins, zwei, drei“. Die Stimme klingt gut über die Lautsprecher, aber da ist irgendein Nebengeräusch, ein Netzbrummen.
Man hört es deutlich, es brummt, dann ist es wieder weg.

„Da brummt was“, ruft Sandy von hinten.

„Hab ich auch gehört“, sagt der Pfarrer und Sandy meint: „Vielleicht sollten Sie nicht so nah ans Mikro gehen.“

Der Pfarrer versucht es nochmals: „Blabla, eins, zwei, drei…“ – Stille – nichts.

„Ah, der Abstand. Gut, daß ich das weiß“, meint er und fährt in seiner Generalprobe fort: „Blabla, eins zwei drei… Brummmmm, Summmmm, Brummmmm“

Es ist wie verhext, aus allen Lautsprechern summt und brummt es, dann ist es wie abgeschnitten. Totenstille. Na, das passt ja wenigstens zum Anlaß, denn eins ist sicher, der Opa in der Urne ist es nicht, der da brummt, obwohl er direkt neben dem Mikrofon steht.
Sandy dreht an den Reglern, doch die dann ausgeführte Blabla-Probe verläuft nicht zufriedenstellend und Pfarrer Laber-Tasch ist nicht zu hören.

„Lauter!“ ruft er, doch inzwischen hat Sandy den Regler wieder voll aufgedreht und somit schallt die Stimme des Pfarrers mit der Lautstärke eines startenden Düsenjets durchs ganze Haus. Wir halten uns alle vor Schreck die Ohren zu. Ich werfe Sandy einen vorwurfsvollen Blick zu. Kurz darauf kommt Frau Büser gelaufen und will wissen, ob was passiert ist.

„Irgendwas brummt und summt in der Lautsprecheranlage“, klärt Sandy sie auf und Frau Büser schlägt ganz pragmatisch vor: „Dann lasst das Mikro doch aus.“ Doch Pfarrer Laber-Tasch winkt ab: „Nee, das geht mal überhaupt nicht! Ich habe einen Beruf, bei dem man viel reden muß und habe sowieso Knötchen auf den Stimmbändern. Wenn ich laut sprechen muß, werde ich sofort heiser und das kann ich mir nicht erlauben.“

Das sehe ich einerseits ein und andererseits, daß sich Antonia kauend hinter Frau Büser aufbaut. Nun ist Frau Büser schon nicht groß, aber Antonia ist noch etwas kleiner und deshalb hüpft sie hinter Frau Büser auf und ab. Das ergibt ein ziemliches Poltern. Ich würde ihr ja einen meiner gefürchteten tadelnden Blicke zuwerfen, doch ich bekomme bei dem hüpfenden Kalorienderwisch keinen Augenkontakt. „Antonia!“ rufe ich deshalb und das bringt sie dazu, sich an Frau Büser vorbeizuschieben und nach vorne zu mir zu kommen. „Wass’n?“
„Nix, hör auf zu hüpfen!“
„Ich hüpf doch gar nicht“, schmollt sie und ich sage: „Du bist aber herumgehüpft.“

„Was issen hier los?“ will sie wissen und genau in diesem Moment summt es wieder in den Lautsprechern.

„Eindeutig ein technischer Schaden am Mikrofon“, diagnostiziere ich und Pfarrer Laber-Tasch stimmt mir zu: „Ja, ein 50 Hertz Netzbrummen, ganz eindeutig.“

Antonia glotzt, beißt ein Stück von einer Quarktasche ab, wischt sich etwas Quark aus dem Mundwinkel und schüttelt den Kopf: „Nee, Chef.“
Was versteht schon eine Praktikantin von moderner Beschallungstechnik? „Da verstehst Du nichts von“, bescheide ich ihr und will gerade das Mikrophon vom Schwanenhals abziehen, da sagt sie kauend: „Das ist ’ne Fliege, eindeutig eine Fliege.“

Doofes, fettes Kind, denke ich, aber in diesem Moment brummt und summt es wieder und nachdem das Wort Fliege jetzt einmal gefallen ist, kommt es mir tatsächlich auch so vor, als ob Antonia Recht haben könnte.
Sie hält den Kopf etwas schief, lauscht ein wenig und dann tippt sie mit dem Quarkfinger auf die Urne: „Da issses drin, da kommt es raus!“

Die spinnt! Doch inzwischen ist Sandy auch bei uns, nimmt beherzt die Urne, macht den Deckel auf und heraus fliegt eine Fliege, genau auf Antonias Quarktasche.

Es macht ‚Batsch“ und Antonia hat die Fliege erlegt. Stolz präsentiert sie ihre Beute: „Sach ich doch, ist ’ne Fliege.“

Foto: Benjamin Versen

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

Download PDF PDF erzeugen
  • Veröffentlicht am: 3. Juni 2008
  • 25 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

25 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Weiß jemand, ob eine Quarktasche dasselbe ist wie eine Topfengolatsche?

  2. „doofes, fettes Kind“ finde ich ehrlich gesagt zu heftig. Stell Dir vor, Antonia würde sich jemals in diesem Blog erkennen… So redet man einfach nicht (öffentlich) über Menschen, egal wie ätzend und fett sie seien mögen.

  3. Na is doch klar, das sie alles essbare erkennt. Als ob sie sich sone gaaanz kleine Zwischenmahlzeit entgehen lassen würde.

  4. Antonia liest hier mit, bin ich mir ziemlich sicher. Wer mal genauer gelesen hat, weiß, dass Antonia inzwischen älter, verheiratet und der Meinung ist, dass sie die dusseligste Praktikantin jenseits und diesseits des Mississippi war *g*

    Insofern bin ich mir auch 100% sicher, dass sie das hier lesen kann und genau weiß, wie Tom das formuliert *g*

  5. und wenn man sich noch mehr erinnert, weiß man auch, dass Antonia und Tom ganz gut miteinander auskommen :)

  6. Sorry, bin grad das erstemal durch Zufall hierhergekommen und finde keinen eindeutigen Hinweis darauf, ob dieser Blog authentisch sein soll oder nicht oder so halb. Vielleicht ist ja auch nur die Erzählung konsequent dramatisiert und die Realität zu diesem Zweck etwas verbogen?

    Bitte um Aufklärung.

  7. Tobey, das ist alles viel besser als ich es in wenigen Worten zusammenfassen könnte auf http://www.bestatterweblog.de/pages/about.html beschrieben. Ob Tom, wie er sagt, wirklich Bestatter ist, weiß kein Mensch, aber wenn er nur Geschichtenerzähler ist hat er sich zumindest entsprechendes Fachwissen angeeignet.

  8. Obwohl… Quarktasche? Kalorienderwisch? Tiefer Ausschnitt?
    :-D

  9. Genau, ich dachte auch sofort an Suse und ein leckeres Frühstück für sie :)

  10. Und Euer Chamäleon? Das bekommt wieder nichts. Das hätte sich bestimmt über einen fetten Brummer gefreut.

  11. Reinkarnation… allerdings nur ein kurzes 2. Leben…

  12. Tja, manchmal kann man sogar seinen Praktikanten mal was glauben ;-)
    Und der Opa war wohl nicht anständig, und wurde als Fliege wiedergeboren …

Schreibe einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Bitte beachte die Nutzungsbedingungen des Bestatterweblogs!

Du bist ein Troll? Fein! Dir kann geholfen werden. Klicke hier!

Dein Kommentar ist nicht erschienen? Dann klicke bitte hier für weitere Informationen!

Diese Smileys kannst Du nutzen, und das bedeuten die Zeichen oben in der Textbox.