Der Robert

Robert ist der Sohn von Helga und Werner. Robert ist so um die 40 und bei der Stadtkämmerei.
Jetzt sind Helga und Werner bei einem Autounfall ums Leben gekommen, das stand wegen der Kuriosität des Unfalls auch in der Zeitung. Werner, Mitte 70, hatte auf schnurgerader Strecke innerorts die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und war zunächst gegen immerhin achtzehn geparkte Autos auf beiden Straßenseiten gekracht, hatte dann eine nur rudimentär vorhandene Lücke zwischen den geparkten Autos unter intensivem Gasgeben angesteuert und schlußendlich einen noch im Wachstum befindlichen Baum der Marke Buche so ungeschickt getroffen, daß sowohl das Auto, der Baum, als auch die beiden Insassen ums Leben kamen.

Das hört sich sicherlich lustiger an, als es für alle Beteiligten dann im Endeffekt war, aber der Polizeibericht las sich noch komischer. Das kommt vor allem dadurch zustande, daß die Tatsache des Ablebens von immerhin zwei Menschen, hinter der peniblen Aufzählung der entstandenen Schäden völlig zurückstand:

„Der entstandene Sachschaden an den geparkten Fahrzeugen kann derzeit mit grob geschätzten 38.000 Euro angegeben werden, während das Fahrzeug des Unfallverursachers einen Totalschaden erlitt, die Schäden an öffentlichen Einrichtungen werden mit 2.500 Euro beziffert, darin nicht enthalten der durch den heftigen Aufprall des Unfallfahrzeuges geborstene Baum (Buche), der vom Grünflächenamt mit 1.200 Euro angegeben wird. Bei dem Unfall kamen beide Fahrzeuginsassen ums Leben.“

Robert kommt also zu uns, um die Bestattung seiner Eltern in Auftrag zu geben. Das Haar sauber gescheitelt, bekleidet mit einem zugeknöpften und gegürteten Popeline-Mantel in Beige und stets mit leiser Stimme sprechend, die Augen ständig ebenso nervös bewegend, wie seine Hände, sitzt er mir gegenüber, mag nichts trinken und nagt auf seiner Unterlippe herum.

„Jetzt bin ich völlig hilflos, das hat doch immer alles Mama gemacht“, sagt er und fügt nach kurzem Zögern hinzu: „und der Papa.“

Mit 34 sei er von zu Hause ausgezogen, da habe er mal jemanden kennengelernt und sein Vater habe daraufhin sofort eine Wohnung für ihn gesucht, die seine Eltern dann liebevoll für ihn eingerichtet hätten. Seiner Freundin hat das nicht so gefallen, aber weil Roberts Eltern alles bezahlten, ließ sie es geschehen und zog dann mit Robert in die Wohnung ein.

„Mama ist ja so gut gewesen, so eine gute Frau! Sie ist zweimal die Woche zum Putzen und Aufräumen gekommen, immer wenn wir auf Arbeit waren und dienstags und freitags hat sie gespült und gewaschen.“

Ja, es habe schon auch Konflikte gegeben, vor allem weil seine Verlobte nicht damit einverstanden war, daß seine Mutter die Wäsche in den Schränken umgeräumt habe und auch schon mal ungesunde Lebensmittel einfach weggeworfen habe, aber da habe er dann mal für Ordnung gesorgt.

„Das hat natürlich nichts gebracht, aber was sollte ich tun, Mütter wissen eben am Besten, was gut ist für ihre Kinder, finden Sie nicht auch?“

Ich grunze nur und sage gar nichts, denn ich kann mir an lediglich einem Finger abzählen, wie die Geschichte weitergeht und genauso, wie ich es erwartete, kam es auch:

„Die Melanie hat sich dann auf einmal gegen meine Eltern gestellt. Sie wollte nicht, daß mein Vater ihre Kontoauszüge abheftet und meine Mutter für sie einen Termin beim Zahnarzt macht, stellen Sie sich das mal vor, so undankbar!“

Da hatte die Mutter eines Tages beschlossen, Melanie habe „untenrum so schiefe Zähne“ und da könne „man doch heute auch bei Erwachsenen noch was machen“ und wollte partout, daß die junge Frau sich beim Zahnarzt eine Spange machen läßt. Das konnte Melanie noch abbiegen, sprach mal ein Machtwort, das hinderte aber ihren zukünftigen Schwiegervater nicht daran, sie bei einem Frauenarzt anzumelden und darauf zu bestehen, zu dem Untersuchungstermin mitgehen zu wollen.

„Also ich war immer froh, daß Mama mitgegangen ist, wenn ich mal krank war. Melanie hat das nicht verstanden, ich glaube das lag daran, daß sie einen Bruder hat. Das ist ja so in diesen Familien, die wo so kinderreich sind, da können sich die Eltern einfach nicht richtig kümmern. Bei uns war das anders, Mama und Papa waren immer für mich da.“

Und es kam, wie es kommen mußte: „Schließlich habe ich Melanie weggeschickt, so ging es ja nicht weiter. Mama und Papa waren schon ganz krank vor Sorge um mich, weil Mama meinte, ich würde bei diesem Lotterweib unter die Räder kommen. Mama hat die schönsten Sachen für mich gekauft, zum Anziehen ne? Und dann ist die Melanie hingegangen und hat gesagt, daß wär‘ alles altmodisches Zeug und hat mich in so einen Laden mitgenommen, wo man Sachen kauft, wo Sachen auf den Sachen draufstehen.“

Ich frage: „Wo Sachen auf den Sachen stehen?“

„Ja, so Sprüche. Auf einem Unterhemd stand vorne so ein Spruch drauf. Also eigentlich waren das keine Unterhemden, oder doch wieder, ich weiß das gar nicht. Also das waren so Unterhemden in Bunt, schwarz und blau und so, aber die trägt man obendrüber statt des Oberhemdes. Ich hab ja nie was anderes getragen als Oberhemden, die hat Mama immer gestärkt und gebügelt. Aber Melanie wollte, daß ich so ein Tee-Schirt (er sagt das so: Teeeh-Schiert) anziehe und da stand dann vorne drauf: ‚Frauenversteher‘ und hinten stand drauf ‚von Mutti ausgebildet‘.“

Ich muß prusten und tarne das als Hustenanfall, nicke heftig und schaue Robert auffordernd an, er fährt fort:

„Tja, und dann mußte Melanie gehen. Mama hat gesagt, sie soll nur das mitnehmen, was sie mitgebracht hat und Papa hat aufgepasst, daß sie nichts von meinem Zeug mitnimmt. Danach war alles wieder gut, ich bin auch nicht sofort wieder zu Mama und Papa gezogen, erst drei Wochen später. Ich habe ja kein Auge mehr zugemacht, weil ich so in Sorge war um meine Eltern. Die haben mich schließlich großgezogen und sich immer um mich gekümmert. Mama hat dann gesagt, ich soll mir keine Sorgen machen, irgendwann käme schon die Richtige für mich, ich hätte ja noch Zeit und schließlich hätte ich doch sie. Sie hat gesagt: ‚Robert‘, hat sie gesagt‘, ‚du brauchst doch keine Frau, du hast doch mich und ich und Papa machen doch alles für dich und wenn du mal Bedürfnisse hast, da finden sich doch heutzutage Mittel und Wege. Du hast keine Eile und so lange du willst, kannst du immer bei uns bleiben.‘ Da sind gute Eltern, oder?“

„Ja, keine Frage“, sage ich und schlage meine Mappe mit den Formularen auf.

„Also, das müssen Sie jetzt aber machen, ich kann das nicht, ich bin viel zu aufgewühlt“, wehrt Robert ab.

„Sie brauchen auch nichts machen, ich leite Sie schon durch den ganzen Ablauf.“

„Das ist gut. Schreiben Sie irgendwas auf, Sie kennen sich da besser aus. Ich habe keinen Kopf für sowas.“

„Sie müßten mir aber schon wenigstens sagen, an was sie gedacht haben, eine Erd- oder eine Feuerbestattung und so weiter.“

„Das weiß ich doch nicht! Das hat Mama mir nicht gesagt und Papa wollte immer nicht verbrannt werden.“

„Na also, dann wissen wir doch wenigstens schon mal von ihrem Vater, daß er eine Erdbestattung wollte.“

„Und Mama?“

„Wir haben mehrere Möglichkeiten. Entweder wir lassen beide erdbestatten oder aber wir lassen den Vater erdbestatten und die Mutter einäschern. Die beiden bekommen auf jeden Fall ein gemeinsames Grab.“

„Das muß aber ein Grab für drei Leute sein.“

Klar, da hätte ich auch dran denken können, daß Robert zu Mama und Papa ins Grab will.
Ob der bei seinen Eltern im Schlafzimmer geschlafen hat?

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 4. Mai 2008
  • 20 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

20 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. oh Himmel… ja, solche Exemplare kenne ich auch. Wenn ein Mann mit 40 Jahren immer noch „meine Mama“ sagt, dann krieg so ganz still und leise vor mich hin die Krise… ;))

  2. Bei solchen Sachen weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Menschen, die so unglaublich abhängig von ihren Eltern (oder Lebenspartnern…) sind und im Leben alleine einfach nicht zurecht kommen, weil immer jemand da war, der alles für sie erledigt hat – schlimm; vor allem wenn diese Menschen dann von jetzt auf gleich alleine da stehen.

    Es ist ja verständlich, dass bis zu einem gewissen Alter die Eltern für einen da sind (sein wollen) und einem auch später helfen, da man mit vielen Dingen als Heranwachsender einfach nichts zu tun hat – aber so etwas, so eine absolute Bevormundung und Bemutterung – das ist schon ziemlich heftig…

  3. Oh weh. So einen haben wir auch im Büro – um die 50, wohnt bei Mutti im Haus, hochbezahlte Führungskraft, aber so ungeschickt, das er noch nicht mal selbstständig eine Kopie ziehen kann. Neulich hat er zu einem Geburtstagskaffeetrinken einen Kuchen mitgebracht – gefragt, ob er den selbst gebacken hätte, antwortete er ganz stolz: „Nein, den hat meine Frau Mama gebacken !“
    Ja, neee, ist klar – man scheucht die hochbetagte Mutter an den Backofen, anstatt zum Bäcker zu gehen oder gar selbst die Schürze umzubinden. *augenverdreh*

  4. Ich weiss hier ehrlich gesagt garnicht wer mir am meisten Leid tut. Die Mutter, der Sohn oder die Ex-Freundin.

    Für den Sohn gibts nur zwei Möglichkeiten. Entweder er lebt jetzt auf nach der Trauerphase oder er geht hoffnungslos unter. Ich hoffe ja mal das es ersteres ist.

  5. wollen wir hoffen, dass der Gute bald eine Ersatzmama findet unter deren Fuchtel er steht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es so das Beste fuer ihn waer.
    Ich krieg spaeter mal 4 Kinder, damit ich mich nicht „richtig“ um sie kuemmern kann :)

  6. Hi.

    Ja, eine solch bedauerliche Persion kenne ich auch. Mitte 30, promoviert und wohnt nich bei den Eltern im 10qm-Kinderzimmer.

    Solche Menschen tun mir leid, wirklich leid.

    Grüße

    Leo

  7. Da gehören aber schon zwei zu — meine Mutter hätte das mit Sicherheit auch gerne so gemacht, aber soviel Selbsterhaltungstrieb hatte ich schon, daß ich sie nicht ließ.

    Was mir leid tut, ist die Ex-Freundin. Ich glaube, wenn die ihre Schwiegereltern umgebracht hätte, die hätte maximal Bewährung bekommen. Von mir auf jeden Fall.

  8. Oh Mann…das ist ja schrecklich…

    Die Ex-Verlobte ist echt zu bewundern, dass sie das so lange ausgehalten hat…ich wäre nach einer Woche stiften gegangen.
    Sehr schön find ich die Bezeichnung „kinderreich“ für eine Familie mit zwei Kindern…*gg*

    Gruss
    S.

  9. ooh Mann… jetzt hab ich, seitdem ich den Artikel durchgelesen habe, diesen Heintje im Ohr und werd ihn nicht mehr los!!

  10. @opatios: Na toll, ich jetzt auch, seit ich deinen Kommentar gelesen habe…*gg* Wollen wir zusammen jaulen?

    Gruss
    S.

  11. Die würden am liebsten im Schlafzimmer noch die Laterne hochhalten, um sich zu vergewissern, ob der Bub das auch richtig macht. (mit Option auf Nachbesserung solange bis es klappt.

  12. Am Anfang wurd‘ mir ja doch was anders:
    Ich bin auch so „um die 40“ (schon was über die Mitte), meine Eltern heißen
    auch Helga und Werner, mein Vater ist Mitte 70 und ich arbeite in einer
    Stadtkämmerei – danach verlieren sich aber die Gemeinsamkeiten.
    Da muss ich ja froh sein, mich rechtzeitig von zu Hause abgenabelt zu haben.

    Ansonsten kommt der Typ Mensch mir aber bekannt vor – so einen haben wir auch
    im Büro: jemand der am Donnerstag nicht weiß, ob er nicht nächste Woche Urlaub
    macht, weil „Mama hat sich noch nicht geäußert“.

    Scheint es wohl in jedem Büro zu geben.

  13. Melanie, halt durch!
    Hat sich eigentlich schon das Jugendamt gekümmert und neue Adoptiveltern gesucht?
    ;-))

  14. uiiiiiii kann man den kennenlernen?? hast du zufällig seine nummer?

    „robert geh das klo putzen!!“
    „aber…“
    „nix aber… abmarsch!!!“

    grins

  15. „… das hinderte aber ihren zukünftigen Schwiegervater nicht daran, sie bei einem Frauenarzt anzumelden und darauf zu bestehen, zu dem Untersuchungstermin mitgehen zu wollen.“

    O.O

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