Der Schwanzhengst

ungarn-pixabay

Beerdigungen haben in meinen Augen auch immer den Charakter eines großen Familienfests. Natürlich aus traurigem Anlaß, ist ja klar. Aber zu kaum einer anderen Gelegenheit, außer großen runden Geburtstagen und Hochzeiten kommen so viele Verwandte zusammen.
Darum ist es nicht verwunderlich, daß nach dem traurigen Teil auf dem Friedhof so mancher Leichenschmaus in ein nicht enden wollendes und von viel Essen und noch mehr Trinken begleitetes Wiedersehensfest der Familie ausartet.
Richtige Trauer kann man sowieso nur besoffen und mit einer Zigarre in der Hand ertragen, das meinte zumindest Onkel Heinz immer.

Als Bestattungsunternehmer wirst Du hin und wieder auch zum anschließenden Leichenschmaus eingeladen. Aber ebensowenig, wie der Geburtshelfer zur Taufe eines jedes von ihm gehebammten Kindes kommen kann, kann man als Bestatter zu jedem Leichenschmaus gehen. Denn, ist auch der Beerdigungsakt für die Familien ein seltenes Ereignis, so wartet für den Bestatter im Anschluß an die eine schon die andere Bestattung. Doch ab und zu geht man mit, vor allem dann, wenn die Familie sehr nett ist, und wenn die Zeit es erlaubt.

In diesem speziellen Fall war Herr Pfundig gestorben und seine Frau, die infolge der Heirat zuerst zu Frau Pfundig und nun zu seiner Witwe geworden war, hatte mich eingeladen.
Über die Begebenheiten beim Leichenschmaus gibt es nichts weiter zu berichten. Es waren lauter nette Leute, die viele Fragen an mich hatten; und ich mußte hinterher den katholischen Pfarrer nach Hause fahren, er hatte sich etwas über seine Pegelgrenze hinweg mit einem blauen Likör abgeschossen. Es war also so wie immer.
Nur eines war anders, ich war zum ersten Mal in diesem Lokal zu Gast. Zum Leichenschmaus gab es belegte Brötchen und Kaffee, sowie alkoholische Getränke nach Wahl. Aber ich hatte die Zeit genutzt, und einen Blick in die Speisenkarte geworfen. Und da entdeckte ich zahlreiche Leckereien, die teils böhmischen, teils ungarischen Ursprungs waren. Vom Ursprung her also genau jene Wurzeln, die ich immer meiner Allerliebsten andichte. Die kommt ja in meinen Erzählungen immer als Tochter eines Zigeunerbarons oder wahlweise auch jugoslawisch-tschechisch-ungarischen Steppenreiters vor.

Bei nächster Gelegenheit, so beschloß ich, würde ich die Allerliebste also dorthin ausführen. Vielleicht würde es ihre Stimmung etwas heben, wenn sie mal wieder die kulinarischen Wahrnehmungsreize ihrer Heimat auf der Zunge hätte.

Diese nächste Gelegenheit war der nächste Donnerstag. Da hatte die Allerliebste Geburtstag; sie hat nicht immer donnerstags Geburtstag, aber dafür jedes Jahr immer wieder.

Wir betreten also das Restaurant, das der Besitzer auf den Namen „Jó napot kívánok“ getauft hat, was soviel wie „Gute Nacht“ bedeutet. Ein feister Mann in ungarischer Tracht führt uns an den reservierten Tisch, der von einer rot-weiß-grünen Tischdecke geziert wird.
Überhaupt ist in diesem Lokal sehr vieles in den ungarischen Landesfarben Rot, Weiß und Grün eingefärbt, und zwar immer in dieser Farbkombination, und um ehrlich zu sein, ist eigentlich alles in dem Lokal rot-weiß-grün.
Angesichts dieser farbstreifigen Übermacht wollen sich meine Augäpfel die ganze Zeit zum Schutz vor einer Reizüberflutung nach hinten drehen.

Janosz, so stellt sich uns der Kellner vor, entzündet galant die drei dünnen Kerzen und rückt der Allerliebsten sogar den Stuhl zurecht. Nach dem Aperitif gebe es heute Hausmusik, ungarische.
Ich nicke das ab. Schließlich ist es ja der Geburtstag der Allerliebsten und da wertet etwas musikalische Untermalung meine Essenseinladung noch mehr auf. Nach dem Aperitif gebe ich vor, aufs Klo zu müssen, schnappe mir an der Theke Janosz und sage ihm, daß meine Gattin heute ihren jährlichen Häutungstag feiert. „Oj, oj, oj, wälchä Fräudäää! Da machän wir was ganz Besondäraäss!“
Das Besondere ist ein ungarischer Mettigel, vielleicht auch Igelmett, jedenfalls stecken brennende Wunderkerzen oben drauf. Und während Janosz und drei Damen aus der Küche der Allerliebsten gratulieren und „Chäppiiii Börsdääää“ rufen, schleicht von hinten Tibor an.
Tibor ist die Hausmusik, genauer gesagt ist er ungarischer Stehgeiger. Auch er ist über und über rot-weiß-grün, hat lustige Bommeln an den Kniestrümpfen, ein knappes Husarenjäckchen über der rechten Schulter, einer Geige auf der linken Schulter und unter seiner dreipsitzigen Mütze lugen kohlenschwarze Augen und ein mächtiger, gezwirbelter Bart hervor.
Die enge, grüne Hose reicht ihm nur bis an die Knie, und zwischen dem bebommelten oberen Ende seiner Strümpfe und dem Knie bleibt ein Stück Bein frei, das so behaart ist… Also sagen wir es so: Der hat an diesem bißchen Bein mehr Haare, als ich am ganzen Körper, den Kopf eingeschlossen.

Während wir uns dem rohen Igel widmen, der irgendwie nach Sulfat oder Kaliumpermanganat schmeckt – es waren wohl doch etwas zuviele Wunderkerzen – beginnt Tibor das Spiel auf seiner Fidel.
Schön fidelt er. Nein wirklich! Das erste Lied kenne ich sogar, es ist etwas von Franz Lehar. Schön war’s, ich schiebe ihm einen Fünf-Euro-Schein in seine Brusttasche und das war’s dann auch. Er soll jetzt gehen, woanders fideln, jedenfalls will ich mich jetzt mit meiner Frau unterhalten.
Doch das sieht Tibor anders.
Der Wundergeiger sticht meiner Frau fast seinen Geigenbogen ins Auge, so nah beugt er sich zu ihr herunter und fidelt nur für sie noch ein Lied.
Dabei fällt mir auf, ich schaute da nur aus Versehen hin, daß Tibor in seiner Hose, also jetzt so mehr im Schritt, eine Gerätschaft spazieren führt, die die Größe einer mittelgroßen Blutwurst hat. Und diese Metzgersware trägt er offenbar nicht von weiterer Leibwäsche umhüllt direkt im oberen engen Hosenbein.
Meine Fresse! So viel Riemen kann kein Mann haben, zumindest kein Weißer!1

Und mit diesem Riemen schmiegt und schmirgelt sich der Mann immer an meiner Frau entlang.
Sie hat natürlich nur Ohren für seine Musik. Das will sie mir mit ihrem glücklichen Lächeln und dem, an Tibor vorbei gehenden Blick, natürlich weismachen. Aber mir macht sie nichts vor!
Ihr kann der Schwengel dieses Hengstes nicht entgangen sein, unmöglich. Und Tibor spielt nun schon das fünfte Lied.

„Genug!“, rufe ich, stecke Tibor nochmals 5 Euro zu und wende mich ganz entschieden der mittlerweile eingetroffenen Hauptspeise zu. Aufmunternd nicke ich in Richtung der Allerliebsten, doch sie schiebt den Teller etwas von sich, lehnt sich auf ihrem Stuhl ganz weit zurück und lauscht, glückselig lächelnd Tibors Darmgekratze. Und der? Der steht so nah und dicht hinter der Allerliebsten, daß ich mir allmählich Sorgen mache. Ich meine, ich weiß noch, was das damals für eine Beckenbodendramatik war, nachdem unsere Kinder geboren wurden…

Der gutbeschwengelte Geiger nimmt mich aber gar nicht mehr wahr. Er hat nur noch Glutaugen für meine Frau und -Gipfel aller Unverfrorenheit – er setzt sich geigenderweise auch noch auf ihren Schoß!

Janosz bringt den zweiten Gang, flambierte Hirtenspieße. Lecker!

Die Allerliebste nimmt aber am Essen nur marginal teil. Sie hat von jenem einen Bissen genommen, von diesem etwas abgeknabbert, aber ansonsten widmet sie sich nur noch dem musizierenden Schwanzhengst.
Ich sehe die beiden schon vor meinem geistigen Auge auf einem rot-weiß-grün gestreiften Roß gemeinsam über die Puszta reiten.

Gut, der Abend nahm dann ein etwas unrühmliches Ende. Noch heute, und das ist jetzt 12 Jahre her, will die Allerliebste nicht einsehen, daß es wirklich nur meiner Ungeschicklichkeit zuzuschreiben war, daß mir beim Hantieren mit dem Hirtenspieß und dem Alkohol dieses Unglück beim Flambieren passiert ist…
Jedenfalls ist Tibor schon nach einer Woche wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ich hatte ihm natürlich Blumen geschickt, rote, weiße und grüne…

15 Euro in die Plattheitenkasse erledigt.

 

 

 

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  • Veröffentlicht am: 1. Dezember 2016
  • 6 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

6 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. „Jó napot kívánok“ heisst „Guten Tag“, nicht „Gute Nacht“.

  2. Häutungsfest

    Da erfindet ja jemand immer wieder neue Namen zum wegschießen

  3. Einfach genial. Richtig toll geschrieben.
    Ich kriege das Grinsen nicht aus dem Gesicht!

  4. Ganz großes Kopfkino… Danke Peter, ein stressig-nerviger Arbeitstag wurde mehr als wieder ausgeglichen durch diese Geschichte :lol:

  5. Der angebliche Größenunterschied zwischen europäischen und afrikanischen Menschen beruht auf einen optischen Irrtum wie ich vor kurzem erst las,die Europäer haben strafferes Bindegewebe unterhalb des Äquators da zieht sich immer alles zusammen,unsere Brüder vom dunklen Kontinent lassen es einfach fröhlich herumhängen.In Gefechtssituationen gibt es dann kaum noch einen Unterschied.

  6. “ ich mußte hinterher den katholischen Pfarrer nach Hause fahren, er hatte sich etwas über seine Pegelgrenze hinweg mit einem blauen Likör abgeschossen. Es war also so wie immer.“ Hihihi, vor allem der lakonische Nachsatz.

    Völlig OT, fälltm mir aber zu Witzen und Priestern ein:
    http://www.vice.com/alps/video/treffen-sich-ein-rabbi-ein-priester-und-ein-imam-881

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