Der Tag, an dem ich Ostpreußen von der Landkarte tilgte

Genealogie. Genealogie ist so ähnlich wie Briefmarkensammeln. Nur sammelt man keine postalischen Klebezettelchen, sondern Ahnen. Und die gräbt man auch nicht auf dem Friedhof aus und klebt sie dann ins Album, sondern trägt die Informationen über sie in Tabellen, Bücher oder ganz modern in ein Computerprogramm ein. Ahnenforschung ist das Stichwort. Glück hat, wer eine ältere Person in der Familie hat, die sehr viel über die Vorfahren und überhaupt über die Verwandtschaft weiß. Dann kann man schnell seinen Stammbaum erstellen, die Eltern, die Geschwister, die Großeltern – und bei den Urgroßeltern geht’s noch, bei der Generation der Ururgroßeltern wird’s dann schon schwieriger. Je weiter man zurückgeht, umso schneller kommt man ans genealogische Loch. An die Stelle, an der es ohne weiteres nicht weitergeht.

Mühsame Recherchen in den Kirchen- und Taufbüchern in fernen Städten werden dann notwendig. Eintragungen in zweifelhafter Schrift mit zweifelhaften Berufsbezeichnungen wollen entziffert werden und immer schwingt die Angst mit, man könne doch irgendwie mit einem damals landauf, landab bekannten Massenmörder verwandt sein. Vor nicht allzulanger Zeit hatten die Leute ja mehr Angst davor, ein Pferdehändler mosaischen Glaubens könne ihr stammbäumliches Wurzelwerk verderben, aber das wäre mir persönlich jetzt egal. So schnell kommt die AfD ja hoffentlich doch nicht an die Macht.

Mein Stammbaum ließ sich, dank der großen Erinnerungsgabe meiner Mutter, sehr gut rekonstruieren. Meine Vorfahren stammen aus Ostpreußen, Russland, Belgien und Oberschlesien, es ist also alles ganz einfach.
Und gerade Masuren in Ostpreußen hat es mir angetan. Von einem Buchhändler hatte ich eine schöne Landkarte erstanden, die neben den heute gebräuchlichen polnischen Bezeichnungen auch die früher üblichen deutschen Städtenamen zeigte. Das erleichterte mir die Ahnenforschung sehr, denn mal stand die eine, mal die andere Bezeichnung in den Unterlagen.

Im Laufe vieler Jahre hatte ich auf dieser Karte die Namen vieler Ahnen eingetragen, in Schönschrift, mitsamt der Lebensdaten. Mit sauberen Linien hatte ich verzeichnet, wenn eine Familie fortgezogen war und so war eine ganz tolle, mit hunderten von Einträgen geschmückte Karte entstanden. Sie hing hinter mir im Büro an der Wand.

In dieser Zeit druckte man noch mit Nadeldruckern auf Endlospapier. Ein nervtötendes kreissägenähnliches Geräusch in hoher Frequenz begleitete den Ausdruck jeder einzelnen Zeile. Die Druckqualität war schon ganz ordentlich und als besonderen Luxus gab es schon Endlos-A-4-Papier, bei dem man den gelochten Rand an einer Mikroperforation sauber abtrennen konnte.
Doch dann kamen die Tintenstrahldrucker in Mode. Sie druckten im Vergleich dazu super leise, wahnsinnig schnell und in einer wesentlich besseren Qualität.
Natürlich habe ich mir auch so einen gekauft.

Allerdings: Während der Nadeldrucker sich aus einer Farbbandkassette mit Druckfarbe versorgte, verbrauchte der Tintenstrahldrucker Tinte.
Die Farbbandkassette konnte man prima mit etwas Schreibmaschinenfarbe wieder auffrischen und mußte sie erst entsorgen, wenn die Seide des Bandes fadenscheinig wurde.
Die Tinte des Tintenstrahlers jedoch befand sind in auswechselbaren kleinen Tanks, die sehr schnell leer waren. Dann mußte man sie nachkaufen.
Und es war damals so, wie es noch heute ist: Die Tinte war teurer als Parfüm.

Ich habe ja einen Schock bekommen, als mir der Verkäufer eine Patrone über den Tisch schob und ernsthaft: „56 Mark!“ sagte.

„Moment mal, ich will keinen neuen Drucker, ich brauche nur dieses Tintendings.“

„Ja, genau das habe ich hier für Sie, und das kostet 56 Mark.“

„Sie haben mich nicht richtig verstanden, ich möchte nur ein so’n Tintendings kaufen, nicht zehn oder zwölf.“

„Ich weiß schon, was Sie wollen. Sie wollen eine Tintenpatrone und das hier ist eine Tintenpatrone und die kostet 56 Mark.“

„Das ist aber sehr teuer!“

„Ja, davon leben die Druckerhersteller. Sie bekommen einen Drucker, der 500 Mark wert ist für 300 Mark und finanzieren den Rest und noch viel mehr über die Tinte. Sie werden jetzt jeden Monat kommen und so eine Tintenpatrone kaufen.“

„Wenn ich ungefähr jeden Monat eine benötige, dann sind das ja über 670 Mark im Jahr!“

„Genau.“

„Warum haben Sie mir das nicht gesagt, bevor ich den Drucker gekauft habe?“

Ein diabolisches Grinsen huschte für den Bruchteil einer Sekunde über sein Gesicht und ich wußte in diesem Moment, wie es sich anfühlen muß, wenn man angefixt worden ist.
Doch dann schaute er sich um, so als ob er sich vergewissern wollte, daß uns niemand zuhört. Wir waren zwar allein im Laden, aber er senkte dennoch seine Stimme, als er, sich noch einmal umschauend, unter der Theke eine unscheinbare Pappschachtel hervorholte: „26 Mark.“

„Und was ist das?“

„Pscht!“

Etwas leiser wiederholte ich: „Und was ist das?“

Er flüsterte: „Das ist Nachfülltinte. Damit können Sie hunderte von Mark sparen. Einfach mit der mitgelieferten Spritze aufziehen und in das kleine Loch unterhalb des Etiketts reinspritzen. Dann einen dieser mitgelieferten Spezialaufkleber aufs Loch machen und Sie können tausende von Seiten drucken. Diese Tinte ist sehr ergiebig.“

„Und warum müssen wir flüstern?“

„Pscht!“

Ich legte ihm die 26 Mark hin, nahm die Pappschachtel mit nach Hause und baute alles nach der Bedienungsanleitung vor mir auf.
Eine Flasche mit schwarzer Geheimtinte, eine Kunststoffspritze, eine Kanüle und einen silbernen Spezialaufkleber.
Dann nahm ich die leere Druckerkartusche, suchte das geheimnisvolle Loch und fand es.

Also ans Werk!
Ich zog schwarze Tinte auf. In der Anleitung hieß es, man solle 10 Milliliter aufziehen, aber dann wäre ich ja Stunden beschäftigt. Irgendwo beim Aquarium mußte noch eine Halbliterspritze sein.
Die hatte ich mal von einem Tierarzt bekommen, damit macht man springmüden Hengsten Potenzeinläufe.
Ich zog also die ganze Tinte aus der Flasche in die Potenzspritze auf. Dann bohrte ich die fingerdicke Kanüle in die Druckerpatrone und begann vorsichtig Tinte in die Kartusche zu drücken.
Das heißt, ich hätte sie hineingedrückt, wenn sie hineingegangen wäre.
Sie ging aber nicht hinein.

Nun gut, vielleicht war ja meine Pferdepumpe nicht mit der Druckerkartusche kompatibel. Was macht ein Ostpreuße dann, er wendet Kraft an.
Und so drückte ich und drückte… Der Kolben der Riesenspritze senkte sich… Und?
Nix. Die Tinte ließ sich zwar in gewissem Umfange komprimieren, aber nichts davon gelangte in die Kartusche.

Was macht der Ostpreuße? Er drückt noch mehr!

Ja und dann endlich ging’s.

Jetzt muß ich allerdings dazusagen, daß es nicht ganz so ging, wie es hätte gehen sollen.
Also, ehrlich gesagt machte es Prutsch und dann Prötsch.
Und es wurde Nacht.
Es ward Nacht in meinem Gesicht, an meinem Oberkörper und um mich herum.
Druckertinte ist sehr ergiebig!
Das hatte ja auch der Verkäufer gesagt.

Sie war so ergiebig, daß sie alles um mich herum in eine schwarzsommersprossige Landschaft verwandelte.

Insbesondere die Wand hinter mir.

Abgesehen von meinen Körperumrissen war ganz Ostpreußen und mit ihm meine ganzen Ahnenschaft ausgelöscht.

Es war viertel vor sechs.

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  • Veröffentlicht am: 22. September 2016
  • 9 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Gewinnspiel

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

9 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Das kommt davon wenn man der darbenden Industrie die wenigen Cent Ähhhhh pfennige Gewinn nicht gönnt ;-)

  2. „.. wenn die Seide des Bandes fadenscheinig wurde“ Ich liebe Wortspiele :-D
    Und was das ursprüngliche Thema betrifft: eigentlich ist doch eine der wichtigsten Eigenschaften eines Ostpreusen die Geduld (manche nennen es zwar Sturheit, aber das sind böswillige Übertreibungen ;-) ).
    Das mit dem Nachfüllen ist schon eine Krux, aber das Zubehör hat schon seinen Sinn
    .. sagt der Klugscheisser

    • Wobei fadenscheinig hier ja im eigentlichen Sinne kein Wortspiel ist, sondern nur die ursprünglichen Bedeutung des Wortes fadenscheinig hervorhebt.
      Wenn ein Stoff abgewetzt ist, sodaß die textile Struktur, meist nur noch bestehend aus Kettfäden sichtbar wird, dann spricht man von fadenscheinig.
      Im übertragenen Sinn wird der Begriff heute aber auch dafür verwendet, wenn jemand fast schon kriminelle Handlungen begeht: Er macht fadenscheinige Geschäfte.
      Der ursprüngliche Sinn dieser Bedeutungsverschiebung sagte aber wiederum etwas anderes aus. Etwas war leicht zu durchschauen, im Sinne von fadenscheinigen Argumenten.
      Allen Bedeutungen liegt zugrunde, daß man etwas leicht durchschauen kann, entweder den abgewetzten Stoff oder eben die Argumente.

      • @Peter Wilhelm:
        Die fragwürdigen Geschäfte sind doch im allgemeinen „halbseiden“ und nicht fadenscheinig, oder? Allerdings eine weitere textile Bedeutungsverschiebung… :)

  3. Ist mir im kleineren Maßstab auch passiert. Es waren zwar nur ein paar Kleckse an der Zimmerdecke, aber die Tinte ist auch nach dem fünften Überstreichen noch durch die Dispersionsfarbe hindurch diffundiert …

  4. Es gab mal so Nachfärbemaschinen für Druckerfarbbänder, die füllte man mit Tinte, spannte das Farbband ein, und dann durfte man fleißig kurbeln. Auch da sollte man nur die Menge für jeweils ein Farbband einfüllen, was mir für ca. 30 Bürodrucker zu umständlich erschien, und, na ja, das Ergebnis kann man sich vorstellen.

    Eine noch größere Sauerei ergeben allerdings Tonerkartuschen für Laserdrucker, wenn man sie nahe einer Tischkante ablegt und jemand stößt dagegen und rempelt sie runter. Auch wenn der Drucker meinte, dass das Ding leer ist: Nein, ist sie nicht. War übrigens magenta. Bis zum Austausch des Teppichbodens musste ich mir einige Telekom-Witze anhören.

    Ahnenforschung ist übrigens durchaus spannend. So habe ich z.B. rausgefunden, dass meine Vorfahren väterlicherseits aus dem tiefsten Westdeutschland stammen, aus der Gegend um Koblenz, und mütterlicherseits lassen sich die Spuren in die heutige Tschechische Republik zurückverfolgen. Irgendwie sind sie dann in Bayern hängen geblieben. Na ja, die einen wollten halt nach dem Krieg nicht zu den Franzosen, die anderen nicht zu den Russen, und ein Großonkel von mir ist einfach direkt nach Kanada abgehauen und hat mir seinerzeit in den 1980ern monatlich einen Packen Computerzeitschriften geschickt, weil es dort damals schon echte Fachmagazine gab. In Deutschland dauerte das noch ein paar Jahre.

    Übrigens hat mich mal ein Reverend mit Vornamen Tim angeschrieben, aus den USA, der denselben Nachnamen trug wie meine Großmutter mütterlicherseits. Mormone, wie mir schien. Die sind ja ganz groß in der Ahnenforschung. Wir sind nicht verwandt, der Nachname ist in verschiedenen Schreibweisen hier und auch in Osteuropa ziemlich geläufig. Meine Forschungsergebnisse habe ich ihm trotzdem gerne geschickt.

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