Die goldene Mitte

Die lustigsten Geschichten passieren manchmal am Telefon. Man darf ja nicht vergessen, dass die Anrufer oft alte Leute sind, oder sie sind durch die Trauer verwirrt oder einfach nur irritiert und durcheinander, weil sie nicht wissen, was in den Tagen rund um eine Bestattung alles passiert.

Das Telefon düdelt, ich nehme ab, melde mich und ohne Namensnennung brubbelt jemand los:

„Sie hatten uns doch gesagt, daß unsere Mutter heute verbrannt wird.“

„Wie war Ihr Name?“

„Martha.“

„Mit wem spreche ich denn bitte?“

„Na mit dem Sohn.“

„Und Sie heißen bitte?“

„Ich heiß nicht Bitte, ich heiß Wagner.“

„Gut Herr Wagner und wie hieß ihre Mutter?“

„Auch Wagner.“

„Es geht also um Frau Martha Wagner?“

„Nee, die lebt noch. Ich meine die Martha Schneidereitlinger ich bin nämlich der Schwiegersohn, sie hat bloß immer ‚mein Sohn‘ zu mir gesagt. Also jetzt so mehr meine Schwiegermutter, meine ich. Meine richtige Mutter sagt immer Fietje zu mir.“

„Moment, ich schau mal eben nach.“ Ich nehme mir die Mappe, schaue nach und tatsächlich, die Frau wird heute eingeäschert. Das sage ich dem Schwiegersohn dann auch: „Ja, Sie haben Recht, heute wird ihre Schwiegermutter eingeäschert.“

„Ich und meine Frau…, also das ist dann jetzt so mehr die Tochter von der Schwiegermutter, also auch eine geborene Schneidereitlinger… wir sind nämlich heute nochmal auffem Friedhof gewesen, wegen dem Grab. Und auffem Rückweg sind wir am Krematorium vorbeigekommen und da sieht man ja nicht wie das da so aussem Schornstein kommt.
Aber son Stückchen weiter oben rechts am Himmel, da waren so drei kleine dunkle Wölkchen. Das war genau, warten Sie, genau um 10.45 Uhr. Können Sie uns mal eben sagen, ob eine der Wolken meine Schwiegermutter war?“

Was sage ich dem jetzt?
Soll ich einfach sagen, es sei die mittlere gewesen?

Ich habe ihm dann erklärt, daß man vom Krematorium keine Rauchwölkchen sieht und daß das Zufall gewesen sei.

„Kann ich meiner Frau trotzdem sagen, daß es eine von den Wölkchen war?“

„Ja, sagen Sie ihr, es sei die mittlere gewesen.“

Also doch.

© 2008

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  • Veröffentlicht am: 23. März 2016
  • 26 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

26 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Zum ersten Teil der Geschichte fällt mir nur ein: Warum einfach, wenns auch kompliziert geht? Und unterstellt man das nicht normalerweise eher uns Frauen? Und wo ist eigentlich die Tradition geblieben, sich am Telefon zu melden mit: „Guten Tag, mein Name ist XYZ, ich rufe wegen „Grund des Anrufes“ an.“??
    Egal, ich find die Vorstellung, dass da die Schwiegermutter als Wölkchen rumfliegt, nett. Da fällt das Loslassen doch irgendwie einfacher: „Guck mal, da fliegt die Oma in den Himmel.“
    Oder so :)

  2. LOL … den Anruf hätte sich der Schwiegersohn auch sparen können und seiner Angetrauten ohne Rücksprache die Geschichte erzählen können… aber originell, wie manche Menschen telefonieren…

  3. Na hauptsache die Tochter der Schwiegermutter hat etwas davon. Ist doch gar nicht so schlecht, sich vorzustellen, dass sich die Mama auf irgendwelche Art auch immer nochmals verabschieden wollte.

    Manche Menschen brauchen das…
    Und manche Menschen brauchen Unterstützung, um das zu geben ;o)

  4. Das Telefongespäch ist ja wirklich die Härte *g*
    Aber den Gedanken mit der Wolke finde ich klasse.

  5. Warum hat denn der Bildbearbeiter die mittlere Wolke gedreht? Da kommt die Sonne ja ausm Norden :D
    (Jaja, alles Klone einer Wolke, klar.)

  6. Sehr schöne Story!

    Ließ sich noch klären wer die anderen beiden Wölkchen waren? Wäre ja ganz nett zu wissen, wer jetzt so zum neuen Freundeskreis der Schwiegermutter gehört :-)

  7. da bekommt der Begriff „Drachen steigen lassen“ eine neue Bedeutung.

    Wenn ich mir so den Hintergrund bis zum Horizont ansehe, unglaublich viele Verbrennungen zur Zeit.
    da müßten die Städte mal über eine Plakettenpflicht für Särge nachdenken, damit es weniger feinstaubt.

  8. Feinstaub?
    Was ist eigentlich aus der künstlichen Mode-Diskussion darüber geworden?
    Man hört ja rein gar nix mehr!

  9. Weiß doch jeder: Jedes Auto bekam eine Plakette. Rot, gelb, grün. Weil die ohne Plakette feinstauben. Und jedes Auto mit Plakette darf in die Stadt fahren, weil es nicht mehr so staubt seit es die Plakette hat.

    es gibt Leute, die behaupten die Autos mit DIE GRÜNEN würden die schmutzige Luft einsaugen, und hinten kommt sie so sauber gefiltert heraus, wie sie es vorher nicht war. Und je mehr Autos mit der grünen Plakette herumfahren, desto sauberer die gereinigte Luft.

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