Die Gurke

Schwangeren sagt man nach, sie hätten immer einen unbändigen Appetit auf saure Gurken, vor allem in Kombination mit lukullischen Inkompatibilitäten, wie beispielsweise Himbeersoße oder Vanilleeis.
Mir geht es ähnlich, ob wohl ich einerseits nicht schwanger bin und andererseits die Inkompatibilität dadurch vermeide, daß ich diese Sachen getrennt verzehre.

So eine saure Gurke hat was.
Mein Opa hat schon gerne saure Gurken gegessen, mein Vater mochte sie und ich esse sie auch gerne.

Man gehe mir weg mit diesen kulinarischen Kümmerlingen, die uns die Franzosen nähergebracht haben und die auf den mickrigen Namen Cornichons hören. Wenn ich eine saure Gurke essen möchte, dann muß es eine Gewürzgurke sozusagen megalithischen Ausmaßes sein.

Als ich noch ein Kind war, nahm mich meine Mutter manchmal mit auf den Wochenmarkt von Essen-Kray. Auf diesem boten die Landwirte, viele Händler aus dem nicht weit entfernten Holland und allerlei Krämer tolle Sachen wohlfeil. Ein Stand gehörte einem holländischen Fischhändler und vor seiner Bude stand immer ein großes hölzernes Faß, aus dem er riesige Gewürzgurken verkaufte. Ehrlich, wenn ich als Kind so eine dicke Gurke bekam, verspürte ich ein Glücksgefühl. (Ich verbitte mir sexuelle Anspielungen durch Umstellung des letzten Satzes.)

Auch heute noch esse ich gerne große saure Gewürzgurken. Bitte keine Cornichons, keine Salzgurken, keine Gurkensticks und auch keine extra-hot-Pixiesticks oder sowas. Es zählt alleine, daß sie groß sind, daß sie sauer sind und daß sie beim Reinbeißen knacken und ein bißchen spritzen.

Giuseppe hat solche Gurken. In einem großen dickwandigen Glas auf der Theke seiner Pizzeria schwimmen sie, fetten Goldfischen gleich, umher und warten nur darauf bestellt und gegessen zu werden.

Bei Giuseppe treffe ich immer den einbeinigen Hans. Eigentlich ist Hans gar nicht wirklich einbeinig, denn er hat ganz offensichtlich zwei Beine, aber vermutlich ist eines davon nicht echt. Genauer beurteilen kann ich das nicht, denn ich habe Hans noch nie laufen sehen. Er sitzt bei Giuseppe, sonst macht er offenbar nix. Vielleicht wohnt er auch auf diesem Stuhl in Giuseppes Pizzeria, direkt neben der Glasvitrine mit den Ferrari-Modellautos und den Fotos von Sizilien.

„Oh, Don Pietro!“, so begrüßt mich Giuseppe immer schon von weitem und winkt mich in sein Lokal. „Wasse darf es heute denne sein, Cheffe?“

Ich steuere auf die dicken Hinterglasgrünlinge zu und sage: „Giuseppe, mein Freund, ich hätte gerne eine von diesen tollen Gurken.“

„Ich auch!“, ruft der Einbeinige von seinem Stammplatz aus und winkt mir zur Begrüßung zu.

„Subito!“, ruft Giuseppe und holt seine Gurkenzange.

Er fuhrwerkt mit dieser eine Weile im Glas herum, fischt dann eine schöne große Gurke heraus und serviert sie mir auf einem Glasteller: „Bittesehr, Cheffe, besonders lecker. Hatte gemachte meine Oma in meine Dorf.“

Ich freue mich, weil ich ein besonders prachtvolles und großes Exemplar bekommen habe. Dann fischt Guiseppe auch für den einbeinigen Hans eine Gurke aus dem Cucumis-Aquarium und bringt sie ihm.
Da fällt mein Blick auf Hans‘ Teller. Die Gurke, die ich habe, ist eine wirklich schöne und prachtvolle Vertreterin ihrer Art, aber die Gurkenfrucht, die Hans bekommen hat, übertrifft meine Gurke bei weitem. Sie ist sozusagen die schönste, prallste und vermutlich auch leckerste Gurke der Welt.

Nun gut, Neid ist mir fremd und ich gönne dem armen behinderten Mann diesen kleinen Gurkenvorteil.
Meine Gurke schmeckt, man kann wirklich nicht sagen, daß sie übelschmeckend ist; aber ich habe bei Giuseppe schon bessere Gurken gegessen. Ich wische mir den Mund ab, schiebe den leeren Teller beiseite und…
…Hans hat gerade einmal ein Viertel seiner Prachtfrucht verdrückt. „Hm, die ist ja sowas von lecker, Gíuseppe, und so schöööön grooooß!“, mümmelt Hans kauend hervor.

Wirklich, ich bin niemals neidisch, aber die Geschichte geht mir nicht mehr aus dem Kopf, sie beschäftigt mich ein paar Tage lang.

Am darauffolgenden Dienstag gehe ich wieder zu Giuseppe.
Ich bestelle einen Espresso, eine kleine Auswahl Antipasti und eine große Portion Pasta. Mein Plan ist es, den Chef des Hauses wohl zu stimmen, damit er mir später, wenn ich eine Gurke bestelle, den Vorzug vor dem ewigen Hans gibt und mir die größere Gurke serviert.
Giuseppe ist die italienische Gastronomie-Perfektion in Person. Seine Frau kocht wunderbar, er ist ein hervorragender Gastronom und bedient mich äußert zuvorkommend. Hans hingegen sitzt nur in seiner Ecke und liest einen Heftchenroman.
Nach dem Essen gönne ich mir noch einen Kaffee, ein leckeres Eis und zwei Gläser italienischen Rotwein. Die Zeche soll ruhig hoch sein, dann muß er mir die dicke Gurke geben.

„Noch eine Wunsche, Cheffe Dion Pietro?“

„Ja, Giuseppe, ich bekomme bitte noch eine von den dicken Gurken, aber eine ganz besonders dicke.“

„Subito!“

„Ach, da nehme ich auch eine“, ruft Hans.

Ich schaue ganz genau hin und tatsächlich, Giuseppe angelt besonders lange und ganz tief unten im Glas nach einer Supergurke. Dann hat er eine, hebt die Zange mit der Gurke hoch und schaut fragend zu mir herüber.
Ja, das ist eine prächtige Gurke, die die die Hans beim letzten Mal bekommen hat, bei weitem an Größe, Grünlichkeit und Glanz übertrifft. Ich nicke zufrieden.

Giuseppe serviert mir das Gurkengetüm und angelt dann ganz beiläufig und ohne großartig hinzusehen auch für Hans eine heraus.

Was hat dieser angeblich hinkende Gnom eigentlich an sich? Warum bekommt er auch dieses Mal eine noch größere, noch grünere und noch tollere Gurke als ich?

Nein, ich bin immer noch nicht neidisch, aber Inklusion und Gleichberechtigung müssen ja nun wirklich in beiderlei Richtungen gelten! Sowas aber auch!

So prachtvoll meine Gurke eben auch noch schien, so labberig und fad schmeckt sie mir. Die Gurke, die Hans hat, die hätte ich gerne gehabt.

Ich lege Giuseppe einen großzügig bemessenen Schein auf den Tisch, winke kurz zum Abschied und bin draußen.

Zwei Wochen ärgere ich mich.
Nein, so kann es nicht sein. Das ist ungerecht. Ich muß mit Giuseppe reden.

Gleich am Montag, so beschließe ich, werde ich mit dem Sizilianer ein ernstes Wort reden.

In der Nacht vorher wälze ich mich im Bett hin und her und träume von gurkengrünen Zeppelinen, die von hauchdünn bekleideten Jungfrauen gesteuert werden, die mir auf Italienisch zurufen: „Hans, Hans, Hans, der bekommt die größere!“

Am nächsten Tag gehe ich zu Giuseppe. Sein scheinheiligen „Don Pietro“ überhöre ich und komme gleich zur Sache: „So, ich war jetzt zweimal hier und habe eine extra große und besonders große, ja nahezu gigantische Gurke bestellt. Und jedes Mal hast Du mir eine große Gurke serviert, anschließend aber Hans eine viel größere gegeben. Ich will auch eine solche dicke Gurke, wie Du dem Hans gegeben hast!“

„Cheffe? Was sagen Sie? Iche gebbe immer alle Leut gleiche Gurke. Mache ich einen Unterschied? Neine, ich bin Sizilianer, die Gerechtigkeite liegt uns in Blute!“

„Mag ja alles sein, aber der Hans kriegt immer eine größere Gurke.“

„Don Pietro! Verzeihen Sie mir. Aber isse keine Absicht. Machen wir heute so: Ich lege zwei Teller hier hin. Die rechte Teller isse für Don Pietro, der linke Teller isse für Hans. Und hier habe sie die Zang. Jetzt nehme Sie eine Gurke für sich und dann eine für die Hans aus dem Glas. Okay? Sie dürfe selber mache. Erste Gurke für Don Pietro, zweite isse für Hans.“

Das klingt fair. Also nehme ich die Zange und schiele durch das zentimeterdicke Glas auf eine ganz besonders riesige Gurke. Es ist sozusagen die Mutter aller sauren Gurken.
Aber in dem Glas sind viele Gurken, es ist ein riesiges Glas, vielleicht einen halben Meter hoch… Ich bekomme das Gefühl, übervorteilt zu werden. Wahrscheinlich verbirgt sich irgendwo in der Flüssigkeit noch eine viel schönere und größere Gurke. Deshalb schlage ich eine Regeländerung vor: „Wir können es so machen, aber die Höflichkeit gebietet es, daß ich zuerst Hans eine Gurke heraushole.“

Also visiere ich mit der Zange die Mutter aller Gurken an und es stellt sich heraus, daß es gar nicht so einfach ist, genau diese Gurke mit der Zange zu packen. Denn wenn die Zange in den Gurkensud eintaucht, wird das Licht gebrochen, die Zange bekommt an der Wasseroberfläche einen Knick und geht unter Wasser in einem aberwitzigen Winkel weiter.
Aber endlich habe ich die Gurkenmutter. Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen, aber ich lege sie trotzdem auf den Teller, der für Hans bestimmt ist.

„So, nun darf ich mir eine aussuchen!“, sage ich und rühre mit der Zange in dem Glas herum. Und tatsächlich, hinten an der Rückwand treibt der Mann der Mutter, der Vater -was sage ich, der Urahn aller Gurken!
Wieder knickt die Zange so komisch, wieder muß ich dreimal ansetzen, doch dann habe ich den Gurkenopa am Schlafittchen und ziehe ihn heraus. Ein Prachtpeimel, ein Riesentrum!

Doch als ich ihn ganz aus der Brühe gezogen und auf meinen Teller gelegt habe, muß ich feststellen, daß der Gurkenvater in Wirklichkeit nur der Stiefvater ist. Er ist dann doch ein bedeutendes Stück kleiner, als die erste Gurke.

Hans lacht und klopft sich vor Vergnügen auf die Schenkel. „Pass auf, Peter!“, ruft er, steht auf, geht um die Theke herum und glotzt mich durch das Gurkenglas an. Sein Gesicht ist zum Antlitz Quasimodos verzerrt. Ein Auge ist bierdeckelgroß, das andere winzig klein. Seine Nase sieht aus wie ein Flaschenkürbis und sein Kinn wirkt winzig, wie eine Haselnuß. „Das ist dickes sizilianisches Glas mit lauter Wölbungen, das wirkt an einigen Stellen wie eine Lupe, an anderen wie ein Mikroskop. Da kannst Du von außen gar nicht abschätzen, wie groß die Gurke ist, die Du rausziehen willst.“ Er sagt das, greift über die Theke und nimmt sich die dicke Gurkenmutter: „Guten Appetit!“

Vier Tage später lassen sie mich aus der geschlossenen Abteilung wieder gehen. Ich hätte weinend, schreiend und immer wieder das Wort Zeppelin rufend auf dem Boden herumgetobt… Aber das ist natürlich alles nur erfunden.


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Peter Wilhelm15. März 2017

9 Kommentare von 138966.

  1. Aber Don Pietro – du hast dich als Geschäftsmann übers Ohr hauen lassen! Hättest doch Giuseppe zwei Grrrrrrknnn aus dem Glas fischen lassen, und wenn sie nebeneinander liegen, triffst du die Auswahl.

    Aber, aber!

    Aber da ich Grrkn verabscheue und sie sogar aus den Sandwiches pule, mangelt es mir wohl an entscheidender Lebenserfahrung…

  2. Wie die Geschichte, die Dieter Nuhr mal erzählte. Hier ging es um ein kleines Äffchen, welches eine tolle Gurke bekam und super glücklich darüber war. Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Affenkollege nebenan süße Trauben bekam. Da war die Freude vorbei und der Neid und oder Hass nahm überhand.
    Na Peter, welches Äffchen möchtest Du sein? ;-) ;-) ;-) ;-)

  3. Herrliche Geschichte! Ganz großes Kino. Tolle Satire!

    • @Winnie: Jupp. Die Geschichte habe ich im Fernsehen gesehen. Es ist erstaunlich wie aggressiv der Affe wurde.

      Und die Gurkengeschichte ist herrlich@Benjamin:

  4. Gewürzgurken sind das Guantanamo für die Geschmackssinne !!!

  5. Lieber Peter, Du musst nur Dir nur – so Mantra-ähnlich – die alte Weisheit aufsagen: „Sauer macht lustig!“ ;-)

  6. Hachja, das kenne ich auch noch aus meiner Jugend!

    In der neuen Straße wo wir grad hingezogen waren gab es einen kleinen Edeka vom Herrn Schröder, die hatten so eine kleine Wurst- und Käsetheke und daneben auch so ein großes Holzfass. Jedesmal wenn ich zusammen mit meiner Mama dort einkaufen war wollte ich aus dem Fass eine Gewürzgurke, weil die so lecker knackig waren. Irgendwann bekam ich dann durch meine Liebe zur Gewürzgurke von Angestellten den Spitznamen „Gurkenpeter“. :-)

    • @Peter: https://www.youtube.com/watch?v=TVVUQwrCYOs :-D
      schönes Wochenende Dir, Deiner Familie und den Kommentatoren (m/w)
      Hajo

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