Die Mumie -I-

Die Frau, die mir an diesem Morgen gegenübersitzt, ist 52 Jahre alt, ich sehe, daß sie einmal gut ausgesehen haben muß, aber das tut sie jetzt nicht mehr. Zuviel Sonnenbank, zuviel Nikotin und zuviel Alkohol haben sie in eine faltige Mumie verwandelt. Ihre Haut ist pergamentartig, faltig und so dunkel gebräunt, daß man meinen könnte, die Frau sei Monate in der Wüste gewesen. Frau Gundula Krüsemann-Wotz ist hier in unserem Stadtteil bekannt. In jungen Jahren hat sie als „wilde Gundel“ so mancher anderen den Freund ausgespannt und so wundert es niemanden, der Frauen kennt, daß diese den optischen Niedergang der ehemaligen Dorfschönheit eher mit Genugtuung, wenn nicht gar mit Schadenfreude sehen und Frau Krüsemann-Wotz den Namen ‚Lederstrumpf‘ verpasst haben.

Die „Gundel“ ist Friseurmeisterin und betreibt hier in unserem Ort einen gutgehenden Friseursalon. Jetzt sitzt sie mir gegenüber, weil ihr Mann gestorben ist. Jürgen Wotz ist 60 Jahre alt geworden und auf der Jagd verunglückt. Bis ich kapiert hatte, daß Wotz Jäger war und nicht Besitzer eines größeren Segelbootes, das hat eine Weile gedauert, denn die Gundel spricht das Wort Jagd immer aus wie Yacht. „Da ist mein Mann auf der Jachd gewesen und wollte die Leiter hoch, um nach Tieren zu schauen…“

Da stellte ich mir eine strahlend weiße Yacht auf azurblauem Wasser vor, auf der Herr Wotz eine schmale weiße Leiter emporsteigt, um in der Weite des Meeres nach der Rückenflosse irgendwelcher Fische Ausschau zu halten.

Erst als sie dann nach einer kurzen Pause weitersprach, wurde mir alles klar: „…aber irgendjemand hatte die Leitersprossen angesägt, vermutlich militante Jagdgegner, so notorische Tierschützer, und mein Mann ist aus über fünf Meter Höhe abgestürzt und hat sich das Becken und beide Beine gebrochen, offen. Die Polizei hat gesagt, er habe vermutlich drei Tage da gelegen und sei dann erst gestorben. Sein Handy hatte er in der einen Hand und die Pistole in der anderen. Da gibt’s aber kein Netz, da draußen und er hat noch das Magazin seiner Pistole leer geschossen, die vermuten, er wollte damit auf sich aufmerksam machen.“

Grauenvoll! Kaum 150 Meter von einer zwar nicht viel, aber doch regelmäßig befahrenen Landstraße entfernt hatte sich dieses Drama abgespielt.
Woran ihr Mann jetzt ganz genau gestorben ist, weiß Frau Krüsemann-Wotz nicht, man habe ihr da unterschiedliche Versionen erzählt. Die Polizei habe davon gesprochen, er sei verblutet und in der Rechtsmedizin, wo sie ihren Mann noch einmal habe sehen dürfen, habe der Arzt gesagt, das Herz habe dann irgendwann nicht mehr mitgespielt.

‚Gundel‘ erzählt mir das allerdings mit tonloser Stimme und unbewegtem Gesicht, von Trauer ist da nicht viel zu spüren und ich weiß auch warum.
Und daß ich das weiß, liegt an einer völlig anderen Geschichte, die auch mit einer Friseurin zu tun hat und mit einem Filialleiter eines Geldinstitutes.

Und diese Geschichte erzähle ich jetzt mal zuerst:

Download PDF PDF erzeugen
  • Veröffentlicht am: 16. Juni 2009
  • 9 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

9 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Der Mann liegt drei Tage im Wald und niemand vermisst ihn? Das muss eine wahrhaft liebende Ehefrau gewesen sein, wie schon angedeutet. Da bin ich mal gespannt (ist ja eine echte Gemeinheit, „kommt gleich“ hinzuschreiben – und dann kommt es nicht gleich).

  2. „kommt gleich“ *lach* …..
    wir sollten undertaker mal nen gutschein für 2 weitere hände schenken, so das er beim schreiben mit unserem lesetempo mithalten kann XD

  3. kommt gleich – tststs

    Meine Tochter (der ich gesagt habe, ich käme gleich, um mit ihr zu spielen) meinte kurz darauf doch glatt: „Papa, ich glaub, Du weißt gar nicht, wie lange gleich ist. Gleich ist nämlich schon lange vorbei.“

    Dem schließe ich mich einfach mal an.

  4. Bekannte von mir jagen auch. Es ist durchaus nicht so ungewöhnlich das Man(n) zur Jagd geht und 3 Tage im Wald verbringt. Seine Frau hat ihn wahrscheinlich erst zum vorgemerkten Rückkehrtermin vermisst. Vorher hat sie sich nichts dabei gedacht. Durchaus unter Jägern nichts ungewöhnliches. Eher ungewöhnlich ist, dass er allein jagen gegangen ist.

  5. „Da ist mein Mann auf der Jachd gewesen und wollte die Leiter hoch, um nach Tieren zu schauen…“
    Hieß Herr Wotz mit zufällig Vornamen Noah?

  6. Als Jäger lebt man bei Tom in der Gegend wohl gefährlich! Ist ja nicht der erste Jäger der wegen einer angesägten Leiter das leben ließ. Bekommst du eigentlich immer noch dein Wildbret Tom?

Schreibe einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Bitte beachte die Nutzungsbedingungen des Bestatterweblogs!

Du bist ein Troll? Fein! Dir kann geholfen werden. Klicke hier!

Dein Kommentar ist nicht erschienen? Dann klicke bitte hier für weitere Informationen!

Diese Smileys kannst Du nutzen, und das bedeuten die Zeichen oben in der Textbox.