Dominic

Dominic ist ein älterer Herr. Nein, das trifft es nicht ganz, mit seinen 80 Jahren ist Dominic ein alter Mann.
Kennengelernt habe ich ihn vor etlichen Jahren, weil er mich als Schriftsteller erlebt hat und sich meine Bücher kaufte.
Da er in der Nachbarstadt lebt, lud er mich eines Tages zum Essen ein.

Daraus erwuchs eine Männerfreundschaft, auch wenn uns mehr als 20 Jahre trennen. Aber vielleicht trennen diese zwei Jahrzehnte nicht, sondern sind sogar so etwas wie der Kitt unserer Freundschaft.
Dominic hat viele Jahre seines Lebens als Verantwortlicher auf Großbaustellen im Ausland zugebracht. Er stammt aus Mitteleuropa, als er noch ein Kind war, hatte es seine Familie aber nach Frankreich verschlagen.
Seit Mitte der 80er Jahre lebt er mit Auslandsunterbrechungen in Deutschland.

So kommt es, daß er sehr gut Deutsch, Französisch wie seine Muttersprache und neben seiner eigentlichen Muttersprache auch noch zahlreiche andere mittel- und osteuropäische Sprachen spricht. Darüberhinaus kann er Arabisch, Russisch und Türkisch. Aber auch mit Griechen kann er sich prima unterhalten.

Einen Fernseher besitzt Dominic zwar, aber der steht nicht angeschlossen in der Zimmerecke.
Durch die Wirrungen des Lebens kommt es, daß Dominic zweimal geschieden und heute alleine ist. Seine Kinder und Enkel leben weit entfernt in Frankreich und zwar an der Stelle Frankreichs, die man als so richtig weit entfernt bezeichnen kann.

So ganz alleine ist Dominic nicht. Eine Putzfrau kommt alle 14 Tage, eine Friseuse, eine Physiotherapeutin, eine Fußpflegerin, zwei Französisch-Schülerinnen und diverse Botendienste geben sich ein buntes Stelldichein.
Von seiner Kommandozentrale vor dem Computer oder seiner Lieblingsecke in der Wohnküche aus dirigiert Domonic seinen kleinen Hofstaat.
Zwei, drei Freunde hat er auch noch. Einer davon bin ich.

Kommt man zu ihm, muß man Zeit mitbringen.
Denn wenn Dominic erzählt, dann erzählt er pointiert, sehr gewitzt, abwechslungsreich, mit großer Gestik und theaterreifer Mimik. Vor allem aber: lang.
Das liegt daran, daß er immer bei Adam und Eva anfängt und selbst die Frage nach seinem Wohlergehen mit der Nacherzählung der Encyclopaedia Britannica beantwortet.
Rotwein gibt’s bei ihm und guten Käse.
Eis mag er und Früchtequark. Und Kaffee in rauhen Mengen, sowie die geliebten Gitanes.
Ich kann gar nicht sagen, wie viele Stunden und Nächte wir mit Erzählen verbracht haben.

Vor einigen Monaten ist Dominic gefallen. Nicht im Krieg an der Front auf dem Schlachtfeld, aber im Schlafzimmer, nachts auf dem Weg zum Klo.
Das war an einem Sonntag um 4 Uhr morgens. Montag Abend gegen 19 Uhr rief er mich an, er habe ich etwas verletzt.

Als ich bei ihm eintraf sah ich, daß er sich nicht nur etwas verletzt hatte, sondern sein linker Arm ganz und gar nicht in Ordnung war. Der Arzt in der Notaufnahme meinte auf die Frage, ob der Arm gebrochen sei: „Nee, der ist so gut wie ab.“
Natürlich mußte mein Freund im Krankenhaus bleiben, schon am nächsten Tag wurde der komplett durchgebrochene Oberarm operiert.

Und seitdem ist Dominic ein anderer Mensch.
Er hat weder die Auswirkungen des Bruchs, noch die Narkose gut vertragen. Verwirrtheit, Halluzinationen und eine fast schon herablassende Boshaftigkeit stellten sich ein. Das Ganze tritt im Wechsel mit längeren Phasen absoluter Klarheit auf. Müdigkeitsttacken führen dazu, daß die Übergänge zwischen den Phasen verschwimmen. Vor allem aber ist Dominic immer dann klar und hellwach, wenn es darum geht, darüber zu entscheiden, wie es mit ihm weitergehen soll.

Seitdem reihen sich Krankenhausaufenthalte und kurze Aufenthalte in seiner Wohnung aneinander.
Wir, die Personen, die zu seinen Freunden zählen, kreisen um ihn wie Satelliten und versuchen ihm das Leben so angenehm wie möglich zu machen.
Schwierig bei einem Mann, der manchmal zwei Wochen lang nicht mitbekommt, daß man ihn täglich besucht; um sich dann bei klarem Kopf zu beschweren, daß man ihn so hängen läßt.

Ich klage nicht, wir klagen nicht. Denn wir wissen ja, wie lieb, herzensgut, hilfsbereit und empathisch Dominic in Wirklichkeit ist. Das ist der Mann, den wir mögen, den wir lieben.
Ich hoffe, daß er wieder so wird, wie er früher immer war. Er hat in seinem Leben viel geleistet und viel mitgemacht. Ihm gebührt Respekt und Achtung.
Manchmal ist das aber gar nicht so einfach. Als jüngerer Mensch muß man sehr viel Energie aufbringen, um sich immer wieder vor Augen zu halten, wie liebenswürdig und wertvoll dieser Mann ist; das gilt vor allem dann, wenn er ungeduldig, zornig oder nervig ist.
Mir wohnt ein tiefer Respekt vor alten Menschen inne. Als Nachgeborener habe ich meine Großeltern nicht mehr kennengelernt. Das heißt, eine Oma starb, als ich zwei Jahre alt war, die anderen kenne ich nur vom Friedhof.
Andere Kinder hatten Opas und Omas, verbrachten dort schöne Tage, bekamen Geschenke und profitierten von der Weisheit und den Lebenserfahrungen der Alten. Ich hatte so etwas nicht. Mir hat das nie gefehlt, ich kannte es nicht anders.
Aber rückschauend stelle ich fest, daß ich mich gerne in der Gegenwart von Alten aufhalte und jetzt -als selbst schon beinahe alter Mensch- immer noch begierig ihre Erfahrungen und Geschichten aufsauge.

So, jetzt wißt ihr, wo ich einen Teil meiner Zeit verbringe.
Von wegen, der hat keine Lust mehr für sein Blog.

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  • 12. Mai 2017 - 9 Kommentare - Lesezeit ca.: 4 Minuten - Kategorie: Menschen

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Veröffentlicht von

Hier erzählt und informiert der Schriftsteller Peter Wilhelm. Der Sachverständige ist Chefredakteur von "Bestatter heute". Der Satiriker veröffentlicht Satiren und
Produkttests. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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peter wilhelm autorenlesung

Peter Wilhelm
Peter Wilhelm24. Mai 2017

9 Kommentare von 138221.

  1. Oh je,das tut mir sehr leid.Es ist schrecklich wenn man miterleben muss, wie ein lieber Mensch sich so schrecklich verändert.
    Wünsche Dir viel Kraft für diese schwere Zeit.

  2. Ohje, das ist natürlich ein harter Schlag, wenn man mit ansehen muss, wie ein froher, ausgelassener Charakter mürbe und grummelig wird. Ich hoffe für ihn (und Dich natürlich auch), dass dieses „Durchgangssyndrom“ sich noch klärt und Dominic zu alter Form kommt. Jemanden so kennen zu lernen, ist schwer. Ich habe das selbst bei meinem Vater erleben müssen. Als eigenes Kind nicht erkannt werden, tut weh. Als Freund nicht erkannt werden, tut ebenso weh! Fühl dich virtuell gedrückt!!!

  3. Den guten Wünschen füge ich meinen Wunsch ebenso hinzu.

    Ich wusste nicht. wie ich meiner Mutter in ihrem letzten Lebensjahr helfen sollte, denn leider war sie wohl „austherapiert“,wie es so „nett“ bei den Ärzten heißt.Ich flüchte mich bei meinen Erinnerungen an liebe Verstorbene dann sehr gern in die esoterische Welt oder eben dem Denken:“mit dem körperlichen Tod ist es nicht vorbei mit der menschlichen Energie..“

    Nimm dir bitte soviel Zeit wie irgend möglich. Ich hoffe auch,dass am Ende meiner Tage irgendjemand kommt, der nur mal „Hallo!“ sagt.

  4. Guten Morgen Herr Wilhelm,
    Medikation überprüfen fällt mir da spontan ein und den Ärzten klar machen, dass sich eine „Wesensveränderung“ abzeichnet. Mein Vater – auch hochbetagt – hat sich nach einer OP vor 2 Jahren auch so verändert verhalten und es war kaum zu ertragen bis er es selbst bemerkte und die Schmerzmittel reduzierte und am Ende ganz weggelassen hat. Die Ärzte kannten ihn nicht anders und „….in dem Alter kann das schon mal vorkommen“. Jetzt ist er wieder klar und alles ist ok. Vielleicht liege ich auch falsch. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall viel Kraft und Ausdauer bei der Begleitung …und dass doch hie und da der „alte Dominic“ wieder hervorblitzt :-)!
    Herzliche Grüße!

    • @Doro:
      Schmerzmittel, ja… ich bin auch jemand, der nach einer Vollnarkose erst mal 24h seinen Rausch ausschlafen muss und in der Zwischenzeit bestenfalls nen Tropf mit Vomex drin verträgt.
      Es gibt bestimmte Schmerzmittel, die mich umhauen. Von dem Zeug habe ich einmal während des letzten Bandscheibenvorfalls probeweise „nur eine Kinderdosis“ bekommen und war danach vergleichweise ausgeknockt wie von der Nachwirkung einer Narkose.
      Vielleicht sollte man die Medis mal ins Auge fassen.

  5. Lieber Tom
    Ich finde es toll, dass du dich so toll um diesen Mann kümmerst! Bei meiner Oma ist nach einem Oberschenkelhalsbruch sowas ähnliches eingetreten. Wir haben dann ein „Besuchstagebuch“ gemacht. Haben zusammen (Familie, Freunde) jeweils Datum des Besuchs und was wir gemacht und erlebt haben hineingeschrieben. Manchmal noch mit Fotos oder Zeichnungen ergänzt. Das Buch blieb dann bei ihr. So konnte sie jederzeit rein schauen und sich erinnern.

    Später, als es ihr wieder besser ging sagte sie, wie froh sie um das Buch gewesen wäre. Wenn es ihr nicht gut ging („… ein böser Vogel angeflattert kam.“) hätte sie das Buch genommen, und sich an die Besuche erinnert. Auch wenn sie bedrückt war, so richtete sie es nicht mehr gegen uns, dadurch konnten wir viel besser verstehen, was sie wirklich beschäftige und entsprechend Trost spenden. Haben das auch beim dementen Opa angewandt, auch mit ihm war es Gold wert! Kann ich nur empfehlen!

    Alles Gute!

  6. In der Geo 1/2017 war ein sehr interessanter Artikel zu diesem sog. Durchgangssyndrom. Das lohnt vielleicht noch mal der Nachlese. Ich habe den Inhalt nicht mehr im Detail im Kopf, aber da ging es auch um den Umgang mit diesem Phänomen.

  7. Ich finde das toll von dir und wünsche dir viel Energie zum Weitergeben. Hoffentlich bessert sich der Zustand deines Freundes.

    Die Leo.

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