Frau Mossel

Frau Mossel kam im Küchenkittel zu uns ins Haus. Da stand sie, die kleine, schmale Endsechzigerin, mit einem zerknüllten Taschentuch in den Händen. „Ich wollt‘ nur Bescheid sagen, daß mein Mann tot ist.“

Nee, Zeit habe sie jetzt keine, sie müsse doch aufs Pfarrbüro und zum Friedhof und zum Gärtner und dann wolle sie noch die Krankenkasse anrufen und müsse sich um die Sterbeversichrung kümmern und überhaupt…

Haaaaalt, erstmal hinsetzen, ein Schlückchen trinken, einen von Frau Büsers Beruhigungskeksen essen und dann kapieren, daß wir diese ganzen Wege übernehmen. Frau Mossel sinkt regelrecht zusammen: „Mir fällt ja ein Stein vom Herzen, ich dachte, ich müsse das alles machen. Mein Gustav war doch so unselbständig!“

Zu Hause im Bett liege er, der Arzt komme auch jetzt gleich, deshalb sei sie schnell mal weg, ohne sich umzuziehen.

„Wenn der Arzt dann da war, dann rufen Sie uns an und wir kommen vorbei“, sage ich.

„Und dann? Wie geht es dann weiter?“

„Dann suchen Sie sich in aller Ruhe einen Sarg aus und danach betten wir ihren Mann ein.“

„Nee, nee, das mach‘ ich schon selbst. Sie müssen mir nur helfen, den in den Sarg zu legen. Ich hab den Gustav seit 56 Jahren angezogen. Wenn ich dem nicht alles hingelegt habe, wär‘ der in der Unterwäsche auf Arbeit gegangen. Nee, das mach ich schon, das mit dem Anziehen.“

„Warum nicht? Kein Problem. Sie können das gerne übernehmen, unser Herr Huber hilft ihnen dabei.“

„Wissen Sie, ich will sowieso alles selbst machen. Der Gustav war nämlich unselbständig. Daran war seine Mutter schuld, die hat ihn nie was machen lassen und ich habe ihm das in den ganzen 56 Jahren nicht abgewöhnen können. Ich mach das auch mit den Blumen. Die bestell‘ ich mir beim Gärtner und mach dann selbst das Gesteck für den Sarg, dann ist es wenigstens so wie ich das will.“

„Soll uns alles recht sein, machen Sie nur. Wir müssen nur genau absprechen, was wir machen und was Sie machen, nicht daß wir uns ins Gehege kommen.“

„So, dann geh‘ ich jetzt“, sagt Frau Mossel, zerknüllt noch ein wenig ihr Taschentuch und meint dann: „Ich melde mich, wenn der Arzt da war, ich muß noch die Hose und die Weste aufbügeln, die Gustav dann anziehen wird.“

Die weiß wenigstens, was sie will.

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  • Veröffentlicht am: 9. Juli 2008
  • 11 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

11 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Wer diese Geschichte gelesen hat, braucht keinen Psychologen mehr, sofern er/sie Eheprobleme hat:
    Hier steht alles drin.

  2. Ich finde die Geschichte rührseelig und bewundernswert.
    Wie man sich für seinen Partner bis zu letzt hingibt und aufopfert.

  3. Ich frage mich wer an der Unselbstständigkeit des armen Mannes eher die Schuld hatte wenn nicht einmal der Leichenbestatter mehr bei dem Letzten Anzug helfen darf.

  4. Wie gut, sie hat eine – oder mehrere Aufgaben, sie ist beschäftigt, das hilft ihr sich auf den Verlust einzustellen. Bloß – was macht sie in 14 Tagen?

  5. @Mac Kaber, das setzt sich auch. Es ist schon hilfreich, sich erstmal zu beschäftigen, damit manche Sachen im Kopf im Hintergrund ablaufen können, die einen sonst völlig lähmen würden. Wenn sie dann nach der Beerdigung Ruhe hat, geht das schon, dann kann sie die vermutlich auch aushalten.

  6. Frau Büsers Beruhigungskekse??? Weisst du auch, was da drin ist? Nicht daß dir das SEK auf einmal die Bude stürmt. ;)

  7. @ Alex II: Ich meinte damit das Loch, das plötzlich kommt, wenn alle Besucher da waren, alle Aufgaben erledigt sind, und auf einmal viel Platz bleibt für eigene Dinge, zu denen man nie kam. Weil man nie an sich und nur an den anderen dachte, fällt es manchen schwer sich umzustellen und sie verfallen in Lethargie. Was ihnen fehlt oder sie schwer finden ist ein neuer Lebensmittelpunkt. Oder andersherum gesagt, sie vereinsamen.

  8. Numanoid: genau das dachte ich auch beim Wort „Beruhigungskekse“. *g*

  9. @Louffi + Numaoid
    es sind doch nicht Sandys Beruhigungskekse

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