Frau Müller ist tot – Tag 1

Im Altersheim

Langsam biegt unser schwerer, langer Volvo zum Hof des Altersheimes ein, die Räder knirschen auf dem Kies und das Auto gleitet mehr, als dass es fährt. Der Fahrer lenkt es zum Hintereingang, fährt einen leichten Bogen, setzt etwas zurück und stoppt. Majestätisch schwingt die hydraulische Heckklappe auf. Der Fahrer und sein Beifahrer steigen aus, sie tragen schwarze Tuchhosen, geputzte schwarze Schuhe und weiße Halbarmhemden mit dunkelgrauen Krawatten.

Aus dem Laderaum ziehen sie die Fahrtrage hervor, das Gestell mit den Rädern klappt herunter. Die beiden Männer schieben die Trage zur Hintertür, klingeln und werden eingelassen. Mit dem Aufzug geht es in den dritten Stock, Zimmer 317 soll es sein, eine Frau Müller.
Frau Müller liegt in ihrem Bett auf dem Rücken, ihre Hände hat man gefaltet. Außer den beiden Bestattern und der Toten ist niemand im Zimmer. Die Männer kontrollieren die Sterbepapiere, die auf dem Nachttisch liegen, alles scheint in Ordnung. Dann ziehen sie sich Latexhandschuhe an. Der eine öffnet den Reißverschluss der blauen Abdeckung aus Cord, die die Fahrtrage oben bedeckt. Der andere schiebt das Bettzeug der Verstorbenen an die Seite. Die Bettdecke ist noch warm, Frau Müller kann noch nicht sehr lange tot sein.

Die Fahrtrage ist vorbereitet, die Cordabdeckung entfernt, die faltbaren Abdeckungen aus Kunststoffplane zur Seite geklappt, die Gurte geöffnet. Auf der Trage liegt ein weißes langes Papiertuch.
Mit einem Handgriff stellt einer der Männer die Fahrtrage auf die Höhe des Bettes ein, dann blicken sich die Männer kurz an, der andere nickt. Einer von beiden tritt an das Kopfende, der andere an das Fußende des Bettes. Der mit den Füßen hat es einfacher, deshalb wechseln sich die Männer dabei ab. Der Mann am Kopf legt eine Hand unter den Nacken der Toten, die andere unter das Kinn; ein kurzer Blick zu seinem Kollegen und keine Sekunde später liegt Frau Müller auf der Trage. Nicht mal die gefalteten Hände sind auseinandergeglitten.

Der eine legt ein weiteres weißes Papiertuch über die Verstorbene, der andere schnallt sie fest. Die Gurte ähneln den Sicherheitsgurten im Flugzeug, einer über die Unterschenkel, einer über dem Bauch und der dritte umfasst Arme und Oberkörper. Von beiden Seiten werden die grauen Kunststoffplanen über die Tote geschlagen und mit Klettverschlüssen fixiert.
Die blaue Cordabdeckung verhüllt alles, der Reißverschluss wird hochgezogen. Mit einem ratschenden Geräusch wird die Fahrtrage hoch gefahren, damit sich die Männer beim Schieben nicht bücken müssen.

Während der eine Mann das Bett halbwegs in Ordnung bringt, schaut der andere sich um, ob nichts zurückgeblieben ist, nicht einmal die Gummihandschuhe lassen die Männer zurück. Die Leichenschaupapiere haben sie eingesteckt.
Bis jetzt haben die Männer kein Wort gewechselt, alle Handgriffe sind hundertfach geübt, es gibt nichts zu sprechen.
Zügig aber würdevoll schieben sie die Fahrtrage über den menschenleeren Gang. Die Verwaltung hatte darum gebeten, zu kommen, wenn die Bewohner beim Mittagessen sitzen.

Die Trage mit Frau Müller wird in den Leichenwagen geschoben, mit einem Sicherheitsbolzen fixiert und die Hecklappe heruntergeklappt, ein Servomotor übernimmt lautlos das letzte Schließen.
Insgesamt haben die beiden Männer nur 15 Minuten gebraucht, als sie sich wieder in den Stadtverkehr einordnen.

In der Zwischenzeit im Büro des Bestattungshauses

Zwei Leute sind zu mir gekommen, ein Ehepaar in mittleren Jahren. Es ist die Tochter der Verstorbenen und ihr Mann. Ich habe da so meine Reihenfolge, meine erprobte Methode und weiß eigentlich jetzt schon genau, wie alles ablaufen wird, was ich sagen werde, was sie fragen werden und was ich antworten werde. Dennoch lasse ich mir nicht anmerken, dass das alles Routine ist; für diese Leute ist es eines der bedeutsamsten Ereignisse in diesen Jahren.
Ich heuchle keine Anteilnahme, oftmals wünsche ich nicht einmal Beileid. In all den Jahren habe ich dafür einen siebten Sinn entwickelt und weiß, wann das angebracht ist, wann die Leute das erwarten und wann es sie nur noch mehr aufwühlen würde.

Zuerst bitte ich sie in den Beratungsraum, nehme die Personalien der Verstorbenen auf, die Daten der Auftraggeberin und frage nach den Vorstellungen. Erdbestattung oder Feuerbestattung? Hieraus ergibt sich vieles anderes. Die Leute sind etwas hilflos, wissen nicht, was die Mutter wollte. Der Vater ist schon lange tot, das Grab längst abgelaufen. Nein, sie wollen kein großes Grab, sie kommen von außerhalb. Eine Feuerbestattung und ein kleines Urnengrab schlage ich vor; ja das wäre das Richtige finden sie. Ob man da eine Steinplatte draufmachen kann, damit man keine Grabpflege betreiben kann, ich nicke. Anonym, nein das wollen sie nicht, aber keine Arbeit, aber ein Platz zu dem man ein- bis zweimal im Jahr hinfahren kann.

Eine Mitarbeiterin bringt Kaffee und Wasser, der Mann will eine rauchen. Darf er. Wir plaudern, die Verkrampfung lockert sich. Das ist gut so, denn jetzt geht es in den Ausstellungsraum. Eingeschüchtert stehen sie vor den Särgen, der Mann schaut nach den Preisen, sie nestelt an ihrer Handtasche. Ich sage: „Keine Bange, da liegt niemand drin.“ Ein blöder Spruch, aber er entspannt die Leute immer.
ich zeige die verschiedenen Modelle, Der Mann will nicht den billigsten Sarg, sie tendiert zu einem geschnitzten Eichensarg. Ich empfehle Modell Nr. 3, der heißt bei uns „Frankfurt“, alle Särge haben Städtenamen. nebeneinander stehen Barcelona, Rom, Washington, Stuttgart, Frankfurt und Berlin. Die große Truhe heisst „Adenauersarg“, der Klappsarg „Modell Kennedy“; seitdem „six feet under“ läuft, wollen den immer mehr.
Frankfurt ist ein schlichter, aber sehr schöner Sarg, ihn gibt es in hell, dunkel, grau und naturfarben gebeizt. „Ach, der ist ja günstig!“
Ja ist er, aber ich sehe es auch nicht ein, denen eine schwere Truhe zum Verbrennen zu verkaufen. An manchem hochwertigen Sarg ist mehr Holz dran als an einer Wohnzimmereinrichtung.

Nur ein schlichtes weißes Hemd, das da drüben mit den Rüschen, Mutter hat Rüschen geliebt. Okay, machen wir.
Die blaue Urne soll es sein, das ist mir Recht, da verdienen wir was. Ich zeige den Leuten eine Aschenkapsel, weise darauf hin, dass man keine Überurne braucht, aber sie wollen lieber doch eine; jetzt soll es sogar die aus Ton sein, die ist besonders teuer.
Soll ich sie hindern? Nein, arm scheinen sie nicht zu sein und sie stehen vor einem Regal mit 40 Urnen in allen Preisklassen. Ach komm, ich zeige ihnen doch noch die ganz günstigen Modelle rechts. Nein, es soll bei der Tonurne bleiben, gut.

Eine Decke suchen sie aus, mit passendem Kissen, auch wieder weiß mit Rüschen, nicht teuer aber schön. Auch recht.

Mir ist es ja lieber, wenn die Menschen sich das im Ausstellungsraum aussuchen und nicht aus dem Katalog, den haben wir natürlich auch, wenn man uns zu einem Hausbesuch bestellt. In echt sieht aber doch alles ein bißchen anders aus.
Drüben im Beratungszimmer notiere ich sogleich die Wünsche, wiederhole alles noch einmal Stück für Stück, damit es hinterher keine Missverständnisse gibt.

Dann kläre ich den Rest: Traueranzeige, Pfarrer, Blumen, Totenbriefe und vieles mehr. Ich muss alles ansprechen. Manchmal sieht das so aus, als wolle ich den Leuten tausenderlei Sachen aufschwatzen, aber das will ich gar nicht. Jetzt ist der Zeitpunkt, wo alles besprochen werden muss, ein Später gibt es nicht, in drei Tagen ist alles zu spät! Das sage ich auch, sie verstehen.
Keine Anzeige, keine Totenbriefe. Der Pfarrer vom Heim soll es machen, zwei Lieder aus dem evangelischen Gesangsbuch sollen gespielt werden, es kommen sowieso nur 6 oder 7 Leute zur Trauerfeier.
Ich schlage nach, suche alle Informationen zusammen und rechne alles aus. Der Preis ist in Ordnung, sie haben mit viel mehr gerechnet, umso besser. Sie unterschreiben den Auftrag und einige Vollmachten.

Wenn was ist, wenn ihnen was einfällt, einfach anrufen! Sie sind dankbar, dass alles so problemlos ablief. Er sagt noch, dass er es prima findet, dass ich nicht so schleimig Trauer geheuchelt habe. Warum auch, sage ich, ich kannte ihre Schwiegermutter doch gar nicht und wie sollte ich in der Sache den Überblick behalten, wenn ich mich mitreissen lassen würde.

Der Fortgang

Direkt nachdem die Kunden unser Haus verlassen haben, gebe ich den Auftragszettel ins Büro. Ein Mitarbeiter tippt die einzelnen Positionen in unsere Auftragsverwaltung. Etwa 15 Minuten später hat eine andere Mitarbeiterin den Auftrag auf ihrem Schirm und beginnt mit der Koordination. Vom Friedhof über den Pfarrer bis hin zum Organisten und Gärtner, sie regelt alle Bestellungen und Termine.

Gleichzeitig hat auch Huber die Sachen auf dem Bildschirm. Huber ist in der Werkstatt, druckt sich einige Laufzettel aus und sucht die Sachen zusammen, die benötigt werden. Er richtet alles her und beschriftet die Dinge, damit die Sachen und Frau Müller später zusammenfinden.

Inzwischen trifft der Bestattungswagen ein. Die Trage wird ausgeladen und Frau Müller in unseren Behandlungsraum gefahren. Er ist gekachelt, hell beleuchtet und in der Mitte steht ein Tisch aus Edelstahl. Darauf wird Frau Müller gelegt. Herr Huber kontrolliert nochmals die Leichenschaupapiere und steckt diese in die inzwischen erstellte und aus der Verwaltung heruntergebrachte Laufmappe.

Dann schaut er nach Schmuck und sonstigen Besonderheiten und legt im Sterbebuch einen Eintrag für Frau Müller an. Hier wird alles notiert, in Kürzeln, alles in einer langen Zeile; die Fachleute in unserem Unternehmen können auf einen Blick sehen, was Sache ist, was noch zu tun ist, was schon erledigt ist. Wo viele Leute beteiligt sind, muss man den Überblick behalten.

Die beiden Fahrer haben Kittel und Handschuhe angezogen, Frau Müller wird entkleidet. Huber legt ein Tuch über ihren Schambereich, auch Tote haben ihre Würde. Die Männer sprühen Frau Müller aus einer Sprühflasche mit einer Mischung aus Desinfektionsmittel und Wasser ein, es riecht etwas nach Apfelessig. Tote werden gesäubert, nicht klitschnass gebadet. Mit Papiertüchern tupfen sie Frau Müller sauber und trocken.

Huber hat das Unterteil des Sarges „Frankfurt“ auf zwei Böcke gestellt, legt ihn mit einer Bitumenfolie aus und befestigt diese sorgfältig, sie dichtet den Sarg ab. Als nächstes bringt er die vier Griffe an. Über die Bitumenfolie kommt eine Schicht Papierschnipsel. Mal nimmt er Holzwolle, mal eine Matratze mit entsprechender Füllung, mal diese Papierschnipsel. Dieser Sarg geht später ins Krematorium, da nimmt man besser die Papierschnipsel aus dem Reißwolf, das ist den Leuten vom Krematorium lieber.
Die Innenbespannung des Sarges wird hineingelegt, sie hat schon ab Werk die passende Form und wird festgetackert, oben am Rand bringt er eine Bordüre aus Spitzenstoff an. Zum Schluss füllt er das Kopfkissen auch mit Holzwolle oder Papierschnipseln, verschließt es und legt es schon einmal an die richtige Stelle.

In der Zwischenzeit haben die beiden Bestatter Frau Müller einen Mundfüller eingesetzt. Das ist ein fleischfarbenes flaches Kunststoffteil. Frau Müller war Gebissträgerin, das Gebiss ist nicht da und mit dem Mundfüller sieht ihr Gesicht nicht so eingefallen aus, außerdem bleibt der Mund dadurch geschlossen. Sie wird gekämmt, das Gesicht wird leicht gepudert. Frau Müller soll nicht aussehen wie das blühende Leben, aber auch nicht so tot. Als ob sie schläft, so soll es wirken. Gar nicht so einfach, sie war sehr alt und vermutlich lange krank. Zehn, zwanzig Minuten dauert das, dann sieht sie so aus, wie Herr Huber, der das Kommando in der Werkstatt hat, sich das vorstellt, er gibt sein Okay.

Der passende Talar liegt bereit und wird Frau Müller übergestreift. Über die Arme muss er gezogen werden, der Rest geht einfach, das Hemd ist hinten offen. Kaum zwei Minuten später liegt Frau Müller im Sarg, wird gerade gelegt, der Talar wird glatt gezogen und hinten am Hals verschlossen. Die Hände werden gefaltet. Einer der Männer schaut nochmals ins Sterbebuch, ist da ein Zeichen für den Rosenkranz? Nein, Frau Müller war evangelisch, also kein Rosenkranz.

Die Decke wird über sie gelegt und bis an die Brust unter die Schultern hochgezogen, glatt streichen, gut.

Die drei Männer schauen noch einmal, nichts vergessen? Nein, alles okay. Also wird der Deckel auf den Sarg gelegt und der Sarg in den Kühlraum geschoben.

Die Männer ziehen die Kittel aus, werfen die Handschuhe weg und waschen sich die Hände mit Desinfektionslösung. Huber reinigt noch den Behandlungsraum, da ist nicht viel zu tun, Frau Müller hat da keine Probleme gemacht.

Seitdem Frau Müller aus dem Heim abgeholt worden ist, sind genau zwei Stunden vergangen. Die notwendigen Termine sind abgesprochen, die Bestellungen für Blumen usw. aufgegeben. Frau Müller ist eingebettet und ihre Urne steht bereit.
Herr Huber beschriftet noch das hölzerne Grabkreuz, welches das Grab kennzeichnen soll, bis einmal der Stein aufgestellt wird.

Für heute ist alles erledigt, morgen wird Frau Müller auf den Friedhof gebracht und übermorgen ist die Trauerfeier.

-Fortsetzung folgt-

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  • 3. August 2007 - 40 Kommentare - Lesezeit ca.: 11 Minuten - Kategorie: Mitarbeiter/Firma

Veröffentlicht von

Hier erzählt und informiert der Schriftsteller Peter Wilhelm. Der Sachverständige ist Chefredakteur von "Bestatter heute". Der Satiriker veröffentlicht Satiren und
Produkttests. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

40 Kommentare von 137318.

  1. das ist so eine Beispielgeschichte, oder? Finde ich klasse, so sieht (bzw. liest) man, was sich da alles dahinter verbirgt.

    Tolle Idee =)

  2. Ich bin über den Shopblogger auf dieses Blog gestoßen – Kompliment, interessante Inhalte, nett geschrieben.

    In vielen Einträgen hier wird ein Pfarrer erwähnt. Da aber viele Leute heutzutage aus der Kirche ausgetreten sind, würde mich mal das Verhältnis der Beerdigungen mit Pfarrer im Vergleich mit allen Beerdigungen interessieren. Vielleicht wäre das auch ein Thema für einen eigenen Eintrag?

  3. einen teil solcher "aktionen" hab ich in meinem berufsleben miterlebt. allerdings hörte die gemeinsamkeit auf, als der/die verstorbene weggefahren wurde.

    ich durfte bis zum tod begleiten und danach diverses organisieren.

  4. @Udo: Ich wusste, dass das einer schreiben würde und habe es bewusst so geschildert. Die Meschen müssen sich jetzt mal entscheiden, ob Altpapier Abfall oder Wertstoff ist. Wir könnten natürlich auch neues Papier kaufen und zerschreddern oder zerschreddetes Papier in großen Säcken kaufen oder Holzwolle vom Schreiner… Aber letztlich ist das alles Zellulose.

    Man kann sich jetzt auf den Standpunkt stellen und sagen, dass der Bestatter da seinen Abfall entsorgt. Man könnte aber auch sagen: Okay, die denken mit und handeln ökologisch sinnvoll.

    Auf der anderen Seite ist es so, dass wir im Jahr ungefähr einen Kubikmeter Papierschnipsel herstellen, während wir insgesamt fast das 10fache an Füllmaterial benötigen.

    Das ist im Übrigen auch nichts Neues. Früher hat man Zeitungspapier zusammengeknüllt oder vom Großhändler "Rupflumpen" bekommen.

  5. vielleicht ne dumme frage von mir aber ich konnts net rauslesen: wozu überhaupt das papier (oder holzwolle…)? die bitumenfolie?

    ich glaub ich bin eher der typ der nur n pappkarton braucht um unter die erde zu kommen^^ gibts die eigentlich noch die särge aus "pappe"? dachte ich hätte da mal was gehört dass es die gibt (is aber scho lang her jetzt)

    PS: eine frage die du so noch nicht beantwortet hast die ich mir aber stelle: du schreibst schon auch mal dass es durchaus bestatter gibt die so manche leute abzocken wollen oder nicht so supergenau sind mit ihrer arbeit. wie erkenne ich diese schwarzen schafe? v.a. im hinblick darauf dass man in dieser situation als angehöriger nur bedingt den überblick behält und klar denken kann. wäre da für hinweise sehr dankbar!

  6. @LeSmou:Ich hatte es bewusst noch nicht so exakt beschrieben, aber wenn Du danach fragst: Aufgrund der fehlenden Kontrolle über die Muskulatur kann es sein, dass d. Verstorbene Körperflüssigkeiten verliert, also auf Deutsch gesagt, unter sich macht.

    Ausserdem können früh einsetzende Zersetzungsprozesse dazu führen, dass weitere Flüssigkeiten austreten. Durch die Folien und das Papier wird verhindert, dass diese aus dem Sarg austreten können.

    Ja, Särge aus Pappe gibt es noch. Allerdings haben sich diese am Markt nicht durchsetzen können. Trotz aller Bemühungen sehen sie nicht wirklich gut aus und sind überdies auch noch genauso teuer wie ein einfacher Holzsarg, oder sogar teurer.

    Ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich meine gehört oder gelesen zu haben, dass die Pappsärge zur Herstellung auch mehr Holz "vesrchlingen" als Holzsärge.

    Dennoch haben wir etwa 100 solcher Särge am Lager. Sie lassen sich sehr platzsparend aufbewahren, weil sie flach zusammengelegt gelagert werden können. Wir halten diese in Absprache mit einer Behörde vor, um im Katastrophenfall, wenn sehr viele Opfer zu beklagen sind, gewappnet zu sein.

    Zu den schwarzen Schafen werde ich einen eigenen Artikel schreiben und immer wieder auf die Unterschiede hinweisen.Es ist aber sehr schwer, diese vorab zu erkennen, sie tragen leider keine Hörner auf dem Kopf oder sowas.

    Wir leben von der Mundpropaganda und somit würde ich auch raten, sich umzuhören, wer mit welchem Bestatter welche Erfahrungen gemacht hat.

  7. Auch von mir ein Lob, sehr gut geschriebene, anschauliche Beispielgeschichte. Es gibt einen guten Einblick in den zeitlichen Ablauf bei einer Bestattung, das mag ich. Dazu kommt, daß es sich gut liest.

    Ich schließe mich Marks Frage an: Was passiert mit Atheisten? Das betrifft ja nicht nur Pfarrer, Organist, gespielte Musik und ähnliches, sondern auch die Wahl des Friedhofs und der Bestattung. In einem anderen beitrag haben Sie mal angedeutet, wie es bei Freimaurern abläuft.

  8. Hi, ich verfolge deinen blog nun schon recht lange und wollte mal fragen wie so ein soldaten begräbnis ausschaut, ich meine hier ein begräbnis eines aktiven der z.B. im Einsatz opfer eines anschlags wurde. Das was man im Fernsehen sieht ist in der regel nur den hochrangigen Soldaten vorbehalten.

    Habt ihr in der Richtung schon erfahrungen machen können?

    mfg

  9. Ich finde deine Geschichten sehr interessant. Vor allem die Teile, in denen es um die direkte Versorgung der Verstorbenen geht.

    Mein Freundin lernt derzeit Gesundheits- und Krankenpflege (aka Krankenschwester) und die quetsche ich immer aus, wenn in einem ihrer Zimmer ein Patient verstirbt (schon allein aus Sorge um ihr Befinden). Dabei erfuhr ich, daß schon in der Ausbildung gelehrt wird, den Kiefer hoch zu binden. Das Hochbinden scheint für den weitere Weg des Verstorbenen recht wichtig zu sein. Richtig verstanden habe ich dies jedoch noch nicht. Wenn die Leichenstarre einsetzt und der Mund geschlossen ist, lößt sich die Starre des Kiefers nicht nach 24-48 Stunden? Könnte ein evtl. offener Kiefer nicht nach ablauf der Zeit geschlossen werden? Ist dies unökologisch?

  10. @luis:

    Ein Staatsbegräbnis bekommen – unabhängig vom Dienstgrad – alle im Auslandseinsatz getöteten Soldaten, sofern die Angehörigen dies wünschen.

  11. @Timo: Oft wird der Verstorbene schon am nächsten Tag von seiner Familie besucht und soll dann passabel aussehen. Wird der Mund durch das Pflegepersonal verschlossen, indem man eine Binde um den Kopf legt, sieht das am natürlichsten aus und auch später wenn die Starre nachlässt ist das Bestreben des Unterkiefers, abzusinken nicht mehr so stark.

    Siehe auch den kürzlich erschienenen Artikel zu Totenstarre hier im Weblog.

  12. @Luis: Den Fall hatten wir noch nicht. Wir hatten mal einen jungen Mann, der während seines Grundwehrdienstes in der Kaserne verstorben ist. Hier wurde staatlicherseits der Sarg bezahlt, soweit ich mich erinnere. Aber da wir in Deutschland leben, wird es dafür sicherlich eine genaue Liste geben, wann für wen was bezahlt wird.

  13. "Huber reinigt noch den Behandlungsraum, da ist nicht viel zu tun, Frau Müller hat da keine Probleme gemacht."

    mich würde mal interessieren wie das mit den verdauten überresten und ähnlichem von verstorbenen ist… was ist wenn jemand voller exkremente ist? nicht gerade die "leckerste" frage aber sie kam mir halt gerade so in den sinn^^ ich mein, kann das nicht starke negative folgen (gestank, ausfluss o. sonstiges) haben wenn man das drin lässt bzw. wenn das drin ist?!

  14. hm ja hatte ich schon gesehen aber naja… stinkt es nicht trotzdem? ^^ spätestens wenn der sarg nochmal geöffnet wird um reinzuschaun ob da auch wirklich jemand drin ist (haha! war (zum glück) noch nie auf ner beerdigung, kenn mich deshalb nicht so aus;))?! ich mein dass es nicht rauslaufen soll ausm sarg und den schönen boden vollkleksen soll ist klar aber der geruch o.o

  15. @luis: Gemäß ZDV 10/8 können aktive Soldaten und ehemal. Berufssoldaten, sofern von Ihnen bzw. den Angehörigen gewünscht mit militärischen Ehren beigesetzt werden.

    Es gibt dabei grundsätzlich 3 verschiedene Stufen:

    1. Trompeter und Trommler

    2. Offizier (meist der direkte Vorgesetzte) mit Totenwache (i.d.R.gleiche Dienstgradgruppe wie der Verstorbene), Kranzträger und Ordenträger,Trompeter und Trommler

    3. wie 2., plus Geleitzug/Ehrenzeug (i.d.R. ab General, in der Truppe haben wir das aber für jeden Kameraden gemacht)

    Der Ablauf kann dann bei der Erdbestattung eines Offizier wie folgt aussehen:

    Der Tote wird in der Kirche/Trauerhalle aufgebahrt, der Sarg mit der Bundesdienstflagge bedeckt, davor das Ordenkissen.

    Beiderseits des Sarges steht die Totenwache.

    Nach der Trauerfeier erfolgt der Marsch zum Grab.

    Dabei 2 Kranzträger mit dem Kranz des BmVg vornweg, dahinter Ordenkissenträger, Totenwache mit Sarg und der Vorgesetzte des Verstorbenen mit der Familie.

    Der Sarg wird auf dem Marsch von Trommelwirbel begleitet.

    Der Sarg wird am Grab abgesetzt, die Flagge zusammengefaltet und an die nächsten Angehörigen übergeben.

    Danach wird der Sarg unter Trommelwirbel von der Totenwache ins das Grab gesenkt. Diese treten danach vom Grab zurück.

    Nun spielt der Trompeter die Melodie "Ich hat einen Kameraden" (IMHO der härteste Teil Beisetzung, das geht eigentlich jedem Beteiligten an die Nieren.)

    Nun verabschieden sich die engsten Angehörigen am Grab vom Toten, danach verabschieden sich die Soldaten, gemäß Rangfolge, mit militärischem Gruß vom Verstorbenen, kondolieren den Angehörigen und treten danach weg.

    Falls ein Ehrenzug involviert ist, steht dieser schon am Grab, wenn der Sarg eintrifft und verlässt dieses auch erst wieder nach der Totenwache und den Vorgesetzten.

  16. @malte

    Es ist glaub ich nicht so sehr der Inhalt des Darmes, um den es geht, denn die Entleereung desselben erfordert Muskelkraft. Es ist eher der Umstand, daß unsere Darmflora mit dem Eintritt des Todes quasi anfängt, *uns* selbst zu verdauen, und dabei die entstehenden Flüssigkeiten der Schwerkraft folgen, was beim auf dem Rücken liegenden Verstorbenen die saugfähigen Unterlagen erfordert. Zur Geruchsentwicklung und den Maßnahmen dagegen kann eher der Autor dieses Blogs was sagen. So schnell wie das alles geht (wenn alles kontrolliert und mit funktionierender Kühlkette abläuft) kann ich mir nicht vorstellen, daß da viel riecht.

  17. Hallo,

    sehr interessanter Blog, gut geschrieben und informativ.

    Wo im Text das Thema Grabstein/Grabplatte aufkam, ist es gestattet eine Grabplatte auch aus Metall (Kupfer / Eisen / Sonstwas) mit Gravur zu verwenden, oder ist es in Deutschland verboten (z.B. wegen des Gewichts / chemischer Einflüsse / Sonstwas)?

    Danke für eine Antwort und weiter so,

    TMX

  18. @tmx: Da muss man sich einfach bei der örtlichen Friedhofsverwaltung erkundigen. Das ist sowas von unterschiedlich.

    Es kann sein, dass auf einem Friedhof nahezu alles erlaubt ist und auf dem nächsten nu polierte schwarze, stehende Steine erlaubt sind.

    Manchmal sind ganze Platten erlaubt, die das komplette Grab abdecken und manchmal muss ein Drittel Erdreich frei bleiben.

    Da muss man vor Ort fragen.

  19. Also als Wehrdienstleistender wird auch einiges vom Staat übernommen. Übrigens nicht nur wenn man beim Bund ist sondern auch wenn man Zivildienst macht! Der Sarg war auf jeden Fall drin und ich glaub noch ein paar andere Sachen (solche extras wie Totenwache war sicherlich nicht dabei). Hatte damals so n kleines Heftchen wo das genau drinstand was übernommen wird. Kanns aber leider nicht mehr finden. Viel wars nicht, also man kann sich da auch nicht das teuerste aussuchen. Sind feste Sätze afair.

  20. …da liegt niemand drin….

    [..] jetzt geht es in den Ausstellungsraum. Eingeschüchtert stehen sie vor den Särgen, der Mann schaut nach den Preisen, sie nestelt an ihrer Handtasche. Ich sage: ?Keine Bange, da liegt niemand drin.? Ein blöder Spruch, aber er entspannt die Leut…

  21. Wann gibt es denn die Fortsetzung?

    PS: Schade, dass es nur noch einen Eintrag prot Tag gibt. Ende Juli bzw. Anfang August waren es ja bis zu 5.

  22. Auch mich würde interessieren ob es vielleicht noch eine Fortsetzung gibt.

    Währe ja schön auch mal was nettes zu lesen das einem Hoffnung gibt. :)

  23. Hallo,

    ich habe die Seite vorgestern gefunden und arbeite mich gerade durch die Beiträge.

    Gibt es eigentlich eine Fortsetzung? Ich hab mit der Suche leider keine gefunden.

  24. Eine wirklich gut fundierte Schilderung, sehr
    anschaulich und der Realität voll entsprechend
    verfaßt. Pietätvoller Umgang mit der verstorbenen
    Person, viel Empathie, Chapeau, meine Hochachtung !

  25. Sehr gut geschrieben, kann das beurteilen war mehrere Jahrzehnte dabei!
    Auch ist die Geduld bemerkenswert, mit der du die Fragen, die sich oft wiederholen immer wieder beantwortest!!
    LG

  26. Warum werden die toten denn desinfiziert ? Und ist es auch möglich mit der eigenen Kleidung bestattet zu werden ? Muss ein Totenhemd sein ?

    • Ich denke aus hygienischen Gründen und um Gerüche, vor allem wenn eine Aufbahrung vorgesehen ist, zu vermeiden.
      Nein, ein Totenhemd ist nicht zwingend vorgeschrieben, der Verstorbene darf in eigener Kleidung in seinem Sarg liegen.
      Von Sonntagskleid(ung) bis Trainingsanzug, darf alles sein.

  27. @ Sandra
    In der Gegend wo ich weg komme, hat man früher die Verstorbenen nur gewaschen, wenn es sichtbare Verschmutzungen gab. Heute machen es immer mehr Kollegen so, dass eine Hygienische Grundversorgung in ihrer ganzen Breite zum Standard gehört. Diese umfasst das waschen, schminken und rasieren, kleine Wunden die es eventuell gibt werden versorgt, die etwa durch das herausziehen von Versorgungszugängen entstanden sind. Einige Kollegen machen auch Maniküre und Pediküre, massieren den Körper mit Kaloncreme ein, das ist eine spezielle Creme, die auf die Bedürfnisse der Haut von Verstorbenen abgestimmt ist. Mund und Augen werden mit den dafür vorgesehenen Mitteln verschlossen, so gibt es zum Beispiel den von Tom erwähnten Mundfüller, oder auch die Möglichkeit der Ligatur, das heißt der Mund wird durch zunähen verschlossen. Für die Augen gibt es sogenannte Klappen, sie werden unter das Augenlid geschoben und verhindern, dass sich die Augen ungewollt öffnen. Dann wird der Verstorbene angekleidet, auf Wunsch wird er auch manchmal mit seinem Lieblingsparfum eingesprüht. Es ist niemand verpflichtet einen Talar zu kaufen, es wird sehr oft, so war es in meiner alten Firma, die eigene Kleidung angezogen, was auch persönlicher wirkt. Mehr Details findest du mit Sicherheit im Blog, über die Suchmaske oben kannst du dich bestimmt gezielt informieren. Vielleicht konnte ich dir schon ein bisschen helfen!

  28. Danke für diese umfassende Antwort, wirklich sehr hilfreich.

    >>Nur ein schlichtes weißes Hemd, das da drüben mit den Rüschen, Mutter hat Rüschen geliebt.<<

    mag ich eigentlich auch gerne, für mich später aber nicht an einem Totenhemd, sondern an einer schönen Bluse aus meiner Garderobe und passendem Beinkleid dazu.

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