Freddy III

Es kam so, wie ich es fast befürchtet hatte, Freddy Kunkelborn steht mit der Bestattung seiner Lebensgefährtin Maria Montecello völlig alleine da. Die Kinder der Verstorbenen haben sich schon vor Jahren von ihr abgewandt und Freddy kennt keine Adressen, nur die Namen.

„Es kann ja nicht ihre Aufgabe sein, jetzt Detektiv zu spielen“, sage ich und er nickt resignierend. Ich gebe ihm den Rat, mal darüber nachzudenken, gar nichts zu machen. Einfach an die Verwaltung wenden und denen die Sache überlassen, bis jetzt ist noch jeder unter die Erde gekommen.

Das will Herr Kunkelborn aber nicht, weil er befürchtet, daß die Verwaltung dann auch die Wohnung auflöst und er dann wieder ohne ein Dach über dem Kopf dasteht. „Wenn ich keinen großen Wirbel mache und Maria bestatten lasse, fragen die auch nicht nach der Wohnung und den Möbeln.“

„Aber ihnen muß doch klar sein, daß eine Bestattung Geld kostet und daß sie als Auftraggeber in irgendeiner Weise dafür einstehen müssen.“

„Ja, schon.“

Ja schon? Was soll das heißen?
Freddy Kunkelborn will einen schlichten Sarg, der aussehen soll wie aus Eiche, eine weiße Innenausstattung und ein Reihengrab auf dem Vorortfriedhof. „Dann geh ich eben zwei Frauen begießen, was soll ich machen?“

Er hat sich sogar schon beim Sozialamt erkundigt, viel Hoffnung hat man ihm dort nicht gemacht, aber wenn es überhaupt was gebe, dann könne das ziemlich lange dauern.
Ich habe keine Lust, den Mann wegzuschicken und rechne nochmal alles durch, sicher kann man hier und da noch ein paar Euro einsparen, dann fragt Freddy vorsichtig:

„Ich hätte da eine Idee, vielleicht darf ich sie mal was fragen?“

„Ja?“

„Wie wär’s denn, wenn ich das bei Ihnen abarbeite? Ich könnte fahren und Leichen waschen und so’n Zeug.“

Ich brauche derzeit keinen Fahrer. Im Sommer ist bei uns „Saure-Gurken-Zeit“. Aber ich finde es anständig, daß der Mann sich ernsthafte Gedanken macht und nicht einfach nur die Rechnung unbezahlt liegen lassen will. Fahrer Manni arbeitet im Sommer nebenbei in der Gaststätte eines Kleingartenvereins, die sein Schwager gepachtet hat. Da ist um diese Jahreszeit die Hölle los, alleine der Biergarten hat an die 250 Plätze. Deshalb hat er sich beurlauben lassen, arbeitet bis Ende August nur Teilzeit und auf Abruf.
Wenn ich ihn nicht so oft herbestelle, wird ihm das auch recht sein.

„Okay, so machen wir das“, sage ich zu Herrn Kunkelborn und kläre ihn in groben Zügen über die zu erwartende Arbeit und die Bedingungen auf. Ich kann das nicht mit jedem machen, der seine Rechnung nicht bezahlen kann, aber mir gefällt es, daß der Mann von sich aus bereit war, etwas zu investieren und warum sollte ich ihm nicht helfen. Ich muß ihm ja nichts schenken.

Kunkelborn freut sich und würde am Liebsten jetzt eine ganz große Beerdigung haben wollen, aber ich bremse ihn. Will er mit dem was er bei uns verdient über den Monat kommen, kann ich ihm sowieso nicht viel für die Beerdigung abziehen und so wird das eine ganze Weile dauern bis alles bezahlt ist. Und wer weiß, wie lange er das durchhält.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 2. Juli 2008
  • 19 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

19 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Bleibt zu hoffen, dass er nicht nach kurzer Zeit die Motivation verliert und das Angebot keine absolute „Verzweiflungstat“ war. Ich habe sowas schon öfters gesehen und erlebt, dass jemand, der seine „Bezahlung“ im Voraus erhält, meist lustlos und schlampig, wenn überhaupt, an die Sache herangeht.

  2. Freddy IV (welche ich schon definitiv hier stehen sehe) kann ja eigentlich nur in zwei Richtungen gehen: Tom behält ihn danach weil er so gute Arbeit geleistet hat oder aber erwartet noch immer auf sein Geld.
    Ich weiß jetzt nicht was interessanter ist: das Happy End mit einem ‚geretteten‘ oder ‚Bestatter Tom auf der Jagd nach dem verlorenen Bestattungsgeld‘ ;)

  3. :-)

    Irgendwann schlag ich dich fürs Bundesverdienstkreuz vor ;)

  4. lustig, dass er das abarbeiten soll wollte ich schon nach Freddy2 vorschlagen.
    Wenn er doch so als Arbeitskraft „funktioniert“, warum nicht?

    …allerdings sollte sichergestellt sein, dass er trocken ist
    Obwohl besoffene Fahrer natürlich irgendwie auch wieder gut fürs Bestattergewerbe sind:-)

  5. Lass den bloß nicht ins Krematorium! Wenn der einmal Feuer fängt, geht der drei Tage lang nicht mehr aus.

  6. Bin mal gespannt wie die Geschichte weitergeht, ob es wirklich klappt.
    Könnte mir auch vorstellen, dass er so langsam sein Leben auch wieder auf die Spur bekommt …

  7. Aufmerksamen Lesern wird sicher nicht entgangen sein, dass im Beitrag Olugulade von „Mein Fahrer Freddy, der auch schon mal zwangsgeräumt wurde“ die Rede ist.

  8. Ich finde es auf jeden Fall sehr fair, das Risiko auf sich zu nehmen, um dem Kunden diese Chance zu bieten – Großes Lob! Ob es Dir gedankt wird, wird sich zeigen.

  9. @Neuling: bemerkenswert, dass dir sowas auffällt oO

    … oder hast du einfach nach „freddy“ gesucht ?

  10. Sollte Freddy bei der Beerdigung von Maria Montecello aus Versehen ins offene Grab fallen ists Mist. Arbeitsunfall, Schreibkram.

    Lasst ihn doch Werbeblättchen in Kliniken austragen – gegen festen Provisionssatz. Franchisenehmer im Bestattergewerbe.

  11. naja mit freddy und zwangsgeräumt stimmt halbwegs aber es ist in sich inkonsistent da er weiter unten schreibt er wurde zwangsgeräumt und dann sei er „hier“ auf arbeit erschienen

  12. Sorry hatte vergessen den text anzufügen

    Mein Fahrer Freddy ist vor drei Monaten auch zwangsgeräumt worden. Die näheren Umstände tun hier nichts zur Sache. Es sei nur soviel erzählt, daß da eine trunksüchtige Ehefrau, eine bevorstehende Scheidung und ständig versoffene Mieten der Grund waren. Als seine Frau dann zu einem anderen zog, hat Freddy den Fehler gemacht, nichts zu erzählen, sondern den Kopf in den Sand zu stecken und zu tun, als ob nichts wäre. Die Mahnungen und Räumungsankündigungen hatte die Frau wohl ungeöffnet in den Müll geworfen und an dem Tag als der Gerichtsvollzieher mit den Möbelpackern kam, ist Freddy hier ganz normal zur Arbeit erschienen.

  13. @g. (= G-Punkt ?) – Das ein Fahrer Freddy früher erwähnt wurde, hatte ich aus Blog und Buch noch im Hinterkopf. Die Suche half mir dann, den betreffenden Beitrag zu finden.

    @Bestatterkollege – Ob es einen Zusammenhang gibt oder nicht, ob Fakten mit dichterischen Feiheiten vermischt wurden oder eine Legenede um einen wahren Kern gewoben wurde, dass wird sich vielleicht noch zeigen. Aber darauf kommt es ja gar nicht an, Hauptsache es kommt eine schöne Geschichte dabei raus.

  14. juckt ja schon, was neuling schreibt. Auf die schöne Geschichte kommt es hier an. Blog = Arbeit.

    Im Versicherungsblog könnte beschrieben werden, wen, warum und was die Leute so alles versichern.

    Zwischendrin noch die Geschichten aus dem Teilzahlungsblog. Wer eine Teilzahlung nicht weiter bedienen kann, geht zum Versicherungsblog. Oma versichert, geschubst wird im Mörderblog.

    Der Mörderblock greift die Geschichte auf, und produziert das (End)produkt für TOM.
    Ein echter Vorverkauf ;-)

    Endlosschleife ohne Popup Blocker

    btw.
    Verdammt heiß heute

  15. „Im Sommer ist ’saure-Gurken-Zeit'“. Wird im Sommer weniger gestorben?

  16. @Neuling: bzgl meinem Namen: ne. ich heiß schlicht und ergreifend „georg“ und bin zu faul zum ausschreiben^^

    an den g-punkt hab ich dabei eigentlich net so wirklich gedacht .. aber jetz wo du´s sagst ^^

  17. @Neuling: Mann hast Du ein Gedächtnis!
    Ich weiß schon garnicht mehr was ich vorhin am Schrank wollte. Aus irgendeinem grund hab ich die Tür geöffnet…….und dann wars weg.

  18. MEnsch Tom, sowas von anständig auch. Wer macht heute sowas schon noch?
    Das sind ja schon fast Bartergeschäfte.

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