Ghostbusters im Bestattungshaus

Manche mögen Weihnachten, manche mögen es nicht. Ich glaube, die überwiegende Zahl der Menschen mag dieses Fest. Wahrscheinlich mögen es sogar die Leute, die in Ländern leben, in denen man Weihnachten gar nicht feiert. Zum Beispiel in China. Man darf annehmen, daß die Chinesen unser Weihnachten schon deshalb toll finden, weil sie das meiste, das bei uns unterm Baum liegt, hergestellt haben. Ich stelle mir immer vor, wie in irgendeiner Fabrik in Shezuan chinesische Frauen sitzen und Plastikweihnachtsmännern Bärte unters Kinn löten, und gar nicht wissen, was das für Männlein sind, die sie da zusammenzimmern. Böse Zunge behaupten ja, mittlerweile käme jede dritte erzgebirgische Krippenfigur auch schon aus China. Und wahrscheinlich glauben die chinesischen Frauen, die in riesenrgroßen Hallen Krippen zusammenbauen, es handele sich um Puppenstuben mit Figuren, die uns in zeitgenössischer Kleidung zeigen.

So eine Krippe stand auch in unserem Schaufenster. Daneben ein täuschend echt aussehender kleiner Weihnachtsbaum aus Polyvinylchlorid mit hübschen elektrischen Kerzen und klitzekleinen Kugeln.
Auch in einem Bestattungshaus findet schließlich Weihnachten statt.
Frau Büser hatte schon seit Ende November unsere Büros mit einem weihnachtlichen Hauch versehen. Die Fenster hatte sie mittels Schablonen und Sprühschnee aus der Dose leicht behaucht und über den Türen hingen Tannenzweige mit Kugeln, Glocken und Tannenzapfen aus erzgebirgs-chinesischem Glas.
In der Halle hing ein voluminöser Adventskranz von der Decke, den uns alljährlich Gärtnermeister Humpstein persönlich vorbeibrachte.

Im Laufe der Adventswochen nahm die Beschmückung immer etwas zu, analog zu den Weihnachtsmarktbesuchen vor allem meiner weiblichen Mitarbeiter. Jedes Mal entdeckten sie irgendetwas, kauften es und brachten es zur Schmückung unseres Bestattungshauses mit.
Das liegt ja auch auf der Hand. In unserem Haus gab es Platz in Hülle und Fülle, viele Ecken, Nischen, Decken, Fenster und somit genug Stellen, die man dekorieren konnte, ohne daß es überladen gewirkt hätte.
Daheim war der Kreativität meist eine männliche Grenze gesetzt, die spätestens beim Einsatz der weiblicherseits so beliebten Duftkerzen die Notbremse zog.
Frau Büsers Mann gab immer vor, von Duftkerzen heftige Migräne zu bekommen. Nadines Freund war sowieso einer jener Kevins, die mit allen medizinisch möglichen Allergien auf die Welt gekommen war, die Menschen so haben können. Im Verlauf seiner Kindheit hatte er es dann versäumt, im Dreck zu spielen, weshalb sein Körper auch keine Abwehrstoffe gegen die gefährlichen Umweltgifte Sauerstoff, Stickstoff und Luftfeuchtigkeit entwickelt hatte.
Bei Sandy hingegen war es kein Mann, der den Einsatz von Duftkerzen unterband, sondern jene hübsche Schornsteinfegerin, mit der sie seit einiger Zeit auf ihrer Burg zusammenlebte.

Und ich?

Ja, ich kann auch keine Duftkerzen leiden, wie alle Männer. Als ER uns aus dem Paradiese vertrieb, gab ER uns nicht nur das Weib als ewige Last mit auf den Weg, sondern ER verdammte auch die Schlange, uns in die Fersen zu beißen. Und infolge der Tatsache, daß es bei uns nicht genug Schlangen gibt, sind die Duftkerzen erfunden worden, mit denen die Frauen uns Männern ewige Pein und Qualen angedeihen lassen. Das männliche Pendant zur Duftkerze ist im Übrigen die Fernbedienung, mit der Männer durch die Programme zappen und immer genau dann weiterschalten, wenn ihr weiblicher Lebensbegleiter sich gerade mental an der auf dem Bildschirm stattfindenden Handlung festgesaugt hat.

Und da ich der Chef im Hause war, hatte ich den Einsatz von Duftkerzen strengstens untersagt. Meine Mitarbeiter schätzten meine freundschaftliche und gütige Art und respektierten stets meine Wünsche. Das tat auch Frau Büser, als sie eine Honig-Vanille-Kirsch-Duftkerze aus meinem Papierkorb rettete und vorwurfsvoll meinte: „Chef, die hat 6 Euro gekostet!“
Auf meinen berechtigten Protest, ich bekäme davon Migräne, Allergien und Tobsuchtsanfälle, meinte sie milde lächelnd: „Dann riechen Sie doch einfach weg!“

Kann man(n) wegriechen?
Nein!

Nur wenn man schläft, ist der Geruchssinn weg. Deshalb bescheren uns Bestattern ja auch nächtlich ausströmendes Gas und der bei Bränden entstehende Rauch so manchen „Kunden“.
Da es aber nicht zur Debatte stand, daß ich nun in der Gegenwärtigkeit von Duftkerzen jedesmal schlafe, um sie nicht riechen zu müssen, ersann ich einen geradezu heimtückischen Plan. In einer stillen Stunde schlich ich mich aus dem Büro und fuhr in die Stadt. Bei Deko-Schneiderle fand ich, was ich suchte: Absolut duftneutrale Stearinkerzen in allen Größen, Farben und Formen.
Ich kaufte für 681 Euro mehrere Sortimentkartons und versteckte sie im Sarglager hinter den Ballen mit Hobelspänen. Und von da an schlich ich täglich, genauer gesagt nächtlich, durch den Betrieb und tauschte alle Kerzen, die nach etwas anderem rochen als nach Kerze, gegen eine meiner duftbefreiten Kerzen aus.
Die Stinkwachsbomben legte ich heimlich am Fußende zu irgendeinem Verstorbenen in den Sarg. Dort konnte die beduftende Tränkung des Wachses ja noch irgendeine positive Wirkung entfalten.

Mit roten Augen kam ich eines Adventstages morgens ins Büro. Diese nächtlichen Entsorgungstouren raubten mir angesichts der großen Kerzenmenge stets eine gute Stunde Schlaf.
Und was sah ich? Frau Büser tauschte meine duftlosen Männerkerzen gegen parfümierte Weiberwachsstengel aus.

„Was machen Sie denn da?“

„Ich tausche die Kerzen aus.“

„Warum das denn, die sind doch noch ganz neu!“

„Ja, aber die riechen nicht mehr. Ich habe schon dreimal reklamiert, daß die so schnell an Duft verlieren. Deshalb tausche ich sie gegen neue aus. Riechen Sie mal, Chef, die hier riechen nach Moderlieschen und die hier nach Eau de Prunes. Ganz toll!“

„Gaaaaanz toll!“

„Und wissen Sie was, Chef? Mir ist was ganz Geheimnisvolles aufgefallen.“

„Etwas Geheimnisvolles?“

„Ja, etwas geradezu Übernatürliches.“

„Was denn? Sie machen mich neugierig, Frau Büser.“

„Also, ich stelle schöne Kerzen auf. Wir brennen die ja auch tagsüber an. Und am nächsten Tag sind die alle wieder wie neu. Kein schwarzer Docht mehr, und sie haben wieder ihre ursprüngliche Länge. Seltsam, oder?“

„Ja, wirklich seltsam“, sagte ich und verdrückte mich schnell.

Mist! Das hatte ich bei meinen nächtlichen Ausflügen nicht bedacht. Klar, die Kerzen die ich wegnahm, waren angebrannt, und die, die ich hinstellte, waren noch neu, unbefleckt, jungfräulich. Das mußte ja auffallen.

Nun gut, jetzt hatte die Büserin, die Herrin über eine schiere Unmenge von Duftkerzen, alle meine letzte Nacht erst aufgestellten Männerkerzen wieder weggenommen und unter Protest ins Kerzengeschäft getragen. In der kommenden Nacht würde ich sorgfältiger vorgehen. Ich würde, so nahm ich mir vor, nicht nur diese stinkende Ausgeburt aus Teufelinnens Hexenkessel in Särge entsorgen. Und ich würde nicht nur stattdessen männliche duftfreie Kerzen aufstellen, sondern ich würde sie auch alle geduldig auf das vorherige Maß herunterbrennen lassen. Ich seufzte. Denn eins war klar, mit einer Stunde Schlafverzicht käme ich bei diesem Manöver nicht mehr hin. Das Abbrennen von dicken Kerzen dauert.

Es war 3 Uhr morgens. Der leise Piepalarm meiner Armbanduhr weckte mich. Ich hatte diesen Alarm gewählt, damit die mir angetraute Allerliebste nichts von meinen nächtlichen Ausflügen mitbekam. Als ebenfalls weibliche Duftkerzenliebhaberin steckte sie mit den anderen Parfümhyänen sicher unter einer Decke und hätte mich verraten.

Im Keller holte ich mir Nachschub, ging nach oben in die Halle und seufzte schon wieder. Es waren wenigstens 20 Kerzen in allen Formen und Farben auszutauschen, und alle waren mindestens ein Drittel abgebrannt.
Ich ging ans Werk. Schon eine Viertelstunde später brannten alle.

Eigentlich sah es ganz schön aus. In der ansonsten dunklen Halle unseres Bestattungshauses erleuchteten exakt 24,8 nicht riechende Kerzen den Raum. Schön!
Ich trat einen Schritt zurück. Und dann?

Dann ertönte ein spitzer Schrei hinter mir und als ich mich umdrehen wollte, traf mich ein schwerer Gegenstand mit dumpfer Wucht am Hinterhaupt.

So an die zwanzig Minuten später kam ich schon wieder zu mir.

Ich fand mich auf dem Rücken am Boden liegend vor, umringt von Frau Büser, Sandy, Nadine, Antonia und meiner Allerliebsten.

„Ich glaub‘ der lebt noch“, hörte ich meine Frau wie durch Watte hindurch sagen.

„Sollen wir ihm einen Eimer Wasser über den Kopf schütten?“, fragte Antonia.

„Das können wir machen“, stimmte Frau Büser zu und meinte weiter: „Aber das mache besser ich, Du hast ihm ja schon mit der Salami aus dem Geschenkkorb von Särge-Hoffmann auf den Kopf gehauen, Antonia.“

Ich stöhnte mich in die Wirklichkeit zurück. „Aua!“

„Ach Schatz“, heuchelte die Allerliebste: „Du hast Dir eben ganz fürchterlich den Kopf gestoßen. Wir sind alle sehr besorgt um Dich.“

„Sehr besorgt!“, stimmte Sandy zu.

Ich setzte mich auf und schaute von einer Hyäne zur anderen: „Ich habe genau gehört, daß Antonia mich mit einer Salami gehauen hat.“

„Ich? Niemals, Chef!“, leugnete der Krapfen seine Freveltat kauend.

„Los, dreh Dich mal um! Ich will sehen, was Du hinterm Rücken versteckst!“, forderte ich den Moppel auf. Ich erhob mich.

Antonia drehte sich zwar um, nahm aber ihre Hände nach vorne, sodaß ich sie wieder nicht sehen konnte. Sie machte irgendwas. Dann drehte sie sich um, mit dicken Backen kauend…

Nadines Mund stand offen und Sandy konnte nicht anders, als zu sagen: „Nee, jetzt nicht wirklich, Antonia? Du hast jetzt nicht eine kiloschwere ungarische Hirtensalami komplett aufgefressen?“

„Wapf?“ konnte Antonia nur sagen.

„Aha!, tönte ich. „Ihr habt mich also doch gehauen!“

Frau Büser knickte unter der schweren Last ein und gab kleinlaut zu, daß ich wirklich das Opfer einer nächtlichen Hartwurstattacke geworden war. „Wir wollten doch nur den Geist fangen, der nachts immer die Kerzen neu macht! Antonia hat uns ganz verrückt gemacht. Sie hat gesagt, das sei bestimmt ein Poltergeist oder sowas.“

Und aus diesem Grund hatte sich die weibliche Belegschaft auf die Lauer gelegt. Zuerst hatten sie im großen Büro unter den Schreibtischen gekauert. Dann hatten sie mich in der Halle gehört und allesamt Angst bekommen. Keine hatte sich rausgetraut. Nur Antonia war mutig genug gewesen, dem vermeintlichen Gespenst entgegenzutreten. Aus dem weihnachtlichen Präsentkorb eines Lieferanten hatte sie die inzwischen halb verdaute Hartwurst gegriffen und war von hinten auf mich eingestürmt. Ein kurzer Hieb mit der ungarischen Luftgetrockneten hatte mich niedergestreckt.

Ja, und tatsächlich hatte sie sich das corpus delicti einverleibt…

Betriebsanordnung Nummer 4.612

Wer Duftkerzen mitbringt, aufstellt oder anzündet, oder wer die mit der Beseitigung von Duftkerzen befaßte Person mit einer Hartwurst oder einem anderen Gegenstand auf den Kopf haut, wird abgemahnt. Im Wiederholungsfall kann jedwede Duftbekerzung oder Duftkerzenentfernerhauung auch zur Entlassung führen.

Der Chef

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Peter Wilhelm12. Januar 2017

4 Kommentare von 138973.

  1. Wurstbusters!!! :D

    Kann mir nur gar nicht vorstellen, daß Peter sich soviel Mühe geben würde und nicht gleich die Duftkerzen verbietet wegen Betriebsvorschrift 4712stunk: Die Kunden könnten irritiert sein, wenn Opa nach Vanille-Kirsch riecht.

    Ja, so eine Frau hatte ich auch mal, und ja, die Duftkerzen sind teils hoch allergisch.
    Nun habe ich ein Exemplar, das nicht duftkerzt, dafür die Fernbedienung wie beschrieben nutzt.
    Mann kann halt nicht alles haben.

  2. Herrlich!
    Bin vorgestern auf diesen Blog gestoßen und war so gefesselt von den versch. Geschichten, dass ich bis jetzt nicht aufhören konnte, zu schmökern.

    Gerade die Vielseitigkeit fasziniert. Vielen Dank dafür!

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