Halloween 3

Ich war ja lange genug in den Staaten, um den Kult der dort um Halloween gemacht wird, am eigenen Leib und aus nächster Nähe mitzubekommen. Leute, ich kann Euch sagen, alles was hier neuerdings an Halloween-Aufwand getrieben wird, ist nichts, nichts, nichts dagegen! Auch meine Kinder sind ein bißchen vom Halloween-Fieber ergriffen worden und ich habe ihnen gezeigt, wie man Kürbisse fachgerecht aushöhlt und Gesichter hineinschneidet. Zwei solcher beleuchteter Kürbisse stehen auch daheim an unseren Fenstern. Jetzt um diese Zeit schlafen meine Kinder längst, aber meine Frau wird sicherlich auf mich warten.

Das sind die Gedanken, die mir so durch den Kopf gingen, als ich gemeinsam mit meinem Mitarbeiter Flensen das Grab für Schwester Klara schaufelte. Was das bedeutet, das kann nur einer beurteilen, der sowas schon mal gemacht hat. Kein Wunder, daß die Serienmörder im Fernsehen ihre Opfer immer nur so tief verbuddeln, daß jeder dahergelaufene Dackel schon am nächsten Morgen einen Fuß oder eine Hand der Leiche hervorscharren kann. Entweder ist nämlich der Boden oben ganz weich und wird dann steinig oder hart oder man schafft sich erst quasi durch blanken Granit und dann kommt leichter Sandboden. Egal wie, Plackerei hoch drei ist angesagt.

Zu zweit braucht man wenigstens zweieinhalb Stunden und das bei Tageslicht. Jetzt aber ist es Nacht, saukalt und man schwitzt sich trotzdem einen Affen. Die Hände tun mir weh und ich merke an allen möglichen Stellen, daß ich Blasen bekomme. Meine Bürohände sind solche Arbeit nicht gewohnt und ich bin froh, daß es Flensen nicht viel besser geht, dann stehe ich nicht so als Chef-Weichei da und außerdem bin ich froh, daß er dabei ist, denn der kleine Mann ist eine echte Hilfe, der schafft was weg.

Mir ist sowas von heiß, die ungewohnte Arbeit treibt mir den Schweiß aus den Poren, aber immer, wenn ich mal eine Pause mache, ist es mir schlagartig eiskalt. Ich werde mir eine Erkältung holen, das ist sicher!
Trotzdem kommen wir besser voran, als ich es gedacht habe. Immer wieder prüft Flensen mit einer Holzlatte, die wir mitgebracht hatten, ob die Wände gerade werden und ist zufrieden: „Der Boden steht gut, wir brauchen nicht auszuschalen, ich hätte jetzt keinen Bock, noch Bretter zu schleppen.“ Recht hat er, es ist auch so Arbeit genug und wieder muß ich an mein warmes Zuhause denken und wie schön es jetzt vor einem knisternden Kaminfeuer wäre.

Ich klettere nochmal in das Grab, um Flensen dabei zu helfen einen größeren Stein rauszuheben, als ich dumpfe Schritte höre. An der Tatsache, daß ich mit meinen 1 Meter 88 Körpergröße noch so gerade eben aus dem Grab herausgucken kann, merke ich, daß wir noch nicht wirklich 1,80 tief gegraben haben. Der Nebel hat etwas nachgelassen, aber auch der Handscheinwerfer zeigt langsam Schwäche, sein ehemals gleißend weißes Licht ist eher gelb geworden, wahrscheinlich geben die Akkus bald den Geist auf.
Ich blicke suchen in die Dunkelheit und dann sehe ich, daß eine Nonne näherkommt. „Hallo, sind Sie schon fertig?“
„Jaja“, rufe ich, „nur noch ein paar Minuten.“
„Dann ist ja gut, Schwester Klara ist jetzt auch soweit.“
„Warten Sie“, sage ich, „ich komme mal raus“, und klettere die kleine schmale Leiter hoch, die wir mitgebracht hatten. Ich klopfe mir den Schmutz von den Hosenbeinen, reibe meine Hände am Hosenboden sauber und reiche der Nonne meine Hand. Sie ergreift diese aber nicht, schaut mich voller Entsetzen an und sagt: „Meine Güte, wie sehen Sie denn aus? Sie sind ja total verschmutzt. Also, Sie kommen nachher erst mal rein, damit Sie sich waschen können. Und wenn Sie wollen, können Sie später noch Suppe essen, das wärmt.“

Die Nonne geht und ich weiß jetzt nicht, ob sie erwartet, daß ich ihr folge, dann bleibt sie stehen und schaut mich erwartungsvoll an. Ich folge ihr also. „Kommen Sie, kommen Sie“, sagt die Nonne und rauscht für ihr Alter erstaunlich schnell davon. Ich schätze die Frau auf wenigstens 70 Jahre und habe dennoch Mühe, ihr zu folgen. An einer Tür wartet sie auf mich, läßt mich zuerst eintreten, rauscht dann wieder an mir vorbei und biegt unvermittelt in einen Gang nach links ab. „Hier geht es in die Kapelle, da ruht Schwester Klara“, sagt sie und ehe ich noch etwas sagen oder fragen kann, ist sie verschwunden.

Ich öffne die grob behauene Holztür und stehe in einer schönen gotischen Kapelle, vorne vor dem Altar liegt die Verstorbene, in weiße Tücher gewickelt auf einem Brett, das auf zwei Holzböcken ruht. Links und rechts stehen schmiedeeiserne Leuchter mit halb heruntergebrannten Kerzen.

An der Wand auf der gegenüberliegenden Seite lehnt schon der kleine Holzkarren für den Abtransport. Ich trete näher heran und will mir das weiße Bündel näher anschauen, da legt sich eine eiskalte Hand auf meine Schulter und mir zischt in Sekundenschnelle eine Gänsehaut über den ganzen Körper, ich glaube ich habe sogar auf der Zunge Gänsehaut gehabt. Ich fahre herum und hinter mir steht Flensen und sagt: „Isse das? Fahr’n wir die jetzt raus?“
„So haben wir das immer gemacht“, sage ich, „wir nehmen sie jetzt mit, dann tun wir den Sarg ins Grab und lassen sie dann hinein. Deckel drauf und zuschaufeln.“
„Ach du heilige Scheiße, stimmt ja, zuschaufeln müssen wir ja auch noch!“ ruft Flensen und ich werfe ihm einen strengen Blick zu. In einer Kapelle zu fluchen, bringt bestimmt Unglück.

Und mein Bedarf an Unglücken ist für heute gedeckt, schließlich haben wir noch vor gut zwei Stunden im Waldboden festgesteckt.

— Fortsetzung folgt —

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Peter Wilhelm28. Mai 2012

5 Kommentare von 138942.

  1. Doch, sagte er ein paar Beiträge vorher… naja, ich muss auch noch arbeiten, da versüßt die Geschichte es immerhin ein wenig. :-)

  2. Kacke, Schaufeln ist nur was für richtige Männer (und Frauen). Ich habe das ein paar Male probiert – Schwäche!

    In der Schule hatten wir nach der Wende das schicke Wahlfach "Wirtschaft und Technik". Am Nordhof einen Lenin-Denkmalsockel mi'm Bello zerkloppt (unser Dirk konnte sich da etwas austoben und abreagieren) und am Südhof einen Baum gepflanzt. Letzeres auch um sieben am Morgen. Im Schein des Lehrer-Wartburgs.

    Mit Hacken, Schaufeln und einem Gerät, das an einen Presslufthammer erinnert, aber mit handelsüblichem Wexelstrom läuft. Wochenlang hammer da geackert – die ganze Klasse.

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