Hanna und Ferdi IV

Nur stockend kommt seine Rede in Gang, er hat schon viel erzählt, aber das was er mir jetzt berichtet, kommt ihm sichtlich schwer über die Lippen.

„Schneider bin ich, das heißt ich war es. Ein angesehener Herrenschneider, der beste in der ganzen Stadt. Mein Salon war besonders in den 50er und 60er Jahren die Nummer Eins und bei mir gab sich ganze Schickeria die Klinke in die Hand. Und wissen Sie, worauf das Ganze aufbaute?“

Er schluckt einen dicken Kloß herunter, nimmt meine Hand und sagt: „Es tut so gut, nach so vielen Jahren einmal darüber sprechen zu können. Jetzt wo Inge tot ist, muß ich auch kein Geheimnis mehr daraus machen.

Also, damals in der Nacht als wir Ferdi holten, da war es in Wirklichkeit ganz anders.

Es ist richtig, daß sich Hanna fürchterlich über Ferdis Eigenmächtigkeit aufgeregt hat und sie hat ihm auch im ersten Zorn den Stuhl vor die Tür gestellt, doch dann hat sie sich besonnen und wollte wieder gut‘ Wetter machen. Aber Ferdi hatte schon angerufen, ich war schon unterwegs und dann noch der Stolz, der verflixte Stolz… Ferdi war so gekränkt, der hat Hanna nur angeschaut und sich draußen auf seine Koffer gesetzt.

Hanna hat gesagt: „Ferdi, bleib‘ doch! Ich lasse Dir die Tür offen, bitte komm doch einfach wieder rein.“

Doch Ferdi ist stur draußen sitzengeblieben, der Stolz eben. Vielleicht wäre er auch wieder reingegangen aber inzwischen sind wir angekommen und ich bin dann rein zu Hanna.“

Ich unterbreche ihn: „Ich denke da war schon dunkel…“

„Ja, das hab ich gesagt, aber so war es nicht. Hanna saß oben und hat geweint, ich habe sie getröstet, ihr tat alles so leid. Ich habe ihr dann versprochen, mit Ferdi zu reden. Aber…“

Er stockt, nimmt einen Schluck, schaut mich aus roten Augen an und sagt dann:“ …dann bin ich runter ins Büro und habe Hannas Geldkassette unter meinen Mantel gesteckt.“

Tekopen läßt beide Handflächen auf den Tisch klatschen: „So, jetzt ist es raus! Ich habe meine Schwester bestohlen, in der Kassette war ihr Schmuck, ihr Geld, alles. Und sie hat natürlich immer gedacht, der Ferdi habe das alles an sich genommen.“

„Nee, is nicht wahr?“ entfährt es mir.

„Doch, mein Bruder Ferdi glaubt, die ganze Familie hätte ihn verstoßen, wegen lumpiger, dreckiger 80 Pfennige, dabei bin ich der Lump. Ja, sagen Sie ruhig dreckiger Lump zu mir! Ich habe meine Schwester bestohlen und den ganzen Rest der Familie im Glauben gelassen, der Ferdi sei das gewesen.“

„Haben Sie denn niemals das Gefühl gehabt, Sie müßten das jetzt wieder geradebiegen?“

„Ja, vor vielen Jahren mal. Aber es war ja so auch praktisch. Alle dachten, der Ferdi wär’s gewesen und keiner fragte sich, woher ich das Geld hatte, um schon so schnell nach dem Krieg wieder auf die Füße zu kommen. Das Geld an sich, das war es ja gar nicht, aber der Schmuck, Hannas Schmuck…“

Ich bin sprachlos. Da sitzt hier ein völlig fremder Mann vor mir und legt, angesichts des Todes seiner Frau, seine Lebensbeichte vor mir ab.

„Gucken Sie nicht so! Die Zeiten waren anders, ich hatte drei kleine Kinder…“

„Wie gucke ich denn?“

„Weiß auch nicht…“

„Es steht mir nicht zu, zu urteilen, aber sie sehen mich erstaunt.“

„Ich staune ja selber über mich, aber ich fühle mich erleichtert, sehr erleichtert.“

„Das glaube ich Ihnen, aber Sie haben es jetzt mir erzählt, einem vollkommen fremden Menschen. Jemandem, von dem Sie nichts zu befürchten haben. Sie sollten mit Ihrer Familie darüber sprechen, vor allem mit ihrem Bruder!“

„Ob der noch lebt?“

„Das wird sich ja wohl herausfinden lassen, oder?“

„Weiß nicht, glaub‘ nicht daß das geht.“

„Haben Sie es schon einmal versucht?“

Er schüttelt den Kopf.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 15. Mai 2008
  • 11 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

11 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. tolle geschichte bis jetzt.

    aber geht das noch weiter?

    bin mir jetzt ueberhaupt nicht sicher, ob da noch was kommen kann.

    so ein simples kopfschuetteln wirds doch wohl nicht gewesen sein?

    was meint ihr?

  2. Da wäre ich auch … sagen wir mal "erstaunt" gewesen …

  3. Es muss ziemlich schlimm sein, solch eine Schuld, so ein Geheimnis all die Jahre in sich zu tragen…

  4. @ines: mitleid? von mir keins!

    jemanden bestehlen ist schon verwerflich aber jemand anderem dann die schuld in die schuhe zu schieben ist echt das allerletzte!

    ausserdem hätte er es ja jederzeit in der hand gehabt, sich durch eine beichte zu erleichtern!

  5. Kann ich absolut nicht nachvollziehen wie man mit solch einer Schuld solange (?) leben kann. Ich könnte dies nicht!

  6. @martin: mitleid würde ich es nun nicht gerade nennen, was ich mit meinem satz zum ausdruck bringen wollte. eher so, wie antje es formulierte.

  7. Tolle Geschichte…Wahnsinn. Wie hat der Mann das bloss so lange durchgehalten? Ich könnte das nicht.

    Gruss

    S.

  8. @Ohri: ja das wäre in der tat möglich. wäre was für die öffentlich rechtlichen. das ist allerdings jetz nicht bös gemeint. an sich guter stoff :)

  9. In wenigen Telefonaten wird Tom fündig, da er weiß, welche Quellen er anzapfen muß. Doch dann wirds schwierig.

    Ich kenne zwei Schwestern, von denen die Eine der Überzeugung ist, die Andere habe ein gut gefülltes Kopfkissen der verstorbenen Mutter geleert.

    Es steht Aussage gegen Aussage und das seit 1985.

    – Auch schwierig! –

  10. Die ganze Geschichte ist echt der Hammer… Ich glaube, ich wüsste kein Wort zu sagen, hätte ich den Herrn Tekopen da vor mir sitzen…

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