Hanna und Ferdi VI

Ingrid Tekopen ist auf dem Friedhof aufgebahrt. Noch ist es knapp eine Stunde bis zur Trauerfeier und die ersten Gäste sind eingetroffen, um noch einmal die Verstorbene zu sehen, ein paar Tränen zu vergießen und dann im Gang vor den Aufbahrungszellen zueinander zu sagen, wie gut es doch gewesen sei, daß es am Ende so schnell gegangen sei und daß sie sich nicht habe quälen müssen. Und so ein bißchen verschämt, ein bißchen hinter vorgehaltener Hand sagen einige auch, daß so eine kranke Person, wenn sie dann so lange liegt, auch immer eine Belastung für alle ist. Nee, ist gut, daß es so schnell gegangen ist.

Franz Tekopen sieht das anders, er hätte seine Inge noch gerne bei sich gehabt, hätte sie, solange ihr Verstand es mitgemacht hätte, noch jahrelang gepflegt. „Ich liebe diese Frau, da ist es mir doch egal, ob sie im Bett liegen muß und uns Arbeit macht. Sie war doch auch immer für uns da“, hatte er gesagt.

„Man will doch auch noch was vom Leben haben, wie schnell ist es vorbei und da ist so eine kranke Frau schon schlimm“, flüstert eine Nachbarin der anderen Nachbarin zu und die zieht die Stirn hoch, macht eine vielsagende Handbewegung und nickt zustimmend: „Ja, das kenne ich, ist wie mit einem Haustier, brauchste immer einen der sich kümmert, wennste mal weg wills.“

„Deppen“, denke ich und schaue auf ihre Ohren, mir klingt noch der Spruch von Sandy in den Ohren, die am Morgen in ganz anderem Zusammenhang gesagt hatte: „Wenn man der die einzige vorhandene Hirnfaser durchtrennt, dann fallen ihr die Ohren ab.“

Hanna trifft ein, das ist Franz‘ Schwester und die Schwägerin der Verstorbenen. Ihr etwas kurzarmiger Mann schleppt einen Riesenkranz, der ein bißchen zersaust aussieht und dessen eine Schleife sich gelöst hat, weshalb Hanna die in der Hand hält. „Wir haben den Kranz bei uns machen lassen. Ich habe ja Deinen Gärtner hier angerufen und wollte einen bestellen, so wie Du es gesagt hast, aber der wollte 20 Euro mehr. Also die kann man sich ja sparen!“ sagt sie statt einer Begrüßung zu ihrem Bruder, drückt ihm die abgefallene Schleife mit dem Text: „Wandle auf leisen Wolken!“ in die Hand und Franz Tekopen weiß gar nicht was er sagen soll. Er starrt den Stoffstreifen in seiner Hand an und man weiß nicht worüber er sich mehr wundert, über die Tatsache, daß er die Schleife jetzt wohl selbst wieder am Kranz anbringen soll oder über den etwas seltsamen Text. „Wandle auf leisen Wolken!“, was soll das denn sein?

Ich stehe etwas abseits, begrüße die Eintreffenden, zeige den Weg, weise Sitzplätze an, erkläre wo das Kaffeetrinken später sein wird und bleibe ansonsten im Hintergrund. Hannas Mann schnaubt und ich erlöse ihn, nehme ihm den Kranz ab und hänge ihn auf einen Kranzständer in der Trauerhalle; im Vorbeigehen habe ich Herrn Tekopen seine Leise-Wolken-Schleife abgenommen und piekse sie mit ihrem Draht an die richtige Stelle am Kranz.

Aloys kommt, und ich weiß sofort daß es einer der Tekopens ist, denn er sieht seiner Schwester Hanna überaus ähnlich. Er hat eine Lügnerfrisur, das kennt man ja. Da läßt man(n) sich auf einer Seite des Kopfes die Haare ganz lang wachsen und kämmt sie dann über die Glatze. Außerdem trägt er orthopädische Spezialschuhe, offenbar hat er irgendein Fußleiden, was er mir auch sofort mitteilt: „Sie, haben Sie einen Platz in der ersten Reihe, ich muß meine Beine ausstrecken können.“

„Alle Angehörigen sitzen in der ersten Reihe, da gibt es reservierte Plätze.“

„Das will ich aber auch hoffen! Wo ist das Kondolenzbuch?“

Ich bitte ihn, mir zu folgen, zeige ihm wo das Buch liegt und lasse ihn alleine, während er schreibt.
Direkt gegenüber ist das kleine Gebäude mit dem Büro des Friedhofswärters, der kommt heraus, noch im grauen Kittel mit dem Stadtwappen auf der Brusttasche und sagt mir, daß Pfarrer, Organist und Sargträger eingetroffen sind, er will jetzt den Deckel des Sarges schließen und dann den Sarg in die Halle schieben.
Gerade will ich nicken, da sehe ich, daß ein Wagen mit Düsseldorfer Kennzeichen auf den Parkplatz rollt. Soll es wirklich wahr werden, daß der Totenbrief an Ferdi Tekopen Wirkung gezeigt hat?

Ich schaue in den Gang vor den Leichenzellen, Hannas Mann steht vor der Zelle mit dem Sarg seiner Schwägerin er hält brav die Handtasche seiner Frau. Ich erinnere mich daran, daß Franz Tekopen mir erzählt hatte, seine Schwester habe später „einen nützlichen Idioten“ geheiratet. So wie der Mann da mit dem Handtäschchen seiner Frau steht… Naja.
Wenn Frauen wüßten, was sie uns antun wenn sie uns bitten, mal eben ihr Täschchen zu halten! Das kommt einer Quasi-Kastration gleich. Es gibt kaum einen Moment, außer beim Orgasmus, in dem ein Mann bescheuerter aussieht, als dann wenn er das Täschchen seiner Frau halten muß.

Mein absonderlicher Gedankenflug wird unterbrochen, die Leute aus dem Düsseldorfer Auto steigen aus. Eine überaus hübsche Frau und ein großer alter Mann im langen schwarzen Mantel, der auf einen Stock gestützt geht. Die Frau, vermutlich seine Tochter, stützt ihn auf der anderen Seite. Sie hält eine einzelne weiße Rose in der Hand.

Die beiden kommen näher und es besteht überhaupt kein Zweifel für mich, daß ich da den leibhaftigen Ferdinand Tekopen vor mir habe, er sieht nämlich wiederum genauso aus, wie sein Bruder Franz.

Aloys ist am Kondolenzbuch fertig, er hat eine ganze Seite vollgeschrieben, putzt sich den Schweiß von der Stirn und fährt mit einem Finger innen am viel zu engen Hemdkragen entlang um ihn etwas zu weiten. Dann sieht er seinen Bruder, erstarrt mitten in der Bewegung, verharrt mit dem Finger im Hemdkragen, schluckt und bleibt zwei, drei Sekunden so stehen, dann dreht er sich um und geht so schnell es seine orthopädischen Füße erlauben ins Gebäude der Trauerhalle.

Franz Tekopen wirft mir aus dem Gang einen Blick zu, unsere Blicke treffen sich und ich weiß genau, worauf er wartet. Er wartet auf seinen Bruder, auf ein Zeichen von mir und ich nicke ihm langsam zu.

Ferdi ist am Kondolenzbuch angekommen, unterschreibt nur in geschwungener Schrift, reicht den Stift an die Frau neben ihm und blickt mich fragen an. Ich komme einer Frage zuvor und frage ihn: „Zur Trauerfeier Tekopen?“

Er nickt, lächelt und ich weise mit der Hand auf den Eingang. Von meinem Standpunkt aus kann ich sehen, daß sich von dort sehr langsam Franz nähert. Noch wenige Sekunden wird es dauern, dann treffen die beiden Brüder nach Jahrzehnten das erste Mal aufeinander.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 20. Mai 2008
  • 18 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

18 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. ARGh! ich bin ja wirklich kein „Cliffhanger“-Schreier. Aber diesmal ist es wirklich fies!! Aber macht nix, ich freu mich auch so auf den nächsten Teil

    Gruss
    S.

  2. Diesmal hätte ich mir gewünscht, dass eine kurze ZUsammenfassung zu Beginn steht. Mir wurde nämlich erst im Laufe des Durchlesens bewusst, um welche Fortsetzungsgeschichte es sich hier handelte. Wenn soviele Tage vergangen sind, seit dem letzten Cliffhanger, sollte wirklich nochmal ein zusammenfassender Satz der bisherigen Story kommen.

  3. @Ines: Liest Du Bücher auch immer am Stück durch? Wenn Du es nicht tust, was machst Du wenn Du ein zwei Tage nicht zum Lesen gekommen bist? Hast Du dann alles vergessen?
    :-)

  4. @Ines: Lass Dir von Inka keinen Alzheimer einreden, mir gehts genauso wie Dir :) Und lass Dir von Inka keinen ALzheimer einreden, denn mir gehts genauso wie Dir.

  5. verdammt, eigentlich ist die geschichte viel zu spannend und eigentlich sollte ich sofort den nächsten teil lesen. aber auf 2 zitate muss ich jetzt doch eingehen:
    „Wandle auf leisen Wolken!“ – wieso fällt mir da spontan ein *flatterflatter* ein :)))
    „Wenn Frauen wüßten, was sie uns antun wenn sie uns bitten, mal eben ihr Täschchen zu halten! Das kommt einer Quasi-Kastration gleich. Es gibt kaum einen Moment, außer beim Orgasmus, in dem ein Mann bescheuerter aussieht, als dann wenn er das Täschchen seiner Frau halten muß.“ – da musste ich echt schallend lachen. nicht dass ich mir gedanken über den gesichtsausdruck beim orgasmus machen wollte, aber der vergleich ist zum schreien. obwohl, meine frau muss sich immer erwehren, dass ich ihre handtasche nicht trage. gut, ist jetzt auch kein püppchen-handtäschchen wo mal 1 labello und 2 nagelfeilen reinbekommt. eher mal fast den ganzen einkauf :)

  6. @Inka: Jepp, genau DAS tue ich.

    Und mit Alzheimer hat das wenig zu tun – eher damit dass manche Menschen halt noch wichtigere Dinge im Leben zu tun haben, als hier im Blog zu lesen und die Geschichten und Charaktere auswendig zu lernen…

  7. “Deppen”, denke ich und schaue auf ihre Ohren, mir klingt noch der Spruch von Sandy in den Ohren, die am Morgen in ganz anderem Zusammenhang gesagt hatte: “Wenn man der die einzige vorhandene Hirnfaser durchtrennt, dann fallen ihr die Ohren ab.” << Was ist da passiert? Neue Geschichte?

  8. Tipp: Anstatt, wie z.B. bei Martina geschehen man eine Zusammenfassung schreibt, verweißt man einfach auf den letzten Zeil der Geschichte ODER Schreibt einen Satz an den Anfang in etwa so:

    Herr Lümpkitz berichtette also von Martina, nachzulesen in „Teil I“, „Teil II“, „Teil III“ und „Teil IV“.

    Dann kommt der neue Text.

    Wobei man keine Quotes benutzt, sondern natürlich Links. :-)

  9. *hüstel* Weshalb ist Handtaschen-Halten eigentlich soooo schlimm?
    Einen wirklich schönen Mann kann nichts entstellen, auch nicht eine Handtasche :-P

  10. @ christina

    das ist ungefähr so, als ob ich ein schleifchen um den hals meines ca. 40 kilo hundes binden wuerde. obwohl, lustig wuerde es bestimmt aussehen.

    leider gilt er als kampfhund obwohl er keiner ist.

  11. @ saunapf:

    Kein Problem, ich mag große Hunde, wenn einer auf den Hund das Etikett „Kampfhund geklebt hat, ist’s mir auch egal. Es kommt ja auf den Charakter des Tieres an, und nicht auf das Etikett..

    Also her mit dem Hund, ein Schleifchen wird sich dann schon finden – weshalb soll das Schleifchen eigentlich an den Hals, so ein Schleifchen wie Daisy immer trug, putzt doch auch ungemein?

  12. @christina
    hmm, bei daisy war das doch in die locken eingeknotet oder?
    da wird bei meiner sunny mangels langen haaren hapern *g*
    putzig saehe es aber bestimmt aus, wenn die dann auch gleichzeitig noch ein ehemaliges schweinebein zermalmt. (wenn man da zuguckt, dauert ja nicht lange, da bedenkt man schon, wie gefaehrlich es sein kann, wenn die mal zubeisst, da waere ein arm auf einen biss durch)
    ich geb ihr erstmal ne bratwurst, hoffe, dass sie diesmal auch kaut und die nicht am stueck verschluckt.
    hmm, mist falsch gedacht. und weg war sie, die bratwurst. wie schnell das doch geht.

    mir is immer bange, wenn die mir mal n kuesschen gibt, da wirds gleich dunkel im gesichtsfeld und alles nass von kinn bis augenbrauen. unterkante kinn ca 170 cm. da kann man nur hoffen, das nichts hinter einem liegt, sonst gehts in die waagerechte. ansonsten erstmal 1 oder 2 schritte zurueck, da ist dampf dahinter *g*

  13. Man das ist ein Zitat aber leider wahr.

    „Wenn Frauen wüßten, was sie uns antun wenn sie uns bitten, mal eben ihr Täschchen zu halten! Das kommt einer Quasi-Kastration gleich. Es gibt kaum einen Moment, außer beim Orgasmus, in dem ein Mann bescheuerter aussieht, als dann wenn er das Täschchen seiner Frau halten muß.“

    Herrlich so knapp und knackig habe ich es noch nie gelesen.

  14. @ saunapf:

    hab gerade extra nochmals nach einem Daisy-Foto gesucht und bin im Moshammer-Wikipedia-Artikel fündig geworden.

    Yupp, Daisy trug die Schleife im lockigen Haar zwischen den Ohren, Schleife war fast so breit wie der Kopf ohne Ohren.

    Schade, dass man Deiner Sunny nicht so eine Schleife einflechten kann, das sähe bestimmt zum Schreien aus :-P

    Das mit dem Küsschen kenne ich von einem Berner Sennenhund, den ich mal kannte. Wenn ich ihn bei seiner Familie für einen Spaziergang holte, mußte ich mit ihm Aufzug fahren. Auf den Hinterbeinen stehend war der so groß wie ich, und im Aufzug wollte er auch immer Küschen geben. Ich mochte den Hund zwar wirklich gerne, abertrotzdem wollte ich mir nicht von ihm mit seinem roten „Waschlappen“ durchs Gesicht fahren lassen, also gab es eines: mit jeweils einer Hand eine Vorderpfote umfassen, und den Waschlappen so auf Abstand halten.

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