Hanna und Ferdi VII

Aloys ist zu seiner Schwester und ihrem Nützlichen gelaufen und die drei stehen, aufgeregt diskutierend und hektisch gestikulierend beieinander.

Franz hat es bis zur Tür des Ganges geschafft, steht rechts von mir, noch im Schatten des spärlich beleuchteten Ganges. Ferdinand hatte noch eine Sekunde auf die Frau gewartet, dreht sich nun um und es ist nur noch ein Schritt bis sich die Brüder endlich gegenüberstehen.

Wie wird die Begrüßung nach so vielen Jahren sein? Wird Ferdi seinem Bruder eisig gegenübertreten? Wie wird Franz reagieren? Werden die beiden überhaupt miteinander sprechen?

Ferdi sieht seinen Bruder, geht einen Schritt vor, verharrt kurz, schaut Franz von oben bis unten an, dann läßt er seinen Stock gegen den Türrahmen fallen, breitet beide Arme aus und die Männer liegen sich schluchzend in den Armen.

„Kann ich jetzt?“ fragt der Friedhofswärter, den ich ganz vergessen hatte und ich werfe ihm einen Blick zu, der ihn zusammenzucken läßt. Die Frau, die mit Ferdi gekommen ist, gibt mir artig die Hand und sagt: „Ich bin die Tochter, Maria Tekopen, mein Vater kann nicht mehr Auto fahren.“ Ich lächele ihr zu und wir beide stehen nebeneinander und schauen den beiden alten Männern zu, die sich, eng umarmt immer wieder auf ihre Rücken klopfen, sich immer wieder feste drücken und heulen wie die Schloßhunde.

Von hinten hatte sich das Dreigestirn, Hanna, der othopädische Aloys mit der Lügnerfrisur und der kurzarmige Nützliche mit zornigen Mienen auf den Weg gemacht. Keine Ahnung, was sie vorhatten, ob sie Ferdi beschimpfen oder wegschicken wollten, jedenfalls kommen sie nicht dazu, denn just in diesem Moment entwirren die beiden Brüder Franz und Ferdi ihre Arme und Ferdi sagt: „Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet! Ich habe Euch doch so vermißt!“ Und das sagt er in Richtung von Hanna und Aloys, die wie angewurzelt stehen bleiben. Sie können mit der Situation nicht umgehen. Aloys faßt sich als erster: „Komm, Hanna!“ sagt er, nimmt die Hand seiner Schwester, dreht sich um und zieht sie mit in die Trauerhalle. Nur der Nützliche bleibt stehen, weiß offenbar gar nicht, was er machen soll, entscheidet sich dann seiner Frau zu folgen und rennt ihr hinterher.

Franz und Ferdi stehen sich gegenüber, sind beide sehr verlegen und ich kann die Situation nicht länger ertragen. „Kommen Sie bitte, Sie möchten doch sicherlich noch von Ihrer Schwägerin Abschied nehmen, nicht wahr?“ sage ich und gehe einfach voran in Richtung der Aufbahrungszelle.
„Wird aber auch Zeit“, meint der Friedhofswärter und tippt auf seine Armbanduhr.

Ferdi und seine Tochter brauchen nicht lange, sie stehen nur kurz am Fußende, Ferdi verbeugt sich steif und seine Tochter reicht ihm die weiße Rose, die Ferdi etwas ungelenk in den Sarg legt.

Während der Verwalter den Deckel schließt, die Tekopens die Trauerhalle betreten und der Organist an uns vorbeieilt um seinem Platz an der Orgel einzunehmen, kommt der Pfarrer: „Geht’s bald los? Ich hab´ noch ’ne Beerdigung.“

„Kann losgehen“, sage ich und nachdem der Sarg in die Halle geschoben worden ist, schließe ich die große, doppelflügelige Tür zur Leichenhalle. Ich sehe die erste Reihe. Ganz links außen, in meiner Nähe sitzt das Dreigestirn, dann kommen sechs freie Plätze und am Gang sitzen Ferdi und Franz Schulter an Schulter. Tochter Maria hat direkt hinter ihrem Vater Platz genommen.

Das Orgelspiel beginnt und ich mache die Tür noch einmal auf, damit der Pfarrer eintreten kann.

Die nächsten 30 Minuten wird alles gut gehen, da bin ich sicher, doch was wird dann kommen?

Hanna trägt eine seit Jahrzehnten aufgestaute Wut auf Ferdi in sich, Aloys kann ich nicht einschätzen, aber er scheint Ferdi auch abzulehnen und Franz? Tja, was wird Franz mit seinem Bruder machen? Wird es ohne große Aussprache ausgehen?
Ich bin gespannt.

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  • Veröffentlicht am: 20. Mai 2008
  • 11 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

11 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Donnerwetter, das war fix….Klasse, Tom. Jetzt will ich nur noch wissen, ob die sich versöhnen…

    Gruss
    S.

  2. „“Wird aber auch Zeit”, meint der Friedhofswärter und tippt auf seine Armbanduhr.“

    Das war auch nervig bei der Beerdigung meines Opas. Irgendwie wurde unterschwellig Zeitdruck von dem „Beerdigungspersonal“ aufgebaut, dass man doch zugig trauer, zügig von A nach B gehen soll, zügig zur Urnenbeisetzung erscheint, und doch bitte zügig ein paar Blumen noch hineinwirft ins kleine Urnenloch.

    Ignorieren half am besten. :-p

  3. Respekt. Ich hätte nicht gedacht, dass man da noch einen halbwegs sinnvollen Hänger einbauen kann.
    Gekonnt ist gekonnt :D

    Lily

  4. „Ich bin gespannt.“

    Du bist gespannt? Du weißt ja wie es ausgeht!^^
    Ich habe das Gefühl, du hast schon eine kleine sadistische Neigung ;)

    Grüße
    Mo

  5. sag´mal, was ist eine „Lügnerfrisur“? Ist damit eine falsche Haarpracht (Fiffi) gemeint, die bei starkem Wind auch mal vom Kopfe fliegen kann?

  6. Wie ich schon mal schrieb: Ich tippe auf Mord und Totschlag. Hanna und Alois werden sich riesig schämen und auf Franz losgehen und Ferdi wird Franz alle Knochen brechen. Ich kann mir nichts anderes vorstellen. Bin gespannt!

  7. @kiezterror: Sorry, aber Lesen scheint nicht deine Stärke zu sein. Es steht deutlich im vorherigen Artikel beschrieben, was das für eine Frisur ist.

  8. @ kiezterror: „Lügnerfrisur“ ist die ein- oder mehrmals um den Kopf gewickelte meist überschulterlange Haarsträhne, mit der die Glatze verdeckt werden soll.

  9. Beerdigungen und Linienbusse haben pünktlich zu starten. Ja Herrschaftszeiten, jetzt haben sie drei Tage Zeit gehabt. Ich will rechtzeitig daheim sein, wenn heute das Fußballspiel kommt. Schließlich muß ich noch vorher einkaufen. Wenn ich mir die anschaue gibts da sowieso wieder kein Trinkgeld. Wenn ich wenigstens ein Räumschild am Bagger hätte, dann hätte ich wenigstens die Grube schneller zu. Die Kränze muß ich auch noch hindrapieren. Wer zahlt mir das, wenn das heute wieder länger dauert. Ich habs mir ja schon fast gedacht, als ich gesehen hab, wer da heute Bestatter ist. Immer das Gleiche mit dem……

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