Herr Tilto -4-

Zlata war die große Liebe seines Lebens. Mit ihr war er durch Dick und Dünn gegangen und hatte sie auf Händen getragen. Jeden Wunsch hatte er ihr von den Augen abgelesen.

„Noch bevor mein vegetatives Nervensystem meinen Herzschlag und meine Atmung kontrollierten, steuerten sie meine Gedanken zu Zlata. Ich habe seit 1962 keine eine einzige Sekunde nicht an sie gedacht. Sie ist ein Teil von mir, so wie meine Lunge, mein Herz, mein Gehirn…“

Er machte eine Pause. Aus feuchten Augen schaute er mich an, nahm meine Hand und drückte sie. Dann sprach er Worte, die es mir eiskalt den Rücken hinunterlaufen ließen.
„Und doch bin ich froh, dass sie endlich tot ist.“

„Wie bitte?“, entfuhr es mir und ich gebe zu, dass das nicht besonders professionell war. Doch trotz meiner Ausbildung, trotz meiner Erfahrung, bin doch auch ich zunächst erst einmal nur Mensch.

Herr Tilto lächelte gequält. „Ja, so ist es. Sie mögen mich verurteilen, mein Herr; Sie mögen mich verdammen, vielleicht habe ich das sogar verdient, aber so wahr ich hier sitze, ich bin froh, dass diese Frau endlich tot ist.“

„Und was…“, begann ich eine Frage, doch er wischte sie mit einer Handbewegung fort, sprang auf und begann im Zimmer auf und ab zu laufen.

„Als Zlata ungefähr 40 Jahre alt war, begann sie zu trinken. Nein, nicht so, wie Sie sich das jetzt vorstellen, kein Schnaps, keine harten Sachen, nur Bier. Nur abends, nur ein Fläschchen, damit sie besser einschlafen kann. Da denkt man sich doch nichts dabei, das ist doch ganz normal, das macht doch jeder so, das machen doch alle…
Aber schon zwei Jahre später waren es vier Flaschen Bier an jedem Abend. Und wenn ich sie mal darauf angesprochen habe, wurde sie forsch, lachte mich aus und zeigte mir den Vogel.

Sie mögen sagen, daß vier Flaschen Bier nicht viel sind, aber ich merkte immer jeden einzelnen Tropfen. Sogar wenn sie nur eine halbe Flasche getrunken hatte, bemerkte ich schon, dass sie anders wurde – sich veränderte. Nach vier Flaschen, da war sie ein völlig anderer Mensch. Hemmungslos, laut, lamentierend, immer lachend und so seltsam bösartig. Alles und jeder wurde von ihr in den Dreck gezogen und das, was wir an diesem Tag Schönes gemeinsam erlebt hatten, war auf einmal alles Mist…
Das Lachen wirkte immer aufgesetzt, und was wie Fröhlichkeit aussah, konnte jede Sekunde in schreckliche Wutausbrüche umkippen. Verstehen Sie mich? Ich meine, ich war sozusagen mit zwei Frauen verheiratet: Mit Zlata, meiner Goldenen, einer liebevollen und aufmerksamen Frau; und abends dann mit dieser fürchterlichen, besoffenen, alten Kuh… – Verzeihen Sie!

Ich ertrug das, denn am anderen Morgen war sie wieder meine Goldene, meine Zlata, und sie war dann so lieb und nett zu mir.
Allerdings nur bis zum Abend. Vier Flaschen Bier, fünf und später dann sechs, sieben oder gar acht. Zwischendurch auch mal eine Flasche Sekt oder Rotwein. Und wieder durfte ich nichts sagen. ‚Alkoholikerin?‘, rief sie: ‚Was willst Du mir denn erzählen? Alkoholiker leben auf der Straße und trinken den ganzen Tag Schnaps! Ich gehe arbeiten und darf dann ja wohl am Feierabend mal ein Bierchen trinken!‘. Ja, so hat sie argumentiert und dann war sie böse auf mich, beschimpfte mich als Nichtsnutz, als selbstsüchtigen Idioten und als Egozentriker.
Tja, und wie das eben so ist bei funktionierenden Alkoholikern, sie ging tatsächlich jeden Tag ordentlich ihrer Arbeit nach, besuchte ihre Freundinnen und unsere gemeinsamen Bekannten; und Sie können fragen, wen sie wollen, alle werden Ihnen bestätigen, was Zlata für eine tolle Frau ist – äh, war. Nach außen hin immer alles schön und nach innen hin zu mir…
Es war die Hölle!“

„Wie lange haben Sie das mitgemacht?“

„Seit 1980.“

„Über dreißig Jahre?“

Herr Tilto nickte. „Ich war bei Ärzten, ich hatte Zlata so weit, einmal mit zu einem Spezialisten zu gehen, aber als der das Wort Alkohol in den Mund nahm, ist sie aufgestanden und rausgegangen. Ich hatte vier Wochen lang keine ruhige Sekunde. Sie ist so bösartig geworden, ständig diese Beleidigungen, ständig diese Angriffe ganz tief unter der Gürtellinie, immer diese Zornesausbrüche. Sie können sich das nicht vorstellen!“

„Warum macht man so etwas denn so lange mit?“, fragte ich vorsichtig.

Er schaute mich entsetzt an. „Wie können Sie das fragen? Das ist doch meine Frau! Das ist doch meine Zlata, meine Goldene! Ich liebe sie doch!“

„Wie paßt das denn zusammen?“

„Ich sehe das ganz pragmatisch. Alkoholismus ist eine Krankheit. Der Alkoholismus ist die Krankheit, bei der nicht der Kranke die Schmerzen hat, sondern die Menschen um ihn herum.“

„Ja?“

„Und wenn Zlata krank ist, dann ist es doch meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, ihr beizustehen und das mit ihr durchzustehen, da kann ich sie doch nicht im Stich lassen. Heißt es nicht: In guten wie in schweren Zeiten?“

„Ja, aber man muß doch auch an sein eigenes Leben denken!“

„Sie haben Recht! Aber Zlata ist mein Leben!“

„War! Sie war Ihr Leben!“

„Gott sei es gedankt!“

Herr Tilto ließ sich auf einen Sessel fallen, streckte die Beine von sich und atmete heftig. „Mann, das regt mich alles auf! Wissen Sie, ich habe seit mindestens 15 Jahren keine einzige Nacht richtig durchgeschlafen. Ihr besondere Spezialität war es, mich abends kurz vor dem Zubettgehen zu beleidigen, mich anzuschreien und mir eine Szene zu machen. Und was machte die? Die legte sich dann ins Bett, Kopf in den Nacken und dann hat sie geschnarcht. Und ich? Mir gingen die Beleidigungen noch ewig lang im Kopf herum. Da kann man dann nicht richtig schlafen; kann man nicht!

Ein paar Mal ist Zlata nachts raus. Einmal ist sie fast aus dem Fenster gefallen, einmal ist die die Treppe hinunter gesegelt und hatte sich den Kiefer gebrochen. Da hast Du als Mann keine ruhige Minute mehr; da lauerst Du immer mit einem Ohr, ob sie nicht wieder aufsteht. Ist es heute Nacht wieder so weit, denkst Du.

Ja, und dann kam die Zeit, als wir in Rente waren.
Wir hätten eigentlich ein gutes Auskommen gehabt, beide Renten zusammen waren ganz gut. Doch wenn die Rente auf dem Konto war, ist Zlata auf die Bank, hat tausend Euro abgehoben und hat sich davon irgendwelchen Tinnef gekauft. Ohrringe, Ringe, Armbänder, Schals, Mützen, Schuhe, Parfüm, egal was, Hauptsache, das Geld war weg.
Und dreimal dürfen Sie raten, wer schuld war, wenn wir dann ab dem Zwanzigsten keinen Cent mehr hatten!“

„Wie ist Ihre Frau denn gestorben?“, erkundigte ich mich.

Der Mann nickte eine ganze Weile langsam vor sich hin, dann hob er den Kopf, schaute mich aus feuchten Augen an und sagte: „Zlata? Zlata ist vorgestern aus dem Schlafzimmerfenster gefallen, aus dem zweiten Stock, mit 2,8 Promille. Die Ärzte haben gleich gesagt, dass das nichts mehr wird.“

Vier Tage später gab es eine große Beerdigung auf unserem Friedhof. Ein großer, schwerer Eichensarg, den wir auf Wunsch des Witwers rundherum mit 56 Spax-Schrauben fest verschlossen hatten, obendrauf weiße Rosen in großer Pracht. Und bei der Trauerfeier wurde gelogen, dass sich die Balken bogen.

Nur einen störte das nicht, den leise schmunzelnden Herrn „Brücke“.

Frei! Frei! Endlich frei!

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 15. März 2016
  • 16 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

16 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Wow, Alkoholismus ist eine Teufelskrankheit, und ich kann die Gefühle von Herrn Tilto sehr gut nachvollziehen.
    Bei Alkoholismus schlägt leider Liebe schnell in Hass um und man muss Ihn sehr bewundern bei seiner Frau geblieben zu sein,ich weiß nicht ob ich das könnte.
    Auch wenn es eine Geschichte ist, gibt es garantiert in Deutschland tausende Menschen denen es so geht und das macht traurig, den wie er es so schön gesagt hat,Alkoholismus ist eine Krankheit bei der nicht der Kranke die Schmerzen hat, sodern die Menschen um Ihn herum.
    Sehr schöne Geschichte !

  2. „Mit 56 Spax-Schrauben fest verschlossen…“ :D Das sind die typischen Momente hier… herrlich!

  3. Von den Augen! Wünsche von den Lippen ablesen ist eine derbe Zote. Nicht dass ich prinzipiell etwas gegen Zoten hätte, aber in den meisten Fällen ist es eben doch nicht so gemeint.

    • @Silke: Lippen! Du musst Dir vorstellen, dass Herr Tilto auch nach all den Jahren immer noch einen tschechischen Akzent hat und manches Wort falsch setzt. Er hatte das so gesagt. Aber Du hast Recht. Es liest sich komisch, wenn man seine Stimme und Sprechweise nicht kennt und hört. Deshalb habe ich es verbessert.

      In einer der „Detective“-Dokus im Fernsehen neulich:
      Der Täter sitzt in einem orangefarbenen Gefängnis-Overall hinter Drahtglas und gibt ein Interview.
      Es wird untertitelt.
      Die Reporterin fragt auf Englisch, wie der Mann mit der taubstummen Frau, die er überfallen und zwei Stunden in der Wohnung gequält hat, kommuniziert hat.
      Er sagt: „Ich habe im Community-Center den Umgang mit Gehörlosen gelernt. Ich habe ihre Lippen gelesen. (I read her lips.)“
      Untertitel: „Ich weiß wie man mit Behinderten umgeht, man muss ihre Lippen lecken.“

      Das ist eine Zote! :-)

  4. Wow, mehr kann ich eigentlich nicht sagen.

    Aber solche Geschichten sind der eigentliche Grund warum ich hier mitlese.
    Die besten Geschichten schreibt halt doch das Leben.

  5. oh, da steht noch nicht „Ende“ bei und die Sache mit der Tochter steht auch noch aus, oder?
    Kommt da noch was?

    • @Claudia:

      Ich hoffe doch stark, dass die Geschichte zu Ende ist. Denn wieder aufstehen wird die wohl nicht. Schlimmer wäre es allerdings, wenn der Tilto das Vieh getillt hätte bzw. aus dem Fenster geschmissen hätte. Dies beinhaltet immer das Risiko, dass es jemand überlebt, insbesondere Betrunkene, da sie ja i. A. einen besonderen Schutzengel haben. So sagt zumindest ein Sprichwort: „Kinder und Besoffene haben immer einen Schutzengel.“

      • @Winnie:
        hm irgendwann hieß es, dass bei Beendigung immer „Ende“ dabei stehen würde.
        da Sohn und Tochter bereits erwähnt wurden, aber nicht näher darauf eingegangen wurde, vermute ich halt da noch eine Entwicklung…. abwarten

      • @Winnie:
        „Denn wieder aufstehen wird die wohl nicht. “ Selbst wenn… Ich sag nur: 56 Spax-Schrauben! :D

      • @Winnie: Vor allem wäre er dann dafür auch noch verurteilt worden.
        Wobei es einen solchen Fall gab, an den mich die Geschichte etwas erinnert, aber solche Ehepartner, die um Fluch werden, gibt es ja öfter, von Ferdinand von Schirach. Die Frau soff in der Geschichte zwar nicht (in der ZDF-Verfilmung qualmte sie dafür wie ein Schlot), benahm sich aber ähnlich. Und wurde dafür am Ende fachmännisch mit der Axt zerlegt…

  6. Ich kenne eine Frau die ähnlich schlimm ist. Nur den ganzen Tag lang, Aufgrund einer schweren Psychose, welche sie nicht anerkennt und nicht behandeln lässt. Ein schweres Los, mit ihr zusammen zu leben. Auch bei ihr werden vermutlich alle, die sie kennen, aufatmen, wenn sie nicht mehr ist. Sie kann zwar nichts dafür, da sie nunmal krank ist, aber für jeden um sie herum sind die Bösartigkeit und die absolut wahnwitzigen Vorwürfe von morgens bis in die Nacht eine schwere Belastung.

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