Ich hab noch eine Urne in Berlin

Ein Leser hat einen lieben Verwandten zu bestatten gehabt und hatte, weil er ausgerechnet im Bestatter-Mekka Berlin wohnt, die Qual der Wahl. Nicht nur ein oder zwei Unternehmen bieten dort ihre Dienste an, sondern die Zahl der Bestatter ist in der Bundeshauptstadt nahezu unüberschaubar.

Vom Luxus-Edelbestatter über den Bestatter für den sexuell anders Orientierten oder die esoterisch Veranlagten bis hin zum Billigbestatter und den Filialen der großen Ketten gibt es alles, was das Herz begehrt.

Der Leser hatte folgendes Anforderungsprofil:

  • Feuerbestattung
  • einfacher Einäscherungssarg
  • einfache Schmuckurne
  • keine Trauerfeier
  • Abholung vom Krankenhaus
  • Erledigung der Formalitäten durch mich

Mit dieser Liste besuchte er eine ganze Reihe von Bestattern und erhielt für angeblich die gleiche Leistung völlig unterschiedliche Preisangebote von knapp 900 Euro bis über 3.200 Euro, jeweils ohne die Friedhofsgebühren.
Nur ein einziger Bestatter war in der Lage, auch die Kosten für Grab und Beisetzung auf Anhieb zu nennen.
Ein Bestatter gar wollte überhaupt keine Auskunft geben, was auch nicht gerade selten vorkommt, wie mir die Leser immer wieder berichten.

Nun ist der Leser ob dieser gewaltigen Preisunterschiede erstaunt, stellt aber selbst fest, daß bei einigen Angeboten zum Festpreis die Grabstätte in einem anderen Bundesland oder gar in Polen oder Tschechien gelegen hätte. Selbst eine Abschiednahme wäre nicht möglich gewesen, weil das billige Krematorium ebenfalls weit weg gewesen wäre.

Den Auftrag erteilte der Leser dann dem Unternehmen, das die angenehmste Beratung bot und sich bei den Preisauskünften kompetent gezeigt hatte. Es handelte sich um eine Filiale eines überregionalen Kettenbestatters. Die einzige Angestellte, die in der Filiale die Stellung hielt, war zwar noch recht jung, aber erfahren und zuvorkommend. Vor allem gefiel, daß sie nicht zum Abschluß drängte oder nicht benötigte Leistungen aufschwatzen wollte.

Nun möchte der Leser natürlich wissen, wie es zu solchen Preisunterschieden kommt und wie ich zu der Feststellung, daß er bei einem Filialunternehmen gut aufgehoben war, stehe.

Bevor ich mich diesen Fragen zuwende, möchte ich kurz auf die „Erledigung der Formalitäten“ eingehen, für die die Bestatter in Berlin zwischen 90 und 200 Euro berechnet hätten. Ein Betrag zwischen 90 und 150 Euro ist hierfür angemessen, 200 Euro halte ich persönlich für etwas hoch gegriffen, eine Kollegin hier verlangt gar nur 35 Euro, was ich wiederum zu niedrig finde.

In der Erledigung der Formalitäten sind neben der Verwaltungsarbeit des Bestatters auch alle Behördengänge enthalten und man muß als Angehöriger schon eine ganze Menge Zeit und eine gehörige Portion Geduld mitbringen, um vor allem in Großstädten diesen Part selbst zu übernehmen. Es kann durchaus passieren, daß man in Unkenntnis der Bestimmungen konsequent die falschen Behörden ansteuert, die falschen Formulare und Unterlagen dabei hat und dann dort jeweils lange warten muß, bis man endlich an der Reihe ist. Oftmals muß man mehrmals erscheinen, wird gerne auch mal wieder weggeschickt und vor allem: Während die Angehörigen mit den Unterlagen durch die Gegend laufen, fehlen diese dem Bestatter, um den Fall weiter bearbeiten zu können.
Hinzu kommt ein Problem: Die Angehörigen behalten gerne mal wichtige Unterlagen, wie Durchschriften vom Totenschein oder die Originale der Sterbeurkunden und dann kommt die ganze Erledigung ins Stocken. Ganz schlimm: Die Angehörigen packen wichtige Papiere in einen Umschlag und schicken sie sofort per Post nach Amerika zur Schwester in Texas…

Es kann auch anders gehen, das weiß ich natürlich. In einem Ort hier um die Ecke nimmt einen der Standesbeamte an die Hand und läuft mit dem Hinterbliebenen durchs ganze Rathaus, vom Friedhofsamt zum Einwohnermeldeamt und sorgt dafür, daß alles korrekt abläuft. Aber das ist eine seltene Ausnahme. Die Regel ist: Ein Bestatter, der das jeden Tag als Routinearbeit erledigt, kommt schneller, stressfreier und erfolgreicher zum Ziel als ein Angehöriger, der sich nicht auskennt.
Der Betrag für die Erledigung der Formalitäten ist immer gut investiert.

Kommen wir zu den teils doch recht erheblichen Preisunterschieden. Wie überall sonst auch in der Wirtschaft gibt es auch bei den Bestattern sehr unterschiedliche Angebote. Man kann Schinken für 99 Cent bei ALDI kaufen und man kann sich biologisch einwandfreien Saftschinken von der ungepoppten Flugsau aus nepalesischer Bodenhaltung bei „Delikatessen Schulze“ für 49,99 kaufen.
Natürlich hat man in beiden Fällen hinterher auf dem Teller nur Schinken.

Ich habe es schon oft genug ausgeführt und möchte mir die Wiederholungen sparen. Fakt ist: Was nix kost, ist auch nix.
Jede Mühe verdient ihren Lohn und etwas was ich nicht bezahle, bekomme ich auch nicht.
Aber ich will hier gar nicht darauf hinaus, daß man lieber das Teure wählen soll, weil man dann auch besser bedient ist/wird, sondern:

Jeder vernünftige Bestatter sollte in der Lage sein, eine einfache Urnenbestattung ohne großes Brimborium unter tausend Euro abwickeln zu können. Wer für sowas über 3.000 Euro verlangt, der verkauft zu teuer.

Insofern war die Entscheidung unseres Lesers für eines der günstigeren Angebote richtig.

Warum aber wurde er bei einem Kettenbestatter so gut bedient, wo ich doch immer nur Schlechtes über die „Pietät Eichenlaub“ schreibe?
Nun, das liegt ja mal in erster Linie daran, daß es die Pietät Eichenlaub nicht gibt. Dieser erfundene Firmenname muß für alle Bestatter und Ketten in meinem Weblog herhalten, denen ich etwas Negatives auf die Fahne schreiben möchte. Das bedeutet doch aber nicht zwangsläufig, daß man bei jedem Filialbestatter schlecht bedient wird.

Für mich liegt der Unterschied ganz woanders.
Wenn uns ein Verstorbener anvertraut wird, dann erfährt dieser Mensch eine Behandlung, so als ob es sich um einen unserer eigenen Verwandten handelt. Die Kunden werden an die Hand genommen und durchgehend betreut, da ist nicht mal der, mal jener als Ansprechpartner da, und der Verstorbene wird auch nicht durch einen zentralen Fahrdienst irgendwo in drei Minuten „in die Kiste gekloppt“. Wir erinnern uns: Am Ende hat man immer Schinken auf dem Teller.
Aber der Weg dahin kann völlig unterschiedlich sein und mit einem nicht zu vergleichenden Aufwand besonders in personeller Hinsicht verbunden sein.
Wir müßten schon auf Vieles verzichten und unseren Kunden so manches vorenthalten, um die Preise grundsätzlich so niedrig ansetzen zu können, wie ein Unternehmen, das mehrere Dutzend Filialen in der Region hat und die Einäscherungen und Beisetzungen in Timbuktu durchführt.

Bei uns wäre es kaum teurer gewesen, das muß ich noch hinzufügen.

Warum manche Bestatter bei Kundenrecherchen zu teuer abschneiden, liegt einfach daran, daß die Angaben der Kunden oft nur grob umrissen sind und die Bestatter vorsichtshalber einen höheren Preis nennen. Andere Kunden drücken sich sehr verworren aus, das kenne ich zur Genüge.
Manchmal bekommt man aber auch in einer Stunde drei oder vier telefonische Anfragen und man erkennt, daß da mehrere Familienangehörige alle Bestatter abtelefonieren, um den niedrigsten Preis herauszufinden.
Da habe ich auch schon mal einen viel zu hohen Preis genannt, der Billigste will ich dann gar nicht sein, denn hinterher wollen die Leute dann doch noch dies und auch noch das und jenes muß auch noch dabei sein und dann ist das Theater groß, wenn der anfangs genannte Preis nicht mehr gehalten werden kann.
Ich sage oft, daß es zwischen dem und dem Preis kostet und man am Besten vorbeikommt, denn wir finden immer ein passendes und angemessenes Angebot.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 12. August 2008
  • 2 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

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