Ich hatte einen Baum

Letztens hatte ich ein Ehepaar hier, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Die Mutter der Frau ist gestorben und das Ehepaar erschien, um die Bestattung in Auftrag zu geben. Es waren, sagen wir es mal ganz vorsichtig, recht einfache Leute. „Mir“ und „mich“ und „dem“ und „den“ verwechselten sie in bunter Reihenfolge und sie machten keinen Hehl daraus, daß sie nicht besonders gebildet sind.
Nette Leute, ohne Frage und sehr höflich, was will man mehr. Meisten sind die einfachen Menschen weitaus weniger kompliziert als die Angehörigen des mittleren Bildungsbürgertums.

Dann trat der Schwager der Frau auf den Plan, der etwas später zum Gespräch hinzukam. Und der wollte nun ganz deutlich zeigen, daß unter den Blinden bekanntlich der Einäugige König ist und er eben aufgrund seiner Ausbildung zum Ingenieur dieser Einäugige ist.

Mit einem schnellen „Jajajaja“ schnitt er seinem Schwager und seiner Schwägerin regelmäßig das Wort ab, verdrehte ob ihres Nichtwissens oder ihrer Fragen genervt die Augen und strahlte mich dann wieder an, oft gepaart mit einem mitleidigen Lächeln für seine Verwandtschaft. Als es um die Traueranzeige in der Zeitung ging, wünschte sich das Ehepaar für ihre Mutter den Spruch: „Gekämpft, gehofft und doch verloren“. Sie waren der Meinung, das würde den Kampf gegen den Krebs am Besten verdeutlichen und sie hatten diesen Spruch über einer anderen Anzeige gelesen und der hatte ihnen so gut gefallen.

Der Herr Ingenieur allerdings hatte da selbst schon etwas vorbereitet: „So kann man das nicht machen. Susanne und ich haben uns gestern Abend schon hingesetzt und einen Text entworfen.“ Er schiebt mir einen handschriftlichen Entwurf über den Tisch und sagt: „Da fehlt nur noch der Spruch für oben drüber, den habe ich auf einem Extra-Zettel hintendran gehängt.“

Ich schaue mir die Anzeige an, sie ist soweit in Ordnung, dann blättere ich zum angehängten Zettel um und lese:

"Ich hatte einen Baum!"
von
Nielson Mandala

Wenn das der alte "Nielson Mandala" aus Südafrika wüßte!

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  • Veröffentlicht am: 12. Juli 2008
  • 25 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
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Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

25 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. … naja, so wie du ihn schilderst, wird der Herr Bildungsbürger Afrikaner noch immer mit (ungebildeten) Affen gleichsetzen – da ist die Assoziation nicht weit zu Pippi Langstrumpfs kleinem Totenkopfäffchen…

    (Das ich das nicht unterschreibe, sollte klar sein… – bevor die Moralapostel wieder einfallen…)

  2. @katrin: und Mandela nichts damit zu tun hat, „I have a dream“ (gerne auch (falsch?) als „I had a dream“ zitiert) kam von M. L. King.

  3. Nielson Mandela, der alte Schwede, ist ja auch nicht gerade als Freund von sowas bekannt, aber vor allem Martin Lotta King hätte sich ganz bestimmt sehr darüber gefreut, dass deutsche Ingenieure seinen, ääh, Baum von einem Amerika ohne Rassenschranken teilen.

    „Ich hatte einen Baum!“ macht sich sicher auch gut auf einem Holzkreuz.

  4. Sorry, ich verstehe den Spruch nicht.

    Mein er jetzt „I have a dream“ von Martin Luther King oder
    „Mein Freund der Baum (ist tot)“ von Alexandra oder
    einen Spruch von Nelson Mandela, der er nur nicht richtig kannte.

    Welche Möglichkeit soll es sein? Fragen über Fragen.

    Ach ja, in der Schule damals habe ich Mandalas machen müssen. Vielleicht wollte er auch nur ein Mandala haben. Ohne der Nielson.

  5. Wisst ihr denn, ob Nielson MAndela das nicht wirklich gesagt hat. Er muss ja nichts mit Nelson Mandela zu tun haben.
    ;-)

  6. In der Wikiquote stehts nich… :-)

    Google findet dazu auch nix. Vielleicht ein persönliches Gespräch mit dem Herren? Ist der Inschenör vllt Gartenbauinschenör und hat Madelas einzigen Baum gefällt?

  7. So wie ich das verstehe, hat der etwas hochnäsige Ingenieur den Spruch „Ich habe einen Traum“ spontan zu „Ich hatte einen Baum“ umgebaut. Und da er nurnoch wusste, dass es irgendein Schwarzer war, nahm er wohl den erstbesten, der ihm in den Sinn kam. Und schrieb den höllisch falsch.

  8. Das Original ist natürlich mit korrekter Übersetzung:
    „I have a cream.“ – „Ich habe einen Schaum.“
    Damals Bestandteil einer bekannten Rasierschaumwerbekampagne.

    Die Verwechslung cream/dream oder Schaum/Traum/Baum tritt aufgrund phonetischer Ähnlichkeit sehr häufig auf, macht den Satz aber zu Nonsens.

  9. Dass sich immer die Eingeheirateten so reinhängen müssen.
    Da könnt ich auf der Sau naus reiten. Der soll doch warten bis seine Verwandtschaft stirbt.
    Das sind die Vögel, die dann, wenn man sie nicht hat machen lassen, überall herumposaunen: „Ich hätt ja das Ganze billiger übers Internet arrangieren können, aber die haben mich ja nicht gelassen.

  10. Mich würde bei der ganzen Sache viel mehr interessieren, was hat Tom gemacht? Haben nach der Schaltung der Anzeige die Telefone bei der Zeitung geglüht, weil sich etliche Leute erkundigt haben, wer zum Geier ist Nielson Mandela und warum hatte der einen Baum?

    Gruss
    S.

  11. Der Kunde ist König. Aber den Zettel als Beweismittel aufheben, sonst will er es nachher nicht gewesen sein.

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