Ich konnte meinen toten Sohn leider nicht mehr sehen

thailand-pixabay

Mein Sohn ist mit nur 20 Jahren in seinem Thailandurlaub mit einem ausgeliehenen Roller tödlich verunglückt.
Keine Versicherung.
Mein grosser Schatz ist dort in einem Tempel eingeaeschert worden und die Asche zu mir überfuehrt.

Der Vater hat einer Leichnahmüberfuehrung aus finanziellen Gründen nicht zugestimmt.
Es schmerzt sehr und die Bilder im Kopf, das mein Kind alleine dort verbrannt wurde begleiten mich dauernd.
Ich haette ihn so gerne noch gesehen, gedrueckt geküsst und Abschied genommen.
Er hat noch einen jüngeren Bruder.
Wir verstehen es bis heute nicht.

Liebe Daniela,

ich verstehe Deinen Schmerz und es tut mir leid, daß Du nicht hast Abschied nehmen können.
Einen verstorbenen Menschen noch einmal zu sehen, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg des Trauerns.
Das gilt umso mehr, wenn dieser Mensch durch einen Unfall sehr plötzlich von einem weggenommen wurde.

Die Überführung eines Verstorbenen aus einem so weit entfernten Land kann nur mit einem Flugzeug erfolgen.
Hierfür sind die Kosten exorbitant hoch. Da können auch mal 20.000 € und mehr zusammenkommen.

Deshalb ist der Rat, den ich allen gebe, die den Tod eines Verwandten im Ausland zu beklagen haben, dort eine Einäscherung vorzunehmen und dann nur die Urne nach Hause zu überführen.
Das ist nicht der schönste Weg, aber auf jeden Fall der vernünftigste und preisgünstigste.

Dein Mann hat also nicht aus Kaltherzigkeit oder Geiz so entschieden, sondern weil das einfach wirklich eine ganz vernünftige und sachlich richtige Entscheidung war.
Hier könnte man anderer Meinung sein, wenn der Vater ein sehr wohlhabender Mann ist, bei dem 10.000 oder 20.000 Euro keine Rolle spielen. Aber bei wem ist das schon so?

Stell Dir doch bitte einmal die schöne Zeremonie in einem buddhistischen Tempel vor. Denke daran, daß Dein Sohn an dem Ort eingeäschert wurde, zu dem er mit Freude im Herzen in Urlaub gefahren ist.
Sammele doch bitte einmal auf Zetteln die positiven Gesichtspunkte und verinnerliche diese.

Denke auch daran, daß Du einen weiteren Sohn hast. Auch er wird unter dem Verlust leiden. Gib ihm jetzt die ganze Liebe, auch die, die Du für Deinen verstorbenen Sohn aufgespart hattest.
Das Sterben ist immer schrecklich, weil es Lücken reißt. Du mußt aber diese Lücke füllen, und dafür ist Dein lebender Sohn da.
Schaut positiv in die Zukunft.

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  • 29. September 2016 - 6 Kommentare - Lesezeit ca.: 2 Minuten - Kategorie: Frag den Bestatter

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Veröffentlicht von

Hier erzählt und informiert der Schriftsteller Peter Wilhelm. Der Sachverständige ist Chefredakteur von "Bestatter heute". Der Satiriker veröffentlicht Satiren und
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Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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peter wilhelm autorenlesung

Peter Wilhelm

6 Kommentare von 137608.

  1. Ich bewundere, wie Du immer die richtigen Worte findest.

  2. Wunderbar gesagt!!

    Nur klingt es in meinen Ohren so, dass „der Vater“ eher Ex-Mann oder Ex-Lebensgefährte ist und da in der Folge auch so schon großes Missvertrauen herrscht. Das macht es nicht einfacher, wenn trotz aller Vernunft des Ablaufs!

  3. Lieber Peter, Du hast mal wieder sehr schöne Worte gefunden, nur einem möchte ich widersprechen:
    „Gib ihm (Anm.: dem jüngeren Sohn) jetzt die ganze Liebe, auch die, die Du für Deinen verstorbenen Sohn aufgespart hattest.“
    .. nur nicht: eine solche gesteigerte Liebe kann viel zu schnell erdrückend werden und somit das Gegenteil zum Beabsichtigten bewirken. Es bleibt nur, Normalität einkehren zu lassen, allerdings ohne eine Person,

    • @hajo: Diesen Gedanken hatte ich natürlich auch. Und Du hast recht, wenn die Person überschwingt. Aber dann haben wir es sowieso mit einer ganz anderen, weil extremeren Problemstellung zu tun.
      Ausgehend von normaler Trauer, die durch die Umstände potenziert wird, ist es aber immer ein guter Rat, die empfundene Liebe auf die verbliebenen Angehörigen zu übertragen. Sinn dieses Ratschlages ist aber auch, daß man festgestellt hat, daß die verbliebenen Kinder sich oft zurückgesetzt fühlen. Das rührt daher, weil die trauernden Eltern sich manchmal zu sehr a) mit sich selbst und b) mit der Trauer um das verstorbene Kind beschäftigen.

      Gibt man diesen Personen also nun den Rat, ihre Liebe auf die verbliebenen Kinder zu übertragen, führt das im Normalfall nicht zu einem unkontrollierten Mehr an Zuwendung, sondern in erster Linie zum Auffüllen dieses Vakuums.

      Ein ganz wichtiger Aspekt hierbei, den ich in meiner langjährigen Praxis beobachten konnte: Das überlebende Kind entwickelt oft sogar Schuldgefühle, weil es überlebt hat.
      Und noch extremer: In nicht wenigen Fällen kippt bei diesem Kind die anfängliche Trauer über den Verlust eines Geschwisterteils in Hass auf den Verstorbenen. Es sieht, wie stark die Eltern um das verstorbene Kind trauern. Einerseits empfindet es selbst einen Mangel an Zuwendung und leidet darunter. Andererseits ist es besonders für kleinere Kinder so, daß sie das Gefühl haben, der Verstorbene nehme ihnen die Eltern weg.

      Mein Rat ist also schon durchdacht und mit Absicht so gegeben.

  4. Mal ne ganz dumme Frage: warum hat sich die Erzählerin nicht einfach ins nächste Flugzeug nach Thailand gesetzt, nachdem die Nachricht kam?! Billiger als 20K ist es allemal….

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