Ich packe meinen Koffer

Wir möchten eine Bestattungsvorsorge für uns abschließen, bitte kommen Sie doch mal vorbei!“

Ein schöner Satz, den man als Bestatter gerne hört. Schließlich entscheiden sich Leute schon zu Lebzeiten dazu, dereinst von uns bestattet zu werden, und sorgen so dafür, daß auch in den kommenden Jahren die Auftragsbücher voll sind.
Außerdem ist der Ton, aufgrund des fehlenden aktuellen Traueranlasses, bei Vorsorgegesprächen entspannter und das gesamte Gespräch verläuft streßfreier.

Dachte ich.

Gegen Abend fuhr ich zu den Kunden. Es öffnet eine Frau Mitte-Ende sechzig und und bittet mich herein.
Im Wohnzimmer darf ich mich an den Eßtisch setzen, die Frau nimmt mit gegenüber Platz.
Der Herr des Hauses sitzt mit dicken Kopfhörern vor seiner Stereoanlage und lauscht innig seiner Musik, zu der er mit den Zeigefingern mitdirigiert.
Uns hat er den Rücken zugekehrt und er weiß auch offensichtlich nicht, daß jemand gekommen ist.

„Möchte Ihr Mann nicht zu dem Gespräch dazu kommen?“

„Wir sind nicht verheiratet!“

„Oh, Entschuldigung! Möchte Ihr Lebenspartner nicht dazu kommen?“

„Wir sind auch nicht homosexuell, das ist mein Gatte.“

„Äh, was? Wie? Ich dachte …“

„Ja, das denken viele, aber da denken Sie halt falsch. Herr Wiegand ist mein Gatte und ich bin Frau Löffler. Frau Dr. Löffler.“

„Gut, dann sind Sie also nicht verheiratet …“

„Sie kennen sich aber schon aus, oder?“

„Ich mache meine Arbeit schon viele Jahre.“

„Nicht, daß ich zweifeln würde, aber besonders kompetent wirken Sie nicht auf mich.“

„Noch habe ich ja gar nichts Bedeutendes gesagt.“

„Na ja, wir werden sehen.“

„Und, was ist jetzt mit Herrn Wiegand?“

„Der will nicht.“

„Na gut, dann machen wir halt alleine weiter.“

„Nein, wo denken Sie hin? Natürlich soll diese Bestattungsversorgung auch für Herrn Wiegand gelten.“

„Ja, wenn er einverstanden ist, daß Sie für ihn mitentscheiden, dann können wir das auch für ihn mit machen. Ansonsten müßte er dem Gespräch beiwohnen. – Es würde vielleicht schon ein guter Ansatz sein, wenn Sie ihn mal auf die Schulter tippen, damit er merkt, daß ich da bin.“

„Was? Ich und den antippen! Niemals! Da würde er völlig außer sich sein.“

„Das möchte ich ja nun auch wieder nicht. Mir würde es reichen, wenn er etwas mehr bei uns wäre.“

„Dann tippen Sie ihn doch an!“

„Ja und was, wenn er dann außer sich gerät, ich mein, wie kriegen wir ihn dann wieder in sich rein?“

„Wie bitte?“

„Ich trau mich nicht.“

„Ich mich auch nicht.“

„Und nun?“

„Ja, eigentlich hatte ich jemanden erwartet, der sowas schon mal gemacht hat.“

„Was, Männer antippen?“

„Nein, uns beraten.“

„Mach ich doch, nur muß er eben dann jetzt mal kommen.“

„Macht er nicht.“

„Und wie lange dauert das so für gewöhnlich, dieses Dirigieren?“

„Oh, er hört John Cage, so ein Orgelwerk, das kann dauern.“

„Eine Stunde hätte ich heute Zeit für Sie.“

„Das dauert bestimmt länger. Manchmal sitzt er tagelang so da.“

Ich schaue noch einmal zu dem Mann hinüber, er hebt gerade wieder den Zeigefinger, er lebt also wirklich noch.

„Gut“, schlage ich vor: „Wir besprechen einfach mal alles und Sie können es Herrn Wiegand ja dann erklären, wenn er wieder bei sich ist.“

„Das finde ich jetzt unfair!“

„Bitte?“

„Ja, wofür hole ich mir denn einen Fachmann ins Haus, wenn Sie dann keine vernünftige Beratung abliefern können.“

„Okay, ich packe meinen Koffer und nehme mit, eine Schreibmappe …“

„Was?“

„Ich packe meinen Koffer und nehme mit, eine Schreibmappe und einen Kugelschreiber …“

„Äh, wie jetzt?“

„Ich packe meinen Koffer und nehme mit, eine Schreibmappe, einen Kugelschreiber und meine Formulare …“

„Höre Sie auf damit!“

„Ich packe meinen Koffer und nehme mit …“

Die Frau springt auf, läuft zu Herrn Wiegand hinüber und schüttelt ihn. Der springt auf, reißt sich die Kopfhörer vom Haupt und schaut mit entsetzt an: „Was sind Sie denn für einer?“

„Der Herr packt seinen Koffer“, sagt Frau Löffler.

„Ach so, ja dann noch viel Spaß!“, ruft Herr Wiegand etwas zu laut, winkt mir lächelnd zu, setzt sich die Kopfhörer wieder auf und plumpst wieder in seinen Sessel.

„So, das haben wir jetzt davon!“, ruft Frau Löffler.

„Egal“, sage ich, „ist mir sowas von egal.“

„Wie? Was?“

„Wenn Sie beide bereit sind, über eine Vorsorge zu sprechen, dann kommen Sie zu uns ins Büro, hier ist meine Karte, da steht auch die Adresse drauf, ist ganz leicht zu finden.“

„Wenn er doch aber nicht will …“

„Is‘ mir jetzt auch egal.“

„Ich glaube, Sie sind doch inkompetent!“

„Ja, ich glaube auch, für sowas hier bin ich einfach nicht doof genug.“

„Was?“

„Ich sagte, ich bin nicht doof genug.“

„Wie meinen Sie das?“

„Tschüß!“

„Nein, Sie sagen mir jetzt erst, wie Sie das meinen.“

„Is‘ nur wegen des Wetters.“

„Versteh‘ ich nicht.“

„Sehen Sie, geht mir auch so.“

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  • Veröffentlicht am: 14. April 2015
  • 8 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

8 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Seufz.
    Solche Kunden gibt es im wirklichen Leben, glaubt mir. Da sucht man vergeblich die „versteckte Kamera“.

  2. Geschätzter schreibender, hocherfahrener Erdmann! Da hast du völlig versagt dabei, den wahren, fast insgeheimen Kundenwunsch herauszuspüren. Die vergatterte Nichtverheiratete wollte doch, dass du ihn um die Ecke bringst…

    …dass die freiwillig mit ihm zusammenwohnt dürfte doch eine unerträgliche Vorstellung sein. :)

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