Im Supermarkt verstorben

Hallo Tom,

ich möchte Dich bitten, diese Email in Deinem Weblog zu veröffentlichen. Es ist keine berühmte oder bekannte Persönlichkeit verstorben. Nur ein Kunde beim Einkaufen.
Der Mann muß im Supermarkt einfach umgefallen sein.

Den Rettungswagen vor dem Laden habe ich relativ früh gesehen. Aber erst später habe ich die Sanitäter gesehen, die versucht haben, einen Mann wiederzubeleben.
Einige Angestellte des Ladens haben das Ganze mit einigen Decken vor zu vielen neugierigen Blicken geschützt. Trotzdem konnte ich sehen, dass die Sanitäter den Mann beatmet haben und Herzdruckmassage und AED durchgeführt haben.

Auch die entsprechenden Geräusche konnte man hören, wenn man sie kennt und sich darauf konzentriert. Etwas später habe ich mitbekommen, dass alle Versuche vergeblich waren.
Sie hatten den Mann zugedeckt. Sie kümmerten sich nun um eine Frau, vermutlich die Frau des nun Verstorbenen, die sehr gefasst wirkte.

Trotz des Sichtschutzes guckten viele Leute immer wieder dort hin. Ein älterer Mann starrte immer wieder dort hin, es wirkte schon unverschämt, er schien sich daran nicht satt sehen zu können.

Warum gibt es so viele Schaulustige, die sich dann nicht zurückhalten können?!?

Ich wäre auch gerne hingegangen und hätte geholfen, aber die Sanitäter und auch ein Notarzt waren da, die sind eingespielt, die wissen, was sie tun, ich hätte nur gestört.
Noch habe ich keine Ausbildung in dem Bereich, noch überlasse ich das den Profis.

Ich kannte weder den Mann, noch die Frau, ich bezweifle auch, dass ich die Frau wiedererkennen würde, wenn sie mir nochmal über den Weg läuft. Ich glaube nicht, dass ein Bekannter oder Verwandter von den beiden diesen Beitrag lesen, und selbst wenn, sie würden ihn wohl kaum wiedererkennen. Aber trotzdem möchte ich den Angehörigen dieses Mannes mein herzliches Beileid aussprechen. Stellvertretend für alle anderen, die vor kurzem einen geliebten Menschen verloren haben. Ich wünsche ihnen Kraft und Mut, dass sie sich gegenseitig Halt geben, um diese schwierige Zeit durchzustehen!

Susanne

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  • Veröffentlicht am: 30. Dezember 2013
  • 40 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten, Menschen

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

40 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Menschen sterben, jederzeit, überall. Wenn wir bei jeder frustranen Rea mitfühlen wollten, könnten wir nicht mehr helfen. Hart gesagt, du darfst ihnen keine namen geben. Glück auf (Rettungsassistent)

  2. Tragisch. Für alle, die es direkt betroffen hat. Und den Hinterbliebenen wünsche ich – wie jedem, der von einem Schicksalschlag getroffen wird – ,daß ihnen echtes, spürbares Mitgefühl zuteil wird und sie Menschen hat, die wirklich für sie da sind.

    Aber doch auch „interessant“, was ausgerechnet jemand der sich über rumstehende Schaulustige mokiert so alles beim schaulustig Rumstehen mitbekommen hat, sogar von dem was hinter den den Decken die die Betroffenen vor allzu neugierigen Blicken schützen sollten passierte…

    Ja, manches Mal frage ich mich doch auch „Warum gibt es so viele Schaulustige, die sich dann nicht zurückhalten können?!? „

    • Das sehe ich anders.
      Ich habe eine ähnliche Situation mal am Bahnhof erlebt.
      Was will man denn machen, wenn man an Ort und Stelle ist und sich so etwas zuträgt.
      Augen und Ohren verschließen?
      Man hört und sieht, was man hören und sehen kann.
      Das ist aber weit davon entfernt, sich direkt an den Ort des Geschehens zu stellen und zu gaffen.

      Wenn ich auf der Autobahn unterwegs bin und auf der Gegenfahrbahn ein schwerer Unfall passiert ist, muß ich hinschauen. Ich kann nicht anders. So sind wir Menschen gepolt. Unsere Urinstinkte programmieren uns darauf, Gefahren zu erkennen, sie zu sehen und zu betrachten.
      Aber das ist etwas anderes als dann extra langsam zu fahren und zu gaffen.
      Die Vernunft sagt, daß man dann zügig weiterfährt.

      • Danke für deine Kommentare. Du hast die Gabe, deutlich auszusprechen, was die meisten von uns nur vage empfinden!

      • Ja, da hat Peter recht. Wenn man sowieso vor Ort ist, schaut man, nimmt die Situation auf, lernt vielleicht selber was daraus und kann die Geschichte weitertragen. Wichtig ist natürlich, auch zu helfen, wenn Hilfe gefragt ist – und nicht nur zuzuschauen.

        • Jörg, es ist ein großer Unterschied, ob man „schaut“ und „die Situation auf“ nimmt oder ob man minutenlang nur hinglotzt (sorry, anders kann ich es nicht scheiben)!
          Was Peter schreibt, ist ein Hinweis auf unsere „Gene“, die uns zu manchem veranlassen, das im Nachhinein betrachtet als, na schreiben wir mal, ethisch bedenklich erscheint, aber gegen solche Ur-Instinkte kann man nicht so ohne weiteres angehen.
          ABER mit der Aufnahme der Situation und der Erkenntnis, selbst nichts tun zu können/müssen (weil professionelle Hilfe da ist) muss es gut sein.
          ODER mit der Aufnahme der Situation und der Erkenntnis, dass man selbst oder andere nicht in Gefahr sind muss es ebenfalls gut sein.
          Bei manchen Menschen dauert jedoch anscheinend das Aufnehmen sehr lang, selbst das ist nicht verwerflich, aber auch da muss irgendwann Schluss sein.
          Eine weitere Spezies ist jedoch weitaus schlimmer: die so genannten „Leser-Reporter“, die i.d.R. nur die Frage stellen: „Was wollen wir sehen? BLUT!“ (und dann möglicherweise den Einsatzkräften/Helfern noch im Weg stehen). Das sind für mich die Allerschlimmsten, die sich damit m.E. auch ausserhalb jeglicher Gesellschaft stellen. Und hier muss sich die Gesellschaft fragen, ob dies noch tragbar ist. Aber: so lange das bewusste „Blatt“ noch gekauft wird …
          Zum Artikel von Suzanne: danke für den einfühlsamen Bericht und den Denkanstoss).
          Allen ein gutes, unfallfreies 2014.
          Herzliche Grüsse
          Hajo

      • Entschuldige Peter, aber das ist völliger Mumpitz, oder bist du Sklave deiner Instinkte?
        Du bist doch ein selbstdeterminierter Mensch, also handle auch so. Wenn ich an einem Unfall vorbei fahre, entscheide
        ich mich aktiv und absichtlich dafür, NICHT da hin zu schauen, wenn man schon von weitem erkennen kann, das da nicht grade nur ein Spiegel abgefahren wurde (wenn man darauf zu fährt, sieht man ja ein bisschen was, das geht ja leider nicht anders).
        Warum sollte ich das Leid anderer beobachten, denen ich nicht helfen kann? Viel lieber achte ich dann um so mehr darauf, selbst an keinem Unfall teil zu haben (gerade wenn das Ganze auf der Gegenfahrbahn der Autobahn statt gefunden hat), und lasse die Rettungs- & Bergungskräfte ihre Arbeit machen, ohne dass sie von einer weiteren Person beglotzt werden. Zumal du grade in so einer Situation für die ganzen Gaffer um dich herum mit denken musst, die teilweise auf der AB sogar bremsen, nur um einen genaueren Blick auf die Geschichte werfen zu können. Widerlich, solche Leute.

        • Nein, das ist kein Mumpitz.
          Diese Urinstinkte, das archetypische Reflexverhalten wird durch Ebenen unseres Gehirns gesteuert, die lange vor einer bewußten Entscheidung ins Spiel kommen.
          Selbstverständlich kann ich entscheiden, wie ich mich in bestimmten Fällen entscheide.
          Aber ich kann mich beispielsweise nicht dazu entscheiden, keine Gänsehaut zu bekommen, nicht rot zu werden oder nicht zusammenzuzucken, wenn es knallt.
          So ist es ähnlich mit unserem Verhalten in Gefahrensituationen.

          Natürlich ist man so abgeklärt, daß man in einer Situation, wie Du sie beschreibst, nicht unnötig hinschaut und sich zum Gaffer macht.
          Kann ich vorher erkennen, daß da was Größeres passiert ist, bemühe ich mich vorbildlich schnell vorbei zu fahren und nicht noch eine Gedenksekunde zum Schauen einzulegen.

          Ereignet es sich aber erst dann, wenn ich dort bin, dann kann ich nicht anders als hinzuschauen.
          Wie sollte man denn durch die Welt gehen, wenn man ständig bewußt stur geradeaus schaut, wenn es um einen herum kracht, blitzt, blutet und stirbt?

  3. Die minutiöse Schilderung eines Notfalleinsatzes durch eine herumstehende Schaulustige („He, Leute, ich hab´ endlich mal ´was erlebt!“), die sich über andere herumstehende Schaulustige aufregt. Tja, …

    • Entschuldigung, aber das ist Quatsch.
      Extremsituationen, die in Sekunden oder Minuten ablaufen, brauchen eine viel längere Zeit um erzählt zu werden.
      Von „minutiöser Schilderung“ kann sowieso keine Rede sein.
      Es ist in dem Text überhaupt keine Zeitspanne genannt.

      Die Schilderung gibt vielmehr Anlaß dazu, folgenden Sachverhalt anzunehmen:
      Die Einsenderin ist schlicht und ergreifen einkaufen gegangen. Dabei bemerkte sie den Rettungswagen vor der Tür und dachte sich noch nicht viel dabei. Es hätte ja auch nur jemand ohnmächtig geworden sein können.
      Im Laden bemerkte sie dann die Retter, die Angestellten mit den Decken und die Neugierigen.
      Ob sie ihren Einkauf abgeschlossen hat oder gleich wieder gegangen ist, das wissen wir nicht.

      Das sind nur Annahmen.
      Sie kann auch im Blumengeschäft gegenüber oder im Bäckershop im Eingangsbereich des Supermarktes arbeiten oder einkaufen gewesen sein.

  4. Ich denke, dass manche Leute auch einfach so eine Situation als nahe gehend erleben, z.B. wenn sie selbst älter oder krank sind und sich dann nicht davon lösen können.

    • Ich meine, daß so eine Situation jeden interessiert und innerlich alarmiert.
      Sich einem plötzlichen, schrecklichen Geschehen zuzuwenden ist ja an sich nichts Verwerfliches.
      Der Mensch ist ein neugieriges Lebewesen, wäre er es nicht, würde er als Qualle durchs Leben treiben.
      Es werden gleich mehrere Instinkte geweckt:

      – der Schutzinstinkt: Was ist passiert? Wie kann ich Ähnliches von mir und meiner Herde abwenden?
      – der Gefahrinstinkt: Ist es so gefährlich, daß ich flüchten muß?
      – der Hilfsinstinkt: Ist ein Artgenosse in Not? Kann ich ihm helfen?
      – der Wissensinstinkt: Was ist passiert? Kann ich daraus eine Lehre für mich ziehen?
      – der Mitteilungsinstinkt: Kann man etwas erfahren, das andere interessiert?
      u.v.m.

      Gegen kaum einen dieser Instinkte kommen wir an.
      Unsere vernunftgesteuerte Ebene sagt uns was Anderes, aber die Menschen unterscheiden sich eben u.a. dadurch, wie stark diese Vernunft eben ausgeprägt ist.

      • Es gibt einen weiteren Trieb: Den der Selbsterhaltung. Vor allem im Fall des Unfalls auf der Gegenfahrbahn lassen sich die Triebe ganz einfach abwägen:
        – der Schutzinstinkt: „Was ist passiert?“ – Sind Richtungsfahrbahnen gesperrt ein größerer Unfall, sonst Panne oder Blechschaden. „Wie kann ich Ähnliches von mir und meiner Herde abwenden?“ – Nie zu 100% – aber man kann versuchen aufmerksam und vorausschauend zu fahren.
        – der Gefahrinstinkt: „Ist es so gefährlich, daß ich flüchten muß?“ – In 99,9% nicht (und für die restlichen 0,1% – den brennenden Propangas-LKW – die haben Sicherheitsventile)
        – der Hilfsinstinkt: „Ist ein Artgenosse in Not? Kann ich ihm helfen?“ – Wenn Blaulicht da ist definitiv nicht, sonst: bis ich an der nächsten Abfahrt gewendet habe sind bereits zahlreiche Artgenossen da vorbei gefahren – wenn ich nicht gerade Arzt bin bringt es nichts.
        – der Wissensinstinkt: „Was ist passiert? Kann ich daraus eine Lehre für mich ziehen?“ – Da gibt es zahlreiche Unfallvideos und Präventionsvideos auf youtube. Bei dem individuellen Unfall finde ich mit etwas Glück die Meldung bei den Polizeimeldungen.
        – der Mitteilungsinstinkt: „Kann man etwas erfahren, das andere interessiert?“ – Auch wenn ich gerade einen Kommentar schreibe – ich muss jetzt nicht auf Facebook einen „hab nen Unfall gesehen“-Kommentar absetzen. Und wenn es relevante Infos waren kommen die in den Polizeimeldungen, geschrieben von Leuten, die wirklich vor Ort waren (und nicht über 10m hinter der Leitplanke langfuhren)

        Also bisher kein Trieb, der nicht mit einem Funken Logik bereits befriedigt wäre. Im Gegensatz gibt es den Selbsterhaltungstrieb: Wenn ich jetzt vorbei fahre und auf den Unfall schaue bekomme ich nicht mit, ob Trümmerteile auf meiner Fahrbahn gelandet sind. Ich bekomme nicht mit ob der vor mir fahrende in die Eisen geht. Wie der hinter mir fährt. Ob der neben mir ohne zu schauen rüberzieht. Sprich indem ich den oben geannten Trieben (die ich mit etwas Logik bereits befriedigen kann) folge riskiere ich aktiv, dass ich (alter Egoist) oder andere verletzt werden. Deshalb sind alle, die bei einer – in welcher Form auch immer – abgesicherten und versorgten Unfallstelle hinschauen Gaffer, die meine Gesundheit und die anderer riskieren (leider etwas zu häufig ein „ungebremst auf das Stauende aufgefahren“ gelesen/gehört).

        • Bis jetzt ist in deinen Ausführungen kein Fünkchen Logik enthalten.
          Aber es hat sicher keinen Zweck mit Leute zu diskutieren die sich für Experten in Küchenpsychologie halten.

          • Dann in Kurzform: Viel Spaß dabei, auf der Autobahn sekundenlang auf die abgesicherte Unfallstelle zu schauen (um einen Bruchteil der Infos zu erlangen, die in der entsprechenden Polizeimeldung stehen) und dabei ungebremst auf den Vordermann aufzufahren, der wegen eines anderen Analytikers abremsen musste. Oder noch kürzer: Es ist immer „praktisch“, eine hypothetische Gefahr gegen eine reelle Gefahr einzutauschen.
            Sorry, aber bei 60.000km/Jahr im Auto bin ich etwas genervt, wenn alle gaffend an einem Blechschaden vorbei schleichen. Der „Rekord“ lag bei 2 Stunden für 20km, weil auf der Gegenfahrbahn jemand seinen BMW an der Leitplanke parkte (der Fahrer stand neben dem Auto und telefonierte, dass der später zu Hause ist).

            • Und? Was ist daran jetzt neu? Das schreiben doch alle hier und das hat Tom doch auch geschrieben.
              Du hast nur den Unterschied, zwischen „man kann nicht anders“ und „gaffen“ nicht verstanden.

              • Jein. Ich finde, dass es in solchen Situationen zwei Gefahren gibt: Eine reelle – es gibt genug Autofahrer, die auf Höhe der Unfallstelle oder am Stauende unvorsichtig fahren, entsprechend befinde ich mich in einer akuten Gefahrenzone. Und eine meist abstrakte (die Unfallstelle ist abgesichert, Ersthelfer laufen rum), die mich zunächst nicht direkt betrifft. Und mein ureigenster Selbsterhaltungstrieb, der Grundlage für die von Udo genannten Instinkte ist, sorgt dafür dass ich zunächst meinen eigenen Ar### rette, mich auf die akute Gefahr konzentriere.
                Bildlich ausgedrückt: Klar kann ich Urmensch meinen Instinkten folgen. Ich kann analysieren, dass mein Herdenmitglied unvorsichtig war, als es ungeschützt einen Büffel angriff, dass man zur Sicherheit lieber einen Felsvorsprung nutzen sollte. Auch könnte ich erwägen, dass es unvorsichtig ist, schnell über nasses Laub zu rennen (man könnte ausrutschen) … Allerdings nur, wenn der „Gefahrinstinkt“ mir signalisiert, dass ich selbst sicher bin. Wenn ich allerdings gerade selbst einen Büffel im Nacken habe ist es mir relativ egal, wie ich die Situation in Zukunft vermeiden kann – wenn ich den Moment nicht überlebe kann ich auch nichts berichten und erklären.
                Und nur das wollte ich verdeutlichen: Ich bin halt der Meinung, dass man die von Udo genannten Triebe sehr wohl und einfach unterdrücken kann, da wir dank Sozialisierung (im weiteren Sinne dem freud’schen Über-Ich) abwägen können, wie stark wir welche Triebe zulassen. Und bei einem gefestigten Ich kann man entsprechend die Instinkte zugunsten eines „ich will, dass ich (zuest – soviel Egoismus muss sein) und die anderen Autofahrer sicher und zügig voran kommen“ unterdrücken. Bei einer ungesicherten Unfallstelle o. ä. sieht es natürlich anders aus – da wird versucht den Herdentieren zu helfen, geprüft ob eine Gefahr für mich besteht (Trümmerteile), abgesichert (um die anderen Herdenmitglieder zu informieren und zu schützen).

                • Ich finde diese Diskussion schon ein wenig absurd – denn Menschen sind von Natur aus neugierig, sie wollen zuerst mal herausfinden, was hier denn geschieht – irgendwelche Überlegungen zur eigenen Gefährdung sind hinten angestellt. Der Nutzen des eigenen Verhaltensweise wird gar nicht erst bedacht.

                  Soviel Ratio, wie sie hier vorgetragen wird, vertragen die menschlichen Instinkte einfach nicht. Sie handeln einfach *so*.

  5. Um das richtigzustellen – verstehe durchaus, daß man da schaut. Ich behaupte nichtmal, daß ich nicht hingeschaut hätte, ich weiß, daß menschliche Neugier auch in solchen Situationen normal ist und spreche mich bestimmt nicht davon frei.
    Was ich nicht verstehe ist, warum man sich über andere erheben muss, die das auch tun – einzig dieser Satz „stört“ mich ;-) Die Schreiberin lässt durchblicken, daß sie „professionelles Interesse“ an den Geräuschen hatte, die zu hören waren, und sie erkannte, weil sie sich drauf konzentriert hat . Wer sagt ihr, daß das dem älteren Mann, der da in ihren Augen fast schon unverschämt immer wieder hinstarrte nicht ähnlich ging? Wer sagt ihr, daß es den anderen Schaulustigen nicht genauso nahegegangen ist wie ihr? Was macht sie zu etwas Besserem als die anderen?
    Wobei ich auch schonmal auf der anderen Seite des „Vorhangs“ war und zugeben muss, daß in dem Moment mein Verständnis für diejenigen, die dumm rumstanden und gafften ziemlich zu wünschen übrig ließ. Allerdings hatte ich letzten Endes damals Wichtigeres zu tun um mich da ernsthaft dran zu stören. Aber es hat dazu geführt, daß ich in solchen Situationen tatsächlich sobald klar ist, daß meine Hilfe in keiner Weise gebraucht wird – dafür braucht es i.d.R. nur einen wirklich kurzen Blick – meines Weges gehe.

    • Genau. Du hast es gut beschrieben.
      Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt, von dem sich kaum einer von uns losmachen kann: Die Faszination des Schreckens.

      Mit dieser Faszination spielen alle Regisseure des Horror- und Thriller-Genres.
      Der Mensch ist von solchen schlimmen Ereignissen immer auch irgendwie gefesselt.

      Ich habe Verständnis dafür, daß die Leute gucken wollen.
      Aber gucken und gaffen, das sind immer noch zwei Paar Schuhe.

  6. Gaffen finde ich auch vollkommen daneben. Mein Bruder arbeitet bei der Berufsfeuerwehr. Er kann ein Lied davon singen.
    Meinen Kindern habe ich versucht beizubringen, dass man nicht zu einem Unfallort hinrennen muss um zuzuschauen. Wenn man helfen kann, dann soll man helfen. Aber nicht aus 20 m Entfernung irgendwo hin gehen, weil dort z.B. ein Fußgänger in ein Auto gelaufen ist.

    • In der Regel laufen die Fußgänger nicht in ein Auto, sondern das Auto fährt gegen den Fußgänger. ;)

      • Mir ist schon ein Fußgänger handytelefonierend gegen mein geparktes Auto gelaufen und meinte dann ich hätte ihn angefahren.
        Dumm dass ich zu dem Zeitpunkt gegenüber von meinem ordnungsgemäß geparkten Auto vor dem Eissalon saß. ;)

        • Klarer Fall: ferngesteuertes Auto.

          Kennt man doch von diversen Bondfilmen.

      • ach Bulli, hier „kleine getrocknete Früchte auszuscheiden“ ist doch nicht angemessen, oder?

      • Nnnnnnnja…

        Es gibt wohl die vier Konstellationen:

        1. Auto fährt gegen Fußgänger
        2. Fußgänger rennt vor das Auto
        3. Jemand wirft seine Schwiegermutter vor ein Auto.
        4. Jemand wirft ein Auto auf/vor die Schwiegermutter.

        • Und bei Punkt 3 hängt dann noch die Entscheidung, ob es sich um Körperverletzung oder Sachbeschädigung handelt von der persönlichen Einstellung des zuständigen Richters ab :-D 8-D

  7. Helfen – Hilfe rufen, oder selbst Hilfe leisten – ist natürlich das Beste.

    Leute, die zuschauen, weisen immerhin den Helfern den Weg. Dann kommen mehr und mehr Leute angelaufen – ein ganz simpler Instinkt (wie es Peter oben beschrieben hat). Und wenn unter den dazugelaufenen Leuten auch noch ein Arzt oder ein Sanitöter dabei ist, ists ja wunderbar.

  8. Im Grunde ist dies auch nur eine Geschichte, eine Geschichte, die das Leben schreibt und die der Tod vorher diktiert hat. Der Tod ist nicht nur der beste Arzt, sondern auch der beste Geschichtenerzähler. Eigentlich sollte man dem Tod einen Nobelpreis für Literatur verleihen.

    Es gibt vier wichtige Ort, wo ein Mensch sich regelmässig aufhält und seine Zeit verbringt:

    Supermarkt und Toilette
    Arbeit und Zuhause

    Also ist es doch eigentlich „schön“, wenn man zumindest an Dreien dieser Orte verstirbt und noch besser an Zweien, weil man dort sofort gefunden wird und nicht wochenlang in seinen vier Wänden einfach herum liegt. Umfallen und tot ist ein gnädiger Tod. Das Menschenmassen zu schauen, stört den Toten nicht mehr und so weiß Jeder, daß kein Mensch unsterblich ist. Das ist die Lehrstunde des besten Arztes der Welt. Und als Lebende werden wir auch auf der Arbeit und im Supermarkt von vielen Leuten und Kameras beobachtet, da regt sich dann Keiner drüber auf. Zuhause werden die Menschen nur von der NSA oder den Nachbarn, die in die Fenster schauen, überwacht. Stört auch Keinen, weil es ja alle Menschen machen und wenn es mal Jemanden stört, dann ist es immer Einer, der mit dem Fernglas auf seine Nachbarn „aufpasst“ bzw. sie ausspioniert. Er selbst will jedoch nicht von Anderen beaobachtet werden.

    • Danke für diesen tollen Kommentar. Nicht umsonst drehen sich die großen Werke der Literatur (auch) um den Tod…

    • na, Unendlichkeitscode, da ist Dir aber m.E. ein kleiner Denkfehler unterlaufen: nach meinem Verständnis besteht die Aufgabe des Arztes im Heilen und ob das „Dahinscheiden“ als eine Heilung zu betrachten ist, ist doch sehr denkwürdig.
      Und was das Geschichtenerzählen betrifft: der Tod bildet allenfalls die Grundlage für die Erzählung.
      … oder?

      • Halo hajo, “Dahinscheiden” und „Entschlafen“, als Akt der Erlösung, die mancher Mediziner nicht bewerkstelligen kann. Manches können sie Ärzte heilen, Manches einfach nicht. Und wenn die Menschen dann noch leiden und Qualen ausgesetzt sind, dann bedarf es der Erlösung von den Schmerzen, Leiden und Qualen. Und diese Erlösung bringt der beste Arzt des Universums, der Tod und wenn der Zustand des Todes einsetzt, dann ist es vorbei mit den Schmerzen, Leiden und Qualen.

        Manche Ärzte helfen und rufen mit dem Angebot der Sterbehilfe den Tod. Sehr umstrittenes Thema, genau wie es der Freitod es auch ist. Ich streite nicht mit. Statt Gott anzubeten, rufe ich dann lieber den Tod direkt.

        Nach Deinem Verständnis besteht die Aufgabe des Arztes im Heilen ! Das erzähle mal den Ärzten, da immer noch sehr viele Menschen im Krankenhaus sterben oder dort erst richtig krank werden (Viren, Unhygiene). Und wer in den letzten Jahren die Medien verfolgt hat, der weiß daß es eine Vielzahl an Ärzten erst krank machen, um dann zu behandeln. Zu behandeln, nicht zu heilen, denn nur Patienten, die man behandeln kann, werden zu Stammkunden und kommen regelmässig wieder, um so der Ärzteschaft viel Geld und Einahmen in die Kassen, Taschen und Börsen zu spülen.

        Patienten, die geheilt werden und gesund sind, sind schlecht für die Wirtschaft. Nur Krankheit schafft Arbeitsplätze !

  9. Ich kann mich nur Peter / Tom und einigen anderen anschließen. Es gibt einen Unterschied zwischen neugierigem Gucken und Gaffen. Ich habe 2 Blicke auf das Geschehen geworfen, das erste mal tatsächlich länger, weil ich so erschrocken war und mein Hirn einen Moment brauchte, um das alles zu verarbeiten und meinem Körper zu sagen, sich umzudrehen. Ich stand kurz da, hatte die Augen geschlossen, um wieder ruhiger zu werden und da habe ich die Geräusche gehört. Meine AED-Schulung war erst im November, also konnte ich die Geräusche so schnell wiedererkennen. Dann habe ich versucht, mich von dort fernzuhalten. Aber ich musste doch nochmal vorbei, und da habe ich es mir tatsächlich wieder erlaubt, hinzugucken. Da war der Mann schon zugedeckt, und die Sanis kümmerten sich um die Frau. Aber ich bin nicht durch den Laden gelaufen und habe versucht eine Stelle zu finden, von der ich möglichst viel sehen konnte. Ich bin nicht hingerannt und habe meinen Hals ausgerenkt, um an den Helfern vorbei oder über die Decke hinweg etwas sehen zu können. Neugierig sein, kurz gucken, selbst hingehen und evtl fragen, ob man helfen kann, selbst wenn Sanitäter da sind, oder tatsächlich fragen, wie das mit AED funktioniert, weil man es nicht kennt, aber mehr wissen will, das sind alles Dinge, die okay sind, die sogar gut und auch natürlich sind, man sollte nur keinen damit behindern.
    Judi, es tut mir leid, dass Sie das ganze schonmal von der anderen Seite erlebt haben. Das ist mir bisher erspart geblieben. Ich hoffe, Sie haben das ganze gesundheitlich und auch psychisch gut überstanden.
    Aber um Schaulustige ging es mir eigentlich gar nicht. Vielleicht habe ich auch überreagiert mit meiner Wut auf den Mann. Zuviele Emotionen, die irgendwo ein Ventil gesucht haben.
    Eigentlich ging es mir darum, dass grade jetzt zur Weihnachtszeit bei sowas alltäglichem wie Einkaufen ein Mensch gestorben ist. Ein Mensch, der eine Lücke hinterlässt, eine Familie, Freunde und Bekannte, die trauern. In der Weihnachtszeit, wo (fast) alle Leute glücklich sind und Friede-Freude-Eierkuchen-Laune herrscht. Und für einige ist grade eine Welt zusammengebrochen. Und mit wem außerhalb der Familie kann man reden, was einem grade gut täte? Wem kann man die Weihnachtsstimmung nehmen? Bevor mir wieder falsches Mitleid vorgeworfen wird: Vor fast 20 Jahren haben meine Familie und ich meine Oma am 25.12. morgens tod im Bett gefunden. Damals gab es den Blog noch nicht, da war das Internet noch kaum verbreitet. Vielleicht sitzt jemand zuhause, hat grade einen Angehörigen oder Bekannten verloren, und sucht Trost, Verständnis, sucht im Internet nach Leidensgenossen, und stößt zufällig auf diesen Artikel und fühlt sich etwas weniger alleine. Vielleicht nicht dieses Weihnachten, vielleicht auch nicht das nächste, vielleicht auch nie. Aber ich wusste nicht, wo ich mein Mitgefühl sonst kundtun könnte, als hier.

    • Hallo Susanne,
      Du hast es so einfühlsam und detailliert beschrieben… Danke für Deinen Bericht und die Stellungnahme. Ich finde es wirklich gut, dass Du es mit der Motivation, vielleicht jemand anderem ein wenig zu helfen, geschrieben hast.
      Ich wünsche Dir ein gutes 2014. Liebe Grüße, m.

  10. Gott sei Dank.

    ich hatte gerade schon (versehentlich) gelesen: „Peter Wilhelm im Supermarkt verstorben“.

    naja, wohl doch nicht. Da freue ich mich sehr.

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