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In Erbrochenem gewälzt und ausgeraubt

zentralrchiv

Haste Kinder, haste Sorgen! Das zumindest pflegte meine Oma immer zu sagen, und die wußte wovon sie sprach, sie hatte elf Stück davon.

Ich schlafe ja nie lange. Dafür bin ich viel zu umtriebig. Aber sonntags, ja da erlaube ich es mir, auch schon mal bis um 7 Uhr zu schlafen. Mich reut es dann zwar immer, den halben Tag verpennt zu haben, aber die Allerliebste sagt, lang schlafen täte gut.
Doch am vergangenen Sonntag konnte ich nicht bis in die Puppen liegen bleiben, denn schon um 5.30 Uhr surrte das Handy neben mir auf dem Nachttisch. Dieses Surren alarmierte mich. Es entsteht überhaupt nur, wenn eine als VIP gekennzeichnete Person aus meiner Kontaktliste dreimal hintereinander anruft.
Das liebe Töchterlein war dran.

Sie sei jetzt bei Regine und Justus, mit denen sie in der Disco gewesen wäre; und könne daheim nicht rein, weil jemand ihre Handtasche mitsamt Schlüssel geklaut habe.

Eine Viertelstunde später war das Kind daheim und zeigte keinen Kummer. Nur Entrüstung herrschte in der jungen Frau.
Dem Papa gleichtuend trinkt das Kind keinen Alkohol (in ihrem Fall beschränkt auf: wenn sie Auto fährt) und hatte den anderen jungen Leuten ihre Dienste als Chauffeuse angeboten. So stand also ihr neuer gebrauchter Kleinwagen bis zum frühen Morgen im benachbarten Feindesland 1 nahe eines Bahnhofs auf einem Parkplatz.
Nach dem Disco-Besuch mußte das Mädchen feststellen, daß jemand ihr Auto aufgebrochen und ihre darin zurückgelassene Handtasche geklaut hatte.

Gut, Papa stellt als erste die Frage, weshalb denn um alles in der Welt die Handtasche im Auto war.
Die Antwort ist halbwegs einleuchtend: „Damit sie mir in der Disco nicht geklaut wird.“

Gut, mittlerweile hat das Kind gelernt, daß der Kofferraum vielleicht ein etwas besserer Aufbewahrungsort gewesen wäre.

Nun gut. Erste Maßnahme: Die 116 116 anrufen und sofort die EC-Karte sperren lassen. Das war nicht so ganz unproblematisch, weil der absolut dämliche Sprechapparat auf der anderen Seite partout die aufgesprochene Kontonummer nicht verstehen wollte. Aber dann hat es irgendwann doch geklappt.
Personalausweis, Handy und das meiste Geld hatte meine Tochter mitgenommen.
Im mit der Handtasche gestohlenen Geldbeutel waren die EC-Karte, die Krankenkassenkarte und der Führerschein. Noch schlimmer: Auch der Haustürschlüssel und der daran befindliche Firmenschlüssel von der Arbeitsstätte waren weg.

Was bedeutet das? Schlösser auswechseln, eventuell viele Schlüssel nachmachen lassen, und auf jeden Fall hohe Kosten.

Doch meine Erfahrung sagte mir, daß kein Handtaschendieb mit seiner Beute weit läuft. Zu groß ist die Gefahr, daß ihm ausgerechnet die bestohlene Person begegnen könnte.
Handtaschendiebe sortieren während des Laufens aus und werfen dann die große Tasche ab.

Also sind meine Tochter und ich dorthin gefahren, um nach der Tasche zu suchen.

Oh je!

An dem Parkplatz grenzt ein stillgelegter kleiner Spielplatz mit hohem Bewuchs an, es stehen dort an die 20 Müllcontainer, einige Altkleider- und Flaschencontainer und über die umgebende Fläche sind etwa 10 Papierkörbe verteilt.
Dem ersten Papierkorb mochte ich mich gar nicht nähern. In der Nacht hatte jemand in und um den Korb erbrochen und sich dann offensichtlich noch in seinem Mageninhalt gewälzt.
Im zweiten Papierkorb lag eine Spielzeugpuppe mit abgerissenem Kopf, Hannibal Lector war also in der Nacht auch da gewesen…
Doch schon im dritten Mülleimer wurde ich fündig: Da lag sie, die Handtasche meiner Tochter. Sauber, einwandfrei und beinahe leer.

Leer? Nein. Das Kind bestätigte, daß bis auf die Geldbörse nichts fehlte. Auch die Schlüssel waren alle noch da.

Das typische Geräusch, das fegende Besen erzeugen, lenkte meine Aufmerksamkeit auf zwei Straßenkehrer. Die beiden waren sofort bereit, uns zu helfen. Der eine durchstöberte die angrenzenden Gebüsche und der andere schloß mit dem Papierkorböffnungsspezialschlüssel die übrigen Papierkörbe auf.
Ich vermutete, daß der Dieb nach einigen Metern auch die Geldbörse durchsucht, das Geld (20 €) entnommen, und dann die Börse auch einfach weggeworfen hatte. Aber Fehlanzeige.

Immerhin: Die superwertvolle Designertasche im Wert von tatsächlichen 19 € war wieder da. Noch wichtiger: Die Schlüssel! Okay, der Dieb hätte nur mit Mühe und einer gehörigen Portion detektivischem Wissen aus den gestohlenen Dingen den Ort ableiten können, an dem diese Schlüssel passen. Aber trotzdem, jetzt da sie wieder da waren, war uns wohler ums Herz.

Die Polizei rät, man solle 14 Tage abwarten, bevor man losrennt und sich die Papiere neu besorgt. In angeblich 90% aller Fälle tauchten die Sachen in irgendeinem Briefkasten wieder auf und würden dann durch die Post zugestellt.
Gut, wir warten.

Alles in allem war das eine Lektion. Einmal hat meine Tochter gelernt, daß jeder -auch (und vielleicht vor allem) süße Mädchen- das Opfer von Verbrechen werden kann. Zum anderen hat sie gelernt, daß man keine Sache im Auto aufbewahrt. Wenn, dann im Kofferraum. Auf keinen Fall aber sichtbar.

1 Rheinland-Pfalz, vulgo: die Pfalz, detailliert: Ludwigshafen

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Peter Wilhelm16. Februar 2017

10 Kommentare von 138885.

  1. Meinem Bruder haben sie mal das Auto wegen einer leeren Schachtel Zigaretten aufgebrochen.

  2. Den krassesten Fall, den ich der Werkstatt hatte war in den 90er Jahren ein Renault 19, aus dem man versucht hat, das Radio zu klauen.
    1. Versuch: das Türschloß der Beifahrerseite knacken, erfolglos. Tür und Schoß beschädigt.
    2. Versuch: Pflasterstein durch die Frontscheibe werfen, abgeprallt. Dachkante, Frontscheibe und Motorhaube beschädigt.
    3. Versuch: Pflasterstein durch das Fenster der hinteren rechten Tür werfen, erfolgreich. Aber, Tür und Sitzbank beschädigt.
    Beim Versuch das Radio, das einen Wert von ca. 20 D-Mark hatte, aus dem Schacht zu kriegen, wurde sowohl das Armaturenbrett, wie auch das Radio zerstört.
    Schaden: ca. 8.000 DM.
    Zum guten Schluß wurden die beiden Täter auch noch von einer Funkstreife auf der Flucht gefasst.

  3. Mal was anderes: Wenn das auf dem Foto deine Tochter ist: Kompliment, was für eine Sahneschnitte.

    • @Bernd: ja das ist seine Tochter. Oder seine Freundin. Jedenfalls war sie in seiner Begleitung als er in Kehl war.

    • @Leo: Nein :-) Ich habe mich beim Setzen des ALT-Tags nur gefragt, ob das überhaupt jemand wahrnimmt. Deshalb habe ich Bambi reingeschrieben. Ich nenne sie meistens „freche Zippe“.

  4. Oh das war ja wieder eine aufregende Nacht für deine Tochter. Puhh! Zum Glück (im Unglück) ja fast alles wieder da. Ärgerlich ist es natürlich trotzdem ohne Ende.

    Gruß und schönen Sonntag euch.

    P.S. das inhaltsreiche Händeschütteln – toooootal geil!!!! *brüll*

  5. Die Polizei rät, man solle 14 Tage abwarten, bevor man losrennt und sich die Papiere neu besorgt. In angeblich 90% aller Fälle tauchten die Sachen in irgendeinem Briefkasten wieder auf und würden dann durch die Post zugestellt.

    Ja, den Spruch kenn ich schon… von unseren Kunden.
    Die schaffen es leider immer wieder, sich mit einem Haps den gesamten Satz an Papieren klauen zu lassen, stehen dann bei uns in der Bank und wir können nichts für sie tun, weil sie sich nicht adäquat ausweisen können. Einen vorläufigen Ausweis aber wollen sie sich nicht machen lassen, denn die Polizei hat ja gesagt, dass…

    Ich würde übrigens auch raten, wenn es irgend möglich ist, nicht die 116116 anzurufen, sondern die bankeigene Hotline. Denn von der 116116 werden gleich alle Karten des betreffenden Kontos geperrt – auch die z.B. des GöGa, obwohl die noch vorhanden ist.

    • @Christians Ex: Du hast in allem Recht.
      Glücklicherweise war ja in diesem Fall der Personalausweis nicht weg, sodaß sie sich noch überall ausweisen konnte.

      Die 116 116 war deshalb gut, weil sie a) schnell greifbar war und b) keine weiteren Karten bestehen. Allerdings ist Dein Rat, die eigene Bank direkt anzurufen schon deshalb gut, weil man dann auch gleich die neue Karte bestellen könnte.
      Obwohl dafür bei unserer Bank zwingend das persönliche Erscheinen notwendig war.

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