Irgendwann ist Schluss!

Es ist schon fast Standard, daß jeder Kunde bei uns auch ein Grabkreuz kauft, sofern er denn ein Grab erworben hat. Diese etwa einen Meter hohen Kreuze haben vorne eine rund 25 x 30 cm große Tafel, auf der wir den Namen und die Lebensdaten des Verstorbenen anbringen.

Das Kreuz steht dann solange bis es irgendwann, wenn das Grab sich gesetzt hat oder die Angehörigen Geld zusammen haben, ein Grabstein auf das Grab gestellt wird. Ich sage beim Beratungsgespräch immer dazu, daß wir das Kreuz, solange der Kunde es wünscht, immer wieder nachlackieren, die Schrift ausbessern und es ggf. ersetzen, kostenlos. Das ist ein Service von uns, der sich leider noch nicht herumgesprochen hat, den aber manche Leute dankbar in Anspruch nehmen.
Manchmal dauert es schon ziemlich lang, bis mal Geld für einen Grabstein da ist, und dann sind die Leute froh, wenn wenigstens das Kreuz immer ordentlich aussieht. (Bevor einer fragt: Die müssen das Ding zum Nacharbeiten schon vorbeibringen, wir können ja nicht alle Friedhöfe abklappern.)

Herr Prunzgau ist so ein Kunde, er war sogar schon dreimal da und hat sein Kreuz vorbeigebracht. Einmal hatten Unbekannte aus Prunzgau mit einem Edding Brunzsau (auf Hochdeutsch: weibl. Pinkelschwein) gemacht und wir haben das Kreuz repariert.

Bestatterweblog-Leser wissen es bereits: Die Kreuze werden oft mit Einzelbuchstaben zum Aufkleben beschriftet, wir aber haben – und da waren wir ganz lange stolze Einzelkämpfer – ein Verfahren entwickelt, die Schrift auf einer durchgehenden Folie auszudrucken – und das lange bevor es Jedermanndrucker gab – und mittels lacken gut zu fixieren.

Buchstaben austauschen, auch ein beliebter Sport unter gelangweilten Friedhofsbesuchern, geht also bei diesem Verfahren nicht. Dieses Verfahren bescherte uns besonders haltbare Beschriftungen, die die Konkurrenz, so sehr sie sich auch bemühte, in dieser Form nicht hinbekam. Das lag in erster Linie daran, daß man zwar das Verfahren zu kopieren versuchte, sich aber die Folien bei den anderen allein schon durch die Witterung löste. Man hatte, anders als wir, nicht die Erfahrung auf dem Gebiet und kannte nicht den richtigen Lack. Normaler Lack aus der Sprühdose löst nämlich die aufgedruckte Schrift auf und verzichtet man auf den Lack, kann Feuchtigkeit hinter die Folie dringen und aus ist es mit dem nachgemachten Undertaker-Kreuz.
Wir haben das Verfahren aber nochmals verfeinert, indem wir den Lieferanten der Tafeln baten, eine hauchdünne ganzflächige Vertiefung für die Folie zu schaffen. Dadurch liegt die Folie quasi in einem Bett, umrandet von Holz und geschützt durch eine mehrlagige Schicht Lack.
Merkt man, daß ich stolz bin, daß wir uns sowas haben einfallen lassen?

Nun, jedenfalls sind die Kreuze inzwischen so gut geworden, daß sie selbst nach einem Jahr und länger immer noch aussehen wie neu. Das hat anfangs unter den, im Alter doch schon etwas vorgerückten, Friedhofsdauerbesuchern zu Verwirrung geführt, weil man sich an neu aussehenden Kreuzen orientierte, wenn man auf die Suche nach neu Beerdigten ging.

Manchmal kommt es aber trotzdem vor, daß auch eines unserer Kreuze insbesondere durch starke Sonneneinstrahlung oder durch Moosbewuchs leidet. Und dann können die Kunden es eben vorbeibringen und wir tauschen es aus oder machen es wieder schön.

Herrn Prunzgaus Kreuz haben wir jetzt schon zum dritten Mal hier und natürlich kann er, wenn jemand da ist, der das sofort machen kann, auf sein Kreuz warten. Man muß dann wegen des feuchten Lackes etwas vorsichtig sein. (Für Sick-Hasser: wegen dem feuchten Lack. Für Internetnomaden: wegen Lack)

Während Herr Prunzgau wartet, mache ich etwas Konversation, frage nach seinem Befinden und komme darauf zu sprechen, daß er das Kreuz ja nun schon beinahe zwei Jahre auf dem Grab seiner Frau stehen hat.

„Das hat seinen guten Grund“, erzählt er mir, „denn ich brauche diese Zeit, um von meiner Frau richtig Abschied zu nehmen. Ich habe das Grab wunderschön angelegt, mit Blumen und einer Umrandung aus Buchsbaum. Es ist ganz toll geworden. Und glauben Sie mir, es hilft mir ungemein, daß ich da fast jeden Tag hingehen kann und immer ein bißchen was zu tun habe. Aber ich will das nicht immer machen. Die Elke ist tot und die bleibt auch tot, da kann ich auf den Friedhof rennen, so oft ich will. Das Leben muß für jeden weitergehen. Und deshalb habe ich noch keinen Grabstein bestellt.

Wenn die Zeit gekommen ist, und ich merke, daß das schon bald sein wird, dann will ich Schluß machen mit dieser Friedhofsbesucherei. Das ist für mich jetzt wichtig, aber das soll nicht mein Lebensinhalt werden. Ja, und dann lasse ich eine Platte auf das Grab machen. Irgendwann muß ja auch mal Schluß sein!“

Er erzählt mir weiter, daß er sich viele Gedanken über seine Trauer gemacht hat und daß er findet, man komme viel besser mit dem Verlust zurecht, wenn man eine bestimmte Zeit intensiv trauert und auch oft auf den Friedhof geht, aber dann muß man loslassen können und sich wieder dem ganz normalen Leben zuwenden.
Herr Prunzgau weiß, daß er nur eine Zweidrittelplatte auf das Grab legen lassen darf, so ist es Vorschrift auf diesem Friedhof. Die besagt, daß wenigstens ein Drittel für die Bepflanzung freibleiben muß, damit auch Regenwasser ins Grab eindringen kann.
Aber das stört ihn nicht. Erst will er das kleine Stück oben am Kopfende bepflanzen, dann will er Kies dahinstreuen.
„Das hab ich schon mit dem Friedhofswärter besprochen, der hat fünfzig Euro bekommen und schaut nicht so streng hin.“

Sein Kreuz ist fertig, gesäubert, oben am Aufgeweichten frisch abgesägt und lackiert und er fragt: „Sieht ja aus wie neu! Kann ich es dann in einem halben Jahr zurückbringen? Ich mein, ich brauch es dann ja nicht mehr und vielleicht haben sie mal jemand der kein Geld hat.“

Warum eigentlich nicht? Die Tafel mit der Schrift ist bloß von hinten angeschraubt…
Gute Idee, wenn man es den Kunden sagt, könnte das für manchen, der sowieso nicht weiß, wie er die Kosten zusammenbringen soll, eine kleine Hilfe sein. Muß ich mal drüber nachdenken.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 3. Juni 2008
  • 10 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

10 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Sympathischer, weiser Mann, der Herr Prunzgau.

    Und: >>Man muß dann wegen des feuchten Lackes etwas vorsichtig sein. (Für Sick-Hasser: wegen dem feuchten Lack. Für Internetnomaden: wegen Lack)<<

    Danke für den Lacher :D

  2. "Danke für den Lacher" sollte noch dazu – ist einfach abgeschnitten worden :#

  3. ich finde es schön, dass Ihr a) so Kundenfreundlich seid und b) auch über mögliche Einsparungen für weniger betuchte Kunden nachdenkt.

    Das ist heute leider keine selbstverständlichkeit mehr – daher meine Hochachtung und ein ernst gemeintes dickes Lob

  4. Hmm je mehr ich hier lese desto mehr frage ich mich ob du auch jemanden in Bonn bestatten würdest? Wird zwar noch gut mind 50-60 Jahre dauern aber man kann ja schon mal früh vorsorgen xD

  5. Wer oder was ist Sick, und was sollte dieser komische Nebensatz?

  6. Mir ist gleich durch den Kopf: warum hat Tom sich das mit der Schrift nicht patentieren lassen. Ist aber wohl auch eine Frage des Geldes.

    Finde ich einen super Service, den Du da anbietest. Respekt

  7. @Andreas: Lies mal den "Zwiebelfisch" auf Spiegel.de oder kauf dir "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod".

    Danach solltest du den Sinn verstehen (Autor? Rat mal)

  8. @Rena:

    Ein Patent hat neben den Kosten auch den Nachteil, daß man darin genau erklären muss, was man wie macht. Das bedeutet, daß nach Ablauf des Patentschutzes das jeder nachmachen kann und darf. So bleibt das ganze ein Betriebsgeheimnis, das keiner so leicht kopieren kann. manchmal ist es besser, sich Erfindungen nicht patentieren zu lassen.

    Beispiel: der Erfinder der "Haihaut-Schwimmanzüge" hat sich das für Deutschland patentieren lassen, was dann Speedo ermöglicht hat, die einfach außerhalb Deutschlands zu produzieren und zu verkaufen (das interessiert einen Sportler ja mal gar nicht, wo er den kauft).

  9. @ Fabian: der Unsicherheitsfaktor in 50-60 Jahren ist der, dass die Menschen in Deutschland bis dahin zwar eine 20 Jahre höhere Lebenserwartung haben, aber wegen der Rentnerquote zehn Jahre früher abberufen werden.

  10. Ach man jetzt mach mir doch nicht alle Hoffnungen zunichte. *g*

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