Jagdfieber

Ich erzählte erst neulich von unserem Haustier Suse. Suse ist ein Jemenchamäleon und bewohnt ein Terrarium und einen ficus benjamini in der Halle. Jemenchamäleons fressen Insekten und kleinere Wirbeltiere, wir füttern Suse unter anderem mit Heimchen. Diese zirpenden Hausgrillen, die nicht fliegen können, kaufen wir im Zoogeschäft. Da sind dann so etwa 20 Stück in einer kleinen Plastikschachtel. Und auch wenn es nur Insekten sind, belassen wir sie nicht in diesen Boxen sondern füllen sie in einen größeren Behälter um, wo sie mit Wasser und Obst bei guter Laune gehalten werden, bis sie…

…ja bis sie dann an Suse verfüttert werden. Dazu müssen dann immer 4-5 herausgefangen werden, man schnappt sie einfach mit einer langen Pinzette und packt sie in eine leere Kaffeedose, und dann in Suses verschlossenes Terrarium entlassen werden.

Lange fackelt Suse nicht und schießt sie der Reihe nach mit ihrer langen Zunge ab, vertilgt sie dann schmatzend und jedes Mal wenn ich das sehe, bin ich froh, daß ich keine lebenden Tiere essen muß.

Im Wesentlichen kümmern sich meine Frau und die Kinder um Suse, aber auch Antonia hat ein ganz besonderes Verhältnis zu diesem sich sehr langsam bewegenden und immer hungrigen Tier entwickelt. Jetzt waren die Heimchen alle und ich habe einen der Fahrer gebeten, neue zu kaufen. Im Zoogeschäft stand dieser dann vor dem Regal mit den Futterinsekten und war sich nicht mehr sicher, was er kaufen sollte. Statt der Heimchen in mittlerer Größe kaufte er so genannte Mikroheimchen. Die sind gerade frisch geschlüpft und dienen wesentlich kleineren Insektenfressern als Nahrung oder dazu großgezogen und später verabreicht zu werden.

Als er mit den Heimchen ankam, rief er kurz durch, daß er jetzt mit den „Zirpen“ da sei und ich sagte, daß Antonia ein paar davon ins Terrarium tun soll.
In der Schachtel befanden sich aber nun etwa 100 dieser superwinzigen Heimchen, kaum größer als Stechmücken und Antonia dachte, daß es eine gute Idee sei, einfach diese Dose zu öffnen und ein paar herauszuschütteln. So hat sie also das Terrarium geöffnet, die Dose ebenfalls und schüttelte diese. Zunächst tat sich gar nichts, da schüttelte sie stärker und plötzlich machte es „Plopp“ und der gesamte Inhalt der Dose rutschte ins Terrarium. Die eben noch in Angststarre verharrenden Miniheimchen erwachten zu ungeahnter Aktivität und sprangen wie wild durcheinander und etwa 30 bis 40 von ihnen entschieden sich, unsere Praktikantin als neues Biotop in Besitz zu nehmen und hüpften Antonia an.
Keine Ahnung, ob sie eines der Tiere verschluckt oder eingeatmet hat, jedenfalls erschrak sie fürchterlich und begann so etwas wie einen vorsintflutlichen Regentanz, begleitet von erstaunlich hohen und spitzen Schreien.

Mit beiden Händen fuchtelnd fegte sie die kleinen Grillen vom Körper, schrie, hüpfte und vergaß überdies, die Tür vom Terrarium zu schließen. Diesen kurzen Moment der Unaufmerksamkeit nutzten die Heimchen heimtückisch, man könnte sogar sagen: heimchentückisch, zur Flucht.

In Windeseile lief die ganze Firma zusammen, Toni, Sandy, Frau Büser, Herr Huber, Manni und seine Fahrer… Nur ich bewahrte, wie gewohnt, die Ruhe, als ich von meinem Schreibtisch hochsprang, mir am Türrahmen das Knie anstieß und dann humpelnd in die Halle wankte: „Was ist los?“

Frau Büser steht neben der hüpfenden Praktikantin und sagt: „Ein Anfall oder sowas.“

Huber meint von hinten: „Sind bestimmt Drogen.“

Sandy wirft ihm einen gelangweilten Blick zu: „Keine Ahnung, was?“

Toni faßt sich ein Herz und versucht, Antonia von hinten zu umklammern, was ihm nur ansatzweise gelingt, aber immerhin hört sie auf zu strampeln und zu schreien und im selben Moment hüpfen einige der Heimchen von ihr herunter auf den Boden und von dahin ins Nichts.

„Heimchen, die Heimchen, sie sind alle abgehauen….“

Man erkennt allenthalben den Ernst der Lage, Frau Büser faßt ihn in Worte: „Wir müssen die alle einfangen oder töten, sonst verstecken die sich überall und legen Eier, die werden wir nie wieder los.“

Sofort beginnt meine Belegschaft, auf den wenigen am Boden herumkrabbelnden Insekten herumzutrampeln und ich wünschte, ich hätte eine Kamera dabei gehabt. Antonia entdeckt ein Heimchen in der Nähe ihres Ausschnitts und versucht es durch intensives Abrollen des Oberkörpers an der Wand zu zerdrücken, der sie immer noch umklammernde Toni wedelt dabei hin und her wie ein Lämmerschwanz.

Ermattet läßt sich Toni aufs Sofa fallen, er ist völlig außer Atem. Huber meint, man müsse alles ausräuchern oder noch besser alles abflammen. „Ich glaube, Sie spinnen!“ lautet mein Kommentar und Frau Büser ruft: „Gift! Da hilft nur Gift!“

„Jetzt mal langsam!“ bremse ich den zerstörerischen Enthusiasmus meiner Leute und erkläre: „Die machen doch nichts, die sind noch viel zu klein, um Eier zu legen und die zirpen auch noch nicht. Wir müssen jetzt Ruhe bewahren und alle einfangen. Die verstecken sich an dunklen Plätzen, wo sie es warm und feucht haben.“

Wie auf ein Kommando hin schauen alle zu Antonia, die sich inzwischen von der Wand abgerollt hat und mit einer Hand in ihrem Ausschnitt herumsortiert.

Auf einmal fabriziert Toni einen erstaunlichen Sprung vom Sofa hoch, so als habe er sich unmittelbar davor eine Hämorrhoide am Sofa eingeklemmt. Im Sprung greift er vom Tisch eine Zeitschrift und mit dem Ruf: „Ich hab eins, ich hab eins!“ klatscht er die Zeitschrift auf den blanken Boden. Stolz hebt er die Zeitschrift hoch, auf dem Boden liegt jedoch kein zermalmtes Heimchen, sondern irgendetwas Glitzerndes. Antonia fasst sich an die Nase. „Ach du meine Güte, das ist ja meiner!“ Sie bückt sich und der eben noch als vermeintliches Heimchen erschlagene magnetische Nasenstecker babbt schon wieder an ihrem zarten Nasenflügelchen.

Huber hat das nicht richtig mitbekommen, steht zunächst mit offenem Mund da, dann fragt er leise: „Hat die jetzt eins gegessen?“

„Also los!“ kommandiert Frau Büser: „Antonia, Du holst den Industriestaubsauger von unten, Toni holt den normalen Sauger und dann rücken wir hier alles ab, soviel Zeug steht hier ja nicht herum. Alles wird abgesaugt, ausgesaugt und sauber gemacht!“

Sandy kaut Kaugummi und bemerkt so nebenbei: „Ihr denkt ja dran, in einer Dreiviertelstunde haben wir eine Trauerfeier…“

„Ach Gott, die Frau Grabenkampf!“ entfährt es Frau Büser und Huber macht sich mit einem Fahrer auf den Weg, um den Sarg aus dem Keller in die Trauerhalle unseres Hauses hochzufahren. Es wird keine große Trauerfeier werden, etwa 20 Personen, aber mit Orgelmusik und einer Diaschau. Der Witwer will die schönsten Urlaubsbilder projiziert haben.

„Okay“, sage ich, „Toni, Sandy und Antonia, ihr saugt und räumt, Sandy hat das Kommando. Frau Büser macht das Büro und alle anderen kümmern sich um die Trauerhalle, wenn die ersten Leute kommen, muß alles wieder ordentlich aussehen.“

Es ist wenig Zeit, Trauergäste kommen immer etwas zu früh, sonst hat man ja keine Zeit, sich übers Erbe zu streiten…
Alles rennt, alles räumt, die drei jungen Leute saugen. Alle Ritzen, alle dunklen Stellen, alle Ecken werden ausgesaugt und da man auf dem dunklen Boden der Halle die Heimchen recht gut sieht, ist die Aktion auch von Erfolg gekrönt. Vor allem unter einem Sessel hatte sich eine ganze Kohorte der tückischen Zirpen zusammengerottet und verschwand in einem Rutsch im Rohr des Industriestaubsaugers.

„Ich glaub‘, wir haben alle“, verkündete Toni zwanzig Minuten später: „Das waren ja alles ganz kleine.“

„Na ja“, wendet Antonia etwas zögerlich ein: „ein paar Große waren da doch dabei.“

„Egal“, kommandiert Sandy: „Alle Möbel wieder an ihren Platz, gleicht kommt schon der Pfarrer.“

Kaum ist alles halbwegs wieder aufgeräumt kommen tatsächlich Pfarrer und Organist. In der Trauerhalle ist auch alles gerichtet, die Blumen und Kränze stehen schon seit früh um Sieben. Allmählich treffen auch die Trauergäste ein. Herr Grabenkampf hat seine Dias dabei und alles kann seinen Gang gehen.
Die Trauerfeier verläuft ohne weitere Zwischenfälle und wir sind heilfroh, als Herr Grabenkampf anschließend zu uns kommt und sich für alles bedankt. „So eine schöne Atmosphäre, so schöne Musik. Es hat uns allen gut gefallen und das war ein würdiger Abschied von meiner Frau. Es war so eindrucksvoll, die Orgelmusik, dazu die Bilder vom Wald, man hat die Grillen förmlich zirpen gehört…“

Wir wissen nicht, ob eines unserer Heimchen in der Trauerhalle für eine zusätzliche Untermalung gesorgt hat, aber so ganz sicher, ob wir alle gefangen haben, sind wir nicht.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 7. Mai 2008
  • 27 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

27 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Jedes Unternehmen sollte einen Hofnarren haben.
    Tom hat mit Antonia eindeutig die Beste bekommen!

  2. Am besten sind die stillen Juwelen wie:
    „…aber auch Antonia hat ein ganz besonderes Verhältnis zu diesem sich sehr langsam bewegenden und immer hungrigen Tier entwickelt…“

    *brüll*

    Lily

  3. Ich frage mich, wie Dir alle diese offenbar alten Geschichten immer einfallen. Nahezu regelmäßig erzählst Du uns von Antonia. Läßt Du Dich inspirieren, wenn Du fütternderweise vor dem Terrarium stehst und schwelgst in Erinnerngen („Ach ja, damals, Antonia mit den Heimchen. Das schreib ich morgen in den Blog!“)?

  4. Ich bin hier nur ein stiller Leser, aber dieser Beitrag lässt mich doch mal aus der Versenkung auftauchen…

    Ich habe mich gerade so beeimert, das passiert wirklich selten beim Lesen eines Blogs. Einfach herrlich, ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Madame Antonia herumgesprungen ist :D

    Da ich schon mal da bin… Ich lese sehr gern hier. Es ist jeden Tag aufs Neue interessant, in die Arbeit eines Bestatters Einblicke zu bekommen. Danke.

    Es grüßt, Sterntau

  5. „und jedes Mal wenn ich das sehe, bin ich froh, daß ich keine lebenden Tiere essen muß“

    selbst wenn du müsstest, dürftest du es nicht: das verfüttern von lebenden wirbeltieren ist in D, meines wissens nach, verboten. also insekten dürftest du schon essen, wenn du wolltest ;)

  6. Das Verfüttern von lebenden Wirbeltieren ist in D nicht verboten, Anmerkung eines Terrarianers, der alles mögliche schon gehalten hat, u.a. Jemenchamäleons ;).
    http://www.dghtserver.de/foren , da findet ihr auch infos ;).
    (Wobei ich nur empfehlen kann, diesen Tieren auch mal Abwechslung zu füttern ;) )

  7. *giggel*

    Danke für diesen Start in den Tag. Das fette Grinsen wird mir nicht so schnell vergehen.

  8. Ich würde mal sagen, dass ihr noch viel Spass mit den netten Tierchen haben werdet! Ich halte es für ausgeschlossen, dass ihr alle erwischt habt! Am besten gleich mal eine Heimchenfalle aufstellen, sonst hört sich in ein paar Monaten eure Hütte an, als wärst du in eine lauen Sommernacht am Mittelmeer!

    Als Tip: Steppengrillen kaufen! Die vermehren sich wenigstens nicht in der Wohnung!

  9. Oh, du meine Güte!
    Ich werd nie wieder Chamäleons sehen können, ohne an Antonia denken zu müssen, wie sie versucht „die Zirpen“ durch intensives Abrollen des Oberkörpers an der Wand zu zerdrücken…
    lachtränenwisch

  10. Wie war das? Über Antonia gibt es nicht viel zu berichten …
    Undertaker, Du hast uns ganz schön angeflunkert. Ich wische mir seit Stunden die Lachtränen weg.

  11. Beim nächsten mal Suse anleinen, durch das Zimmer führen und ihre scharfen Augen und schnelle Zunge den Rest machen lassen. Immerhin hatte das Chamäleon auch mal etwas Abwechslung :-)

  12. > „Na ja“, wendet Antonia etwas zögerlich ein: „ein paar Große waren da doch dabei.“

    Hm… Was genau hat die da denn eingesaugt? Gibt das noch ne Fortsetzung?

  13. LOOOOL! :D

    Wenn man sich das ganze Spektakel nur ansatzweise vorzustellen versucht, kriegt man schon einen Lachkrampf… Wirklich schade, dass du Antonias Abrollen des Oberkörpers nicht fotografiert hast… :D

    Am besten sind aber immer noch so tolle Nebenbemerkungen:

    „auch Antonia hat ein ganz besonderes Verhältnis zu diesem sich sehr langsam bewegenden und immer hungrigen Tier entwickelt“

    „Nur ich bewahrte, wie gewohnt, die Ruhe, als ich von meinem Schreibtisch hochsprang, mir am Türrahmen das Knie anstieß und dann humpelnd in die Halle wankte“

    „Die verstecken sich an dunklen Plätzen, wo sie es warm und feucht haben. Wie auf ein Kommando hin schauen alle zu Antonia“

    Ich schmeiß mich weg :D

  14. Wenn Lachen die beste Medizin ist, dann habe ich jetzt meine Wochenration intus…

  15. @Markus:
    > Wobei ich nur empfehlen kann, diesen Tieren auch mal Abwechslung zu füttern

    Fressen Chamäleons das?
    *Staun!*

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