Jens darf nicht gehen

Lieber Herr Undertaker,

wir wenden uns mit einer Frage an Sie. Unseren Jens mussten wir 1986 gehen lassen. Nun haben wir damals den Tod unseres drei Wochen alten Kindes als Geschenk angenommen. Einen weiteren Kinderwunsch haben wir uns versagt, weil ich ja ein lebendes Kind geboren habe und deshalb Mutter bin, auch wenn Jens jetzt ein Sternenkind ist. Wir feiern in der Familie alle Feste gemeinsam mit Jens und bitten auch die drei inzwischen erwachsenen Patenkinder (18, 19 und 21) immer dazu. Wir stellen dann ein Foto von Jens (aufgenommen vom wirklich liebenswürdigen Doktor in der Klinik) auf dem Küchentisch auf und platzieren Kerzen und Blütenblätter, sowie schönes Holzspielzeug ringsherum. Das ist immer sehr schön. Leider wird das Spielzeug später, wenn wir es auf den Friedhof bringen, immer schnell gestohlen. Der Friedhofsmann hat uns jetzt gesagt, dass das Grab schon seit 2001 abgelaufen ist. Wir sind schockiert!!!!! Das hätte man uns vorher klipp und klar sagen müssen. Jetzt sollen die Kindergräber alle weg und es soll dort ein Urnenfeld hinkommen. Wir Eltern sind in hellster Aufregung und sammeln Unterschriften. Das sind doch Kinder! Denkt denn bei solchen grausamen Entscheidungen keiner an die Eltern?

Bitte helfen Sie uns!

Schauen Sie, die Trauer ist etwas, das sich wie eine eiserne Klammer um unser Herz legen kann und für eine gewisse Zeit auch unseren Verstand rauben kann.
Gerade wenn man als junge Frau nach einer 9-monatigen Schwangerschaft ein Kind auf die Welt bringt, hat man viele Zukunftspläne und Träume damit verbunden.
Daß das schon nach wenigen Wochen vorbei sein soll, ist wirklich schwer zu verstehen.

Aber es ist nun einmal der Lauf der Welt, daß nicht immer nur Alte sterben müssen. Manchmal sind es auch kleine Kinder.

Ihr Jens ist 1986 verstorben und wäre heute 30 Jahre alt. Meinen Sie wirklich, daß Holzspielzeug für einen erwachsenen Mann angebracht sind?
Die Trauer sollte durch verschiedene Stadien führen, die zum Ziel haben, daß man irgendwann losläßt. Es soll eine, wenn auch wehmütige, so aber doch friedliche Erinnerung an den Verstorbenen übrig bleiben.

Sie schreiben, daß Sie Jens 1986 gehen lassen mussten. Das stimmt nicht. Sie haben Jens nicht gehen lassen.
Sie haben den kleinen Wurm zu einer Ikone Ihrer Trauer gemacht und zelebrieren einen in meinen Augen übertriebenen Totenkult, in den Sie die Patenkinder, die Jens gar nicht gekannt haben können, mit einbinden. Ich möchte gar nicht wissen, was diese jungen Leute über Sie und Ihre Bilder- und Kerzenzeremonie denken.

Ich bin sonst immer sehr nachsichtig und versuche mich in die Menschen hinein zu versetzen. Aber mir geht dieser Sternenkinderquark in diesem Fall wirklich viel zu weit. Sich vorzustellen, ein früh verstorbenes Kind sei bei den Sternen oder werde durch einen funkelnden Stern am Himmel verkörpert, ist mal eins.
Das andere ist, daß das Leben weitergeht und daß man irgendwann die Toten auch mal einfach tot sein lassen muß.

Ihr Jens durfte nicht gehen, er darf es heute noch nicht. Sie halten ihn immer noch fest und kommen selbst dabei nicht zur Ruhe.
An Ihrer Stelle würde ich dringend einen Trauerkreis oder eine Selbsthilfegruppe aufsuchen. Kirchliche Organisationen können Ihnen entsprechende Adressen nennen. Das können auch die Organisationen der Wohlfahrt. Überdies fände ich es eine gute Idee, wenn Sie mit fachlicher ärztlicher Unterstützung eine Aufarbeitungstherapie durchlaufen würden.

Jens ist tot! Das war 1986 sehr schlimm, dafür habe ich Verständnis.
Aber jetzt ist 2016 und Ihr Leben muß unbeschwert weitergehen, auch ohne Jens.

Dazu gehört, daß die Gräber eines Tages auch mal ablaufen. Es kann vorkommen, daß Familien ein Grab länger pflegen möchte, was regelmäßig zu Problemen führt. Nur wenige Friedhöfe bieten es an, nach Ablauf eines Reihengrabes eine Umbettung vorzunehmen. Ich finde 30 Jahre für die Pflege eines Kindergrabes schon ziemlich lang.

Besinnen Sie sich auf Ihr Leben und lassen Sie Jens gehen!

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 15. April 2016
  • 53 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Frag den Bestatter

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

53 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Danke, Peter, auf für den wichtigen Rat, professionelle Hilfe und/oder eine Selbsthilfegruppe zu suchen. Dein Text ist meines Erachtens die einzig richtige Antwort auf die Familiengeschichte, die immer noch eine Tragödie ist.

    Mal abgesehen davon müssten doch die Eltern informiert gewesen sein, dass das Grab irgendwann mal abläuft, oder? Aber wahrscheinlich wollten sie das in ihrem schon fast als pathologisch erscheinenden Totenkult nicht wahrhaben.

    Die ganze Familie kann einem leid tun.

    • @Kumi:
      Bezgl. Leichensaft. Wenn die Leiche im Grab liegt ann man ja nichts fest stellen aber was ist wie z.B. bei Grabstätten (Kammern) wie sie in Lateinamerika verwendet werden. Der Sarg wird in die Kammer geschoben und zugemauert. Wenn nun die Wände nicht dicht sind dringt die Flüssigkeit durch die Mauer und die ganze Umgebung richt fürchterlich.
      Wie viel Flüssigkeit (Öl , Fett oder wie es heisst) entsteht bei einer Durchschnittsperson, 170 cm 80Kg?

      Besten dank

      • @Heinz N. Abreu: Das ist der falsche Weg, um eine Antwort auf eine solche Frage zu bekommen. Hier handelt es sich um einen Artikel, der sich mit einem ganz anderen Thema befaßt. Auf diesen kann man hier in den Kommentare reagieren.

        Von einem Kommentator, der vermutlich weitestgehend selbst Laie ist, hier eine Antwort auf eine spezifische Frage zu erhoffen, wird sich im Hoffen erschöpfen.

  2. Mein Gott, der Junge ist seit 30 Jahren tot. Irgendwann ist doch auch mal gut. Dass das Grab seit 2001 abgelaufen ist hat man sicher auch mitgeteilt, aber die Hinterbliebenen wollten das nicht hören. Ablaufdaten sind bei Grabanlage bekannt und werden sicherlich kurz vor Ablauf der Zeit nochmals mitgeteilt. Und irgendwelche Jugendlichen zu Feiern mit einem Bild von einem toten Säugling zu nötigen, naja. Da würde ich als Elternteil schon protestieren, als Jugendlicher erst recht.
    Danke, Peter, für die Formulierung „Sternenkinderquark“, das trifft nämlich meine Meinung dazu ziemlich gut. Mensch ist Mensch, egal in welchem Alter gestorben wird.
    Ich frag mich auch, ob bei Bestatterweblog Zuschriften die Phrase „hellste Aufregung“ irgendwie Pflicht ist; außer hier liest man das nirgendwo. Man könnte bei der Zuschrift allerdings auch an einen Troll denken.

  3. Lieber Peter,
    Du hast wieder einmal die richtigen Worte gefunden, obwohl sie für andere schonungslos erscheinen mögen.
    Es ist schlimm, wenn ein Kind vor den Eltern diesen Planeten verlässt, aber es gehört nun mal zum Lauf der Welt, dass auch Menschen in sehr jungen Jahren versterben. Das muss man akzeptieren, sonst geht man selbst zu Grunde.
    Ich hoffe, dass die Eltern den Vorschlag von Dir annehmen und sich professionelle Hilfe holen: es ist längst an der Zeit.

  4. …bei allem Verständnis- aber dieses Wort „Sternenkinder“ löst bei mir einen unangenehmen Reiz in der Magengegend aus.Genau so wie „über die Regenbogenbrücke gehen“… Ich halte den Tod für etwas sehr natürliches-fühlt sich zwar manchmal etwas ungerecht an,ist aber doch unausweichlich.Dieser ganze Totenkult ist mir zuwider.

  5. Harte Worte, aber wahre und wichtige Worte. Traurig, wenn sich Menschen nach einer Totgeburt nicht mit dem Risiko eines lebendigen Kinds konfrontieren und 30 Jahre „was wäre wenn“ spielen. Ich habe auch Angehörige zu früh verloren (z.B. mein Bruder war 17, meine Mutter 48), aber mein Vater und meine Familie haben nach ein, zwei Jahren Trauerzeit (Trauer ist ein Prozess, daher kann ich keine genaue Zeitangabe machen) das einzig richtige gemacht: sich das Leben ohne diese Menschen gut einzurichten. Das hat nichts mit Verdrängen zu tun. Selbst mein Dreijähriger bekommt von seiner Oma erzählt, auch wenn er sie nie kennenlernen durfte.

  6. Hmm immerhin hat sie nicht das in diesen Kreisen beliebte Horrorwort „Erdbettchen“ verwendet.

  7. Auch wir als Bestatterfamilie haben vor 4 Jahren unser erstes Kind in der Schwangerschaft verloren. Dass ich intensiv in der Zeit direkt danach getrauert habe, hat mir sehr geholfen aus diesem Loch schnell wieder herauszukommen. Ich kann also mittlerweile darüber reden, wenn es mal auf dieses Thema kommt und es ist in Ordnung. Meine Frau hat sich dieser Trauerarbeit aber leider bis heute nicht gestellt, aber zwingen kann ich sie nicht dazu. Sie hängt in dieser verdrängten Trauer nun aber nicht fest, man kann mit ihr über das Erlebnis aber leider nicht sprechen.
    Nun aber seit 30 Jahren versuchen zu wollen, die Trauer aufrecht zu erhalten erfordert wie bereits richtig anempfohlen einer professionellen psychologischen Trauerbegleitung, damit dieser Knoten der auch die Familie würgt aufgelöst werden kann.

    • @Der Boandlkramer: Ich habe sehr viel Mitgefühl für die Menschen, die um jemanden trauern. Und das umsomehr, wenn es sich um Kinder oder Jugendliche handelt. Hier tut es mir immer so leid, daß ein kleiner/junger Mensch gehen mußte, der schon dabei war, zu begreifen, welch wunderbare Dinge dieses Leben für uns bereithält.
      Sterben nun Kinder im Mutterleib oder wenige Wochen/Monate nach der Geburt, so fehlt ihnen diese Erkenntnis. Sie sind schlicht und ergreifend noch nicht in der Lage, ihr eigenes Sein zu reflektieren.
      Hier sind es dann in erster Linie die Eltern, um die man „trauern“ muß, denn sie haben den Totalverlust von Träumen, Hoffnungen und Illusionen hinzunehmen.
      Das kann zu schweren psychischen Problemen führen. Nach allem was ich weiß und je gelernt habe, ist es aber so, daß ein weiteres nachfolgendes Kind diese Wunden zu heilen vermag.
      Wer hingeht und sich den Kinderwunsch versagt, weil er lieber um einen toten Würmling trauern will, ist auf einer Schiene, die nicht zum Glücklichsein führen kann.

      Hier ist die Hilfe Dritter dringend angeraten.

      Da muß man eben auch manchmal klare Worte finden, um die Menschen zu empören, aufzurütteln und wachzuschütteln.

  8. Zu allem oben gesagten kommt noch hinzu, wen auch immer des Diebstahls zu beschuldigen. Es wurde sicherlich niemals Spielzeug gestohlen, sondern einfach entfernt, weil es aus Sicht des Friedhofs jemand irgendwo abgelegt hat. Es gibt kein Grab und nichts mehr an dieser Stelle, ergo hat auch Spielzeug dort nichts zu suchen. Wenn jemand Spielzeug oder was auch immer auf Dein Grundstück legen würde, würdest Du es auch entfernen, ODER?

    • @Winnie:
      Kommt drauf an, wo der Friedhof ist. In unserer Stadt wurde uns und anderen schon alles mögliche vom Grab geklaut (was eindeutig als Dekoration diente und nicht in den Zuständigkeitsbereich der Müllentsorgung fiel). Ich halte es für gut möglich, dass Spielzeug an manchen Friedhöfen schnell abhanden kommt.

      • @Frau V:
        Ja sicher, sowas gibt es. Aber ich denke, dass es hier gar kein Grab mehr gibt. Es ist 30! (dreißig!) Jahre her.

          • @Winnie: Natürlich kann das Grab noch bestehen. Das liegt letzten Endes an den Kapazitäten des Friedhofes. Das Grab meines Opas, der vor 45(!) Jahren bestattet wurde, existiert immer noch – ohne Verlängerung. Das Grab wird gepflegt, der Stein steht fest – da wird nichts eingeebnet. Es einfach genug Platz da. @pflaegermeister:

      • @Frau V:
        Einer Freundin von mir wurde mehrfach frisch Gepflanztes (!) vom Grab der Eltern geklaut.
        Und es handelt sich um einen kleinen Dorffriedhof… =(

    • @Winnie: Meine Meinung? Falls jemand das Spielzeug für seine Kinder geklaut hat, ist es in die Hände derjenigen gekommen, für die Spielzeug gemacht wird.

      Die Wahrheit? Vermutlich ist es auf diesem Friedhof so, wie auf vielen anderen. Manche Gräber sind so überladen mit Wimpelchen, Fähnchen, sich drehenden Windmühlen, Klang- und Farbenspielen sowie Püppchen, Bären und Zwergen, daß man das eigentliche Grab gar nicht mehr sehen kann.
      Regelmäßig weist die Verwaltung die Angehörigen darauf hin, daß kleine Liebesgaben durchaus erlaubt sind, man aber bitte die Grabstätte nicht damit überladen soll.

      Wenn dann die Unvernunft siegt, wird der ganze bunte Krempel irgendwann von den Arbeitern abgeräumt.
      So ist das nämlich.

  9. Mich wundert, daß ein seit fünfzehn Jahren abgelaufenes Grab nicht von der Friedhofsverwaltung eingeebnet wurde (nach mehreren Aufforderungen an die Familie).

    • @Roland B.: Ein Grab kann längst abgelaufen sein und wird dann trotzdem über teilweise 10-20 Jahre noch nicht eingeebnet.
      Ist ansonsten Platz genug auf dem Friedhof vorhanden, wird das gesamte Feld erst eingeebnet, wenn auch das letzte Grab dort abgelaufen ist. Für die vorher abgelaufenen gibt es also eine gewisse Schonfrist.

  10. Puh.
    Ich hoffe, dass deine Worte als Denkanstoß und Hilfe wahr- und angenommen werden.
    Die sehr große Härte (aus meiner Sicht) ist dir sicher nicht zufällig über die Tastatur gegangen, sicher hat die Fragestellerin sanftere Hinweise oft genug in den 30 Jahren gehört… tut mir leid für sie. Und auch für ihren hier unerwähnten Partner. :(

  11. Hauptsache es gibt Kuchen bei den Familienfesten…

  12. Der „Quark“ hinter Sternenkinder ist überflüssig. Der Rest ist – wenn auch traurige – Wahrheit.

      • @pflaegermeister: Man muß manche Menschen aufregen, damit sie aus ihrem Schneckenhaus herauskommen. Genau das soll das Wort Quark bewirken. Bleibt man nämlich in diesen Kreisen verhaftet, die tote Frühchen ins Erdbettchen bettet und über die Regenbogenbrücke zu den Sternenkindern gehen lassen, so vergeudet man sein eigenes Leben.

        • @Peter Wilhelm:
          Genau so ist es. Das ist in unserem Metier nicht anders. Da wählt man im Gespräch mit Patienten und Angehörigen auch mal harte Forumulierungen, damits ankommt. Oftmals empfinden die Leute das in dem Moment auch gar nicht als so schlimm, wohingegen unbeteiligte den Kopf schütteln, ob der Wortwahl.

        • @Peter Wilhelm:

          Die Regenbogenbrücke wird mittlerweile im Zusammenhang mit verstorbenen Frühchen verwendet? Ich kenne die Verwendung der selbigen bisher nur, wenn es um dahingegangene Haustiere geht. Was mich wesentlich mehr aufregt ist die falsche Übersetzung vom englischen Begriff „Stillborn“, der nicht „Stillgeborenes“ heißt, sondern unschön „Totgeburt“.

  13. Im Zweifel hat eh „der Friedhofsmann“ schuld…
    Solche dubiosen Gestalten klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist..;o)

  14. Hallo ,
    persönlich halte ich auch nichts davon aus einem verstorbenen Kind eine „Sternenkind“ zu machen, aber auch ich würde das Wort „Quark“ nicht benutzen. Jeder geht anders mit dem Thema Tod und Sterben um und das respektiere ich. da ich nicht sagen kann, wie ich damit umgehen würde, wenn einer meiner Söhne sterben würde.
    Bei der Familie von Jens ist das meiner Meinung nach nicht verarbeitete Trauer um ihr Kind , es wird Zeit loszulassen und das mit professioneller Hilfe.

    • @Heidi: Es geht hier nicht mehr darum, in welcher ganz persönlichen Weise jemand mit seiner Trauer umgeht. Das hätte man nämlich tatsächlich zu respektieren. Hier sind es Jahrzehnte, die seit dem Tod des Kindes vergangen sind. Keine Trauer muß Jahrzehnte währen. Was nach Jahrzehnten noch übrig sein mag, sind traurige Gefühle, ein Stich im Herzen und wehmütige Gedanken.

      Überwiegen sollte aber die Lust am eigenen Leben, das ja ebenfalls nur nach Jahrzehnten bemessen ist.

      Wer nach so langer Zeit den Tod eines Kindes zum Lebensmittelpunkt macht und dadurch möglicherweise nicht selbst am Leben teilnehmen kann, der hat ein Problem. Und das Problem muß irgendwann auch mal jemand in klarem Deutsch beim Namen nennen.
      Es hat keinen Zweck, den Leuten noch vor der Hand zuzureden und sich hinterrücks an die Stirn zu tippen. Hier muß man mal klipp und klar sagen: Macht endlich was, sonst darf jeder sagen, ihr habt ne Meise.
      Ich weiß, daß das hart klingt, aber ich sehe das nunmal so.

  15. Ich bin mit Peter einer Meinung. Dieser Sternenkinderquark und das Erdbettchengedöns ist wahrscheinlich aus der allgemeinen Euphemismuswelle hervorgegangen – aus der geistigen Großwetterlage, alles und jedes krampfhaft mit positiv konnotierten Begriffen belegen zu müssen. Dass es für Eltern schlimm ist, ihre Kinder beerdigen zu müssen, ist verständlich. Aber das Leben muss weitergehen. Vor allem: würde der Verstorbene wollen, dass die Hinterbliebenen jahr(zehnt)erlang trauern? Oder würde er wollen, dass man ihn in guter Erinnerung behält?

  16. Da hat sich jemand seine eigene kleine Sekte aufgebaut und dementsprechend noch fremde Personen in die Sache hereingezogen. Vielleicht wäre der „weitere Kinderwunsch“ doch der zielführendere Weg gewesen …

    Der Vorgänger vom bösen Friedhofsmann hat 1986 wohl vergessen, die Nutzungsbedingungen (Ablaufzeitpunkt usw.) zu erwähnen? ;-) Im Ernst: Ich halte 15 Jahre bis zur (theoretischen) Einebnung von Säuglingsgrabstellen schon für lang angesetzt. Wenn sich die Leutchen allerdings sowieso ihren routinierten sektenartigen Ablauf zurechtgezimmert haben, haben sie doch weiterhin ihr Spielzeug, ganz ohne den ollen Dicken mit der Schippe und irgendwelche Gestalten, die Spielzeuggerümpel (und was weiß ich noch dazu) frecherweise von einem Friedhof räumen.

  17. Nichts Neues unter der Sonne….die Gebr. Grimm behandelten dieses Thema bereits in dem Märchen „Das Totenhemd“….ein verstorbenes Kind erscheint der Mutter und bittet es, mit dem Weinen aufzuhören, denn die Tränen durchfeuchten das Totenhemd, so dass die Seele des Kindes keine Ruhe findet.

    • @Picho:

      Das Totenhemdchen Märchen

      Ein Märchen der Brüder Grimm Brüder Grimm

      Das Totenhemdchen
      Es hatte eine Mutter ein Büblein von sieben Jahren, das war so schön und lieblich, daß es niemand ansehen konnte, ohne mit ihm gut zu sein, und sie hatte es auch lieber als alles auf der Welt.

      Nun geschah es, daß es plötzlich krank ward, und der liebe Gott es zu sich nahm; darüber konnte sich die Mutter nicht trösten und weinte Tag und Nacht.

      Bald darauf aber, nachdem es begraben war, zeigte sich das Kind nachts an den Plätzen, wo es sonst im Leben gesessen und gespielt hatte; weinte die Mutter, so weinte es auch, und wenn der Morgen kam, war es verschwunden.

      Als aber die Mutter gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer Nacht mit seinem weißen Totenhemdchen, in welchem es in den Sarg gelegt war, und mit dem Kränzchen auf dem Kopf, setzte sich zu ihren Füßen auf das Bett und sprach:

      „Ach Mutter, höre doch auf zu weinen, sonst kann ich in meinem Sarge nicht einschlafen, denn mein Totenhemdchen wird nicht trocken von deinen Tränen, die alle darauf fallen.“

      Da erschrak die Mutter, als sie das hörte, und weinte nicht mehr.

      Und in der andern Nacht kam das Kindchen wieder, hielt in der Hand ein Lichtchen und sagte:

      „Siehst du, nun ist mein Hemdchen bald trocken, und ich habe Ruhe in meinem Grab.'“

      Da befahl die Mutter dem lieben Gott ihr Leid und ertrug es still und geduldig, und das Kind kam nicht wieder, sondern schlief in seinem unterirdischen Bettchen.

      Quelle: http://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/das_totenhemdchen

  18. Die Zuschrift enthält einige Formulierungen, die – sofern sie von der Schreiberin selbst stammen und nicht durch Peters Bearbeitung entstanden sind – für mich darauf hinweisen, dass die trauernde Mutter selbst auf eine Art weiss oder ahnt, in welche psychologische Falle sie im Laufe der Jahre geraten ist – auch, wenn sie es möglicherweise (noch) nicht bewusst wahrhaben will. Deshalb waren Peters Worte – so hart sie zunächst klingen mögen – genau die richtige Antwort, um sie vielleicht aufzurütteln, zum Handeln zu bewegen und der Familie damit *wirklich* zu helfen. Da ist nämlich die Rede davon, dass der Tod des Kindes „als Geschenk angenommen“ wurde, ein Geschenk ist eigentlich etwas Positives. Und auf ein weiteres Kind wurde verzichtet, „weil ich ja ein lebendes Kind geboren habe und deshalb Mutter bin“. Man hat also den „Mutterstatus“ mit allem, was man für sich damit verbindet, erreicht und behalten (noch dazu den der trauernden Mutter, der von allen Seiten Mitgefühl und Verständnis zustehen). Gleichzeitig hat man sich mit seinem „Sternenkind“ arrangiert, das immer ein süßes Baby sein wird, aber niemals den Stress und die Sorgen – auch nie die Ablösungsphasen – verursacht, die Eltern lebender Kinder durchmachen: So ein Sternenkind schreit keine Nächte durch und muss keine Windeln gewechselt bekommen, es wird nicht krank, kommt nicht in die Trotzphase, geschweige denn Pubertät. Man muss nie streng sein, darf immer nur lieben (und trauern). Es ist durchaus verlockend, sich an diese Rolle der Bilderbuchmutter mit dem Bilderbuchkind zu klammern, weil man sich darin gefällt; so, wie sich manch anderer in einer ewigen Opferrolle gefällt… das meinte ich mit „psychologische Falle“.

    • @Yukari: Mir fiel auch bei der Zuschrift das „Holzspielzeug“ ins Auge. Jens wäre mittlerweile 30, hätte womöglich eigene Kinder oder aber sonst sicherlich keinen Bedarf an Holzspielzeug mehr. Tatsächlich spielt hier wohl die Trauer die Hauptrolle…..

  19. Ich gebe dir Recht, dass nach so einer langen Zeit das Loslassen wichtig und angebracht ist.
    Jedoch empfinde ich es als unangebracht, über die Begriffe „Erdbettchen“ oder „Sternenkind“ zu urteilen. „Sternenkinderquark“ empfinde ich für jede trauernde Mutter als Beleidigung.

    Sonst wird immer betont, wie individuell Trauer ist, dass sie von jedem anders erlebt und gelebt wird. Solange die Begriffe Trost spenden können und den Trauerprozess begleiten sind sie weder falsch, noch Quark, noch *würg*.

    Ich kann mit der Kirche nichts anfangen und dennoch respektiere ich jeden Menschen, der Trost in Gebeten oder der Kirche sucht oder im Glaube an ein Leben nach dem Tod oder oder oder. Für mich ist das auch „Quark“, das würde ich jedoch keinem Trauernden ins Gesicht sagen.

    Manche der Aussagen hier sind respektlos und das ist nicht in Ordnung.

    • @Missy: Ich bin eine trauernde Mutter, und ich empfinde es als Schlag ins Gesicht, wenn die Leute ein verstorbenes Kind als Sternenengel, Sternenkind oder Himmelsgeburt bezeichnen. Was soll den das überhaupt sein?

      Meine Tochter ist gestorben, daran werden wir Jahre zu tragen haben, aber ich bete darum, dass der Schmerz im Laufe der Zeit kleiner wird. Die Erinnerung, die wird nicht kleiner, aber hoffentlich der Schmerz.

      Wer sagt, dass sein Sternenkindchen im Erdbettchen liegt und das Seelchen über die Regenbogenbrücke ins Himmelchen gegangen ist, der hat meiner Meinung nach gehörig einen an der Klatsche.

      Das ist nicht nur Quark, wie Peter hier – auf einen einzelnen Fall bezogen- zu recht schreibt, sondern das erzeugt mir einen Kotzreiz. Das ist doch euphemismuskrank!

      Ich lese hier schon lange mit. Peter hat immer sehr einfühlsam die passenden Worte gefunden, für tausende von Menschen. So auch in diesem Fall, da waren die passenden Worte halt mal etwas härter, aber durchaus passend wie ich finde.

    • @Missy:

      Tja, da musst du eben durch.

      Natürlich ist der Tod eines Kindes schlimm für alle Beteiligten, aber wenn andere – auch Trauernde – diesem halbesoterischen Quark wie »Sternenkinder«, »Regenbogenbrücke«, oder ganz grauenhaften Sprechdurchfall wie »Erdbettchen« zum Speien finden, dann ist das tatsächlich in ebenso in Ordnung, für sich in diesen seltsamen Begrifflichkeiten Trost zu finden.

      Damit will man doch nicht trauernden Eltern verstorbener Kinder vor den Kopf stoßen oder sie beleidigen, im Gegenteil, und respektlos ist etwas komplett anderes als die reine Geschmacksfrage deinerseits. Aber Respektlosigkeit habe ich aber hier nicht gefunden.

  20. Ich habe ein »wie« vergessen:

    …dann ist das tatsächlich in ebenso in Ordnung, WIE für sich in diesen seltsamen Begrifflichkeiten Trost zu finden.

  21. Mir geht es in diesem Fall um die Wertung von Begrifflichkeiten. Ob jemand sein zu früh gestorbenes Kind als Totgeburt, Fehlgeburt, Schmetterlingskind oder Fehlgeburt bezeichnet sollte doch jedem wertfrei selbst überlassen sein.

    Warum man den Begriff Sternenkind dann plötzlich genauer hinterfragt als Fehlgeburt ist mir ein Rätsel.
    Ja, was ist ein Sternenkind? Das Kind ist genauso wenig ein Stern wie bei einer Fehlgeburt die Geburt fehlt.

    @ Sabrina: Dein Verlust tut mir Leid.
    Aber warum jemand einen „an der Klatsche“ haben sollte, der etwas kindlichere Ausdrucksweisen nutzt als die katholische Kirche (auch hier geht man ein in den Himmel z.B.) verstehe ich nicht. Die Eine Beerdigung für einen älteren Menschen unterscheidet sich oft von der eines jüngeren. Ich war schon auf bunten Trauerpartys mit Luftballons und fröhlichen Liedern und ich war auf sehr streng schwarzen, traurigen Beerdigungen. Keine der beiden Formen würde ich irgendwie verurteilen.

    @ Kumi: Da können wir uns jetzt im Kreis drehen. Du musst nämlich genauso mein Empfinden der Respektlosigkeit und meine Äusserung darüber hinnehmen, wie ich die Äusserung derselben.
    Mir war es jedoch wichtig, das Thema nochmal von einer anderen Seite zu beleuchten. Mit „halbesoterischem Quark“ (was für eine Verurteilung) hat das selten etwas zu tun.

    • @Missy: Der Wortbestandteil „fehl“ in Fehlgeburt bedeutet ja nicht, dass die Geburt fehlt, sondern daß ein Fehler vorlag. Ich meine, ein bisschen Sorgfalt sollte schon sein.

      Und es ist eben kein Sternenkind, weil diese Kinder entweder verbrannt wurden oder in einem Sarg in der Erde liegen und nicht bei den Sternen schweben oder in einem Bettchen unter der Erde.

      Selbst wenn einem diese Begrifflichkeiten persönlich helfen mögen, so ist es nach 30 Jahren ein Hohn, wenn man immer noch glaubt, da läge ein Sternenkindchen im Erdenbettchen.
      Das ist ein absoluter Nonsens, erfunden von so Frauenbestatterinnen.

      • @ Henriette: Ein Fehler bei der Geburt lag oft genug auch nicht vor, sondern sie starben vorher bereits im Mutterleib oder später nach der Geburt. Wie war das noch mit der Sorgfalt?
        Schon wieder wird eine Begrifflichkeit auf die Goldwage gelegt.

        Natürlich ist ein Kind kein Stern. Aber es geht auch niemand ein ins Himmelreich. Man ist tot, wird verbrannt oder verrottet. Pragmatische Menschen sehen das auch genau so.
        Und für andere Menschen und Religionen gibt es eben Sternenkinder, Wiedergeburt, den Himmel, Engel, usw.

        Aber es ist ok. Ich merke ja, dass die Toleranz in diese Richtung hier nicht gegeben ist. Vielleicht habe ich ja trotzdem den ein oder anderen zum Nachdenken gebracht und wenn nicht, auch gut.
        Schönen Abend noch. :)

    • Du musst nämlich genauso mein Empfinden der Respektlosigkeit und meine Äusserung darüber hinnehmen, wie ich die Äusserung derselben.

      Tu ich ja, schrieb ich auch…

      dann ist das tatsächlich in ebenso in Ordnung, wie für sich in diesen seltsamen Begrifflichkeiten Trost zu finden.

      Den Teufel würde ich tun, einer trauernden Mutter ins Gesicht zu sagen, dass ich ihre Begriffe scheiße finde, das wäre situationsbedingt in der Tat respektlos, da sollte jeder einfach die Klappe halten. Aber hier? »Oh scheiße, ich schreibe mal besser nichts, irgendwo könnte sich jemand respektlos behandelt fühlen.« Funktioniert eher nicht.

      Ich wollte eigentlich »esoterischer Quark« schreiben, aber mir kam »halbesoterisch« einfach höflicher vor. :-)

  22. Au weia, wenn ich mir so manche/n Zeitgenossen/in in der freien Wildbahn ansehe, bin ich überzeugt, es gibt auch lebende Fehlgeburten. ;-)
    NEIN, ich meine jetzt keinen der Kommentatoren/innen hier.
    Wie hatte damals ein wütender Bekannter zu einem anderen Bekannten so schön gesagt, oder eher geschrien?
    Entschuldige, dass ich geboren wurde.
    Die wütende Antwort: Dafür gibt es keine Entschuldigung.
    ;-)

  23. Diese armen Menschen, seit Jahrzehnten in einer Schleife der Trauer gefangen. Vielleicht hätte man sich eher professionelle Hilfe holen sollen! Ein schlimmer Leidensweg.

  24. Sehr krass…

    Auf der einen Seite ist es absolut verständlich, das Trauernde – vor allem Eltern – sich ein Ventil suchen. Das ein Kind stirbt ist etwas, das wir kaum mit unserem Verstand vereinbaren können. Unser ganzes Leben lang lernen wir, das ja im Normalfall nur Alte und Kranke sterben müssen. Das dann der Inbegriff des Lebens – ein kleines Kind, ein Baby – plötzlich die Welt der Lebenden verlässt, daran haben wir arg zu knabbern.

    Gleichwohl ist mir natürlich ein Dorn im Auge, von „Sternenkindern“, „Erdbettchen“ und dergleichen zu reden. Das macht die Trauer nicht einfacher. Einzig und allein „Stillgeboren“ finde ich noch ganz hilfreich, da der Terminus „Totgeburt“ aufgrund seiner ersten Wortsilbe ja schon mehr oder weniger der Vorschlaghammer ist, den die trauernden Eltern mit Anlauf ins Gesicht bekommen.

    Im vorliegenden Fall ist aber der Rat, sich professionelle Hilfe zu holen, der einzig richtige Kommentar dazu. Nach dieser langen Zeit immer noch dieses Ritual abzuhalten, vermeintlich Unbeteiligte mit einzubeziehen – das schreit nach Hilfe. Das ist keine Trauerarbeit mehr. Das ist beinahe krankhaft. „Krankhaft“ ist natürlich nicht als Beleidigung zu verstehen, aber es deutet alles auf ein psychisches Problem hin – und damit kennen sich nur Spezialisten aus.

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