Kennedy und Adidas

Der amerikanische Klappsarg heißt bei den meisten Bestattern einfach „Kennedy“. Vielen Menschen ist erst mit der Beisetzung des ermordeten amerikanischen Präsidenten ins Bewußtsein gerückt, daß die Amerikaner keine schmalen Raumsparsärge nehmen, so wie wir, sondern auch bei den Särgen regelrechte Straßenkreuzer bauen.

Amerikanische Särge können aus sehr viel mehr Materialien gefertigt sein als unsere Särge. Sie werden dort ja in der Regel in Gräber für die Ewigkeit eingestellt, die oft auch noch ausgemauert oder ausbetoniert sind. Da auch die Verstorbenen einbalsamiert sind, ist auch nicht damit zu rechnen, daß die Leichen sehr schnell vergehen. Bei günstigen Bedingungen im Grab kann es vorkommen, daß ein Verstorbener auch nach vielen Jahren noch völlig intakt ist.
Für die Zersetzung eines Verstorbenen sind in erster Linie Bakterien verantwortlich. Finden diese keine geeigneten Lebensbedingungen, kann die Verwesung gestoppt oder stark verlangsamt werden. Je nach Bodenverhältnissen und Beschaffenheit des Grabes kann es dann zur Bildung von nahezu unvergänglichen Leichen, Wachsleichen oder Mumien kommen.

Die Amerikaner tun mit ihrem teils schon übertriebenen Hang zur Einbalsamierung alles dafür, daß eine schnelle Zersetzung unmöglich wird, insofern wird auch – anders als bei uns – weder darauf spekuliert noch damit (zeitlich) gerechnet, daß der Tote verwest. Deshalb haben die Gräber entweder eine unglaublich lange Laufzeit oder werden in den meisten Fällen für die Ewigkeit angekauft. So hat man auch keinen Grund, bei Särgen darauf zu bestehen, daß diese schnell und möglichst rückstandslos verrotten.

So kann der amerikanische Klappsarg auch aus Metall bestehen oder mit Keramikteilen verziert sein und auch aus einem Materialmix von Holz und Metall bestehen. Überdies enthalten diese Särge oft auch sehr viel Mechanik. Der Tote ruht nicht auf einer Lage aus saugfähigem Material, sondern auf einer regelrechten Matratze, die wiederum auf einem Rost aus Federn lagert, ähnlich den Bettrosten. Dieser Rost ist z. T. von außen verstellbar. Mit einer Kurbel, die man am außen Fußende in ein Loch nahe dem Sargfuß einstecken kann, ist es möglich, den Verstorbenen hoch- und runterzukurbeln. Bei der Aufbahrung mit geöffnetem Deckel wird er dann etwas hochgekurbelt, damit er besser zu sehen ist.
Mit der gleichen Kurbel kann man in einem Schraubloch am anderen Sargfuß den Deckel des Sarges (meistens nur das Oberteil des geteilten Deckels) auf- und zukurbeln.

Da der Deckel in den meisten Fällen fest am Sarg montiert ist, wird dieser immer auch mit Stoffen ausgeschlagen und vor allem der Übergang vom oberen zum unteren Deckelteil ist nochmals mit einem Überwurf versehen, den man ein Stück weit bei der Aufbahrung über den unteren Deckel ziehen kann, damit auch der verziert ist. Eine Stoffblende verwehrt den Einblick auf den unteren Teil des Verstorbenen.

(Ist Euch aufgefallen, daß ich im oberen Abschnitt die supermoderne Formulierung „ein Stück weit“ verwendet habe? Neulich sagte eine Kundin statt „da bin ich zum Teil Ihrer Meinung“ zu mir: „Da bin ich jetzt ein Stück weit bei Ihnen“. Dieses ‚ein Stück weit‘ hat sich genauso schnell in unsere Sprache eingeschlichen wie die ganz tolle Formulierung „von daher“, die gerne synonym für das gute alte ‚deswegen‘ benutzt wird.)

Die ganzen Einbauten in einen solchen amerikanischen Sarg sind auch aus Metall und sehr stabil. Das alles ist mit ein Grund dafür, daß diese Särge zum einen sehr schwer sind und zum anderen auch sehr viel kosten.

Wir bieten originale amerikanische Särge an, weil sie von einer bestimmten Bevölkerungsgruppe grundsätzlich nachgefragt werden. Sie erkaufen sich dann mit viel Geld auf bestimmten Friedhöfen Grüfte, in denen solche Särge bestattet werden dürfen.
Aber auch im Rest der Bevölkerung kommt immer mal wieder der Wunsch auf, einen solchen Klappsarg zu nehmen. Da kaum jemand sonst mal eben 5.000 bis 8.000 Euro für das Anlegen und Ausmauern einer ewigen Gruft ausgeben möchte, gibt es inzwischen Sargmodelle aus Holz, die in Form und Ausführung den amerikanischen Särgen sehr nahe kommen, aber die deutschen Vorschriften erfüllen und keine metallenen Einbauten und Kurbelmechanismen enthalten.

Auch diese Särge heißen bei uns z. B. „Sargtruhe Kennedy (Holz)“

Und damit komme ich zu dem, was ich unbedingt noch erzählen will, weil es mich gestern den ganzen Tag sehr erheitert hat.
Da steht das alte Ehepaar Bartscherer in unserer Sargaustellung und sie überlegen schon eine Weile, ob sie nicht wegen der übermäßigen Leibesfülle der noch älteren und vorgestern verstorbenen Mutter des Herrn Bartscherer diesen amerikanischen Holzsarg nehmen sollen.

„Guck mal, Hoinz, des is des Modell Kennedy.“

„Kennedy? Kennedy, kenn isch. Der war auffem Mond.“

„Aber Hoinz, den wo Du meinst der hieß Louis Armstrong. Kennedy war Präsident. Der is erschosse‘ worden.“

„Erschosse? War das nicht der Neger? Wart‘ mal, der hieß Martin Luther.“

„Hoinz, den wo Du meinst, des war der Hungerkünstler aus Indien, da dieser Gandhi.“

„Ah ja, vunn dem hab isch auch schon mal g’hört.“

„Mensch, das mußt Du doch wissen. Kennedy war Präsident und ist von Lilian Harvey Oswald erschosse‘ worden.“

„Jetzt wo Du’s sagst.“

Und ich stehe daneben, muß vornehm aus der Wäsche gucken, darf mich nicht auf dem Boden herumkugeln und halte die Luft an. Mein Zwerchfell hüpft innerlich und ich bemühe mich mit aller Kraft, nicht laut herauszuprusten. Dabei zerrt sich irgendwas an einer meiner linken Rippen. Es fühlt sich an, als sei da was zwischen zwei Rippen eingeklemmt und tut schlagartig höllisch weh. Unwillkürlich habe ich das Bedürfnis, meinen Oberkörper nach rechts zu verbiegen, um dem Schmerz zu entgehen. Ich kann nicht anders, ich muß mich biegen und strecken.

Da sagt sie: „Jetzt sind’se mal nicht so hektisch, wir entscheiden uns schon.“

„Tut mir leid, mir ist es nur gerade in die Seite gefahren.“

Er: „Rechts oder links?“

Ich: „Links.“

Er: „Au, au, au, des könnt‘ des Herz sei‘!“

Ich: „Nee, das ist was anderes, machen Sie sich keine Gedanken, es geht schon wieder.“

Sie: „Sie sind aber auch ein bißchen füllig um die Hüften. Ich glaube, Sie leben zu gut.“

Er: „Und rauchen tut der bestimmt auch.“

Sie: „Da muß man es ja am Herzen bekommen.“

Ich: „Ich habe wirklich nichts am Herzen, alles in Ordnung, wirklich.“

Sie: „Nich‘ daß Sie uns jetzt hier umkippen und in den ‚Kennedy‘ reinfallen.“

Und prompt muß ich wieder an Lilian Harvey Oswald denken, die/der den amerikanischen Präsidenten erschossen hat und erneut steigt dieses Flattern des Zwerchfells in mir hoch.

Die beiden verlieren das Interesse an mir und wenden sich wieder dem Sargmodell zu. Dabei entbrennt zwischen ihnen eine Diskussion über die Frage, ob Jackie Kennedy nach ihrer Heirat mit dem Schah von Persien Soraya oder Farah Diba hieß.

Das Bedürfnis, mich auf dem Boden zu wälzen, wird immer größer, und ich schütze einen leichten Hustenanfall vor und gehe mal hinaus. Schnell in eines der Beratungszimmer, Tür zu und erst mal so richtig durchatmen und laut loslachen. Das Lachen befreit und der Schmerz zwischen den Rippen verschwindet schlagartig.

Sie haben dann den ‚Kennedy‘ genommen, weil ihre Mutter doch an Fettsucht, an Adidas, gelitten hat.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 9. Februar 2008
  • 18 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

18 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Billiant! Die verstorbene hiess nicht zufällig Incontinentia?

  2. Schade, dass es diese Geschichte nicht mehr ins Buch schafft. (Oder?)
    Tom, der erste Band wird noch nicht ausgeliefert sein, da werden schon Rufe nach Band 2 laut… Und Nina kommt wieder nicht dazu, ihre Geschichte weiterzuzeichnen :(

  3. Ab sofort steht die Krankheit mit den drei Streifen bei mir im Pschyrembel (med. Fachlexikon) auf den entsprechenden Seiten. eingetragen mit Kugelschreiber. Das mußte einfach sein.So wie die Steinlaus. und wird von mir künftig auch vornehm so umschrieben.

  4. Louis Armstrong << ROFL
    Lange nicht mehr so gelacht.
    YMMD

  5. Kicher. Hab schon ein paar Tage nicht mehr so gelacht. Darf ich das mit Quellenangabe weiterleiten?

  6. @Ar-ras: Wurde von den alten Leutchen mit „Adipositas“ verwechselt.

  7. Musst du eine Selbstbeherrschung haben.

    Ich hätte mich glaub ich schon bei Louis Armstrong weggepackt.
    Von mir aus auch in den Kennedy.

  8. ….das mit dem „Adidas“ ist gar nicht so abwegig – wisst Ihr, dass es eine WIRKLICHE Krankheit namens „Asterixis“ gibt…?

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