Koma -12-

Ich weiß nicht, ob Ihr das kennt. Man hört nur ein, zwei Takte eines Liedes und hat sofort wieder die Stimmung, die man damals hatte, als man diese Melodie zum ersten Mal hörte.
Mir geht es mit vielen Liedern so. Weder Gerüche, noch Bilder sind bei mir in der Lage so starke Erinnerungen in mir hervorzurufen.
Ich kann gar nicht mal sagen, wie das Lied heißt, das bei Saskias Trauerfeier gespielt wurde. Es war Nummer 2 auf einer CD. Aber jedes Mal, wenn ich diese Melodie höre, auch heute noch, dann habe ich wieder dieses Meer von Blumen und den Sarg von Saskia vor Augen.

Es wird zeitlich fast etwas knapp und der Organist meckert schon ungeduldig. Aber es sind so viele Menschen gekommen, die von Saskia am offenen Sarg Abschied nehmen wollen, daß wir die Trauerfeier um eine Viertelstunde verschieben müssen.
Manni hat Wunderbares geleistet. Die junge Frau sieht einmalig schön aus. Dabei hat Manni es hinbekommen, daß sie einerseits schlafend, entschlafen, tot wirkt und dennoch etwas Frisches und Lebendiges ausstrahlt.
Nach den vielen Monaten im Krankenhaus ist das sicherlich nicht leicht gewesen.

Etwas quäkend orgelt der Mann an den Tasten im falschen Register das erste Lied und ich bin froh, als er fertig ist und wir ein Lied von CD spielen können.
Während dieses Lied spielt, schieben Manni und seine Männer den Sarg vorne in die Mitte unserer Trauerhalle.
Sandy schließt die Lücke in den Blumen mit zwei großen Gestecken.

Kurzzeitig hatte es geheißen, ein freier Redner würde die Trauerfeier machen, nun ist aber doch Pastor Baumann da.
Und Pastor Baumann kann eben gut beerdigen. Seine Rede ist lebendig, persönlich und individuell. Er versteht es, den Glauben an Gott und die Zuversicht des Christen in das Kommende so zu thematisieren, daß sich auch die Kirchenfernen nicht gelangweilt oder vor den Kopf gestoßen fühlen. Eine wirklich schöne Rede.
Sie endet mit den Worten: „So laßt uns nun von Saskia Abschied nehmen, aber in der Trauer auch an Max und Klaus denken. Für Max wünsche ich mir eine gute Zukunft und für Klaus wollen wir beten, daß er wieder ins Leben zurück findet und aus der Düsternis erwacht.“
Ich blickt in diesem Moment auf den kleinen Max, den seine Großmutter im Arm hält und der die ganze traurige Feierlichkeit in kindlicher Unschuld verschlafen hatte.

Dann spielt besagtes Lied Nummer 2 und es fließen im ganzen Saal dicke Tränen. Ob Saskias Schwester, die tief verschleiert in der ersten Reihe sitzt, auch weint, kann ich nicht sehen.

Einen Tag nach der Trauerfeier kommen Saskias Eltern wieder zu uns, um sich für die schöne Zeremonie zu bedanken. Die Schwester aus Südafrika ist auch mitgekommen – und sie hält Max in den Armen!

Ich sag ja, ich hatte so die Idee im Kopf, als sei es für das Kind das Beste, wenn die Schwester der Verstorbenen das Kind mit nach Südafrika nehmen würde.
Nicht, daß ich den Großeltern das nicht zugetraut hätte…
Wenn ich ehrlich bin bewegte mich nur irgendein Bauchgefühl zu dieser Idee und keine rationellen Überlegungen.

Irgendwie bin ich erfreut, daß die junge Frau den Kleinen auf dem Arm hat. Aber irgendetwas stört mich an dem Bild. Nach einer kurzen Weile komme ich dahinter, daß Anja den Jungen wie eine Puppe, wie einen Fremdkörper hält. Als Max etwas aus dem Mundwinkel sabbert, reicht sie das Baby gleich an die Großmutter weiter: „Kümmer Dich mal! Ich glaub der spuckt wieder.“

Liebevoll wischt Frau Böntjes dem Kleinen über die Lippen, wiegt ihn in den Armen und legt ihn sich an die Schulter.
„Paß auf!“, warnt Anja, „Am Ende sabbert der Dir noch das Kleid voll.“

„Das ist doch normal bei Babys. Die dürfen das, und solange es Waschpulver gibt, ist das doch kein Beinbruch.“

„Ich würd‘ dem was anderes erzählen, wenn der mein Kleid von Myers & Golding ruinieren würde!“

Das ist der Moment, in dem ich zum ersten Mal die Augenbrauen hob.

„Und? Sie kümmern sich jetzt um den kleinen Max?“, frage ich die Frau aus Südafrika.

„Ja, ich nehme ihn mit. Er wird sich bei uns in Kapstadt wohlfühlen. Ich selbst bin ja die meiste Zeit in Johannesburg in unserem Central-Office, aber am Wochenende habe ich sicher ein paar Stunden Zeit für ihn.“

„Ein paar Stunden?“

„Keine Bange, wir haben eine Nanny und werden ein Au-Pair-Mädchen aus England kommen lassen.“

„So ein Kind braucht viel Zuwendung“, schaltet sich Herr Böntjes ins Gespräch ein.

„Ja sicher, die kriegt er ja auch. Die Nanny ist Mutter von sechs Kindern, die wird wissen, was zu tun ist. So gut wird kein anderes Kind versorgt, wie unser kleiner Max.“

„Ich persönlich finde es ja besser, wenn ein Kind eine Mutter als feste Bezugsperson hat, oder eben die Großmutter“, sage ich und merke, daß ich in diesem Moment meine Meinung bezüglich Anja geändert habe.

„Ach was! Der kriegt alles, was er braucht und vor allem kann er mehrsprachig erzogen werden. Die Nanny kann Afrikaans und Englisch und das Au-Pair kann logischerweise Englisch. Ich werde nur Deutsch mit ihm reden und mein Mann nur französisch. Mann, was bin ich gespannt, was der sagt!“

„Ach, der weiß noch gar nichts davon?“ staune ich.

„Nein, wo denken Sie hin! Er hat mir letzten Orchideen aus Kuala Lumpur mitgebracht und ich bringe ihm jetzt einen Max aus Deutschland mit. Mein Mann mag Kinder. Wenn wir nicht das ganze Jahr unterwegs wären, dann hätten wir selber welche. Ist aber schwierig, wenn man im Business erfolgreich sein will.“

„Aber Sie haben dann doch ein Kind.“

„Ja, aber kein eigenes. Das ist ja was anderes.“

Das Ehepaar Böntjes schaut sich vielsagend an und Frau Böntjes drückt den Kleinen noch etwas fester an ihre Schulter.

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  • 7. Juli 2015 - 4 Kommentare - Lesezeit ca.: 5 Minuten - Kategorie: Geschichten

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Veröffentlicht von

Hier erzählt und informiert der Schriftsteller Peter Wilhelm. Der Sachverständige ist Chefredakteur von "Bestatter heute". Der Satiriker veröffentlicht Satiren und
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Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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peter wilhelm autorenlesung

Peter Wilhelm
Peter Wilhelm7. Juli 2015

4 Kommentare von 138036.

  1. Und der Klaus hat von alledem nichts mitbekommen? Wie bringt man das einem Menschen der aus dem Koma aufwacht so bei, dass der nicht gleich ein Fall für den Psychater wird…?

  2. ich denke mal, dass der arme Max als Vorzeige-Objekt dienen soll
    .. für (Verzeihung) „Gutmschentum“
    Hoffentlich ändert sich die Situation, vielleicht gibt der Kleine das Essen aus Karottenbrei und Spinat von sich, natürlich auf das kostbare Kleid ;-)

    • @Hajo: Jaaaaaaaaa. Aber dann schon so, daß das schöne Kleid für immer ruiniert ist. So einen Kleinen als Vorzeigeobjekt?
      Also, so wenig ich das Jugendamt leiden kann – habe selbst schon leidvolle Erfahrung mit denen -, aber hoffentlich greifen die da dann noch entsprechend ein. So einer würde ich kein Kind anvertrauen

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