Koma -4-

Das Wasser tat Saskia gut, sie hatte gar nicht gemerkt, wie trocken ihr Mund geworden war.
Die alte Jesusbraut hatte ihre Fingerspitzen aufeinandergelegt und wartete, bis Saskia einige Schlucke getrunken hatte.

„Sehen Sie, Frau Brandner, wir sind hier nicht in Amerika, wo die Angehörigen den Medizinern ständig im Weg stehen können. Deshalb kann ich Sie jetzt auch noch nicht zu ihrem Mann bringen. Ihr Mann ist unten und Sie können mir glauben, daß alle verfügbaren Ärzte derzeit alles tun, um das Leben Ihres Mannes zu retten.“
Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Ihr Mann ist wirklich sehr, sehr schwer verletzt. Ich kann Ihnen noch nicht viel sagen, nachher wird ein Arzt kommen und mit Ihnen sprechen. Jetzt wollen wir erst einmal hoffen, daß Ihr Mann das alles übersteht. Wissen Sie was? Ich habe mein ganzes Leben sehr viel Halt in meinem Glauben gefunden und ich konnte immer Kraft schöpfen, wenn ich den lieben Gott darum gebeten habe. Ich weiß ja nicht, wie fromm Sie sind…“

Saskia schüttelte den Kopf, sie war vor Jahren schon aus der Kirche ausgetreten und hatte nie viel damit am Hut gehabt. Sie war katholisch geprägt worden, aber auch ihre Eltern hatten außer an Weihnachten, nie die Kirche besucht.

Die Nonne deutete Saskias Kopfschütteln richtig und fuhr fort: „Nun, Sie sind also nicht fromm. Das macht nichts, das ist überhaupt nicht schlimm. Darf ich Sie beim Vornamen nennen?“

Saskia nickte und sagte: „Ich heiße Saskia.“

„Das weiß ich doch, mein Kind. Also, Sie sind nicht fromm. Dem Vater im Himmel ist das aber egal. Schauen Sie, Saskia, die meisten Menschen glauben ja, der liebe Gott funktioniere wie ein Süßigkeitenautomat. Man müsse nur genug hineinstecken, damit irgendwie irgendwann eine Belohnung herauskommt. Das ist aber nicht so. Man kann sich immer an ihn wenden, man darf auch beten, wenn man nicht so besonders fromm ist. Ich werde das jetzt mal machen und ein bißchen für Ihren Mann beten. Selbst wenn Sie nicht daran glauben, wird es Ihrem Mann nicht schaden und Ihnen nicht weh tun, wenn eine 83-jährige alte Frau ein Gebet spricht, oder? Und wenn Sie wollen, aber nur dann, dann können Sie mitbeten. Kennen Sie ein Gebet?“

Saskia überlegte kurz, zögerte, und ganz leise sagte sie: „Ja, das Vaterunser und das ‚Gegrüßet seist Du Maria‘.“

„Na sehen Sie, das ist doch schon was. Kommen Sie, wir beten einfach ein bißchen. Tut nicht weh, und wer weiß, vielleicht hilft’s ja! Ich fange einfach mal an, da wo Sie den Text kennen, können Sie ja laut oder leise mitbeten und den Rest mache ich schon. Ich mache das schon so viele Jahre, wir schaffen das zusammen.“

„Ich habe schon so lange nicht mehr gebetet, als Kind vielleicht mal…“

Die Nonne nickte: „Wie Sie wollen. Ich fang aber trotzdem an. Wenn’s Sie stört, Saskia, dann sagen Sie es, ich mach‘ dann leise weiter.“

Wenig später konnte man die beiden Frauen nebeneinander in den dicken Sesseln sitzen sehen und hören, wie beide beteten. Schwester Cordula betete vor, Saskia wiederholte die Sätze und so reihten sie ein „Vaterunser“ und ein „Gegrüßet seist Du Maria“ aneinander.

Man weiß ja nicht, ob Beten wirklich hilft, aber in einem Punkt hat Schwester Cordula unwidersprochen Recht: Es kann auch niemals schaden.

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Peter Wilhelm15. Juni 2015

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