Krasse Leichen – Wie schafft der Bestatter das?

Hallo Herr Wilhelm,

ich habe da ein paar Fragen an Sie erzähle aber erstmal lieber etwas. Also ich bin Anfang Zwanzig und in einer eine Ausbildung.
Ich bin auch in der Notfallseelsorge tätig. So habe ich auch mit Bestattern zu tun.
Nun spiele ich mit Gedanken eine Ausbildung in diesem Bereich zu machen.
Ich habe heute mit meiner Familie darüber gesprochen, die natürlich nicht begeistert war, da sie mir das nicht zutrauen. Ich habe bisher viel darüber gelesen und mein Interesse daran nicht verloren.
In der nächsten Woche treffe ich mich auch mit einer Bestatterin die mir mehr über den Alltag und die Aufgaben und den Beruf im allgemeinen erzählen möchte.
Jetzt zu meiner Frage. Viele sagen mir und dessen bin ich mir auch bewusst, es gäbe ja auch nicht nur schöne Leichen. Sie meinen damit die Unfallopfer, Menschen die einen Suizid begangen haben und sich vor einen Zug werfen.
Natürlich sind das keine schönen Dinge, es kann ja nicht jede Leiche aussehen wie Omi oder Opi die evtl friedlich eingeschlafen sind. Aber auch ich stelle mir die ersten Begegnungen mit Unfallopfern etc. schlimm vor. Meine Frage dazu ist gewöhnt man sich daran? Ist man irgendwann “ abgehärtet“ oder lernt man damit umzugehen?

Ich würde mich sehr über eine Antwort von Ihnen freuen.
Ich lese Ihren Blog übrigens wirklich sehr gern.

Liebe Grüße
K.

Hallo, Frau K.

herzlichen Dank, daß Sie Ihr Anliegen auch noch mal per Mail formulieren.
Ich finde Ihre Idee, sich dem Bestatterberuf anzunähern, großartig.
In diesem Beruf gibt es zu viele tumbe Handwerker und zu wenig Menschen, die einen empathischen Ansatz verfolgen.
Es ist auch gut, daß Sie sich vorab informieren.

Im Bestatterberuf hat man es in der Tat nicht ausschließlich mit der 89-jährigen Oma zu tun, die friedlich im Bett eingeschlafen ist.
Wie Sie richtig bemerken, haben Bestatter nicht nur schöne, saubere Verstorbene, sondern auch gräßlich zerfetzte Körper, Leichen, die mit Kot und Sekret verschmutzt sind und solche, die sehr alt, sehr häßlich und insgesamt eher unangenehm sind.

Selbst die friedlich eingeschlafene Oma, die brav in ihrem Bettchen liegt, kann sich beim Zurückschlagen der Bettdecke als eine Person darstellen, die -um es mal krass zu sagen- sich von oben bis unten eingekotet hat.

Deshalb ist es mein Berufsmotto gewesen: Ihr müßt doch diesen Leib verwandeln.
Dies ist ein altes Zitat von einem Mönch aus frühen Zeiten.

Es ist eben nicht nur die Aufgabe des Bestatters, einen Verstorbenen mal eben anzuziehen und in den Sarg zu legen.
Vielmehr macht er aus einer teils sehr unschönen Leiche einen Verstorbenen, der friedlich da liegt und den Eindruck eines Schlafenden vermittelt.

Wie kommt man damit klar?
Nun, die erste Leiche wird man nie vergessen. Dieser Aha-Effekt prägt sich ein. Es ist aber kein bleibender Eindruck des Schreckens, denn man ist ja auch dabei, wenn dieser Verstorbene die Verwandlung durchmacht und anschließend ordentlich der Familie präsentiert werden kann.

Dann wird man eines Tages mit einem Verstorbenen konfrontiert sein, dem Gliedmaße fehlen, oder der sonstige Schrecklichkeiten aufweist.
Das ist dann nochmal eine besondere Herausforderung. Das ist insbesondere bei Brandopfern, Wasserleichen oder stark von Verwesung betroffenen Leichen der Fall.
Nun ist es aber so, daß man mit diesen Verstorbenen erstens nur sehr selten zu tun haben wird und zweitens sich auch nicht so intensiv mit ihnen beschäftigen muß. Eine Herrichtung, Versorgung und Aufbahrung scheidet hier ja meistens aus.

Man steht auch solchen Arbeiten anfangs nicht völlig alleine gegenüber, sondern sieht, wie professionell andere damit umgehen.
Ganz gewiss gewöhnt sich jeder Bestatter eine gewisse Distanz und sozusagen ein dickes Fell an. Was einem anfangs unvorstellbar erscheint, wird gewiss nicht zur Normalität, die einen kalt läßt, verliert aber seinen Schrecken.

Was einem die Sache immer erleichtert, ist die Tatsache, daß man die Verstorbenen in aller Regel gar nicht kannte.
Man weiß also auch nicht, inwieweit sie sich im Tode verändert haben. So hat die durch den Tod eintretende Veränderung für den Bestatter keine Bedeutung, weil ihm der Vorher-Vergleich fehlt.

Viel mehr Zeit, als mit den Verstorbenen, verbringt der Bestatter aber mit den Lebenden. Hier kann er für seine Arbeit viel Anerkennung und Dankbarkeit erfahren. Das macht vieles wieder wett und hält auch den Ehrgeiz aufrecht, jedes Mal etwas Besonderes zu leisten.

Insgesamt muß man sagen, daß Bestatter und Bestatterinnen psychisch gefestigt sein sollten. Wer beim Anblick einer toten Ratte schon schaudert, der sollte es sich zweimal überlegen, ob er auf den richtigen Beruf zusteuert.
Auch die physische Belastbarkeit muß gegeben sein. Es sind hohe Gewichte, unhandliche Gegenstände und das oftmals hintereinander über enge Treppen, in engen Räumen und teilweise über größere Strecken zu transportieren. Wer also keinen Kasten Wasser die Treppen hoch kriegt, ist vielleicht für das Tragen von Särgen mit Menschen auch nicht der oder die Richtige.

Auch muß man darauf gefaßt sein, in diesem Beruf Tag und Nacht, weit außerhalb der üblichen Arbeitszeiten und an Wochenenden, Feiertagen -auch an Ostern und Weihnachten und am eigenen Geburtstag- ausrücken zu müssen.

Das gilt sommers, wie winters und auch dann, wenn andere schlafen, im Schwimmbad liegen oder in Urlaub fahren.

Abgesehen von diesen ganzen Umständen ist der Bestatterberuf aber ein sehr schöner Beruf.
In erster Linie hat man mit den Lebenden zu tun und übt einen kaufmännischen Dienstleistungsberuf aus, der verkäuferisches Geschick, seelsorgerisch-psychologische Fähigkeiten und ein großes Maß an Organisationstalent erfordert. Den größten Teil der Zeit verbingt der Bestatter nicht im Leichenkeller, sondern im Büro und unterwegs.

So, ich hoffe, ich konnte Ihnen einen kleinen Einblick verschaffen und Ihnen die gewünschten Informationen liefern.
Wenn nicht, dann fragen Sie ruhig nach.

Ich werde Ihre Anfrage und diese Antwort völlig anonymisierten ins Blog stellen, damit auch andere, die sich für den Beruf interessieren, etwas davon haben.

Liebe Grüße
Peter Wilhelm


Peter Wilhelm
Publizist | Fachjournalist (DFJV)
Chefredakteur „Bestatter heute“
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  • 12. Januar 2017 - 4 Kommentare - Lesezeit ca.: 5 Minuten - Kategorie: Frag den Bestatter

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Veröffentlicht von

Hier erzählt und informiert der Schriftsteller Peter Wilhelm. Der Sachverständige ist Chefredakteur von "Bestatter heute". Der Satiriker veröffentlicht Satiren und
Produkttests. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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peter wilhelm autorenlesung

Peter Wilhelm
Peter Wilhelm12. Januar 2017

4 Kommentare von 138060.

  1. Tolle Antwort,ich lese ja gern interessante Zeilen und die Antwort kommt wie ein schöner Artikel daher,wette die Betreffende weiß nun,was sie tun kann oder sollte.Ich frage mich jetzt noch,ob ich den Anblick meiner toten Eltern oder meiner toten Freundin ertragen hätte,egal,wie die ausgesehen hätten, man weiß,wie die lebend aussahen,das genügte mir.Mein Sohn hatte es da anders,er sah seinen toten Opa,seine tote Omi,ob ihn das gar vom Wesen her stark veränderte:ich werde es wsl.dann sehen,wenn er wieder Kontakt zu mir möchte.Der Verlust einer Bezugsperson kann ja im eigenen Leben Veränderungen hervorrufen,mit denen man klar kommen muß.Ich sage mir immer:“die Energie eines Menschen stirbt nicht…“,wie das ein Bestatter sieht,das wüsste ich zu gern,aber denke,das geht mehr in die Sparte Esoterik.Aber der Mensch besteht nun auch aus Geist,Seele usw.,das hilft mir ein wenig,mit Verlusten umzugehen,nach dem Motto:es geht „ihnen“ jetzt besser.Dies nur so als persönliche Anmerkung!

  2. Letztendlich muss jeder seinen eigenen Weg finden, mit den oft grauenhaften Bildern, und vor allem Gerüchen um zu gehen. Ich sage immer etwas salopp: Nach einer Bahnleiche muss das Gulasch noch schmecken! Für manchen hier mögen die Worte rau wirken, aber ohne eine gewisse Hornhaut auf der Seele kann man diesen Job nicht machen! Und wenn man anfängt davon regelmäßig zu träumen, soll man es besser lassen. Es gibt leider manche Kollegen, die an der Flasche kaputt gegangen sind, ein Beispiel wie es enden kann.

  3. Ich habe in der Vergangenheit gern Umgang mit älteren Menschen gehabt. Die Tante meines Freundes beschrieb mir wortreich, wie sie mit der Leiche ihres Sohnes umgegangen ist. Er wurde bis zuletzt von ihr gepflegt,ich glaube,nach dem Tode auch gewaschen,wie sie das kannte von früher.

    Sie merkte schnell,ich hab kein Problem damit,mir ein Foto ihres toten Sohnes anzusehen,irgendwer hatte das gemacht. Eine gewisse Veränderung war eingetreten. Zum Glück vergisst man in der Regel Tote auf Fotos.

    Meine alte Freundin Rosi tat es ebenso. Sie hatte ein ganzes Buch mit Details von der Bestattung ihres Mannes. Ich denke,sie hat mir wohl sehr vertraut,denn so ein sehr persönliches Buch zeigt man ja nicht jedem Menschen. Ihr Mann war zu Lebzeiten etwas mollig,im Sarg lag er stark abgemagert.

    Ich schreibe das, weil ich zwar in meinem ehemaligen Job als Dispatcher bei der Deutschen Reichsbahn so manche Fälle von „Leiche im Gleis“ aufschrieb,aber zum Glück nie eine verstümmelte Leiche sehen musste.

    Ob ich nun bedauere,meine Eltern tot nicht gesehen zu haben? Ja und nein. Möglicherweise hätte ich sie beim Sterbeprozeß begleitet,Hand gehalten usw., aber dann sage ich mir:es ist gut so,wie es ist. Ich sah sie nur lebend und hab so auch keine schlimmen Bilder im Kopf

  4. Hallo, in unserer Familie war es üblich, von den Verstorbenen im Sarg
    Abschied zu nehmen. Man sprach ein kurzes Gebet und legte evtl. auch
    ein paar Blumen auf die Decke. So habe ich es noch als Kind mit meiner Mutter kennengelernt, wenn wir von Verwandten Abschied genom-
    men haben. Deshalb hat das für mich nichts Schreckliches, es war eben
    so und: irgendwann muss jeder sterben, das habe ich dabei auch immer
    wieder verinnerlicht.

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