Lagerschaden

Da sagt die ältere Dame zu mir: „Und bitte seien Sie vorsichtig mit meinem Mann, der hat doch einen Lagerschaden.“

Was hat der? Hm, vermutlich war der Mann im Konzentrationslager und hatte schreckliche Erinnerungen daran. Aber das wird ihm doch jetzt nicht mehr zu schaffen machen, schließlich ist er tot.

Aber war der wirklich schon so alt, mal nachrechnen. Wie alt müßte jemand sein, der noch im KZ war?

Ich nicke bedächtig und dann sagt sie:

„So im Nacken, wissen Sie? Alle Wirbel kaputt, richtiger Lagerschaden, alles schief gelagert. Da hat er immer Schmerzen gehabt.“

Ach so.

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  • Veröffentlicht am: 31. Mai 2008
  • 13 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
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Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

13 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Da kann man mal sehen, wie sehr uns Guido Knopp & Co. konditioniert haben. Kaum fällt das Wort „Lager“, denken wir gleich an KZs.

  2. In Anbetracht der Tatsache, daß der Mann vermutlich keine Radlager o.ä. besaß, eine durchaus sinnvolle Folgerung, oder wie viele „Lagerschäden“ kann ein Mensch sinnvollerweise haben?

    Davon mal abgesehen, daß es nicht den Herrn Knopp brauchte, um einige Menschen an die neuere deutsche Geschichte zu erinnern. Das Thema wird doch gelegentlich auch an Schulen behandelt, z.B. Was aber auch nix mit „konditionieren“ zu tun hat. Man ist höchstens konditioniert, so durch die allgemeinen Lebenserfahrung, bei Leuten, die bei sowas von „Konditionierung“ reden, eine gewisse Geisteshaltung zu vermuten, bei der es keine Konditionierung braucht, um ein müffliges Geschmäckle wahrzunehmen.

  3. Natürlich wird dieses Thema an den Schulen behandelt. Es wird so behandelt, daß die Kinder stöhnen, weil es ihnen so vorkommt, als spräche man Jahre darüber, andererseits wissen sie nichts, nichts, nichts.

    Während meiner Generation noch vermittelt wurde, daß das eben erst gewesen sei, wird dieser Generation erzählt, das sei alles so unwirklich wie etwa die Erfindung des Rades. Bedeutsam, aber inzwischen normal und vor allem laaaaange her.

    Es wird erzählt, wie ein Märchen. Da werden auch Kinder gebraten, vorzugsweise von Hexen.

  4. Nicht alle Schulen reden über die Shoah als ginge es um ein Märchen. Manche bemühen sich auch um Sensibilisierung, die nicht in Genervtheit endet. Erlebe ich zumindest gelegentlich im Umfeld.

  5. Das scheint durchaus zu differieren, ob es in der Schule behandelt wird bis zum Erbrechen oder gar nicht, oder irgendwo dazwischen; und wie es behandelt wird.

    Punkt war jedenfalls, es brauchte keinen Knopp, um das Thema überhaupt auf’s Tapet zu bringen. Und „konditioniert“ ist in jeden Falle ein etwas problematisches Wort in dem Zusammenhang.

  6. Was, bitte, hat denn ein Halswirbel mit der Judenvernichtung zu tun? Mein Gott, sitzt diese Schuld tief. Vor allem bei Leuten, die damit überhaupt nichts zu tun hatten. Das ist ja wie Fremdschämen.
    Aber mal zum Thema zurück: Es dauert schon etwas, bis man wirklich verinnerlicht hat, dass der geliebte Mensch nicht mehr ist und ihm auch nichts mehr weh tut. So ein langes Leben geht nicht einfach so in einer Sekunde aus.

  7. Artikel lesen bildet – der Undertaker konnte sich unter „Lagerschaden“ schlicht nix richtiges vorstellen. Und da der Mensch ja nicht wirklich über das verfügt, was normalerweise solche Schäden hat (Radlager etwa), kam als nächste Assoziation eben KZ als „das Lager“ auf. Daß das ein etwas seltsamer Ausdruck für einen kaputten Halswirbel war, da mußte man ja erstmal drauf kommen. Wenn „Lagerschaden“ irgendwo eine gängige Bezeichnung für Halswirbelschäden ist, ist sie mir jedenfalls auch noch nicht über die Füße gelaufen.

    Und dabei kenne ich es immerhin noch als saloppen Ausdruck für Schäden, die nach falscher Lagerung bei sehr langen OPs auftreten können. Die, die ich kenne, würden wiederum nicht unbedingt bei verheirateten Herren gesetzteren Alters auftreten. Respektive würde die dann nicht mehr als „Herr“ Sowieso beerdigt.

  8. Möglicherweise habt ihr den beim Umbetten so gehalten, wie Du es mal beschrieben hast. Optisch kann da schon beim Betrachter der Eindruck entstehen, man könnte dem das Genick aushängen.

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