Lodernde Flammen -5-

Frau Wolters war weit über 80 Jahre alt geworden und an Krebs gestorben. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Es war sehr schnell gegangen. Die Diagnose hatte Frau Wolters erst vor zwei Monaten bekommen. Da war der ganze Körper schon mit Metastasen verseucht gewesen. Da die alte Dame eine sehr kleine und zierliche Person gewesen ist, hatte sie dem Krebs nicht viel entgegenzusetzen und die Krankheit hatte leichtes Spiel. Bettlägerigkeit, Palliativstation, Lungenentzündung – Exitus.

Eine schöne, traditionelle Beerdigung orderte ihr Witwer und sparte letztlich an nichts. Klar, dann kostet das Beerdigen auch Geld.

Inzwischen saßen wir in einem der Beratungszimmer und waren mit dem Aussuchen des Sarges und der Aufnahme der Daten durch, da schlug Herr Wolters zum ersten Mal versöhnlichere Töne an. Zumindest beendete er seine Sätze nicht mit irgendeinem frechen Anhängsel. „Sie haben mir sehr geholfen. Ich hätte nicht gedacht, daß das alles so reibungslos läuft. Vor allem haben Sie mir nichts aufgeschwatzt. Ich war ja auch Kaufmann, ich hätte das sofort gemerkt, wenn Ihr Brüder mir was andrehen wollt. Ich bin richtig froh, daß jetzt alles geregelt ist. Sie haben mir auch so schön die einzelnen Schritte erklärt; so weiß ich immer, wo meine Frau in den nächsten Tagen ist und was mit ihr gemacht wird.“

Dann hielt er kurz inne, drückte sein Kinn auf die Brust, sodaß sein Doppelkinn sich vorwölbte und meinte noch: „Sagen Sie der Frau da vorne, daß der Kaffee sehr lecker war.“

„Na also“, sagte ich nur, lächelte ihn wieder an und fügte noch hinzu: „Wird doch alles nicht so heiß gegessen, wie’s gekocht wird. Es wäre schön, wenn Sie das unserer Frau Büser selbst noch sagen.“

Ich weiß nicht, ob er beim Rausgehen nochmal bei Frau Büser vorbeigegangen ist, denn kaum war Herr Wolters aufgestanden und zur Tür gegangen, klingelte das Telefon. Sandy meldete, daß sich Sterbefall Nummer 3 angemeldet hatte.
An diesem Tag ging es Schlag auf Schlag, der Sensenmann hatte wohl Langeweile…

Das ist in einem Bestattungshaus mittlerer Größe nicht der alltägliche Ablauf. Man weiß es als Bestatter nie, wieviel auf einen zukommt. Mal sitzt der ganze Betrieb tagelang mit rotierenden Daumen herum und harret der Dinge, dann gibt es Tage, an denen man sich zweiteilen oder klonen könnte, um alles erledigen zu können.
Es sind ja nicht nur die Beratungen, die einen Mitarbeiter jeweils zwischen einer und manchmal drei Stunden in Anspruch nehmen, sondern die Verstorbenen müssen ja auch von A nach B transportiert werden, und irgendwann sind ja auch die Beerdigungstage, an denen man auch gefordert ist.

Dieser Tag war so ein Tag und ich wußte, daß Sandy, Manni und Nadine sowie die anderen Männer aus dem technischen Bereich in Kürze alle unterwegs sein würden.
Frau Büser machte ja nur in ganz seltenen Ausnahmefällen mal eine Beratung. Also mußte ich wieder ran, obwohl ich mich viel lieber um die Organisation der Sterbefälle Schweez und Wolters gekümmert hätte.
Wenn die Eindrücke noch frisch sind, tut man sich leichter mit der Organisation. Man hat dann alle Wünsche noch frisch im Kopf. Hat man erstmal alles in den Computer eingegeben, dann kümmert sich später ein anderer darum, und der kann nur die angeklickten Positionen auf dem Bildschirm sehen und umsetzen.

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  • 1. März 2017 - 1 Kommentar - Lesezeit ca.: 3 Minuten - Kategorie: Geschichten

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Veröffentlicht von

Hier erzählt und informiert der Schriftsteller Peter Wilhelm. Der Sachverständige ist Chefredakteur von "Bestatter heute". Der Satiriker veröffentlicht Satiren und
Produkttests. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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peter wilhelm autorenlesung

Peter Wilhelm

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