Lodernde Flammen -7-

Tja, drei Sterbefälle, drei Schicksale, drei Hinterbliebene. Die Leute meinen ja immer, der Bestatter kümmere sich vorwiegend um Leichen. Das tut er auch, aber eben nicht vorwiegend. Die Versorgung eines Verstorbenen dauert mal eine gute Viertelstunde, meist eine halbe und manchmal aus deutlich länger. Doch mit den Lebenden hast Du über viele Stunden zu tun und das oft an mehreren Tagen. Da ist der Bestatter eher als Seelsorger, Psychologe und Trauerbegleiter gefordert. So unterschiedlich diese drei Sterbefälle waren, sie glichen sich doch in einem Punkt.

Frau Schweez war recht jung bei einem Unfall getötet worden. Ihr Mann trauerte immer mehr in sich zusammenfallend und brach auf der Beerdigung zusammen. Freunde seiner Frau mußten ihn auffangen und stützen.
Frau Wolters hingegen war schon alt gewesen und in ganz kurzer Zeit an Krebs verstorbene. Ihr Witwer zeigte eine fast kindliche Trauer, die er durch polterndes Auftreten zu überspielen versuchte. Bei der Beerdigung wirkte er wie ein Fels in der Brandung und signalisierte nach außen hin, daß ihn nichts erschüttern kann.
Die krummbeinige Frau Borgner hatte sich 66 Jahre lang auf ihren Mann verlassen und stand nun hilflos da. Der pensionierte Beamte hatte ihr stets alles abgenommen. Auch bei der Beerdigung wirkte die alte Dame hilflos, ja sogar ein wenig überflüssig. Ihre Kinder überkümmerten sich um sie. Das war fast schon zuviel.

Drei Menschen, die an ein und demselben Tag in mein Leben getreten waren. Doch was bedeutet das für den Bestatter?
Nun, das mag recht unterschiedlich sein. Ich kenne Bestatter, die ihre Aufgabe vornehmlich im Sargverkauf sehen, die sich mit den Menschen nicht näher befassen und die trotz aller Bemühungen und aller Sorgfalt keinen Draht zu den Menschen bekommen.
Und es gibt die Bestattungsinstitute, deren Inhaber oder Inhaberinnen eine Message haben, die einen ideologischen Kümmerer-Überbau haben und bei denen sich viele Trauernde fast schon zu sehr in Watte gepackt sehen. Zu viele Euphemismen, zu viel Schischimuschi-Gedöns.
Ja und es gibt die Bestattungshäuser, in denen ganz normale Menschen arbeiten, die einfach Empathie und einen gesunden Menschenverstand haben. Die sind mir eigentlich am Liebsten.
Jedem Bestatter kann es passieren, daß er sich um Menschen, die es nötig hätten, zu wenig kümmert; und daß er denen, die es eigentlich nicht brauchen, zuviel Zeit widmet.

Ich habe da auch nicht alles richtig gemacht, ganz sicher nicht. Aber ich hatte es mir angewöhnt, die betreuten Menschen auch noch einige Zeit nach der Beerdigung noch einmal zu besuchen. Manchmal brachte ich die Rechnung vorbei, manchmal ging es um die Danksagung und ab und zu um das Sechswochenamt.
Während der Erledigung dieser drei Sterbefälle waren noch weitere hinzugekommen. An die erinnere ich mich aber nicht mehr.

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  • 1. März 2017 - 2 Kommentare - Lesezeit ca.: 2 Minuten - Kategorie: Geschichten

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Veröffentlicht von

Hier erzählt und informiert der Schriftsteller Peter Wilhelm. Der Sachverständige ist Chefredakteur von "Bestatter heute". Der Satiriker veröffentlicht Satiren und
Produkttests. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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peter wilhelm autorenlesung

Peter Wilhelm
Peter Wilhelm1. März 2017

2 Kommentare von 138207.

  1. Ist doch immer wieder interessant in was für einem bunten Zoo wir Menschen leben.

  2. Das zeigt doch wieder mal, in was für einem bunten Zoo voller Menschen wir leben.

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