Nachts

Nachts geht das Telefon und der erfahrene Bestatter weiß, daß er jetzt raus muß. Eben noch im Tiefschlaf, schnell das Gehirn auf Betriebstemperatur bringen, bloß nichts falsch machen.
Eine Beratung wünschen die Leute, es eile, man könne nicht warten.

Die Hausnummer! Bloß die Hausnummer nicht falsch aufschreiben, sonst irrt man später durch die Straße und sucht mit der Taschenlampe die Klingeln nach dem richtigen Namen ab. Man wird dann feststellen, daß ausgerechnet in dieser Straße noch vier Familien wohnen, die Krieger heißen. Und den Namen, am besten gleich nochmals nachfragen, sonst steht man später da.
Notfalls muß man dann vom Handy aus bei den Leuten anrufen und sich nochmal erkundigen.

„Krieger? Wir heißen doch nicht Krieger, unser Name ist Krieger mit ‚ü‘, wir sind Flichtlinge…“

Sofort hellwach zu sein, das muß man erstmal können. Irgendwie schläft man in solchen Nächten, in denen man Telefondienst hat, nie so richtig gut und wenn man doch mal richtig gut schläft, ja, dann ruft einer an.
Eine Kollegin aus Niedersachsen erzählte mir einmal, daß sie seit zwanzig Jahren nur einen leichten Hundeschlaf kenne, immer mit einem Ohr aufs Telefon lauere und gar nicht mehr weiß, wie es ist, richtig tief und fest zu schlafen.

Wenigstens die Straßen sind leer. Mann wirklich, diese Straßen gibt es auch in leer und frei, die Ampeln blinken gelb, man hat freie Fahrt, nur vereinzelt trifft man auf andere Verkehrsteilnehmer. Jetzt bloß nicht der Ordnungshut über den Weg fahren, die haben nachts oft Langeweile.

Doch auch wenn die nachtschlafende Zeit in dieser Hinsicht ihre Vorteile hat, die Nachteile werden dann bei der Parkplatzsuche offenbar. Man findet keinen. Die Leute liegen alle in ihren Betten und ihre Autos stehen alle vor der Tür.
Hat man dann drei Straßen weiter eine Lücke gefunden, wird einem bewußt, wie schwer der Beratungskoffer eigentlich ist und so richtig merkt man das erst, wenn man japsend vor der Wohnungstüre steht.
Die wohnen immer oben, ganz oben und einen Aufzug gibt es nie!

Im Wohnzimmer wartet man auf mich, da ist es nur spärlich beleuchtet, die Sessel sind zu niedrig, der Tisch ist vollgestellt. Ich dirigiere in die Küche um und die Dame des Hauses wischt in vorauseilender Gründlichkeit noch einmal feucht über die Wachstuchtischdecke.
Das ist der Grund, weshalb unsere Mappen alle geriffelte Lederoptik-Einbände haben, die kleben nicht auf feuchten Wachstuchtischdecken fest. Da muß man auch erstmal drauf kommen!
Durst hätte ich ja schon, aber Kaffee kochen die Leute immer mit 700 Grad heißem Wasser und diskutieren ewig mit einem, weil man schwarzen Kaffee will. „Wie schwarz? Ganz schwarz? So ohne alles? Keine Milch? Keinen Zucker? Ganz ohne Milch und Zucker? Schwarz also? Wollen Sie nicht doch ein Schlückchen Milch? Mein Mann geht auch schnell runter in den Keller, da haben wir noch Büchsenmilch.“

Nein, ich nehme dann ein Wasser, ein ganz normales Wasser. Die haben sowas, wenn mal Besuch kommt, junge Leute wollen immer Sprudel. Die Flasche ist schon halbleer, steht im Gang hinterm Vorhang neben den Arbeitsschuhen des Mannes und im Glas offenbart das vor Jahren als Mineralwasser geborene Gesöff ein Aroma wie Spargelbrühe nach dem Körperdurchgang.

„Eilig? Nein wir haben es nicht eilig, wir hätten jetzt bloß sowieso nicht mehr schlafen können.“
Ich schon!

Ach nee, den Sarg den möchten sie dann doch lieber in echt sehen und kämen dann morgen zur ganz normalen Bürozeit in den Betrieb um den rauszusuchen, so auf den Bildern… nein, da kann man sich nicht entscheiden.
Und Papiere, nein Papiere hat man auch keine, die Verstorbene war ja schon lange etwas wunderlich, da muß man morgen erst mal in aller Ruhe danach suchen, wer weiß, wo die das Zeug hat!
Jetzt um diese Zeit Blumen und eine Sargdecke raussuchen, nein, dafür hat man keinen Kopf, das ist ja wie ein Überfall, damit hat man jetzt dann doch nicht gerechnet.
Den Text für die Anzeige will man sich auch erst ausführlich überlegen, den bringen sie dann vorbei.

Wann denn jetzt der Termin sei? Da muß ich passen, nachts geht da gar nichts…
Weshalb ich denn dann überhaupt gekommen sei?

Ja nee, weiß ich jetzt auch nicht.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 16. Juni 2008
  • 21 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

21 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Oje…dann wünsch ich dem Undertaker mal einen guten Morgen und schlaf dich aus ;)

  2. Das Lied mit dem Leichtschlaf kann mein Bruder mitsingen. Der ist bei der Berufsfeuerwehr.

    War den Leuten langweilig? Haben wohl vorher nicht überlegt, sondern gleich angerufen.

  3. Jaja, die „Flichtlinge aus Kenichsberch“ kenne ich auch (obwohl noch unter 30). Omas Freundinnen halt…

  4. Ne, denen war nicht langweilig.

    Manche Leute neigen dazu, in solchen Situationen blind nach einer (echten oder vermeintlichen) Autorität zu rufen.

    Das wird dann verbunden mit einem dumpfen Gefühl von „das ist dem seine Pflicht, der is schliesslich Dienstleister“

    Und prompt hat man mit Leuten zu tun, die wollen, dass man irgendetwas tut. Egal was. Hauptsache irgendwas tun.

    Fürs nächste Mal empfehle ich die spontane Zelebration einer schwarzen Messe mit Huhn und allem drum und dran. Hinterlässt einen tiefen Eindruck und die Leute rufen garantiert nicht mehr nachts an….

  5. Ach, man muss kein Bestatter, Feuerwehrmann oder Arzt sein, um den leichten Schlaf einer Bereitschaftsnacht zu kennen… Schlimm nur, wenn vom Telefongeklingel der Partner/die Partnerin gleich mit wach wird. Ist das bei euch auch so, Undertaker??

  6. Nicht nur die Partnerin, nein teilweise auch die Kinder.

    Ich bin jetzt aus der Bereitschaft ausgestiegen (zur Freude meines Chefes) weil ich überhaupt nicht mehr damit klargekommen bin.

    Nachts bimmelt das Telefon, dann kann ich nicht mehr einschlafen, trotzdem klingelt morgens der Wecker, da ich die Kinder fertig machen muss.

    Nach einer Woche war ich einfach nur fertig.

  7. Das Leben als Linkshänder ist auch nicht einfacher. So wie dich die Leute 1000 Mal fragen, ob du den Kaffee wirklich schwarz trinken möchtest, fragen die mich: „Liiiinkshänder????? Schon immer Linkshänder gewesen? Machen Sie alles mit Links? Ja früüüüüüher mussten wir ja umlernen. DAS waren noch Zeiten.“ Ich finde, nicht nur Linkshänder sollen Leiden. Auch „Kaffee-schwarz-Trinker“. :-) Gute Nacht übrigens!

  8. @ Sonja: Was antwortest Du denen? Mir fiele da etwas ein wie: „Nein, früher war ich Rechtshänderin, aber das wird auf die Dauer ja auch langweilig, also hab ich umgelernt.“ Oder. „Ja, Linkshänder werden auf dem Arbeitsmarkt händeringend gesucht, das Arbeitsamt bietet jetzt Umschulmaßnahmen an.“ Dann hast Du wenigstens ein bisschen Spaß bei den Stereotyp-Fragen :o)

  9. Ich antworte immer: „Rein statistisch sind Linkshänder in der Mehrzahl und werde von den Rechtshändern unterdrückt“

    Das sollen die mir erstmal nachweisen *g*

    Oder:
    „Oh, sie sind Linkshänder?“
    „Nein, ich übe gerade schreiben mit dem schönen Händchen“ :)

  10. @Klaus: Kinder gibts bei uns noch keine, aber die Sache mit der Bereitschaft halten wir inzwischen schon über ein Jahr aus… Zum Glück klingelt es ja auch nicht immer, eigentlich statistisch gesehen ziemlich selten, aber WENN es dann Nachts klingelt, dann ist man tage- wenn nicht sogar wochenlang unaugeschlafen und missgelaunt.

  11. naaaaa, hör ich da etwa ein kleines bisschen Frust??? neeee oder? :-))

  12. @Ines, das kann ich nur bestätigen, sagt eine vom
    schlecht bezahlten Bereitschaftsdienst geplagte
    Blaue Katze

  13. Oh ja – das mit der ewigen Linkshänder-Nerverei kenne ich auch zu gut. Die Kommentare sind offenbar immer die selben. Ich hätte da noch „Aaalso – ICH könnte ja nicht mit links schreiben.“ im Angebot. Ach nee..

  14. Man kann es ja auf die Rechnung schreiben und auch delegieren…

  15. Ging es denen vielleicht nur darum, dass ihr den Leichnam mitnehmt?

    [editiert]

  16. Nachtschicht kann doch auch toll sein, besonders der Rückweg.

    Mit dem Auto morgens um 3 fröhlich strahlend in die Tanke, ein „Guten Morgen“ schmettern und sich über den ein „Guten Abend“ entgegengähnenden Treibstofffachverkäufervertretungsbefugten amüsieren, der nur noch soviel Vitalität hat wie die vom Vortag liegengebliebenen belegten Brötchen.

    Oder beim Fleischscheibenschnellerhitzer mit dem Rad durchs Drive in und mindestens erstaunte Gesichter oder Hinweise auf angebliche Verbote aus Versicherungsgründen ernten.

  17. Ärger Dich nicht. Du warst doch sowieso wach, weil das Telefon geläutet hat.
    Die Abrechnung erfolgt nach Tariftabelle Gruppe zwei bis zehn. Da wird das mit der Nacht diskret ausgeglichen.
    Ich sagte „diskret“!

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