Neuer Wind im Krematorium

Die Männer vom Krematorium haben immer wieder für Ärger und Diskussionen gesorgt. Freitags um zwölf lassen die einfach den Löffel, Hammer oder sonstwas fallen und machen einfach die Tür nicht mehr auf. Feierabend, Wochenende! Laut aushängender Öffnungszeiten-Tabelle wäre eigentlich bis 14 Uhr geöffnet, aber daran hält man sich dort einfach nicht.

Auch in der Woche muß man schon großes Glück haben, wenn die einem bis 16 Uhr – so haben die nämlich vom Montag bis Donnerstag geöffnet – noch einen Sarg abnehmen. Da machen sie dann ganz nach Gutdünken mal schon ab 15 Uhr die Tür nicht mehr auf.
Auf entsprechende Beschwerde wurde immer so reagiert: „Die Anlage ist groß, die Geräte sind sehr laut, wir waren entweder nicht schnell genug an der Tür oder haben das Klingeln nicht gehört.“

Alle Bestatter in der Stadt wissen, daß das Masche ist. Das wird mit Absicht so gemacht, damit wir Bestatter eine unnötige Fahrt haben, eine Nacht mehr Kühlkosten und eventuell sogar in Termindruck geraten. Beim kommunalen Bestattungsunternehmen klappt nämlich erstaunlicherweise die Ablieferung der Särge immer. So verschafft man sich stadtintern mal wieder einen Vorteil mehr.

Großes Erstaunen herrschte deshalb heute bei uns Bestattern, als man uns ein Merkblatt in die Hand drückte.

Das Krematorium hat einen neuen Chef, die Öffnungszeiten sind jetzt von 7 Uhr bis 22 Uhr und jeder Bestatter bekommt einen Schlüssel, um auch außerhalb dieser Zeit Särge in eine Zwischenkühlkammer einstellen zu können.
Außerdem: Wer einen Zuschlag von 20 Euro bezahlt, kann die Urne schon 48 Stunden später wieder abholen.
Das Wichtigste: „Sie haben Wünsche, Ideen, Vorschläge? Bitte rufen Sie mich an!“

Na, wenn das mal kein Schritt in die richtige Richtung ist!

Hintergrund: Mehr als 27% der Einäscherungen fanden mittlerweile in der benachbarten Kreisstadt oder weit außerhalb statt, eben da wo uns Bestattern ein besserer Service und vor allem bessere Preise geboten wurden.

Mal sehen, wie sich das alles entwickelt.

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  • Veröffentlicht am: 18. August 2008
  • 6 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

6 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. @Lars
    Nur wenn der neue Chef das mitkriegt könnte es möglicherweise passieren, dass sie wieder hinten auf der Müllabfuhr mitfahren müssen…

  2. Jo, das Personal wird sich umgucken. Vorerst. Und den neuen Chef dann versuchen, auszuhungern.
    Mal gucken, wer mehr Durchhaltevermögen hat – und wie schnell die Leute ausgetauscht sind.

  3. Da fällt mir ein: „There is no place like home….there is no place like home“…Wie bei Wizard of oz
    Hoffentlich doch nicht nur alles geträumt….

  4. In einer mir bekannten Firma stand es sehr schlecht.
    5 Frauen wechselten sich mit den Krankmeldungen reihum ab. Dass sich der Betrieb trägt, mußte eine bestimmte Menge pro Tag erreicht werden. Da kam der Unternehmer in Not, als Lieferverträge in Gefahr waren, die Schließung drohte. Also holte er sich 2 polnische Aushilfen. Die arbeiteten in einer Nachtschicht mehr als die 5 Frauen an einem Tag. Heute arbeiten da nur noch Polen m/w.
    Das Freitag 12-Uhr-Syndrom zieht sich durch fast alle Branchen. Hauptsächlich bei denen, die festes Gehalt bekommen, egal wieviel sie gearbeitet haben.
    Erst ist Mittagspause, danach „putzen“ angesagt. Danach „Besprechung“.
    Das Gegenextrem:
    Metzgerei bis 18:30 geöffnet? Ja, aber keinen Aufschnitt mehr, die Theke ist um 18:20 schon fast leergeräumt. die Wurstschneidemaschine und der Fleischwolf schon geputzt.
    Warum? Weil die Verkäuferin ihre Arbeitszeit bis 18:30 bezahlt bekommt, und ab da bis 19:00 täglich ehrenamtlich fertigputzt und dann noch die Kasse abrechnen muß. Morgens kommt sie schon früher (UMSONST), denn ihre bezahlte Arbeitszeit beginnt erst mit Ladenöffnung. Das Gleiche in der Lebensmittelabteilung.
    Ich kenne Verkäuferinnen, die täglich so ihrem Arbeitgeber anderthalb Stunden schenken. Doch die Kunden sehen das nicht. Für sie kostet der Quark 10 Cent mehr, das ist zu teuer, da fahren sie lieber mit dem Auto 5 Km hin und 5 Km zurück zum Großeinkaufzentrum.
    Und morgen schließt der Laden vielleicht wegen Unrentabilität. 4 Hartzempfängerinnen mehr und Alte Leute können sehen wie sie ihr Zeug mit dem Bus heimbekommen. Den Busunternehmer freut es.

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