Öko

Es ist noch früh am Morgen. Nur Sandy und ich sind da, es gab eine Hausabholung und uns hat es getroffen. Aber auch Toni ist früher gekommen, er hat noch was aufzuarbeiten. Am letzten Werktag hat er in der technischen Abteilung eine Rolle mit Prägepapier aufgehängt. Dieses Prägepapier ist ein dickes, mehrlagiges, geprägtes Papier. Die Prägung ist ein florales Muster und wir benutzen die etwa 80 cm breiten Bahnen für die verschiedensten Zwecke. Als untere saugfähige Lage auf den Tragen, als Abdeckung für Verstorbene und auch schon mal als ganz billigen Sargausschlag.

Geliefert wird es auf Rollen zu 100 Meter, die sind schwer und deshalb braucht man eine Helfer, um sie in die etwa 1,50 m hoch an der Wand angebrachten Halterung zu hängen. Dort hängt die Rolle kugelgelagert. Man muß noch einen Klemmbügel herunterklappen, an dem sich auch die Abschneidekante befindet. Ja und den hat Toni vergessen.
Glücklich darüber, daß er unter kurzer Mithilfe eines anderen Mitarbeiters, die Rolle eingehängt hat, hat er kurz mal am losen Ende des Papiers gezogen und sich gefret, daß die kugelgelagerte Rolle das so fröhlich abspulte. Und sie spulte und spulte und spulte…

Statt nun mit der Hand zu bremsen oder endlich den Bügel herunterzuklappen, der auch die Rolle bremst, hat er wohl um Hilfe gerufen, was erst nach einigen Minuten gehört wurde. Manni hat ihn dann vor der sich immer noch abrollenden Rolle vorgefunden und berichtet später von einem merkwürdigen Tanz, den Toni aufgeführt habe. „Ich hab‘ die Rolle angehalten, die Hälfte ist bestimmt schon in Zickzackbahnen auf den Boden abgerollt. Der Toni hüpfte nur von einem Bein aufs andere und jammerte ‚Ach Gottchen, ach Gottchen!‘. Wenn der am Freitag kommt, kann er das erst mal alles wieder schön aufrollen.“

Ich sagte: „Pff, das hätte ich ihn heute gleich nach Feierabend aufrollen lassen, Strafe muß sein.“
Manni hatte aber Mitleid mit Toni, der was Privates vorhatte. „Also gut“, entschied ich, „Dann soll er am Freitag früher kommen und das erledigen.“

So kam es also, daß Toni früher gekommen ist, um seinen Fehler wiedergutzumachen. Ein schlechtes Gewissen muß er schon gehabt haben, denn außerdem hat er zwei Pfund Kaffee mitgebracht, damit die Kollegen wieder versöhnt werden.

Kaffee? Moment mal! Doch nicht etwa gemahlenen Kaffee?

„Cheheffe!“ ruft Sandy und ich höre schon an ihrem Tonfall: Sandy hat was zu melden.

„Der Toni hat in beide großen Kaffeemaschinen gemahlenen Kaffee eingefüllt und jetzt gehen die nicht mehr.“

Au Backe! Die Maschinen sind für Bohnen ausgelegt, die immer frisch gemahlen werden. Wenn man da gemahlenen Kaffee einfüllt, blockiert nach kurzer Zeit das Mahlwerk.
Was mache ich jetzt mit Toni? Der steht immer noch im Keller und wickelt…

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 23. Mai 2008
  • 12 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

12 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. ich glaub den Kerl hätt ich schon längst ausm Betrieb geworfen…so tollpatschig kann man doch gar nicht sein…aber…anscheinend scheint er das recht häufig zu schaffen ;)…

    funktionieren die Kaffeemaschinen mittlerweile wieder oder musstet ihr neue anschaffen?

  2. ihm erklären das er dei finger von der kaffeemaschine zu lassen hat ;-)

    war ja gut gemeint, aber halt schlecht ausgeführt. sowas verbuche ich unter „brückenschäden“ bzw zu doof dazu ;-)

  3. Ist halt der Pechpilz des Monats!
    Sollte das Aufwickeln unterbrechen und die Kaffeemaschinen reinigen – Prioritäten setzen!

  4. Gut ist halt das Gegenteil von Gut gemeint.

    Ich stelle mir vor ich müsste auf meinen Kaffee am morgen verzichten… Grmpf

  5. klarer fall von gut gemeint ^^. Am besten für die zukunft sagen, dass die maschine bohnencafe braucht und’s drauf bewenden lassen (wer weiß was passiert, wenn Du ihn die Cafemaschine putzen lässt ;) )

  6. Pechpilz?

    Wenn man nicht in der Lage ist, eine Rolle zu stoppen oder zu wissen/erkennen, ob in einen Behälter Kaffeebohnen oder Pulver kommt, hat das sehr, sehr wenig mit Pech zu tun

  7. Hmm, das mit dem Kaffee kommt mir sehr bekannt vor. Bei uns gibt es auf Stat. auch einen Vollautomaten, bei dem schon mal heißes Wasser ins Mahlwerk gefüllt wurde, und bei laufendem Betrieb eben jenes herausgezogen wurde, um nachzuschauen warum das so komische Geräusche macht…

  8. Erinnert mich an den Mitbewohner der meinen Wasserfilter für einen Kaffeefilter hielt. Erfolg.. durch heißes Wasser verzogene und unbrauchbare Filterkartusche. Sonst keine Opfer.

    Der gleiche Mitbewohner hat dann irgendwann versucht in meinem tollen „Ich mach energiesparend genau einen Becher Wasser heiß und dann lässt du mich in die Tasse durchlaufen.“-Wasserkocher seine Tasse Milch warmzumachen.

    Erfolg: Milch eingebrannt, Kocher Schrott.

    War wohl auch ein Toni.

  9. Diese Rollen kenn ich, hab ich mal in einer Behörde auf dem Personal-WC gesehen.
    Braucht man überall da, wo Küchenrollen nicht mehr ausreichen.

  10. Öko war wohl weniger ökologisch als ökonomisch ….

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