Opa Gleisberg -IV-

Offenbar hatten die Olschewskis den alten Mann aber zunehmend als Last empfunden, zumal er nun auch keine Arbeit mehr im Haus leisten konnte. Eigentlich war ihnen der alte Mann ja völlig fremd, zumindest gab es keinerlei verwandtschaftliche Beziehung.

„Ja nee, so einfach ist das nicht“, wirft Böttcher ein, „anfangs haben alle gedacht, der sei der Vater von Frau Olschewski. Die haben ja alle Opa zu dem gesagt, auch wenn sie über ihn sprachen und ich glaube nicht, daß das irgend jemand wirklich überprüft hat. Ich persönlich habe das ja alles erst nach Monaten erfahren und selbst da war ich immer noch der Meinung, der sei irgendwie mit denen verwandt. Gesagt haben die das auch nie, weiß ich jetzt gar nicht mehr, keine Ahnung… Aber nee, es ist schon so, wie ich sage, anfangs hat man eben gedacht, der sei deren Opa.“

Es muß der Zeitpunkt gekommen sein, an dem die Pflege so intensiv wurde, daß die Olschewskis diese nicht mehr leisten konnten; und statt den alten Mann in behördliche Obhut zu geben, so nehmen wir an, haben die Olschewskis nicht auf das viele schöne Geld verzichten wollen und nur noch das Notwendigste gemacht, später gar nichts mehr. Dann haben sie ihn in den Schuppen geschoben.
Da wurde dann der alte Herr, der sich nicht mehr äußern konnte, nur noch gelegentlich nach vorne ins Haupthaus gerollt.

Eine gute halbe Stunde später liegt der alte Mann auf dem kalten Edelstahl unseres Präparationstisches und Manni läßt aus einer Brause warmes Wasser über seinen Körper laufen. Er wäscht ihn vorsichtig, dreht ihn ganz behutsam um und säubert ihn von allen Seiten. Die dünnen Ärmchen und Beine fasst Manni ganz behutsam an, sie sind so ausgemergelt, man hat fast Angst, sie könnten brechen.

Ihr müsst doch diesen Leib verwandeln! Das ist unser Wahlspruch und dem kommt Manni nach.
Es dauert nicht lange und dann liegt Opa Gleisberg, immer noch ein wenig krumm, aber schon viel besser als vorher, in einem weißen Totenhemd in einem einfachen Sarg.
Auf seinem eingefallenen und faltigen Gesicht liegt eher ein zufriedener Ausdruck.

Mir kommen wieder die Bilder von dem Schuppen in den Sinn. Mir sticht unwillkürlich wieder der scharfe Ammoniakgeruch der uringetränkten Matratze in der Nase und ich sehe vor meinem geistigen Auge die messingglänzenden Käfer in Ritzen unter der Fußleiste verschwinden…
Was für Schweine es doch gibt!
Die kleine, freche Frau mit dem fauligen Atem kommt mir auch wieder in den Sinn und ich höre fast noch ihre Stimme in den Ohren, wie sie kreischt und kräht und uns des Grundstückes verweist.
Erst nachdem die Polizei angerückt war, waren die Olschewskis wieder friedlicher geworden und sie zeigten auch kein Zeichen des Triumphs, als die Polizei unverrichteter Dinge wieder abgezogen ist.
Ich vermute, solche Leute haben so oft mit der Polizei zu tun, das erregt sie nicht mehr so.

Manni und ich schieben den Sarg in einen der Kühlräume, morgen früh wollen die Olschewskis kommen, dann sehen wir weiter.

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  • Veröffentlicht am: 25. März 2016
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  • Veröffentlicht in: Geschichten

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Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
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Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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